Täter-, Opfer- oder andere Orientierungen in der Kriminalpolitik?

Heinz Steinert


In diesem Referat will ich vor allem die Politik beschreiben, die man unter dem Namen "Viktimismus" zusammenfassen kann. Sie wird in den Rahmen dessen gestellt, was die Institution "Kriminalität & Strafe" überhaupt ausmacht und was ihre neueren Entwicklungen sind. Dafür muß ich ein wenig grundsätzlich ausholen.

Zunächst ist daran zu erinnern, daß Kriminalität und Strafe keine natürlichen Kategorien sind, sondern gesellschaftliche Kategorien. Ich habe mir angewöhnt, von der Institution "Kriminalität & Strafe" zu reden, was bedeutet, wir haben hier - gesellschaftlich organisiert - eine bestimmte Form, wie wir mit schwierigen Situationen, mit Konflikten, mit Ärgernissen und Lebenskatastrophen umgehen können. Sie ist auch nicht die einzige, die wir zur Verfügung haben; man kann als die wichtige andere die Institution "Schwäche & Fürsorge" nennen. Man kann Dinge, auf die man mit der Bestimmung: "Das ist Kriminalität und das muß bestraft werden", reagieren könnte, auch verstehen als: "Hier äußert sich Schwäche, hier äußert sich Inkompetenz" - man muß fürsorglich darauf reagieren.

Es gibt eine Reihe von anderen Institutionen solcher Art: Eine Unterinstitution von "Schwäche & Fürsorge" wäre zum Beispiel "Krankheit & Heilung". Wir können einen Vorfall auch so verstehen, daß wir sagen: Hier drückt sich eine Krankheit aus - man muß mit dem Repertoire darauf reagieren, das wir für Krankheiten eben haben und das im Grundsatz auf Heilung oder jedenfalls auf Schonung hinausläuft. Oder wir können Dinge dieser Art auch verstehen als: Hier ist ein Unfall passiert - wir müssen uns alle zusammentun und gemeinsam die Aufräumungsarbeiten organisieren. Es ist nicht selbstverständlich, daß wir auf Vorfälle dieser Art, wie ich sie mit neutralen Bezeichnungen wie "schwierige Situationen, Konflikte, Ärgernisse und Lebenskatastrophen" zu benennen versucht habe, damit reagieren, daß wir die gesellschaftliche Einrichtung "Kriminalität & Strafe" mobilisieren.

Nun hat diese gesellschaftliche Institution "Kriminalität & Strafe" bestimmte Eigenschaften:
Sie ist einmal ein staatliches Angebot und sie ist das Angebot, in einer Form zu entscheiden, daß man in diesem Konflikt einen Verantwortlichen, zuletzt in einem Verfahren einen Schuldigen herausarbeitet und den dann bestraft. Bestrafen heißt, ihm staatlicherseits einen Nachteil zufügen.

Diese Institution muß mobilisiert werden, das heißt, wir haben das Angebot, sie in Anspruch zu nehmen, indem wir ein Ereignis anzeigen.

Wir haben gleichzeitig den Vorgang, daß der Staat sich auch vorbehält, seinerseits mehr oder weniger aktiv nach solchen Ereignissen zu suchen und von sich aus die entsprechenden Verfahren anzuwerfen. Wir wissen aber, daß dem Großteil der Ereignisse, mit denen wir unter dem Stichwort "Kriminalität und Strafe" zu tun bekommen, eine Anzeige vorausgeht. Es gibt nur ganz wenige Bereiche, in denen der Staat die initiative Einrichtung ist: etwa in Drogenzusammenhängen - da wird relativ wenig angezeigt, der Anteil der staatlichen Eigenaktivität ist vergleichsweise hoch.

Und wir haben staatlich organisiert einen gewaltigen Apparat, der sowohl die Suche als auch die Entgegennahme von Anzeigen, die Recherche im Anschluß daran, die Entscheidung, die dann gefällt werden muß, und auch die Bestrafung organisiert.

(Noch einmal, weil das manchmal in den kriminologischen Diskussionen verlorengeht - die Initiative ist üblicherweise eine Anzeige, und es werden auch längerfristig, historisch betrachtet die Anzeigen immer mehr.)
Zum Funktionieren der Institution "Kriminalität & Strafe" gehört auch die scharfe Trennung von Täter und Opfer. Wenn es notwendig ist, einen Verantwortlichen und dann Schuldigen zu finden, um mit diesem Apparat arbeiten zu können, dann impliziert das auf der anderen Seite, daß alle anderen, die an dieser Sache beteiligt sind, auf die andere Seite definiert werden müssen: Sie sind entweder Zeugen oder - und das ist die entscheidende Position - das Opfer. In dieser Polarisierung, die für diese Institution notwendig ist, muß sich das Opfer also möglichst scharf vom Täter unterscheiden. Es muß möglichst schwach, möglichst unschuldig sein, sonst wird diese vorausgesetzte Unterscheidung schwimmend. Daher werden jedenfalls in unserer Kultur Kinder und Frauen besonders leicht als die "unschuldigen Opfer" anerkannt. Das enthält zugleich, sehr offensichtlich, ein ganz starkes patriarchales Motiv - der Schutz von Kindern und Frauen ist eine der zentralen patriarchalen Aufgaben, die in dem Fall vom Staat übernommen und vom Staat organisiert wird.

Ich habe hier die Institution "Kriminalität & Strafe" in einer idealtypischen Form konstruiert. Tatsächlich haben wir schon lange in der historischen Entwicklung dieser gesellschaftlichen Einrichtung eine starke Amalgamierung, eine Verbindung mit der Institution "Schwäche & Fürsorge". Die Bewährungshilfe ist eines der klassischen Beispiele dafür, daß diese Verbindung hergestellt wird. Davon wird die Logik der Institution "Kriminalität & Strafe" ein Stück weit relativiert, aber nur ein Stück weit, das muß man auch sehen. Das ist auch in der Bewährungshilfearbeit klar: Wir haben erstens die drohende Strafe oder auch ausgesprochene Strafe als Anlaß, ohne die geht es nicht. Und zweitens besteht immer die Möglichkeit, daß die Sache schief geht, und dann setzt doch die Strafe ein. Diese Verschiebung in Richtung "Schwäche & Fürsorge" ist relativ und abhängig davon, daß die Institution "Kriminalität & Strafe" im Hintergrund stehen bleibt.

Die Konfliktregelung, also der "Außergerichtliche Tatausgleich" (ATA), ist eine Weiterentwicklung, die darauf aufbaut - und sicher nicht möglich gewesen wäre, wenn es nicht vorher die Amalgamierung mit "Schwäche & Fürsorge" gegeben hätte. Aber sie hat noch einmal eine andere Logik, die am ehesten in die Richtung von "zwischen-menschlicher Unfall und seine Bereinigung" geht. Das ist auch eine Logik, die noch stärker als die von "Schwäche & Fürsorge" die Polarisierung von schuldig / unschuldig auflöst. Die Idee der Konfliktregelung setzt voraus, daß niemand so ganz rechtschaffen ist, daß er sich so aufs hohe Roß setzen müßte, sondern daß wir alle immer wieder in irgendwelchen Grauzonen agieren und daß es daher, auch wenn ein gröberer interpersonaler Unfall passiert ist, vernünftig ist, daß wir uns zusammensetzen und versuchen, die Sache so zu bereinigen, wie es dem Alltagsverstand und der Billigkeit entspricht - und nicht nach einer Schwarz-weiß-Logik. Es gibt in dem Buch "Der Fall" von Albert Camus diesen Ausspruch: "Wenn alle schuldig sind, beginnt die Demokratie." Ich denke, das ist die Logik der Konfliktregelung: Niemand ist so ganz unschuldig oder ganz verworfen - man soll sich also nicht so aufspielen.

Die Entwicklung ist also in Richtung einer Bearbeitung von Konflikten einmal im Sinn von "Schwäche & Fürsorge" und dann im Sinn von Konfliktregelung gegangen. Insgesamt ist das eine Politik der Entmoralisierung dessen gewesen, in das sich der Staat einmischt. Und es ist eine Politik der Integration gewesen, eine Politik des Vermeidens von sozialer Ausschließung.

Was wir heute vor uns haben, ist das Ergebnis einer großen Wende in der Politik insgesamt, die vor etwa 15 Jahren eingesetzt hat und von einzelnen Politikern sehr aktiv und sehr bewußt betrieben wurde und wird. Ihre Grundlage ist die wirtschafts- und sozialpolitische Orientierung, daß man nicht um jeden Preis auf soziale Integration sehen, sondern auch andere Logiken bevorzugen kann, wie sie sich aus einer forcierten Konkurrenz und aus einer Selbstentmachtung des Staates ergeben. Staatliches Sparen ist nur ein Teil dessen, was da passiert. Grundlage ist vielmehr eine politische Logik, in der sehr wohl soziale Ausschließung ein akzeptables Mittel der Politik ist. Im Gegensatz zu dem, was wir in den Phasen vorher hatten, in denen auch innerhalb der Justiz diese integrativen Einrichtungen entwickelt wurden, haben wir seit dieser Wirtschaftsphase, die heute gerne mit "Globalisierung" beschrieben wird, eine neue Logik der forcierten Konkurrenz, der staatlichen Selbstentmachtung und der Bewältigung der Folgeprobleme auch über soziale Ausschließung.

In solchen Phasen der Politik des "Gürtel-enger-Schnallens" und der sozialen Ausschließung treffen sich verschiedene Motive, die sich gegenseitig abstützen.

* Wir bekommen es einmal "von oben" vorgesetzt, weil Reduktionen von staatlichen Leistungen legitimiert werden müssen und weil solche Legitimationen sehr viel leichter darüber gehen, daß man von Mißbrauch redet, daß man von einzelnen Personen oder Gruppen redet, die sich die sozialstaatlichen Leistung nicht verdient haben. Das ist sehr viel leichter, als zu sagen: Wir müssen jetzt leider folgendes Stück des Sozialstaates demontierten. Es ist leichter zu sagen: Da sind so viele beteiligt, die das gar nicht verdienen - wir müssen zusehen, daß wir die hinausbekommen. Damit wird eine Logik der sozialen Ausschließung durch das Rechtfertigen von Sozialstaatsreduktionen eingebracht.

* Es wird aber auch von der anderen Seite her unterstützt, "von unten": In solchen Situationen setzt eine erhöhte Konkurrenz um staatliche Leistungen ein, die sich ganz leicht in den Wunsch umsetzt, bestimmte Konkurrenten aus dem Feld herauszubekommen. Das einfachste, bekannteste und allgegenwärtigste Motiv ist die Parole "Ausländer raus aus dieser Konkurrenz". Das scheint vielen Leuten besonders leicht und plausibel einzufallen. Aber es kann "von unten" auch mit anderen Kategorisierungen gehen: Aus der Notwendigkeit, in der Konkurrenz um sozialstaatliche Leistungen eigene Ansprüche zu legitimieren, kann sich sehr leicht ein Motiv ergeben, daß man sich selbst als Opfer darstellen muß. Man ist so benachteiligt, man hat so große Schwierigkeiten, man ist früher so benachteiligt worden, daher hat man jetzt einen Anspruch auf Leistungen. Es ist dieses Motiv, diese Argumentations- und Politikform, die in der politikwissenschaftlichen Diskussion inzwischen als "Viktimismus" diskutiert wird. Diese Form ist in den USA besonders auffällig, weil dort sehr viel stärker rechtlich fixiert als bei uns Versuche gemacht wurden, verschiedene "Minderheiten" durch kompensatorische Politik ("affirmative action") auf den gleichen Ausgangspunkt zu bringen: zum Beispiel nach ethnischer Zugehörigkeit, aber auch nach Geschlecht oder nach sexueller Orientierung. Diese in den USA breit aufgefächerte Politik führt als Nebeneffekt dazu, daß sozialpolitische Ansprüche mit Argumenten von der Form geltend gemacht werden müssen: "Ich bin aber auch ein armes Opfer; die Kategorie, zu der ich gehöre, ist auch eine ganz benachteiligte Gruppe." Es entsteht daraus im Extrem etwas wie eine Konkurrenz darum, wer die meisten Benachteiligungen erlitten hat.

Um diese Politikformen zu charakterisieren, will ich kurz drei verschiedene Typen von Politik besprechen. Im Kontrast wird nochmals deutlicher, worin "viktimistische" Politik besteht. Diese drei Politikformen sind:

1. Interessenpolitik
2. populistische Politik
3. viktimistische Politik.

Interessenpolitik heißt politologisch, daß man zur Durchsetzung dessen, was in einer bestimmten Position erstrebenswert erscheint, mit dem Beitrag pokert, den diese Gruppe zur gesellschaftlichen Reproduktion leistet. Das einfachste Beispiel ist der Streik, in dem eine Gruppe, die Arbeiterschaft eines bestimmten Betriebes oder wie immer abgegrenzt sagt: In unserem Interesse wäre folgendes ersprießlich und erforderlich - und wir wollen das jetzt durchsetzen, indem wir auf unseren Beitrag zur gesellschaftlichen Reproduktion in Form dieser sehr benötigten Arbeitsleistung hinweisen und auf die Möglichkeit, daß wir diesen Beitrag auch ein bißchen reduzieren oder gar verweigern könnten, indem wir also mit einem Streik drohen. Das setzt freilich voraus, daß man imstande ist, ein solches einheitliches und gemeinsames Interesse zu identifizieren, also Ziele anzugeben, die alle haben, die in einer bestimmten gesellschaftlichen Position sind.

Tatsächlich tritt in der Politikentwicklung solche Interessenspolitik immer mehr in den Hintergrund. In der langfristigen breitet sich insgesamt Populismus in dem Sinn aus, daß Politik sich immer mehr an puren Zahlen von Leuten orientiert, auch orientieren muß, und nicht mehr nach Interessen analysieren und organisieren kann. Die alte Formel "Nicht nach Köpfen, sondern nach Interessen organisieren", hat sich inzwischen real in der Politik umgedreht: Es wird nicht mehr nach Interessen organisiert, sondern es geht um Mehrheiten, um möglichst große Mehrheiten. Es geht bei jeder gesellschaftlichen Kategorisierung, die man in die Politik einbringt, darum, ob das eine möglichst große Gruppe ist - mit der Folge im übrigen, daß Minderheiten und Minderheiteninteressen unbeachtlich werden, weil man sie mit einer Mehrheit überspielen kann. Dann ist ein Minderheiteninteresse, und es mag ein noch so starkes und legitimes Interesse sein, leider politisch irrelevant.
Das hat auch mit dem zu tun, was man "Kulturindustrialisierung" von Politik nennen könnte. Dazu gehört, daß nicht nur möglichst große Wählerzahlen die Steuergröße werden, sondern auch möglichst große Einschaltziffern. Also ist es notwendig in der Politik die Dinge so zu orientieren und auch so darzustellen, daß wir möglichst großes Interesse, einfach im quantitativen Sinne, gewinnen. Möglichst viele Leute sollen zuhören und es soll für möglichst viele Leute interessant und akzeptabel sein. Wenn wir davon ausgehen, daß wir eine Gesellschaft haben, die weitgehend von entgegengesetzten Interessen gekennzeichnet ist, dann ist es einfach schwierig, bestimmte Interessen so zu formulieren, daß möglichst viele ihnen zustimmen könnten - das geht nicht.

Daraus ergibt sich populistische Politik, die sich dadurch auszeichnet, daß man, statt über Interessen zu reden, von möglichst großen Kategorien von Personen redet, sich an sichere Mehrheiten adressiert. Sichere Mehrheiten bekommt man am leichtesten, indem man möglichst Leerformeln nimmt, also "alle Anständigen, alle Wohlmeinenden, alle guten Demokraten", das sind sichere Mehrheiten, wer wird da nicht dabei sein wollen? Da gibt es nur keine gemeinsamen Interessen mehr. Es entsteht Moralismus statt Politik.
Es gibt dieses Problem auch von der anderen Seite. Man kann das auch in den sozialen Bewegungen analysieren. Wir bekommen auch starke Elemente von Populismus in sozialen Bewegungen, wenn die sich gezwungen sehen, ihre internen Konflikte zu überspielen, wenn sie nicht mehr imstande sind, ihre Konflikte organisiert auszutragen.

In der Arbeiterbewegung war immer einer der klassisch überspielten Konflikte der zwischen qualifizierten und unqualifizierten Arbeitern. Die unqualifizierten Arbeiter sind mit den klassischen Mitteln der Arbeiterbewegung immer schwer zu vertreten gewesen. Die Arbeiterbewegung ist zunehmend, schon sehr früh in ihrer Entwicklung, zu einer Facharbeiterbewegung geworden, weil sie den Mechanismus der Unersetzbarkeit als Arbeitskraft sehr viel besser nutzen konnte, als zu organisieren, daß die leicht ersetzbare unqualifizierte Arbeitskraft konfliktfähig wird. Ein anderer Konflikt, der auch sehr wenig und sehr schlecht ausgetragen wurde, war der zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen. Das können wir auch jetzt sehr deutlich sehen, wie schwer das ist.

Auch in der Frauenbewegung kann man das beobachten. Schon in der ersten Frauenbewegung war diese Schwierigkeit zwischen bürgerlichen und proletarischen Frauen, die überspielt wurde mit: "Wir sind alle Frauen". In der neuen Frauenbewegung war es sehr viel stärker die Ungleichheit und Unverträglichkeit der Interessen zwischen Haus- und Karrierefrauen, die schwer zu bewältigen ist. Auch da kann, wenn das ein Konflikt ist, den man nicht als Interessenkonflikt austragen kann, leicht Populismus als der Versuch entstehen, doch die große Kategorie zusammenzuhalten. Da muß man dann behaupten, es gibt doch ein gemeinsames Interesse aller Werktätigen oder aller Frauen, obwohl man genau sehen kann, daß die Interessen sich spalten.
Populistische Elemente können also auch in die Politik von durchaus erfolgreichen und insgesamt machtvollen Bewegungen geraten. Noch unangenehmere Formen von Populismus können sich daraus ergeben, daß eine bestimmte Gruppe erst an die Macht will. Die klassische Form von populisitscher Politik besteht darin, daß sich einer als Volkstribun aufschwingt, der selber gewöhnlich nahe an der herrschenden Schicht ist und diese "herrschende Clique" wegbekommen will, indem er das Volk, von dem er sagt, er kann es mobilisieren, als Rammbock verwendet oder als Drohung. Daher ist die populistische Argumentation in dieser Konfiguration auch immer eine, die sich sowohl gegen ganz oben als auch gegen ganz unten richtet. Die Ausschlußdrohungen und -mechanismen gehen da immer gegen die "verrottete herrschende Clique" und gegen irgendwelche nachdrängenden "Untermenschen", die man aus Konkurrenzgründen draußen halten muß. Gewöhnlich wird zwischen diesen beiden auszuschließenden Gruppen eine Verbindung hergestellt.

Dazu vielleicht ein paar Beispiele:

* Ich brauche Sie wahrscheinlich nicht daran erinnern, daß ein klassisches Muster, in dem dieser Zusammenhang hergestellt wurde, das rassistische und antisemitische war: Es wurde gesagt, es sind beides Juden, die Reichen wie die Armen - und deshalb halten sie zusammen.

* In den Bekennerschreiben der "Bajuwarischen Befreiungsarmee" war es ein sehr klares Muster: "Diese verrotteten Oberen ziehen die vielen Ausländer ins Land und schützen sie noch. Und sie wollen sie hereinbringen, um uns ehrliche Österreicher zu benachteiligen." In solchen ins Verrückte abhebenden Pamphleten findet man diese Muster unter Umständen am klarsten ausgedrückt.

* Damit zeigt sich in der populistischen Politik auch eine interessante Querverbindung zur viktimistischen Politik, zur Selbstdarstellung als besonders benachteiligt und als Opfer der herrschenden Politik. Ein Element von "alle sind gegen mich, ich bin das arme Opfer..." eignet sich sehr gut, um populistische Argumente zu unterstützen. Es läßt sich ein Stück Legitimation für Populismus auch noch aus dem Viktimismus holen.

Damit schließlich zu den viktimistischen Politikformen. Worin besteht diese Politik, welche Selbstdefinitionen muß man machen, wenn man diese Art von Politik wählt? Man muß sich klarmachen, daß Opfer sein einerseits eine Möglichkeit ist, um auf diese Art moralisch zu argumentieren und auch moralisch Druck auf bestimmte Leistungen auszuüben, die einem zustünden. Aber auf der anderen Seite ist in unserer Gesellschaft auch sehr klar, daß Opfer sein nicht sehr ehrenvoll ist. Wenn man sich als Opfer darstellen muß oder will, dann muß man von sich sagen, man ist schwach, hilflos, man ist allein, also Dinge, die eigentlich auch ziemlich riskant sind. Man muß damit auch an Motive appellieren, die eigentlich vorkapitalistisch sind: Innerhalb einer kapitalistischen Logik würde jemand, der sich so darstellt, sich dafür anbieten, ausgenützt zu werden. Wenn es um Markt und Verkaufen und Warentausch geht, macht sich eine Person, die von sich sagt, sie sei arm und benachteiligt und schwach, nur zu einer Ware, die man billig kaufen kann. Das wäre jedenfalls die kapitalistische Logik. In der viktimistischen Politik muß man daher an etwas appellieren, das vorkapitalistisch ist, man muß an patriarchale Motive appellieren. Nur dort kann man überhaupt die Verpflichtung finden, daß aus der Schwäche nicht ein Vorteil für den anderen gemacht wird. Man gibt damit auch ein Stück weit auf, gleichberechtigt zu sein.

Insgesamt begibt man sich damit in eine schwierige Position, die besonders problematisch wird, wenn die Politik es notwendig macht, daß jemand in dieser Opferrolle fixiert wird. Üblicherweise gibt es ganz starke Motive, wenn man schon in die Opferrolle mal geraten ist, da möglichst schnell wieder herauszukommen. Und es gibt auch ganz starke Motive, das möglichst gar nicht bekanntzumachen. Wir kennen das alle: Wenn man reingelegt worden ist, hat man eine starke Tendenz, das lieber niemanden zu erzählen und es nicht bekanntzumachen. Alle möglichen Schädigungen, die man erfahren kann, tragen die Gefahr in sich, daß man sich damit nur als weiteres Opfer anbietet. Dieses Hinausgehen in ein Beschützermotiv, das in unserem Typus von Gesellschaft eigentlich gar nicht getragen wird, außer in patriarchalen Motiven, die auf allen Seiten in Schwierigkeiten geraten, ist politisch eine ziemlich problematische Strategie.

Die Entwicklung zu viktimistischen Politikformen hat sich auch in der Kriminologie gespiegelt. Die Kriminologie hat auf diese Entwicklungen, die sehr reale politische Entwicklungen waren, mit der Ausdifferenzierung einer eigenen Spezialität reagiert - der "Viktimologie". Begonnen hat es mit Opferbefragungen, deren Logik uns zwar einerseits selbstverständlich erscheinen mag, die aber bei näherer Überlegung gar nicht so selbstverständlich ist. Opferbefragungen setzen voraus, daß es "da draußen" jede Menge an Kriminalität gibt, die aus irgendwelchen Gründen nicht bekannt wird, nicht zur Polizei getragen wird und nicht ans Licht des Strafrechtes gelangt. Dieses "Dunkelfeld" muß aufgehellt werden, damit wir die viele "verborgene Kriminalität" kennenlernen. Nachdem die viktimologischen Untersuchungen mit Opferbefragungen gemacht worden sind, waren die Leute wieder unzufrieden, weil sie sich gedacht haben, "das ist ja immer noch nicht alles". Zum Beispiel bekommen wir alles, was im Geschäftsbereich geschieht, über diese individuellen Befragungen nicht heraus. Man kommt im Grunde in einen unendlichen Regreß.

Man könnte tatsächlich - und vernünftige Befragungen zeigen das auch - auf die Idee kommen, daß das, was nicht ans Strafrecht herangetragen wird, mit gutem Grund nicht herangetragen wird. Es könnte sein, daß die Leute ganz plausible und vernünftige Gründe haben, warum sie das lieber unter sich abzumachen versuchen. Ein Teil dieser Gründe ist ganz banal. Die Banalität besteht darin, daß der Großteil dessen, was bei uns als Kriminalität gezählt wird, bekanntlich Eigentumskriminalität ist - und weil da in der großen Zahl die Schäden relativ gering sind oder sehr schnell kompensiert sind oder grundsätzlich nicht kompensierbar sind, ergibt das Konstellationen, in denen die Leute sich natürlich nie den Ärger antun werden, damit zur Polizei zu laufen. Sie sind ja nicht Außenstellen des Staates, sondern sie haben ihre eigenen Interessen. Und sie haben kein gesteigertes Interesse, viel Behördenarbeit zu investieren, um am Schluß nichts dafür zu bekommen.

Die Konstellation, die da üblicherweise unterstellt wird, daß die Leute nicht anzeigen würden, weil sie von dem Täter bedroht würden und sich vor ihm fürchten, gibt es relativ selten, aber sie kommt natürlich vor. In diesen seltenen Fällen ist das ein Problem, über das man extra nachdenken und für das man auch eine Lösung anbieten muß. Aber zunächst und in der großen Menge der genannten Kriminalität haben wir Probleme vor uns, die üblicherweise in irgendeiner Form "privat" erledigt oder erledigbar sind.

Übrigens wird in vielen dieser Opferbefragungen interessanterweise gefunden, daß die reicheren Leute, und das sind üblicherweise auch die gebildeteren Leute, öfter Opfer von Kriminalität werden. Das ist ein merkwürdiges Ergebnis, das auch gegen alles spricht, was man vor diesen Befragungen über Kriminalität gewußt hat - und das mit hoher Sicherheit ein Artefakt der Befragungssituation ist. In manchen dieser Befragungen entsteht das Ergebnis ganz krude dadurch, daß der Fahrzeugdiebstahl in ihnen ein großes Gewicht hat. Dann bekommt man natürlich heraus, daß die Leute mehr geschädigt werden, die ein Automobil haben. Aber selbst jenseits solcher Banalitäten entsteht dieses Ergebnis dadurch, daß man in diesen Befragungen darauf angewiesen ist, daß die Leute möglichst bereitwillig erzählen. Und da gibt es bekanntlich Leute, die gerne und viel reden und auch darauf trainiert sind und sich an viele Ereignisse zu erinnern wissen und daher auch einem Interviewer auf seine Fragen viel erzählen können. Und dann gibt es andere, die sind eher maulfaul und denken nicht daran, einem, der sie befragt, möglichst viel oder gar alles zu erzählen. Die Vermutung ist wohl nicht zu weit hergeholt, daß diese beiden Haltungen etwas mit Bildung und daher mit sozialer Position zu tun haben. Damit werden wunderbar Methoden-Artefakte produziert, die aber gut in das populistisch-viktimistische Bild passen, daß Kriminalität die Schädigung der ordentlichen, der respektablen und natürlich auch der wohlhabenden Leute durch irgendwelche finsteren Gestalten ist. (Tatsächlich geschieht nach allem, was wir wissen, das meiste an Schädigung und Rücksichtslosigkeit jeweils innerhalb der sozialen Schichten und Gruppen und nicht zwischen ihnen.)

Kriminalpolitisch kann man als Schlußfolgerung aus all dem, so scheint mir, einerseits immer noch für die alte Logik der Integration und der sozialstaatlichen Institution von "Schwäche & Fürsorge" plädieren. Aber noch mehr würde ich die Logik der Konfliktregelung pflegen, die intakt zu halten versuchen, darauf achten, daß die nicht in den neueren wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen untergeht. Und ich würde auch sehr dafür plädieren, sich von der Logik einer Polarisierung von Täter und Opfer nicht einfangen zu lassen und sich auch in die populistisch-viktimistischen Politikformen nicht hineinziehen zu lassen. Wir könnten vielmehr darauf dringen, daß wir es in unserem Bereich - auch und gerade von staatlicher Seite - nicht mit Polarisierungen und Parteinahmen oder gar Feinderklärungen zu tun haben, sondern daß der Staat die Aufgabe hat, die Konflikte so zu bearbeiten und das an Ressourcen zur Verfügung zu stellen, was hilft, sie mit dem geringst möglichen Schaden für alle Beteiligten zu bewältigen.

Dr. Heinz Steinert, Jg. 1942, ist Professor für Soziologie an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main und Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziolgie Wien.

 

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