Maturana und die Erfindung der Erfinder durch ihre Erfindung

Ein Briefwechsel (Übersetzt von W. Milowiz)

Lieber Herr Maturana, Wien, 29.4.1999

ich bin Generalsekretär des „Arbeitskreises für Systemische Sozialarbeit, Beratung und Supervision“, und in unseren Literatur-Treffen haben wir jetzt den dritten „Maturana“ gelesen und diskutiert, und sind noch immer sehr beeindruckt von Ihrer Kreativität und Ihrer klaren und weitsichtigen Betrachtungsweise. Aber es bleibt eine unbeantwortete Frage, und wir haben beschlossen, Sie um Ihre Ideen dazu zu fragen:

Wie schließen Sie – oder wie können wir schließen – die Schleife: Wenn„erkennen“ bedeutet, daß ein biologisches System die Welt strukturiert und
erfindet, wie hat dieses biologische System die Biologie und biologische Systeme erfunden?

Ich finde keine bessere Erklärung des Problems, und ich hoffe, Sie verstehen, was ich meine. Wir wären sehr dankbar, wenn Sie uns ein bißchen Hilfe für’s Weiterdenken geben könnten!

Hochachtungsvoll,

W. Milowiz

P.S.: Gerade jetzt habe ich eine Idee: Vielleicht ist es gerade umgekehrt, und Sie haben die Schleife geschlossen, indem Sie den Wissenschaftlern erklären, daß diese eine Wissenschaft erfunden haben, die beinhaltet, daß sie existieren; was letztlich bedeutet, daß sie sich selbst „richtig“ erfunden haben? Oh, ja! Das würde die Schleife schließen! Keine Fragen mehr, was denn außerhalb der Schleife sei!

Lieber Prof. Milowiz, Santiago, 17. 5. 1999

Als Erstes danke für Ihren Brief, ich freue mich, daß Sie an meiner Arbeit interessiert sind und Fragen an mich stellen. Lassen Sie mich die beantworten, die Sie gerade stellen.

Ich denke, Ihre P.S. - Reflektion ist korrekt. Kognitive Systeme sind geschlossen, weil sie aus der Systemdynamik entstehen, in der ein lebendes System und das Medium (oder besser die Nische), in der es existiert, sich miteinander kongruent verändern durch die Erhaltung des Lebens des lebenden Systems im Fluß ihrer ständig entstehenden gemeinsamen strukturellen Koppelung. Ein lebendes System operiert in seinem Bereich struktureller Koppelung als konstitutiver Faktor seiner Existenz. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, zu leben heißt zu wissen. Aber dasselbe ist der Fall für uns Menschen, die wir in Sprache operieren, da wir als "sprachende" (Maturana benutzt das Wort "languaging". Übersetzer verwenden auch den Ausdruck "sich in Sprache befinden".) Wesen existieren bei der Realisierung unseres Lebens. Das heißt, indem wir menschlichen Wesen erklärende Konversationen generieren wie etwa wissenschaftliche Erklärungen, erzeugen wir sowohl Wissenschaft als auch die Wissenschaftler als ein geschlossenens Netzwerk von Konversationen, das erwächst aus der Verwirklichung der menschlichen Art zu leben, die den speziellen kognitiven Bereich konstituiert, in dem wir als menschliche Wesen existieren.

(Nicht verzweifeln: Im nächsten Satz erklärt er sich: Wenn ich sagen will, daß ich mich selbst erfunden habe als den, der sich gerade erfunden hat, oder gar, daß ich gerade die Umwelt und die Erklärung meiner Umwelt erfunden habe, die es möglich macht, daß ich und diese Umwelt miteinander existieren können, so daß ich diese Umwelt erfinden kann, dann klingt das wohl auf jeden Fall etwas seltsam!)

Wie Sie sicherlich bemerkt haben, ist meine Art zu sprechen kein Manierismus, sondern sie ist notwendig, um sich auf Phänomene oder Prozesse oder Dinge zu beziehen, die nicht existieren vor ihrer Konstituierung durch die Operationen, durch die sie hervorgebracht werden. Der Ausdruck, den Sie gebrauchen, wenn Sie sagen, "ein biologisches System erfinde die Welt", hat mit dieser Schwierigkeit zu tun: Die Welt, die ein lebendes System lebt entsteht, indem es lebt, und existiert nicht vor diesem. Dies ist zugleich der Grund dafür, daß Wissenschaft in dem geschlossenen Bereich der Lebenskohärenzen menschlicher Existenz operiert und kein System externer Erklärungen des menschlichen Lebens hervorbringt: In der
Wissenschaft erklären wir die Erfahrungen des Beobachters (Menschen) mit den Kohärenzen der Erfahrungen des Beobachters. Ja, man könnte sagen, Wissenschaftler erfinden sich selbst, indem sie Wissenschaft betreiben, so wie Köche sich erfinden, indem sie kochen. Aber das Besondere oder Spezielle an dem menschlichen kognitiven Bereich ist, daß er in Sprache stattfindet, d.h., die Nische, in der wir menschlichen Wesen existieren, ist der Bereich von Koordinationen von Koordinationen von Handlungen, die "Benützumg von Sprache"6 sind. Das heißt, da menschliche Existenz in Sprache stattfindet, findet sie statt in der Operationalität unbegrenzter Expansion durch die rekursive Dynamik der Reflexion in einer unendlichen Erweiterung der Nische. Tatsächlich existieren wir menschlichen Wesen in rekursiven Koordinationen von Koordinationen von Handlungen, was darauf hinausläuft, daß wir alles realisieren können, was uns einfällt, vorausgesetzt, wir respektieren die strukturellen (operationalen) Kohärenzen des Bereichs, in dem es uns einfällt.

Zuletzt noch: Ihr freudiger Ausruf, "keine Fragen mehr, was sich denn außerhalb dieser Schleife befinde!", ist exzellent! Es war der Wunsch unserer Kultur nach externen Erklärungen für die menschliche Existenz, der unsere Möglichkeit begrenzte, zu sehen, daß Sprache nicht umgeht mit Objekten außerhalb dessen, was in ihr entsteht. Schließlich war es der Wunsch nach externen Erklärungen, der die Themen "Wirklichkeit" und "Wahrheit" im philosophischen Denken so zentral gemacht hat, daß wir nicht sehen, daß alles, was uns zur Verfügung steht, Erfahrung ist, nicht Erfahrung von etwas außerhalb, sondern Erfahrung als die Feststellung, was uns in uns selbst geschieht. Der Finger, der auf etwas zeigt, was wir sehen, wenn wir sagen "ich sehe", sollte nicht auf das Objekt zeigen, das wir außerhalb von uns sehen, sondern auf uns, darauf, was in uns geschieht, wenn wir sehen. Und das sollte natürlich erklärt und verstanden werden als ein Faktor unserer Operationen in dem geschlossenen kognitiven Bereich unseres Daseins als "in Sprache befindliche"Wesen.

Also, Prof. Milowiz, vielleicht habe ich zu viel geredet, und mehr, als Sie zu hören wünschten. So danke ich Ihnen noch einmal für Ihr freundliches Interesse.

Mit meinen besten Wünschen,

Humberto Romesin Maturana


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