Rezensionen in BASYS seit 1996
geordnet nach Heftnummer, eine nach AutorInnen geordnete Liste finden Sie hier.

Manche Bücher können wir leider nicht rezensieren, weil es Verlage gibt, die uns keine Rezensionsexemplare überlassen. Das heißt, eigentlich ist es bis jetzt nur einer. Aber lesen Sie selbst:

Campus Verlag GmbH

Kurfürstenstr. 49
60486 Frankfurt/M.

info@campus.de

 

Sehr geehrter Herr Dr. Milowiz,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserem Programm. Leider können wir nicht alle
Anfragen nach Besprechungsexemplaren berücksichtigen, sondern müssen uns auf
die Zusammenarbeit mit den großen, überregional bedeutenden Medien und
ausgewählten Fachjournalisten bzw. -redaktionen für das Thema des jeweiligen
Buches konzentrieren.

Die Vielzahl der Anfragen übersteigt unsere Möglichkeiten, so dass wir
bedauerlicherweise zur Begrenzung unserer Aktivitäten gezwungen sind. Wir bitten um
Ihr Verständnis, dass wir Ihnen aus den genannten Gründen ke in Ansichtsexemplar
zur Verfügung stellen können.


Mit freundlichen Grüßen
Ihr Campus-Presseteam

 

Lfd. Nr. 3; Heft 2/1997:

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Cecchin, Gianfranco, Gerry Lane und Wendel A. Ray: Respektlosigkeit - Eine Überlebensstrategie für Therapeuten. Heidelberg 1996

Liebe Kolleginnen!

Ich bin zwar nicht Teilnehmerin des Arbeitskreises "Literatur", lese aber trotzdem ab und zu und möchte Euch gerne ein Buch vorstellen.

In meiner Entwicklung zur auch systemisch denkenden und handelnden Person bin ich immer wieder an Grenzen gestoßen, nämlich dort, wo der emotionale Gehalt eines Themas so groß für mich war, daß es mir nicht möglich schien, soviel Distanz einzunehmen, die nötig ist, um auch einmal "quer" zu denken. Ich nehme an, daß ihr das alle sehr gut kennt.

Na, und da habe ich mich auch gleich angesprochen gefühlt, als ich in dem Buch, das ich Euch vorstellen möchte, folgendes gelesen habe:

"Bestimmte Themen sind emotional so überfrachtet, daß manche Kollegen meinen, systemische Ideen ließen sich dort nicht anwenden. Bestimmte Themen oder präsentierte Probleme sind so heikel, daß die Kollegen große Schwierigkeiten haben, von ihren Gefühlen abzusehen. Zu diesen Problemen gehören viele Arten von Gewalt zwischen den Geschlechtern, insbesondere Inzest. Es scheint, als ob es in besonders emotional besetzten Bereichen eine starke Tendenz gäbe, die Themen mit Entweder-oder-Dichotomien wie schwarz oder weiß, gut oder böse, Opfer oder Täter anzugehen. In solchen Situationen treten die individuellen Wertvorstellungen so in den Vordergrund, daß es unvorstellbar zu sein scheint, die Systemtheorie anzuwenden, und es scheint, als ob es nur für nette Menschen geeignet sei."

Das Buch enthält jede Menge Ideen, wie Gewalt im jeweiligen Zusammenhang auch anders interpretiert werden könnte. Die aufgrund dieser "ungewöhnlichen" Interpretationen folgenden therapeutischen Interventionen und deren Wirkungen werden in vielen Fallgeschichten nachvollziehbar dargestellt. Einige Ideen stoßen trotzdem an meine Grenzen, aber erfreulicherweise ist das Leben ohnehin so eingerichtet, daß man sich selbst aussuchen kann, welche Teile man für sich als brauchbar definiert und welche nicht.

Ursula Mayer

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Insoo Kim Berg/ Scott D. Miller: Kurzzeittherapie bei Alkoholproblemen. Ein lösungsorientierter Ansatz. 2.Aufl., Heidelberg 1995

Mein Ausgangspunkt: Ich werde mich in nächster Zeit als Berater von alkoholabhängigen Langzeitarbeitslosen betätigen. Suchte daher in Regalen nach einschlägiger systemischer Literatur und stieß auf genanntes Buch, las es und war angenehmst überrascht, daß eine derartige fachliche Größe, wie sie, die Frau von Steve de Shazer, Frau Kim Berg und ihr Kollege eine derartige Bescheidenheit an den Tag legen und es als grundsätzlich erachten, daß ihr Ansatz der Lösungsorientierung einer ist, einer unter vielen, und daß ihr Grundsatz den Klienten gegenüber auch diesem Ansatz entspricht, daß jede Klientin, auch die Problemtrinkerin, ihre Lösungen selbst hat und daß es Aufgabe des Therapeuten ist, daß die Klientin ihre Lösungen finden kann.

Na gut ! Diese Präambel können viele Richtungen haben. Was macht das Buch noch interessant, was macht es für Sozialarbeiter interessant ?

Glauben Sie an die Alkoholkrankheit ? Oder glauben Sie, daß "die Alkoholkrankheit" ein Glaube von vielen Helfern und Forschern und auch Betroffenen ist ? (Denn dort wo viele sagen: Ihr werdet weiße Mäuse sehen und immer wieder sehen ! Dort werden die weißen Mäuse auch gesehen und dort wird selbst dem, der behauptet auch nur ein paar weniger gesehen zu haben, geschweige denn keine, auch nicht geglaubt werden!) Doch konkreter zum Buch: Es gibt einige konkrete Hinweise:

Daß Komplimente dazu nützen, wenn ich als Helfer die Beziehung zum Klienten aufbauen will, denn wie sonst kann ich mir verhelfen bei einem etwas unattraktiven Klienten Interesse und Respekt zu entwickeln, wenn ich nicht gewahr werde, was mir an ihm gefällt und es ihm sage, weil er es brauchen kann, gebrauchen, um Selbstwert zu entwickeln und an seiner Person etwas zu finden, etwas Positives, worauf er sich schön langsam fixieren kann (anstelle: Ich bin unrasiert, dreckig und ein Arschloch).

Daß das Wort "nicht" so eine große Bedeutung hat, daß ich es endlich nicht mehr verwenden sollte. Doch wie verwende ich endlich das Wort "nicht" nicht mehr, wenn ich immer daran denken muß, daß ich es ja nicht mehr verwenden sollte ? Was sage ich anstelle: Trinken Sie nicht mehr! ? Vielleicht: Sie haben eine so gute Figur. Was werden Sie morgen früh als erste kleine Kleinigkeit tun wollen, nachdem in der Nacht ein Wunder geschah, das Ihre Probleme löste ?

Daß es wert sein kann, zu fragen, was sich seit dem ersten Gedanken, mich als Helfer aufzusuchen und dem ersten Gespräch mit mir verändert hat, mit den Gedanken im Hintergrund, daß sich die Veränderung bei der Klientin schon längst abzeichnet und sie ihre Lösungen entwickelt, bevor sie mit einem Helfer in Kontakt tritt; daß Veränderung ständig passiert - kein System bleibt statisch oder anders ‘rum: jedes System lebt; weshalb es sinnvoll sein kann zu fragen: Was gibt es Neues?

Daß - vorausgesetzt Sie haben wie ich die Einteilung der Klienten als Kunden, Klagende und Besucher als Einteilung dieser verstanden, womit Ihnen wie mir und, wie ich erlebe, auch manchen anderen Sozialarbeitern etwas passiert ist, nämlich - daß die Beziehungen des Helfers und der Klientin als solche einzuteilen sind und daß es damit für den Sozialarbeiter natürlich anders ausschaut, nämlich anstelle der Frage: Ist dieser Klient nun Kunde oder nicht? die Untersuchung: Was tue ich in dieser Beziehung, was tut der Klient in dieser Beziehung zu mir, daß ich diese Beziehung als Kundenbeziehung benennen würde?

Daß es Sinn macht, wenn etwas nicht kaputt ist, es nicht ganz zu machen; wenn etwas funktioniert und ich weiß wie, dann mehr vom Selben zu tun; bzw. wenn etwas nicht funktioniert, es sein zu lassen und etwas anderes zu machen.

Das Buch ist anregend. Die vielen Fallgeschichten, nicht in der Art von: Der Klient hatte keinen Vater und keinen Volksschulabschluß, sondern in einer aufmerksamen Beschreibung, wie sich Klienten und Helfer getroffen haben und sich auf die Suche oder Stütze der Lösungen der Klienten begaben, lassen mich auch meine Fallgeschichten als solche sehen oder als solche beobachten.

"Während wir unseren Klienten zuhören, wird das Modell wachsen, sich verändern und entwickeln. Auf unseren Reisen haben wir viele Berufskollegen kennengelernt, die die Methode verändern, um in verschiedenen Kulturen und in Kombination mit verschiedenen Behandlungsansätzen zu arbeiten. Das bestätigt unsere grundsätzliche Überzeugung, daß es viele Lösungswege gibt und daß das lösungsorientierte Modell nur einer davon ist." (a.a.O., Seite 247 aus dem Epilog)

Obwohl mir als Sozialarbeiter das Therapeutenteam hinter dem Einwegspiegel fehlt, lassen mich doch die vielen praktischen Gedanken nicht aus. Vielleicht schaffe ich bei der Klientin H. demnächst ein ehrliches, authentisches Kompliment, das uns auf die "Sprünge "hilft.....

Bernhard Lehr

 

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Kleve, Heiko: Konstruktivismus und Soziale Arbeit. Die konstruktivistische Wirklichkeitsauffassung und ihre Bedeutung für die Sozialarbeit/ Sozialpädagogik und Supervision. Aachen 1996

Eine erstklassige Einführung in den Konstruktivismus, speziell für den Sozialbereich. Kleve bezieht sich auf alles, was im Konstruktivismus Rang und Namen hat, von Glasersfeld und von Foerster über Maturana und Watzlawick bis zu Willke und Luhmann.

Die Ideen zur Umsetzung in der Sozialarbeit sind extrem mager, darüber hinaus bin ich mit der Definition von Sozialarbeit ("Helfen, wo nicht geholfen wird"), absolut nicht einverstanden, da sie die fragwürdige Rolle der Sozialarbeit in der Gesellschaft betoniert.

Der Schwerpunkt des Praxisbezugs liegt denn auch im Bereich Konstruktivismus in der Supervision, wo einige interessante Aspekte eingebracht werden.

Walter Milowiz

 

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Cirillo, Stefano und Paola Di Blasio: Familiengewalt. Ein systemischer Ansatz. Stuttgart 1992

Ein absolutes Muß für Leute, die sich mit den Themen Gewalt und Mißbrauch beschäftigen. Die Autoren arbeiten überzeugend die Verzweiflung der Gewalttäter heraus, ohne zu entschuldigen, und setzen sich gründlichst mit der Rolle und den Vorgangsweisen eines nicht freiwillig aufgesuchten "Beraters" auseinander. Die Kombination aus Hilfe und Kontrolle wird peinlichst genau bearbeitet.

Wie ich auch schon vermutet hatte, geht es nach C.& B. bei der Ausübung von Gewalt immer um eine Reaktion auf Entwertung, die in geeigneten Beziehungen in einem Teufelskreis mündet. Die Vorgangsweise bei der Aufklärung bzw. Auflösung dieser Teufelskreise erscheint mir etwas gewaltsam und läßt die Feinheit vermissen, die ich an den gezielten Interventionen systemischer Arbeit so schätze. Meist wird mit "aufdeckenden Interpretationen" gearbeitet, und dann von den Beteiligten erwartet, daß sie sich ändern, was eher analytisch anmutet. Ich weiß allerdings auch noch nicht, ob es anders geht. Vielleicht muß man, wenn irgendwo nur mehr Vorwürfe und Entwertungen wahrgenommen werden, auch mit etwas ähnlichem aufwarten, um gehört zu werden: Ein Sprachproblem?

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 4; Heft 1/98

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Keller, Th. & N. Greve (Hrsg.): Systemische Praxis in der Psychiatrie. Bonn 1996

Erst gleich einige interessante Zitate aus dem Buch:

"Ich stimme vollkommen der Idee zu, daß jede Art von Kommunikation auf mindestens zwei Ebenen erfolgt. Es gibt kein Problem, wenn diese Ebenen nicht im Widerspruch zueinander stehen. Tun sie das jedoch, so muß man eine Wahl treffen. Darum kann in der klassischen Situation der Krankenhauseinweisung eines völlig verwirrten Patienten, der etwa von der Polizei aufgegriffen wurde, auch ein systemischer Therapeut sehr klar zu sich selbst, dem Klienten und der Familie sagen: "Jetzt sind wir in einer Situation, in der ich entschieden habe, meine Machtbefugnis im Sinne sozialer Kontrolle auszuüben. Ich habe dies entschieden, weil ich sehe, wie die Situation Ihnen aus der Hand gleitet. Es ist meine Verantwortlichkeit gegenüber der Familie, dem Klienten und dem Gesetz, dies einzuschätzen, und für solche Situationen, in denen soziale Kontrolle notwendig wird, bin ich ausgebildet. Ich stecke Sie ins Krankenhaus, schließe Sie ein und verabreiche Ihnen notfalls auch gegen Ihren Willen Medikamente." Und dann kann ich, etwa drei Tage später, eine andere Haltung einnehmen: "Ich möchte jetzt die Rahmenbedingungen ändern. Ich möchte mit Ihnen reden und herausfinden, was Ihnen vor drei Tagen zugestoßen ist, so daß ich mich Ihnen gegenüber als sozialer Kontrolleur verhalten mußte. So etwas tue ich im allgemeinen nicht gerne, aber in solchen Situationen ist das meine Pflicht." Auf diese Weise wird ein zeitlicher Rahmen eingeführt, in dem widersprüchliche Botschaften zu verschiedenen Zeitpunkten erfolgen, so daß die Paradoxa verschwinden". (p. 30, G. Cecchin)

oder:

"Wird jedoch ein devianter Mensch, etwa ein Trinker oder ein Drogenabhängiger, gegenüber der Gesellschaft grausam, so muß diese sich verteidigen. Nun, wie kann das in einer demokratischen, respektvollen und sogenannt therapeutischen Weise geschehen? Das ist eine große Herausforderung. Systemische Therapie kennt die großartige Idee der positiven Konnotation, wonach alles deviante Verhalten in einer Familie oder einem größeren Zusammenhang als nützlich angesehen werden kann. Wie können wir deviantes Verhalten als für ein bestimmtes System nützlich definieren? Und dabei noch akzeptieren, daß man manchmal nichts anderes als schlichte soziale Kontrolle ausüben muß, ohne den Devianten zu beschuldigen, er wäre als Person nicht in Ordnung? Und statt dessen die Verantwortung übernehmen zu sagen: "Ich bin ein Glied der Gesellschaft, von dem erwartet wird, die Gesellschaft vor Ihrem Verhalten zu schützen."( p. 33,G. Cecchin)

oder ein Kapitel mit dem Titel "Perspektivlosigkeit planen und gestalten":

"Psychiatrie-Profis fällt es im Umgang mit Langzeitpatienten oft schwer, deren augenscheinliche "Perspektivlosigkeit" ohne rehabilitativen Aktionismus einerseits oder eigene Depression andererseits zunächst einmal zu ertragen. Dabei ist solches "Ertragen" eine günstige Voraussetzung für sehr effektive Interventionen.

Bei einer fünfzigjährigen Frau mit den Diagnosen schizoaffektive Psychose, Alkoholismus, drohende Verwahrlosung, mit der es nachhaltig "bergab" geht, wird eine Familien-Helfer-Konferenz mit dem Ziel anberaumt, eine "Versorgungsplanung für die nächsten fünfzehn Jahre" zu erstellen. Empört darüber, daß ihre Kinder und die Psychiatrie-Profis sich auf ihre herannahende Pflegebedürftigkeit so rührend einstellen, verläßt die Frau dieses Gespräch, übernimmt aber in der Folge erstmals mehr Eigenverantwortung und beginnt sogar sich um ihre Kinder zu kümmern (bis dahin kümmerten sich ihre Kinder einseitig um sie).

Das Annehmen und dann das konsequente Vorausplanen eines Lebens in Perspektivlosigkeit führt die Idee ein, daß auch "Alkoholismus", "Verwahrlosung" oder selbst "Suizidalität" und "Pflegebedürftigkeit" oft nicht von selbst kommen, sondern durch Handlungen gefördert und durch Unterlassungen unwahrscheinlicher gemacht werden können.

Wenn man alle Befürchtungen explizit macht ("Was könnte Sie dazu bewegen, sich umzubringen? Was wäre nach Ihrem Selbstmord besser? Wie würden Ihre Verwandten auf den Selbstmord reagieren?"), ergeben sich daraus oft neue Handlungsideen ("Worüber würden sich Ihre Verwandten nach Ihrem Suizid die meisten Vorwürfe machen? Wenn Sie das aus dem Himmel hören könnten: wären Sie dann versöhnt? würden Sie heute schon gerne von den Verwandten eine Entschuldigung hören? Ginge dies auch ohne Suizid?")."(p. 261, J. Schweitzer-Rothers)

oder:

"Bei vielen Behandlungsverläufen fiel uns auf, daß alle Einzelereignisse miteinander in irgendeiner Weise verbunden waren. Diese Erfahrungen prägten unser Denken (vgl. die Fallbeispiele in SEIKKULA 1991 ) . Wir kamen zu der Auffassung, daß an der Grenzlinie zwischen Station und Familie alle Beteiligten gemeinsam an dieselben systemischen Regeln gebunden sind. Das Behandlungsteam hat keine spezielle Macht, das Verhalten der übrigen Partner zu kontrollieren. Das Team kann lediglich sein eigenes Verhalten steuern. Durch die Änderung des eigenen Verhaltens kann es das System verändern (SEIKKULA 1991) .

Bei der Aufnahme des Patienten ins Krankenhaus werden mehrere Systeme strukturell miteinander gekoppelt: Familie und Krankenhaus, Krankenhaus und zuweisende Einrichtungen, Krankenhaus und potentielle Nachsorgeambulanz usw. Wie DELL (1985) feststellte, führt die Interaktion von zwei oder mehr strukturell plastischen lebenden Systemen dazu, daß sie gemeinsam ein geschlossenes Interaktionsmuster entwickeln; sie bilden ein *System. Dieses System entsteht aus der Art und Weise, wie seine strukturell plastischen Komponenten zueinander passen. Die Operationen dieses neuen Systems werden von seiner eigenen Struktur bestimmt, nicht zum Beispiel durch die Ziele der beteiligten Systeme. Die Absicht, *therapeutisch zu sein, steuert das System nicht.

MATURANA und VARELA (MATURANA 1988, MATURANA und VARELA 1980, VARELA 1985) haben den Ablauf der strukturellen Koppelung beschrieben. Das Verhalten des neuen Systems ist durch die zueinander passenden Strukturen seiner Teile determiniert. Aus diesem Grunde sind alle Beteiligten in einer gleichrangigen Position, und es ist nicht möglich, daß einer die Kontrolle über die übrigen gewinnt. Wenn der Aufbau von Kooperation das Ziel ist, muß jeder Beteiligte sein Verhalten in jedem Augenblick dem Verhalten anderer Beteiligter anpassen."( p.305, J. Seikkula)

Es handelt sich um ein Sammelsurium von Artikeln, die sich bewegen zwischen Gesprächsführung mit psychiatrischen Patienten (und deren Umfeld), Beispielen von psychiatrischen Arbeitsstrukturen, die weniger chronifizierend wirksam sind als die klassischen Strukturen, bis zu einem Vergleich von systemischen Gedanken und Gedanken über sozialpsychiatrische Arbeit.

Durch die Unterschiedlichkeit der Autoren ergibt sich, daß ich nicht von allen Beiträgen gleichermaßen angesprochen war. Manche Artikel lesen sich leicht wie Krimis, manche erfordern eine gewisse Disziplin, um bei der Sache zu bleiben. Aber eines ist sicher: Hier sind sehr viele Gedanken zu finden, die höchst anregend sind und geradezu nach einer "Übersetzung" ins sozialarbeiterische Feld schreien, um dort nicht nur auf chronischen Alkoholismus, sondern auch auf chronische Verschuldung, chronische Obdachlosigkeit oder chronische Straffälligkeit angewendet zu werden. Oder um nicht nur auf psychiatrische Behandlungsstrukturen, sondern eben auch auf die institutionalisierten Strukturen sozialarbeiterischer Behandlung von sozialen Problemen. Versuchen sie nur mal, bei den hier aufgeführten Zitaten "Psychiatrie-Profis" durch "Sozialarbeiter" und "Langzeitpatienten" durch "Langzeitarbeitslose" zu ersetzen etc.!

Ich wünsche jed Sozialarbeit, daß er die Anregungen dieses Buches aufnehmen kann, um neue Lösungen zu finden.

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 5; Heft 2/98

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Furman, Ben & Tapani Ahola: Die Zukunft ist das Land, das niemandem gehört...Probleme lösen im Gespräch. Klett-Kotta 1995, öS 234,00.

Dieses Buch enthält keine überflüssige oder uninteressante Zeile.

Sie lesen nicht viel über die Grundlagen systemischen Denkens oder des Konstruktivismus. Gerade können Sie aus der Einleitung erfahren, daß Furman und Ahola viel von amerikanischen Systemikern gelernt haben. Dann aber geht es schon los: Es beginnt ein Feuerwerk von angewandter Kreativität: Nach jeweils kurzen Kommentaren dazu, wie sich positive Umdeutungen und positive Herangehensweisen an bestimmte Situationen auswirken können, finden sich Unmengen von Beispielen aus der Beratungstätigkeit der Autoren. Kurz, bündig und einsichtig. Kein Wort zuviel, dafür aber sehr lebendig.

Es handelt sich fast durchgehend um Beispiele, in denen die Autoren in der supervisorischen Position waren bzw. um solche aus der Projektberatung, das heißt, ähnlich wie auch bei Andersens Arbeit in Norwegen handelt es sich um ein Team, das sich zu Hilfe rufen läßt, aber keine eigene Praxis betreibt.

So ist die Palette der Anwendungsbereiche auch breit gestreut: Vom Problem einer einzelnen Person bis hin zur Entwicklung eines - sehr ungewöhnlichen, aber ebenso einleuchtenden - Grundkonzepts einer Drogenstation, natürlich mit dem Personal gemeinsam, das die Aufgabe des Personals auf den Kopf stellt und das Ganze zu einem komplett gemeinsamen Projekt aller Beteiligten macht. Basaglia, Laing und Cooper hätten ihre helle Freude. Sozialarbeiterische Probleme werden ebenso in Angriff genommen wie therapeutische und institutionelle.

Besonders interessant ist ein leider nicht sehr explizit dargestelltes Arbeitskonzept der beiden: Bei welchen Beispielen auch immer, immer gibt es da ein Team, eine Gruppe, offenbar meist Leute, die bei ihnen lernen, und die in den Prozeß der Erfindung von Interpretationen der zu besprechenden Situationen sowie der Entwicklung von Vorgangsweisen einbezogen sind. Meist stammen auch die behandelten Probleme aus dieser Runde: Es scheint sich also meist um Personen zu handeln, die an irgendwelchen Institutionen arbeiten und währenddessen auch bei Furman und Ahola Ausbildung machen. Natürlich werden gegebenenfalls auch die zu Behandelnden einbezogen, wenn das irgendwie möglich ist. Dann kommt häufig ein Teil der Kreativität gleich von diesen. Darüber hinaus sind aber offenbar auch jederzeit sonstige Interessierte aus der entsprechenden Einrichtung eingeladen, zuzuhören oder mitzumachen, so daß die entwickelten Ideen in ihrer Umsetzung auch gleich entsprechende institutionelle Unterstützung finden. Ja, und dann gibt es noch Tage, da kann überhaupt jeder kommen und mitmachen, wenn ich es richtig verstanden habe. Man könnte fast glauben, es handele sich um die Begründung einer neuen Bewegung der Offenheit, Positivität und Kreativität, die sich, wenn ich meinen Träumen nachgehe, über die gesamte Beratungsszene ausbreiten könnte. Ach wäre das schön!

Warum kommen solche Konzepte wie das Reflecting Team Andersens und diese ebenso völlig offene Arbeitsweise der beiden Autoren aus Skandinavien? (Andersen wird übrigens nicht einmal zitiert.) Sind dort hierarchisches Denken und Machtanhäufung weniger ausgeprägt als in anderen Ländern? Es ist jedenfalls immer wieder faszinierend, mitzuerleben, wie Fachleute es schaffen, ihre Fähigkeiten darzulegen und weiterzugeben, indem sie alle Interessierten in die Auseinandersetzung miteinbeziehen und ohne sich in ihrem geheimen Kämmerlein vorzubereiten; wie Kreativität und Ideenreichtum gefördert werden kann, als ob diese Menschen keine Angst vor Konkurrenz hätten, als ob sie es nicht notwendig hätten, sich von all den anderen zu unterscheiden. Obwohl formal unterschiedlich, erinnert mich die Vorgangsweise (und die Einstellung, so wie ich sie verstanden habe), an die japanischen Lehrmeister, die sich als Diener ihrer Schüler verstehen und sie dementsprechend respektvoll behandeln. Ein ähnliches Konzept gab es zwar auch schon vor fünfzig Jahren in Amerika, aus dem sich dann die gruppendynamischen Trainings entwickelten, aber leider wurden diese später dadurch pervertiert, daß aus dem Miteinander-Erforschen des Gruppenprozesses eine geheimnistuerische - häufig psychoanalytische - Interpretation durch die Trainer wurde, wo jeder Ansatz zur Diskussion seitens der Teilnehmer schon wieder in gleicher Weise interpretiert wurde (Ich habe sogar schon erlebt, daß eine Kollegin in der öffentlichen Staffbesprechung meinte, sie wolle ihre Interpretation des Prozesses jetzt nicht sagen, weil dies den Gruppenprozeß verfälschen könne).

Möge dieses Schicksal dem Ansatz von Furman und Ahola erspart bleiben, er ist es wert. Und ich bin überzeugt, daß es für jeden, der im Sozialbereich tätig ist, wert ist, dieses Buch nicht nur zu lesen, sondern zu kaufen: Denn nur einmal lesen bringt erst so richtig auf den Geschmack, man muß immer wieder hineinschauen, soviel Ideen auf einmal kann man sich gar nicht merken.

Kritik? Ja, natürlich: Bitte, wieso sind diese Leute nicht hier und helfen uns, anstatt Bücher zu schreiben? Aber das können wir vielleicht ändern...

Andersen hat es vor einigen Jahren geschafft, uns in seine Welt mit einzubeziehen, die von gegenseitiger Anerkennung und Offenheit geprägt war, vielleicht können wir uns auch von Furman und Ahola auch ein bißchen beeinflussen lassen.

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 6; Heft 1/99

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Furman, Ben & Tapani Ahola: Die Kunst Nackten in die Tasche zu greifen. Systemische Therapie vom Problem zur Lösung. borgmann publishing, Dortmund 1996

Das Buch ist mit dem Originaltitel "Taskuvarkaat nudistileirillä"(Taschendiebe im Nudistencamp) in Helsinki 1990 erschienen.

Der Titel macht schon neugierig.Mir ist zuerst das Andersen Märchen "Des Kaisers neue Kleider" eingefallen,obwohl es sich hier offenbar sich umgekehrt verhält - die Nackten sind gar nicht so nackt, wie wir glauben. Der schöne Zusammenhang wäre allerdings, daß es sich schon im Märchen zeigt, daß wir das sehen, was wir glauben und auch schon dort wird die Welt - bzw. die kaiserlichen Kleider - konstruiert.

Das Buch ist erfreulicherweise sehr angenehm zu lesen. Es vermittelt die Theorie und die Methodik der Therapeuten Furman und Ahola mit vielen konkreten Beispielen aus ihrer Praxis. Es nimmt auch Bezug zu der Arbeit vieler anderer systemischer Therapeuten, die auch aus anderen Zusammenhängen bekannt sind. Die Theorie wird verständlich, beinahe banal vermittelt – so daß man manchmal das starke Gefühl hat, das alles schon zu kennen, was natürlich auch von Vorteil sein kann. Bei genauerer Lektüre allerdings stellt sich heraus, daß sich die Sichtweisen bzw. Schwerpunkte verschoben haben. Es ist interessant zu fragen, wo liegen die Betonungen - was ist hier wohl als wesentlich gesehen worden.

Von Anfang an betonen sie, daß "unsere Vorannahmen unsere Fragen bestimmen und die Art wie wir arbeiten": Die Klienten lesen aufmerksam die Gedanken der TherapeutIn. Sie ist eine Erklärungshändlerin. Daher fangen sie auch in den ersten zwei Kapiteln mit der Überlegung "Wer ist eine systemische Therapeutin?" an. Ihre 3 Glaubenssätze:

  • Keine objektive Wirklichkeit da draußen

  • Jede/r beeinflußt jede/n

  • Die Therapeutin erschafft die Klientin

sind klar und nachvollziehbar.

Schon hier betonen sie, daß das Ziel der Therapie ist, das Denken zu verändern, nicht nur das Handeln. Hier sind sowohl die Therapeuten wie die Klienten gemeint.

Das zweite Kapitel setzt sich mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten der systemischen Therapie auseinander - mit der Betonung auf die Glaubensätze und Absichten der Therapeuten.

Das 3. Kapitel "Schleichwege zum radikalen Relativismus" läßt aufhorchen. Wohin wird hier geschlichen? Zurück zu Erklärungen: Die Tatsache, daß es wohl allen Leuten gemeinsam ist, Erklärungen zu suchen für alle Ereignisse, läßt die Autoren betonen, daß es wichtig ist, diese Denkweisen der Klienten zu eruieren und zu akzeptieren, weil sie eine beruhigende Wirkung haben und für Lösungen als Grundlage dienen können.

Das Kapitel "Therapie in nachhinein betrachtet" bringt die Umkehrung - weg von "verstehen" auf effiziente Möglichkeiten, Klienten zu helfen: Intervention. Zuerst funktionierende Lösungen zu suchen und zu erkennen, dann im Nachhinein rückwärts von effizienten Lösungen zu einem Verstehen zu arbeiten. Dabei betonen sie die Wichtigkeit des Rückblicks, damit es einem bewußt wird aus welchen Prämissen heraus die Interventionen gemacht worden sind, um so die Bandbreite der Interventionsmöglichkeiten zu vergrößern, wenn einem bewußt wird, daß es auf der Grundlage anderer Prämissen ganz andere Interventionsmöglichkeiten gibt. Sie ermutigen hier auch zu mehr ausprobieren auch von Interventionen, die nicht unbedingt zu eigenen Glaubenssätzen passen - ohne die fremden Glaubenssätze zu übernehmen. Sie meinen, es wäre wichtig, Probleme so zu verstehen, daß es dazu paßt, wie die Klienten denken, und auch dazu, wie wir denken, und immer noch zum Ansatz paßt. Das ist ein sehr hoher Anspruch und würde in die Praxis umgesetzt wohl sehr viel Flexibilität verlangen.

Das Kapitel Kritik der Psychotherapie: "Angriff ist die beste Verteidigung". Es ist ein Appell für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Kritik. Wie die Auseinandersetzung jetzt aussieht liegt hier gesammelt vor. Es ist wohl einiges daran, das auch hierzulande Gültigkeit hat.

"Negative Effekte psychotherapeutischer Annahmen" führt teilweise sehr drastisch vor, welche Wirkungen Kausalattributionen auf die therapeutische Arbeit haben können. Beim Lesen wird einem erst wirklich bewußt, wie viele Vorannahmen sowohl Therapeuten wie Klienten schon haben - schon allein durch die Verallgemeinerung vieler psychologischer Theorien. Ich glaube, daß es nicht schadet - weder in der therapeutischen noch in der beraterischen Arbeit - sich zu fragen, auf welchen Vorannahmen basiert meine Arbeit. Das Buch gibt einen praktischen Anstoß dazu.

Ein weiteres Anliegen der Verfasser des Buches ist verbesserte Kooperation mit den Klienten, die Entwicklung einer "systemischen Empathie". D.h. eine neugierige, akzeptierende Haltung gegenüber der Kausalerklärungen, mit denen die Klienten und ihr soziales Umfeld ihre Probleme erklären. Noch klarer pragmatisch: "Erklärungen werden nach ihrem potentiellen Nutzen bei der Lösung dessen bewertet, was die KlientInnen als Problem betrachten". Dazu gibt es eine Menge Beispiele, wie man das bewerkstelligen kann.

Was das Buch angenehm zu lesen und auch praktikabel macht ist die Beschreibung der Methode "Fuhrman/Ahola" und deren Entwicklung. Sie propagieren Offenheit, eine Art "Glasnost" in der Beratung/Therapie, und scheinen das auch zu praktizieren in ihrem Ausbildungsinstitut in Helsinki. Die Beratungssituationen finden nicht mehr nur mit den Betroffenen statt, sondern mit dem ganzen Umfeld - je nachdem, wer kommen möchte. Es ist erstaunlich, daß das offenbar funktioniert. Man wird neugierig, wie sie das machen. Sie arbeiten allerdings immer oder zumindest meistens zu zweit, was wohl mehr Interventionsmöglichkeiten eröffnet. Außerdem eröffnen sie damit den Anwesenden die Möglichkeit zum kreativen Mitgestalten, was den Ideenreichtum immens erhöht.

Ich empfehle das Buch gern als Grundlage für das Buch "Die Zukunft ist das Land,das niemanden gehört... " von den gleichen Autoren, das W. Milowiz schon im letzten Heft begeistert besprochen hat.

Mir hat das Buch Spaß gemacht und auch wieder Lust zum neuen Ausprobieren gegeben. Auf dem Feld der Sozialarbeit eröffnet es vielleicht wieder neue Möglichkeiten des Herangehens - in Richtung "die Klienten wissen auch, wo die Lösungen liegen könnten".

Anneli Arnold

 

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Lindner, Ruth & Ingeborg Steinmann-Berns: Systemische Ansätze in der Schuldnerberatung. Ein Arbeitsbuch. borgmann publishing, Dortmund 1998

Die Autorinnen stellen Verschuldung in einen komplexen Zusammenhang. Sie sind der Ansicht, daß "der systemische Ansatz (...) als Modell und Erklärungsmuster für diese Einsicht (der multikausalen und sozialen Vernetzung von Verschuldung) besonders gut geeignet (ist). Die Lerngeschichte vom Umgang mit Geld in der Kindheit, die Funktion des Symptoms bei der Familienhomöostase, die Ressourcen einer Familie, ihre innere Landkarte und Werteskala und schließlich auch die Rolle (Selbstwahrnehmung) der Beraterin im neu entstehenden Beratungssystem werden angesprochen."

Die Autorinnen haben offenbar einiges an systemischer Literatur gelesen und eine Auswahl an Zugängen und Interventionsmöglichkeiten getroffen, die ihnen in bezug auf die Arbeit der Schuldenregulierung als nützlich erscheint. "Wir verfolgen mit diesem Buch nicht die Absicht, umfassend in systemische Beratungsmöglichkeiten einzuführen und lassen unberücksichtigt, daß es verschiedene Schulen und Richtungen der systemischen Beratung und Therapie gibt. Uns interessiert, inwieweit wir uns die systemische Grundidee für unseren Arbeitsansatz im Arbeitsfeld der Schuldnerberatung (...) nutzbar machen können."

Für "eingefleischte" Systemiker könnte dieses Buch eher enttäuschend sein, da die Auswahl der theoretischen Ansätze sowie deren Verknüpfung mit der Praxis eher willkürlich erscheint. Als Beispiel sei hier erwähnt, daß die Autorinnen zwar Begrifflichkeiten bzw. Zuschreibungen wie "Gut" und "Böse" in Frage stellen, letztendlich aber doch wieder für die parteiliche Haltung gegenüber dem Schuldner/der Schuldnerin plädieren.

Als mögliche Erweiterung des eigenen Handlungsrepertoires oder auch als Einstieg in systemische Denkweisen erscheint das Buch für PraktikerInnen, die über kein oder wenig Vorwissen in bezug auf systemische Beratung verfügen, jedoch durchaus empfehlenswert.

Ursula Mayer

 

Lfd. Nr. 7; Heft 2/99

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Maturana, H. R.: Was ist erkennen? Piper 1997

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten schildert Maturana seine Vorstellungen zum Thema. Der zweite Teil mit dem Titel "Systemtheorie und Zukunft" beinhaltet die Protokolle eines Kolloquiums der "Karl Jaspers Vorlesungen zu Fragen der Zeit", wo Maturana mit verschiedenen Fachleuten über seine Theorie diskutiert.

Zuerst zum ersten Teil:

Maturana schildert gleich am Anfang lebensgeschichtlich, wie er zu Erkenntnissen gekommen ist und tut das auf eine sehr angenehme humorvolle Weise. Das erleichtert den Einstieg in die Materie, wo schon der Name Maturana und natürlich auch der Titel "Was ist erkennen?" einen eher eine schwerverständliche Lektüre erwarten läßt.

Es ist spannend zu lesen, wie er Schritt für Schritt - oft auch durch "Zufälle"- zu Erkenntnissen gekommen ist und sein Theoriegebäude aufgebaut hat.

Man bekommt das Bild eines sehr neugierigen und beharrlichen Wissenschaftlers, der seine Fragestellungen oft über lange Zeitabschnitte beibehält und oft unerwartet plötzlich zu neuen Erkenntnissen gelangt. So ist er auch zu seinem berühmten Begriff "Autopoiese" gekommen.

Als Biologe bemüht er sich die Lebewesen in ihrer Lebendigkeit zu begreifen, indem er im Laboratorium Versuche macht und zu der Erkenntnis kommt, daß "die Lebewesen als molekulare Systeme Netzwerke der Molekülproduktion bilden, worin die aus Wechselwirkungen hervorgehenden Moleküle sowohl das sie erzeugende Netzwerk konstituieren als auch seine Ausmaße und Grenzen bestimmen" (Autopoiese)

Er gewinnt Erkenntnisse durch Beobachtung und Kombination der so wahrgenommenen Faktoren, wobei er das Erscheinungsbild und die innere Beschaffenheit der Welt trennt.

Man hat beim Lesen das Gefühl dem Maturana beim Denken zuzuhören auf eine angenehm leichte Art, obwohl es Kapiteln gibt, wo er nur als Biologe spricht und es daher für einen Nicht- Biologen schwer fällt ihm zu folgen.

Maturana stellt die Beobachterfrage ins Zentrum der Erkenntnis. Er fordert von seinen Lesern eine Stellungnahme - entweder man nimmt die Frage ernst und stellt sich der Reflexion der Beobachterrolle und deren Wirkung oder man tut es nicht, wo man eigentlich nicht zu Erkenntnissen kommen kann, sondern sieht nur die Welt draußen ohne Bezug zu eigener Wahrnehmung und ist dadurch der Gefahr der Täuschung ausgesetzt. Das begründet er so: "Systeme können nur erleben, was ihre Struktur festlegt, also können sie nicht durch externe Faktoren in ihrer Entwicklung umgepolt werden: Äußere Wirkfaktoren lösen bei lebenden Systemen nur intern determinierte strukturelle Veränderungen aus". Der "Leser als Held" sowohl in Beobachterrolle bei der Wahrnehmung als auch beim Lesen der Texte. Daher kann auch ich hier nur das zu Papier bringen, was meine Struktur zuläßt und kann nicht garantieren, daß Andere das Gleiche bzw. etwas Ähnliches herauslesen. Die Welt entsteht im Auge des Betrachters, sagt Maturana. Dabei ist interessant, daß er einige Zeit im Labor Experimente mit Froschaugen gemacht hat. Das Auge und Sehen steht im Mittelpunkt - die anderen Wahrnehmungsorgane kommen zwar vor, spielen aber eine untergeordnete Rolle, was mit seinem Werdegang zu tun haben könnte, obwohl es auch sonst üblich ist bei Wahrnehmung zuerst an das Sehen zu denken.

Interessant ist, wie er die Entwicklung lebender Organismen in Interaktion mit der Umwelt beschreibt - in Richtung größerer Differenziertheit.

Über die Entwicklung der Sprache kommt er direkt zu gesellschaftlichen Erscheinungsformen. Die Liebe als Grundlage der Entstehung der Sprache, wobei er unter Liebe versteht, daß man auch andere gelten läßt.

Der Sprung von den Molekülen und deren Beschaffenheit zur menschlichen Gesellschaft ist nicht immer leicht nachzuvollziehen, aber trotzdem ist das Buch ein gut aufgebauter und über lange Strecken auch humorvoll geschriebener "Roman" über "Was ist erkennen?"

Der zweite Teil:

Maturanas Denken und sein theoretisches System werden beim Austausch mit den Fachkollegen noch klarer sichtbar. Es wird nachvollziehbar, wie er zu seinen Denkweisen gekommen ist. Das Angenehme dabei ist seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge auf einfache Lebenspraxis zu beziehen. Er meint "ich bin nur neugierig gewesen" -"ich wollte verstehen", das ist die Grundlage seiner Arbeit. Was allerdings schwerer ist, ist, die Fachkollegen zu verstehen in dem Sinne, daß man wüßte, was sie meinen, wie paßt das Gesagte in ihr Gedankensystem hinein. Maturana scheint der eingeladene Gast zu sein - daher kommt er auch am längsten zu Wort. Trotzdem ist die Auseinandersetzung bzw. der Gedankenaustausch anregend zu lesen, weil es einen in neue Gedankenrichtungen bringt, die einen in der eigenen Arbeits- und Lebenspraxis betreffen.

Anneli Arnold

 

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Schumacher, Bernd: Die Balance der Unterscheidung. Zur Form systemischer Beratung und Supervision. Zweite korrigierte Auflage. Auer, Heidelberg 1997

Daß dieses Buch eine Abschlußarbeit ist (vermutlich Doktorarbeit), erfährt man erst am Schluß, wo sich die Danksagung an die Betreuer findet.

Das Buch gliedert sich im wesentlichen in drei Teile:

Der erste, literarische befaßt sich mit Schlußfolgerungen, die sich aus den Theorien Luhmanns, Maturanas und von Foersters ergeben, wenn man diese auf den Gedanken der pädagogischen Beeinflussung anwendet. Vor allem die Autopoiese und damit die Unmöglichkeit der gezielten Beeinflussung sowie der radikale Konstruktivismus und damit die Unmöglichkeit einer "wahren" Bahauptung werden hervorgehoben, und die Folgerung des Autors ist die These, der Pädagoge könne im wesentlichen nur verstören, d.h., die Aufwerfung neuer Fragen und Suchprozesse beim "Behandelten" aktivieren. Dabei ist die Balance zu halten, die es dem "Verstörten" möglich macht, tatsächlich zu suchen und nicht aufzugeben bzw. sich zurückzuziehen. Auch die Gleichwertigkeit der beiden Interaktionspartner wird aus den o.g. Prämissen abgeleitet, d.h., der Pädagoge kann sich nicht anmaßen, zu belehren.

Die Ergebnisse sind nicht neu, sie finden sich in ähnlicher Weise auch bei den Vertretern der konstruktivistisch-systemischen Therapierichtung, neu war für mich die gründliche und umfassende Zusammenschau der Gedanken der Theroetiker höchster Ebene sowie der Überblick über die Literatur, die sich schon davon ableitet, und die Ableitung der Grundprinzipien daraus. Daß eine systemische Pädagogik sich in ähnlichen Prinzipien wiederfindet wie eine systemische Therapie, erscheint nicht überraschend, haben doch die Systemiker selbst auch den Begriff der Therapie als Modell des gezielten Umgehens von Wissenden mit Unwissenden ganz klar in Frage gestellt. Ähnliches geschieht nun hier auch.

Dieer Teil erscheint mir relevant, insoferne er eine Überschau über die vorhandenen theoretischen Überlegungen und damit Grundlagen zum Weiterdenken liefert.

Der zweite Teil stellt - sauber nach empirisch-wissenschaftlichen Forderungen aufgbereitet - die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung dar über Aufmerksamkeitsfokus (Problem / Lösung / Sowohl-Als-Auch / Weder-Noch), Zeitdimension (Vergangenheit / Gegenwart / Zukunft), Raumdimension (Lebenswelt des Klienten / Beratungsgespräch / Supervisionsgespräch) und Sprachmodus (Indikativ / Konjunktiv) in Einheiten von jeweils zwei Beratungsgesprächen und einer dazwischen stattfindenden Supervisionssitzung. Unklar ist hier der Übergang von der allgemeineren Dimension der Pädagogik zum Thema Supervision. Unklar ist mir auch, ob man aus den Ergebnissen irgendwelche praxisrelevanten Folgerungen ziehen kann.

Der dritte Teil dann behandelt anhand von Gesprächsausschnitten Kategorien wie Lösungsorientierung, "respektvoller Respektlosigkeit" und die speziellen Methoden der systemischen Gesprächsführung. Dieser Teil erscheint mir praxisrelevant insoferne, als er zum Reflektieren der eigenen Vorgangsweisen anregt. Der Zusammenhang mit der Theorie des ersten Teils allerdings ist mir unklar geblieben, insbesondere, was die prinzipielle Unbeeinflußbarkeit und die Gleichwertigkeit der Gesprächsparnter betrifft. Darüberhinaus ersehe ich keine wesentlichen Unterschiede in den Vorgangsweisen zwischen Beratung, Therapie und Supervision.

Ich denke, man kann erkennen, daß das Buch mich insgesamt nicht sehr angesprochen hat, obwohl einzelne Teile mir interessant und lesenswert waren: Mir ist es nicht gelungen, einen durchgängigen Zusammenhang herzustellen.

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 8; Heft 1/2000

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George Lakoff, Mark Johnson: Leben in Metaphern. Konstruktion und Gebrauch von Sprachbildem. 1. Aufl. - Heidelberg: Carl Auer Systeme Verlag 1998

Die Originalausgabe dieses Buches ist im Jahr 1980 erschienen unter dem Titel "Metaphors We Live By" durch die University of Chicago.

Zwei Momente waren ausschlaggebend, mir das Buch zu kaufen: ein Kommentar einer Rezension, daß dieses Werk so bedeutend sei wie Batesons Ökologie des Geistes, und der Buchdeckel, der ein Bild von Pieter Bruegel d. Ä. zeigt, nämlich "Die niederländischen Sprichwörter", welches mich erinnert an ein Bild von Kumpf, in dem er Sprichwörter darstellt, das in der Therme Stegersbach hängt, in der ich die ersten Tage des Neuen Jahres verbrachte ... (aber hier bin ich schon in einer anderen Geschichte).

Es ist vielleicht nicht gerade neu für uns, da? wir in Beratungssituationen auf Metaphern Rücksicht nehmen, solche beachten und als wichtige Hinweise erkennen, wie sich Betroffene Wirklichkeit konstruieren mittels ihrer Sprache

und mittels der Sprachbilder. Lohnt sich also diese Übersetzung 20 Jahre nach dem Ersterscheinen, lohnt sich der Kauf des Buches, wenn der Inhalt bereits auf Umwegen bekannt und einigermaßen integriert worden ist?

Es lohnt sich und ich glaube auch, da? es als ein grundlegendes Werk für konstruktivistisches Denken zu betrachten ist.

Die Autoren gehen davon aus, da? uns Menschen einige grundsätzliche gemeinsame Erfahrungen zur Verfügung stehen, die wir zur Vermittlung von anderen Erfahrungen und Zusammenhängen und Begriffen, etc. verwenden können: unser aufrechter Gang, unser Körper, unsere Orientierungen nach oben und unten, nach vorne und hinten, unser Wissen um Raum und Substanzen und Objekte...

Diese wenigen Erfahrungen wie z.B. gehen, sehen, begreifen.... sind benutzbar zur Benennung von neuen Erfahrungen (in die Schule gehen auf der Straße - er geht schon 15 Jahre zur Schule - und wie geht es? Das geht doch nicht!).

Unsere Sprache ist durchwirkt von Metaphern, unser Wahrnehmen ist vom Gebrauch der Sprache und der Metaphern abhängig, was natürlich Kommunikation und Verhalten beeinflußt.

Wie wir uns selbst, Rituale und Zeremonien, Ästhetik und Politik verstehen, hängt eng mit unserem Entdecken von Metaphern und deren Strukturen zusammen.

Das Buch ist heiter und wissenschaftlich: es bietet witzige Beispiele umrandet von einer Fülle von Termini und Fremdwörtern, die das Lesen anfangs etwas erschweren. Angenehm erlebte ich die Zusammenfassungen am Ende von Kapiteln und die Einleitungen oder Überleitungen zum neuen Kapitel.

Beginnt das Buch mit linguistischen Auseinandersetzungen über Metaphern, so endet es (dann nicht mehr überraschend) mit der Analyse von der Metapher "Arbeit als Ressource" und den Hinweisen, wie gefährlich die Verwendung dieser Metapher im politischen Alltag ist. Dazwischen gibt es Abhandlungen über das Konzept der Kausalität, über Objektivisrnus und Subjektivismus und ein neues Verständnis dieser beiden Richtungen als Mythen. Letztlich geht es um das Verstehen, welches nur in Interaktionen möglich ist.

Seit ich dieses Buch gelesen habe, bemerke ich, wie viele Metaphern mich umgeben, stoßen, zwicken, durchdringen, ziehen, anketten,und leben lassen...

Bernhard Lehr

 

Lfd. Nr. 9; Heft 2/2000

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Anderson, T. (Hrsg.): Das Reflektierende Team. Dialoge und Dialoge über die Dialoge. Dortmund 1990

Das Reflecting Team oder die Geografie des Überdenkens

Tom Anderson beginnt sein Buch mit der norwegischen Version des Märchens vom dummen jüngsten Bruders, der, anders als seine tüchtigen Brüder, alle Aufgaben lösen wird, weil er offen ist für Erfahrungen, nicht nur jene, die so gemeinhin als nützlich eingestuft werden.

Grundlage des Tromsöer Modells ist eine Geografie des Denkens, ein Denken in Mobilität und in Orts- bzw. Perspektivenwechseln. Die langen, dunklen Winter, die kleinen Orte mit ihren ortsgebundenen EinwohnerInnen, das System der psychsozialen Versorgung in Norwegen sind die "Checkpoints", von denen aus Anderson die systemischen Bewegungen beschreibt, die ihn und sein Team zur Entwicklung des reflecting team geführt haben.

Im Grunde sind die Regeln des reflecting team (positive Beschreibungen, Vermeiden von Bewertungen) jene, die in der konventionellen "Höflichkeit" bereits enthalten sind: Anwesende zur Sache zu machen, gilt auch in der Alltagskommunikation als unhöflich und taktlos. Was schon allein das Setting des reflecting team verhindert, mindestens stark erschwert, ist ein Behandeln von "kranken" oder "gestörten" Objekten durch wissende Subjekte. Der Ansatz des reflecting team fördert – in Ergänzung zu stärker verhandlungsorientierten Interviewmodellen – vor allem "mögliche Wirklichkeiten", eine Erweiterung des Spektrums des Denkbaren, im Vertrauen darauf, dass dies Ressourcen freilege.

Tom Anderson geht es freilich auch um die Veränderung von Konkurrenzspielen: innerhalb von HelferInnenteams, von helfenden Systemen untereinander, zwischen "helfenden" und "gestörten" Systemen. Immer wieder interessiert ihn die Verhinderung dessen, was er "Gerangel" nennt: die Lauten übertönen die Leisen, die Experten die Patienten, die Ranghöheren jene mit niedrigem Status.

Tom Anderson widmet den Elementen des Sprechens und des Gesprächs viel Aufmerksamkeit. Den ineinandergreifenden Zirkeln von Wahrnehmen – Erkennen – Handeln entnimmt er das Bild der Ellipse mit ihren zwei Brennpunkten, dem "inneren" und dem "äußeren" Gespräch, womit er dem systemischen Paradigma, daß "Realität" nur als aus Beziehung entstandene Übereinkunft denkbar ist, konsequent auch in Bezug auf innerpsychische Konstruktion von Realitäten Rechnung trägt.

Anderson ist überzeugt vom "Nutzen, den es hat, wenn man eine Konversation als Austausch von Ideen ansieht" (S.50). Sind die Ideen des Gegenübers "angemessen ungewöhnlich" – bedrohen also die eigene Integrität nicht, stellen aber Fragen, die Veränderungen ermöglichen – so schafft dies einen Rahmen für die Lösung eines Problems. (Das ist "etwas, das man nicht verlassen kann und das man für veränderungsbedürftig hält.", S. 51)

Grundlagen der Arbeit des reflecting team ist die unmittelbare Beteiligung aller Mitglieder eines festgefahrenen Systems an der Kommunikation über das Problem. Dabei stellt das Team jeweils seine Wahrnehmungen, Ideen, Überlegungen zu den Interviews, die ein/e BeraterIn mit den Beteiligten – KlientInnen, Angehörige, ExpertInnen - führt, zur Verfügung. Danach kommen wiederum die Beteiligten zu Wort, um das Gehörte zu kommentieren und in neue Überlegungen überzuführen.

Klinische Skizzen von Anderson, Arlene Katz, Judy Davidson, William Lax und Dario Lussardi beschreiben im 2. Teil des Buches Anwendungsbereiche des reflecting team.

Jürgen Hargens wirft im Vorwort die Frage auf, ob es sich beim reflecting team um eine Methode oder eine Art zu denken handle.

Mir scheint, dass es beim Tromsöer Ansatz vor allem um eine An-Schauung, eine Haltung in der Arbeit mit Klienten(-systemen) geht, aus der sich konsequent der Austausch aller mit allen unter möglichst weitgehender Ausschaltung von Hierarchie und Konkurrenz ergibt. Das wird erreicht durch eine methodisch indizierte Bewegung, eine Mobilität der Ideen, Beschreibungen, Erklärungen und Bedeutungen und durch die Achtsamkeit auf die Zeit, die dieser Austausch benötigt – ein Überdenken, das in der alljährlichen Erfahrung der norwegischen Dunkelheit gedeiht.

Das Mit-Denken dieser Bewegungen sei auch allen LeserInnen empfohlen. Das Tromsöer Modell basiert auf Teilhabe, es will einladen. Das Buch tut mit seinen LeserInnen das Gleiche. Es lädt ein, die Vielfalt des Möglichen sichtbarer zu machen und auf die eigene "systemische Landkarte" einzutragen.

Michaela Judy

 

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Hargens, J.: Bitte nicht helfen! Es ist auch so schon schwer genug. (K)ein Selbsthilfebuch. Heidelberg 2000

Ein lösungsorientiertes Selbsthilfebuch im Stile:"ich erzähle Ihnen etwas, sie müssen es nicht glauben, dürfen tun, was sie wollen und sowieso sein, wie sie wollen, ja das sollen sie auch und ich verstehe, dass sie sich gerollt vorkommen, wenn jemand wüßte, wie es geht. Sie wissen es selbst, das weiß ich. ... "

Beachtenswert finde ich, wie Hargens den Punkt herausarbeitet, dass ich eigentlich weiß oder mindestens eine Ahnung davon habe, was mir hilft, und ich den Zeitpunkt und die Art selbst bestimme, wann und wie ich handle.

Ein kleines Taschenbuch, ungefähr 70 Seiten, schnell gelesen, zum Herschenken an Freunde anlässlich eines Geburtstages ab cirka 30 sehr geeignet (kostet um die 100 öS) oder auch zur persönlichen Erbauung, wenn sonst niemand in der Nähe ist, der einem sagt, dass es eh passt, wie man/frau gerade ist.

Bernahrd Lehr

 

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Kriz, W. Ch.: Lernziel: Systemkompetenz. Planspiele als Trainingsmethode. Göttingen 2000

Es war vor dem Sommer dieses Jahres, da fragte Walter, ob jemand dieses Buch lesen und rezensieren wolle. Ich las den Titel, rundete meine Lippen, wog die 300 Seiten in meinen Händen und dachte mir: Irgendein Tag wird sich schon finden und gescheit schaut es auch aus. Ja ich mach das.

Erster Kontakt: Jedes Buch, das ein Inhaltsverzeichnis und ein zweites Inhaltsverzeichnis mit einigen Zusätzen hat, vermittelt mir: Sei gescheit!

Das Literaturverzeichnis ist 20 Seiten lang, klein geschrieben.

Davor eine Danksagung an Honoratioren: Beispielsweise Herr Prof. Dr. Giselherr Guttmann (Uni Wien, Professor für Psychologie), Prof. Dr. Jürgen Kriz (Vater des Autors, Veröffentlicher von sehr vielen systemischen Büchern) und eine ganze Seite ... Bei sowas beginne ich im Sessel zu versinken.

Ich habe dann noch einige Überschriften gelesen: Beispielsweise auf Seite 49 "Die systemisch-konstruktivistische Perspektive. Triviale und nicht-triviale Maschinen – zwei Weltbilder im Vergleich", beginne ein paar Zeilen zu lesen, denke, das kenn ich, blättere weiter mit dem Gefühl. ich habe nun sicher etwas Gescheites ausgelassen. Aber ob sich jemand auskennt, der die Sache noch nicht kennt, wage ich zu bezweifeln.

Es handelt sich um eine Dissertation, die auf eine Buchveröffentlichung umgekrempelt wurde. Ich schaffte es bis Herbstbeginn nicht, sie Zeile für Zeile zu lesen. Es gibt ein paar Seiten über Planspiele und Wurfspiele mit Bällen, die haben mich noch ein wenig beschäftigt.

Sonst hat es gestaubt beim Lesen und der Autor stand vor meinen Augen in Anzug und Krawatte.

Es gibt anregendere systemisch – konstruktivistische Literatur.

Bernhard Lehr

 

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von Glasersfeld, Ernst: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Frankfurt 1996

Ich habe ein ernsthaftes Problem mit den Konstruktivisten (obwohl ich mich selbst als solchen betrachte). Sowohl Maturana als auch hier von Glasersfeld erzählen - und das tut der Autor sehr eindrücklich und nachvollziehbar - davon, daß eine objektive Erkenntnis von der Welt, unabhängig von den Ideen des Beobachters bzw. auch unabhängig vom Beobachter, nicht vorstellbar ist: Wir wissen etwas über unsere Wahrnehmung, aber wir wissen nicht, was diese Wahrnehmung mit einer möglicherweise unabhängig von uns existierenden Welt zu tun haben könnte.

Gut. Wie gesagt, diese Tatsache macht der Autor sehr klar und deutlich, und ich bin ihm dankbar für die Bestätigung. Auch die philosophiegeschichtliche Entwicklung des konstruktivistischen Denkens ist spannend dargestellt, verflochten mit seiner eigenen Geschichte, im Laufe derer er zu eben seinen Ideen gekommen ist.

Spannend ist auch seine ausfühliche Interpretation Piagets, die tatsächlich klar macht, daß man Piaget zumindest sehr konsistent als Konstruktivisten auffassen kann, und die auch zeigt, um wievieles spannender dann Piagets Aussagen werden.

Die Grundprinzipien des Konstruktivismus habe ich vorher noch nicht so klar formuliert gesehen:

"(a) Wissen wird vom denkenden Subjekt nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv aufgebaut.

(b) Die Funktion der Kognition ist adaptiv und dient der Organisation der Erfahrungswelt, nicht der Entdeckung der ontologischen Realität." (p.48)

In gleichem Sinne sind auch seine Kapitelzusammenfassungen sehr angenehm: Sie helfen wunderbar, zu überprüfen, ob man richtig verstanden hat, was bei manchen Teilen aufgrund der Komplexität nicht von vorneherein sicher ist.

Was aber weiter geschieht, ist, daß dies einerseits belegt und andererseits auch ins Detail weiterentwickelt wird, indem empirische Daten benützt werden: Maturana und Varela leiten den Konstruktivismus aus der Biologie ab, von Glasersfeld geht weiter und erklärt, wie sich menschliches Denken organisiert, und nimmt z.B. die Entwicklung des Kleinkindes dafür her, zu zeigen, wie sich der Begriff des Ich entwickelt.

Ja, jetzt glauben wir, etwas verstanden zu haben! Aber was haben wir verstanden? von Glasersfeld´s erfundene Kinder? Natürlich kann man sich die Entstehung des Begriffes "Ich" so vorstellen, aber jetzt haben wir ja schon wieder etwas, wo es gerade der Konstruktivismus möglich machen sollte, zu denken, daß es auch ganz anders gesehen werden kann. Wozu also eine neue Erklärung der Welt aufbauen, die wir schon kennen und damit die Idee, man könne etwas wissen, erneut nähren? Ist nicht der Sinn des konstruktivistischen Denkens gerade der, sich klar zu machen, daß alles nur so und so ist, weil wir es gerade so sehen, und daß Umdenken bedeutet, eine neue Welt zu schaffen?

Vielleicht gäbe es noch ein wenig Sinn, die Abhängigkeit unserer Wirklichkeit von unserer Sprache aufzuzeigen und detaillierter zu untersuchen: Aber doch wohl nur zu dem Zweck - und der scheint mir das einzige zu sein, wofür überhaupt die konstruktivistische Idee gut sein könnte (und ich halte das für eine der großartigsten Möglichkeiten für uns, von der ich je gehört habe): Der Zweck, herauszufinden aus unserer engen Wirklichkeit, mit der wir doch alle Augenblicke nicht zufrieden sind, den Weg zu öffnen in unendliche Weiten von möglichen Wirklichkeiten, die wir nur zu denken brauchen und schon sind sie "wirklich".

In diesem Sinne habe ich mich auch sehr gefreut, daß v. Glasersfeld besonderen Wert legt auf die Thematik des Unterrichtens, mit der er sich ja sehr lange Zeit selbst beschäftigt hat, und auch hier finden wir wesentliche Impulse, die unter anderem darauf basieren, daß Wissen nicht übertragbar ist, daß wir aber anderen sehr wohl helfen können, selbst eine neue, komplexere, weitere oder interessantere Welt zu erfinden.

Jeder, der jemals sich für Konstruktivismus interessiert hat, sollte dieses Buch lesen, ebenso auch alle anderen: Vielleicht kommen sie ja auf den Geschmack.

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 10; Heft 1/2001

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Cecchin, G.; G. Lane; W.A. Ray: Respektlosigkeit. Eine Überlebensstrategie für Therapeuten. Heidelberg 1996

Der Untertitel "Eine Überlebensstrategie für Therapeuten" klingt schon vielversprechend. Ich habe das Buch mit Neugierde in die Hand genommen und habe es mit steigendem Interesse bis zu Ende gelesen. Ein großer Vorteil der Lektüre ist, daß sie angenehm leicht verständlich geschrieben ist. Es ist außerdem witzig unterhaltsam besonders durch viele Beispiele, unter denen auch einige sind, die nicht erfolgreich beendet werden konnten, die aber doch zum Lernen verhelfen konnten. Das fand ich mutig, denn manchmal hat man den Eindruck, daß Bücherautoren immer erfolgreich arbeiten.

Wogegen wird nun zur Respektlosigkeit ermuntert? Gegenüber die eigenen therapeutischen Methoden und Modelle. Die Autoren laden ein sich bewußt zu werden auf welche Einstellungen bzw. Methoden die eigene Arbeit beruht - das ist noch nicht gerade neu - und dann sich davon zu trennen und überlegen, ob es nicht auch anders gehen würde. Es entsteht ein systemisches Spiel mit neuen Möglichkeiten, wo die Rolle der Kollegen eine wichtige ist. Denn an Hand von Beispielen wird klar - allein ist es selten möglich zu erkennen ,welche Theorie einen wohin verführt hat Das heißt sie stellen die Allgemeingültigkeit der Theorien in Frage. Es geht nicht darum - wer mit welcher Theorie nun recht hat - sondern es geht ganz einfach um den konkreten Nutzen bei dem bestimmten Klienten bei der Arbeit. Das heißt - wenn gar nichts mehr geht oder wenn die Situation chaotisch ist - nicht so wie es sein sollte, dann ist höchste Zeit sich von den eigenen Vorlieben in bezug auf Theorien zu trennen und Neues auszuprobieren und auch die eigene Machtposition des Helfenkönnens aufgeben und die Verantwortung beim Patienten zu lassen. Sie sagen, wenn der Therapeut anfängt sich frustriert zu fühlen, ist es Zeit respektlos zu sein.

Das heißt allerdings nicht, daß die Theorien überflüssig werden, denn "Man muß etwas sehr genau kennen, bevor man in der Lage ist sich ihm gegenüber respektlos zu verhalten". Der respektlose Therapeut unterminiert ständig die Muster und Geschichten der Familien, aber sie fragen weiter, wie gehen sie mit ihren Theorien um?

Mit Hilfe vieler Beispiele zeigen die Autoren konkret, was sie meinen und eröffnen so neue Freiräume für das Handeln der Therapeuten.

Für Sozialarbeiter könnte interessant sein, daß sie auch den respektlosen Umgang und deren Grenzen mit Institutionen miteinbeziehen, denn das ist wohl etwas, was gerade die Sozialarbeit immer wieder betrifft.

In bezug auf Forschung laden sie ein mehr darüber zu forschen, was nicht zu den gängigen Theorien nicht paßt.

Ich fand das Buch auf angenehme Weise spielerisch befreiend, obwohl es eigentlich nichts grundsätzlich Neues, was nicht schon auf eine etwas andere Weise gesagt worden wäre, bringt. Die Autoren haben einfach die Welt der Therapie konsequent mit der Brille der Respektlosigkeit angeschaut und dabei wohl auch selbst Spaß gehabt.

Manchmal passiert es ja, daß man sich zu sehr in die eigenen Theorien verliebt hat, dann lohnt sich die Lektüre auf jeden Fall - wenn nur um die Vorlieben anderer kennenzulernen.

Anneli Arnold

 

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Eugster, R.: Die Genese des Klienten. Soziale Arbeit als System. Bern 2000

Gleichsam als Rezension: Protokoll der dritten "Eugster-Sitzung" am 28.4.2001

Anwesend: Walter, Michaela, Hannes, Bernhard, Susanne

Abwesend: Anneli, Michael

Der Literaturarbeitskreis des Arbeitskreises für systemische Sozialarbeit, Beratung und Supervision (ASYS) trifft sich innerhalb von vier Monaten (12. 2000 bis 3. 2001) zum dritten Male um oben genanntes Buch zu besprechen. Bernhard war bei den ersten beiden Treffen nicht dabei. Er übernimmt die Moderation des Abends und hat gerade auch dadurch die Möglichkeit zu fragen: "Lohnt es sich das Buch zu lesen, denn ich muss gestehen, nur kurz darin geblättert zu haben?"

Walter: Hinsichtlich der Thematik "sozialarbeiterische Interventionen" brauche er die Luhmannsche Theorie nicht, es blieben 10–20% Theorie, die von Maturana komme, die für die Praxis relevant sei. Zum Beispiel über die Unmöglichkeit von Verstehen.

Hannes: Er gesteht eine gewisse Begriffsverwirrung. Er sei vom Buch auch begeistert und lese es, wenn möglich, von 24 bis 1 Uhr. (Er sagt es so, dass man meinen kann, Hannes liest gute Bücher um diese Zeit)

Bernhard hört Hannes, wie er von Kommunikationssystem, Bewußtseinssystem, Problemsystem, Laien- und Expertensystem spricht. Tritt ein Berater zu letzteren dazu, entstehe ein Problemlösungssystem...

Walter sagt dazu: Das ist nichts Neues.

Hannes: Es gefällt ihm der Teil, wo von der Perturbation des Bewußtseinssystems durch das Problemsystem gesprochen wird.

Walter und Hannes stimmen überein: Eugster verwendet die Begriffe Interaktionssystem und Kommunikationssystem von Luhmann.

Walter verärgert über eine Feststellung aus dem Buch, es gäbe nichts außerhalb von Gesellschaft. Das sei nicht haltbar.

Hannes liest einen Absatz von Seite 143

Bernhard lacht

Walter ruft: "kompliziert!"

Michaela meint: Es ist so als müsste man eine neue Sprache lernen, die Sprache von Luhmann.

Walter: "Cui bono?" (Wem nützt‘s?)

für die SozialarbeiterInnen unpraktisch (wer hat das gesagt?)

Bernhard: Was waren Erkenntnisse aus dem ersten Abend? Warum habt ihr beschlossen weiterzumachen?

Walter u.a. wiederholen Erkenntnis aus 1.Abend: ...dass es um Luhmannsche Erkenntnistheorie ginge und den Versuch von Eugster eine Handlungstheorie dazu zu entwerfen. Man müsse sich eben lange mit den Luhmannschen Systembegriffen beschäftigen.

Michaela und Bernhard: ...halten Milowiz für praktischer, den Systembegriff handlungsrelevant anzusetzen

...und wir erinnern uns an Walters Buch (für Outsider: Walter Milowiz, Teufelskreis und Lebensweg, Springer Verlag 1998) und den Teil über das Entstehen von Systemen mit dem Bild vom Tanzparkett.

Susanne packt das Buch von Eugster weg.

Hannes will beweisen, dass das Buch doch gut ist und liest das Schlusswort vor (Seite 161), ein Auszug aus Joseph Brodsky, Erinnerungen an Petersburg, München/Wien 1993, Seite 92/93.

Zitat Brodsky: "...Wir brauchten fast ein Leben lang, um zu begreifen, was sie von Anfang an zu wissen schienen; dass die Welt eine rauhe Gegend ist und nichts Besseres verdient hat. Dass "Ja" und "Nein" sich ziemlich gut umschließen, ohne irgendwas auszulassen, dass all die Komplexität, die wir mit großem Genuss entdeckt und zergliedert hatten, uns fast unsere Willenskraft gekostet hatte."

Bernhard: Das spricht eigentlich wieder für Walters Buch. Die Vereinfachung ist wichtig um in der Praxis handeln zu können.

Walter: Wie fängt man ein Krokodil? Man nehme eine Abhandlung von Luhmann oder einem Luhmann-Schüler. Gehe damit zum Nil, setze sich hin und lese. Krokodile sind neugierig und kommen aus dem Wasser. Sie lesen auch und schlafen daher ein. Dann nehme man ein Fernglas, drehe es um und schaue durch. Es verkleinert das Krokodil. Dieses dann schnell in eine Zündholzschachtel stecken!

Hannes macht den Vorschlag: Wir sollten uns bei Herrn Eugster entschuldigen, dass wir es nicht verstehen, denn wir sind vielleicht zu dumm dazu.

Das Buch für den nächsten Literaturarbeitskreisabend wird beschlossen: Cecchin u.a.: Respektlosigkeit.

Bernhard Lehr

Der Anspruch von Eugster ist wohl, die Luhmannsche Theorie für die Sozialarbeit nutzbar zu machen. Das Anliegen finde ich sehr spannend. Allerdings eher mühsam beim Lesen, obwohl der Text viele Anregungen gibt.

Er betrachtet die Sozialarbeit als ein Funktionssystem, um den Zugang zum Identitäskern der sozialen Arbeit zu finden. Die Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit macht dies möglich. Sozialarbeit nährt sich an den dysfunktionalen Folgen gesellschaftlicher Entwicklung. Er setzt sich gleich am Anfang mit der Profession bzw. wissenschaftlicher Disziplin auseinander und versucht dann das Ausgangskonzept, die Theorie Luhmanns, zu vermitteln - wobei er auch andere hineinbezieht, was die Sache nicht gerade einfacher macht.

Auf soziale Arbeit als System kommt er erst auf Seite 91. Hier wird es endgültig klar, daß er einen Beitrag zu Sozialarbeitswissenschaft leisten will und nicht primär die Interventionspraxis im Blickfeld hat, obwohl beide Bereiche sich gegenseitig an- bzw. erregen. Er sagt "der Beitrag ist als Theorie, die sich an Theorie reibt und nichts anderes will als dies, auch nicht die Herstellung des Praxisbezuges"(S.92)

Das heißt, daß die Frage, wie hilfreich sind seine Überlegungen für die tägliche sozialarbeiterische Praxis zuerst einmal ohne Bedeutung bleibt.

Bei der Beschreibung sozialer Arbeit als Funktionssystem muß er nach einer passenden Leitdifferenz (Luhmann) suchen und das ist nicht ganz einfach - er entscheidet sich für Fall / nichtFall, was wohl etwas ist das die operative Schließung des Systems ermöglicht. Die soziale Arbeit reagiert indirekt auf die fortwährend im Vollzug moderner Gesellschaft entstehenden Exklusionseffekte. Das heißt die soziale Arbeit reagiert auf die Folgen der Operationen anderer Funktionssysteme. Daher spricht er auch von sozialer Arbeit als System zweiter Ordnung oder System der Zweitsicherung.

Er sieht soziale Arbeit als Vollzug von Gesellschaft und nicht als Gegenpart von Gesellschaft.

Er versucht dann die Exklusiongeneratoren zu besprechen, wobei ich das Gefühl habe, daß es ein Versuch ist eine Landkarte zu entwerfen, um die komplexen Zusammenhänge und das enorm weite Feld der Sozialarbeit handhabbar zu machen.

Alllerdings bedient er sich luhmannscher Begrifflichkeit und es ist nicht immer sicher, ob man es auch in seinem Sinne versteht.

Interventionstheorie behandelt er erst am Ende des Buches. Interessant ist, daß er von Problemsystem spricht statt von Klientensystem (genau wie Familientherapeuten von Familiensystemen zu Problemsystemen übergewechselt sind) und von Expertensystem für die Sozialarbeiter- beide zusammen bilden ein Problemlösungssystem, was ich für eine gute Lösung halte - dadurch kommt er weg von dem engen Begriff der Beratung.

Das Buch ist extrem anstrengend zu lesen - und es war mir nicht immer klar, wie er das wohl gemeint hat. Beim zweiten Leseversuch allerdings hat sich mir einiges eröffnet und ich fand es an manchen Teilen sehr interessant. Es ist ein Versuch, sich der Sozialarbeit wissenschaftlich zu nähern und stellt nicht den Anspruch für die tägliche Praxis hilfreich zu sein.

Das ist ein Versuch für mich persönlich damit klar zu kommen. Im Literaturkreis fand ich es aber spannend, daß das Buch uns in ziemlich intensive Debatten geführt hat - vielleicht gerade deswegen, weil jeder von uns es in seiner Weise versteht oder auch nicht.

Anneli Arnold

Lieber Bernhard, widerwillig holte ich den bereits ad acta gelegten Eugster hervor, merke, wie nachhaltig ich bereits die Kunst des Vergessens an ihm geübt habe. Denke zurück an den 1. und 2. Termin, suche nach Erinnerungen. Das Ergebnis sind 2 Diskussionssequenzen in meinem Gedächtnis:

1. Erkenntnis- und/versus Handlungstheorie:

Kommunikation (Kommunik-aktion habe ich in einem ersten Versuch geschrieben) entsteht an den Rändern von Systemen, also dort, wo sie in Interaktion treten, und daher notwendig Veränderung ausgesetzt sind. Das ständige Aufeinanderstoßen der Ränder – also die Interaktion - erzeugt Differenz, die über Rückkoppelungsprozesse "organisiert" wird.

So weit, so kompatibel.

Systeme, laut Eugster/Luhmann, sind sich selbst reproduzierende Differenzen, entstehen als System/Umwelt-Differenzen. Die im Differenzvollzug erzeugten Ereignisse beschreibt er als kommunikative Ereignisse, um in Folge die Luhmann’schen Differzierungslinien genauer zu explizieren. Ich weiß jetzt jedenfalls einiges mehr über Luhmann. Weiß ich natürlich nicht, aber ich weiß einiges mehr darüber, wie ich meine, dass Eugster Luhmann versteht.

Natürlich war in ASYS, im Angesicht des Meisters, die Luhmann/Milowiz-Differenz Thema.

Eugster, scheint mir, versucht sehr ernsthaft, die Luhmann’sche Erkenntnistheorie in Handlungstheorie zu übersetzen. Diese Übersetzungsleistung aber wird ihm schwer gemacht. Luhmann will nicht handeln. Er soll aber, weil seine Schüler eine Schule begründen wollen. Daraus entsteht im Buch eine irritierenden Zweiteilung einerseits einer sorgfältigen Auffächerung Luhmann’scher Systemtheorie und andererseits einer Interventionstheorie, die sich an Differenzlinien wie Fall/Nichtfall, hilfsbedürftig/nicht hilfsbedürftig oder Inklusion/Exklusion orientiert und damit eher im Konventionell-Pragmatischen verbleibt.

Walter ist radikal. Eine Erkenntnistheorie, die nicht in sich schlüssig zu einer entsprechenden Handlungstheorie führt, verwirft er letzten Endes. Weiterdenken ist angesagt, wobei zwischen Widersprüchlichkeit und Komplexität unterschieden wird. Erstere kann nur logisch, zweitere mit allen zur Verfügung stehenden Methoden gleichberechtigt untersucht werden. Den Begriff "System" rechtfertigen keine zu findenden und zu postulierenden Grenzen, sondern eine Wahrnehmung, die dieses System in einem bestimmten Kontext als in selbstrepoduzierenden Rückkoppelungsmechanismen befindliches "Ding" beschreibbar macht.

Jetzt reizt mich das Thema eben wieder, es so an konkreten Geschichten/ Fällen/ Handlungsfeldern entlang zu diskutieren, in dieser Differenzierung. Hier könnte weitere Vertiefung doch recht interessant sein. Jedenfalls ist es meine Antwort darauf warum wir/ich weitergemacht haben.

Das von Dir bereits aufgenommene "Cui bono?" Doch, für mich war’s interessant. "Systemtheorie" oder "systemisches Arbeiten/Denken" sind mittlerweile inflationär verwendete Begriffe, die aber ihrerseits so vielfältige wie unzusammenhängende Wirkungen entfalten. Als öffentlicher Diskurs (das meint eine Art des Darüber-Redens, die Übereinstimmung, bzw. Gemeinsamkeit herstellt und daher Wahrnehmung strukturiert, da wir Diskurse nicht als konstruiert, sondern als selbstverständlich empfinden) ist nun "Systemtheorie" aber selbst ein System innerhalb der Gesellschaft geworden, also ein "Ding", das in seinen Ausformungen unterschiedlichster Provenienz gesellschaftliche Wirkungen entfaltet. Moden kreiert, Auseinandersetzungen provoziert. (Diesen Wirkungen nachzugehen, wäre eine eigene Abhandlung.)

Eine Spielart dieser Diskurse näherzuholen, besser kennenzulernen (besonders fundiert war sie eh nicht, meine Auseinandersetzung) hat für mich Reiz und Wert. Es hilft zu unterscheiden, und nichts anderes bedeutet letztlich Theorie.

Dank an Dich für die Zusammenfassung und an Walter für den Rüffel, dass er immer noch keine Reaktion ... Beides hat mir dazu verholfen, wenigstens ein paar Stichworte nun schwarz auf weiß zu haben.

Liebe Grüße,

Michaela Judy

Ich denke, den Versuch war’s wert. Es irritiert mich, wenn ich etwas lese und nicht herausfinde, wozu es gut sein könnte. Deshalb habe ich vorgeschlagen, daß wir Eugster im Literatur-Arbeitskreis behandeln.

Daß wir uns mehrere Male mit ihm beschäftigt haben, liegt daran, daß wir nie zu einem befriedigenden Abschluß kamen, das Buch nur teilweise gelesen, keine Schlüsse gezogen wurden. Zuletzt haben wir, denke ich, einfach aufgegeben.

Mir scheint der Teil, der die Sozialarbeit in die Gesellschaft einordnet, schlüssig, wenngleich mir eine Kategorie "Fall / nichtFall" völlig unzureichend erscheint, sie könnte für die Medizin ebenso gelten wie für das Rechtswesen. Vielleicht wäre Luhmann einverstanden gewesen. Der Übergang zur Handlungstheorie aber ist meiner Meinung nach nicht gelungen.

Das Buch mag sich für manche dazu eignen, daß wieder einmal ein Thema da ist, wo man beweisen kann, daß man auch hier mitreden kann, daß man auch diese eindrucksvolle Sprache beherrscht. Irgendwann wird der Diskurs wohl wieder so etwas wie Realität stiften, bis dahin hoffe ich, daß die Praxis auch etwas Brauchbareres zur Verfügung hat. Ich habe zu oft miterlebt, daß Luhmann-Schüler andere Theorien nach Luhmann-Kriterien aburteilen, um das gutzuheißen.

Ja, ich wiederhole meine Frage: Cui bono?

Und ich wüßte gerne eine Antwort.

Walter Milowiz

 

Lfd. Nr. 11; Heft 2/2001

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Voigt-Hillmann, M., W. Eberling, M. Dahm, H. Dreesen (Hrsg.): Gelöst und Los! Systemisch-lösungsorientierte Perspektiven in Supervision und Organisationsberatung Dortmund 2000.

Wie haben sie - die Herausgeber dieses Sammelbandes - das bloß gelöst: ein Buch zusammenzustellen, das sowohl einen klar nachvollziehbaren roten Faden hat als auch die Vielfalt der Zugänge zu einer Methode - dem lösungsorientierten Beratungsansatz - sichtbar macht; das die AutorInnen auf theoretische Fundierung ihrer Ansätze verpflichtet um genau damit die Voraussetzung für die praktische Nutzbarmachung und Übertragbarkeit des Gelesenen zu schaffen; in dessen Texten Abstraktion also nachvollziehbar auf die entsprechenden Handlungsfelder rückbezogen wird.

Das Buch ist die Folgepublikation einer gleichnamigen Tagung im Jahre 1998. Es gliedert die Aufsätze in drei thematische Blöcke: "Annahmen und Methoden zur systemisch-lösungsorientierten Supervision und Beratung", der umfangreichste Teil, widmet sich den Grundlagen und Begriffsklärungen. Die Bandbreite reicht dabei von Gedanken und Anregungen zu systemisch-lösungsorientierter Praxis in Supervision und Coaching (M.Voigt-Hillmann/W.Eberling) über den Systemischen Ansatz in der Supervision (Jürgen Linke) hin zu Fragen der Nutzbarmachung des Ansatzes für die klinische Arbeit (Jürgen Hargens), das Iterative Reflecting Team - eine Weiterentwicklung der Methode von Tom Andersen - (M.Dahm/Siang Be), eine Differenzierung zwischen Psychotherapie und Coaching in inhaltlicher wie methodischer Sicht (Willfried Depnering) und Methaphern in der Supervision (Bernd Kuhlmann). Weitere drei Beiträge sind unter "Systemisch-lösungsorientierte Supervision und Beratung von Gruppen und Teams" zusammengefasst. Der letzte thematische Block widmet sich "Systemisch-lösungsorientierter Beratung in Organisationen".

Der Band richtet sich im Wesentlichen an ExpertInnen, also an BeraterInnen, wobei ich einige der vorgestellten Artikel auch für ManagerInnen oder PersonalentwicklerInnen für nützlich halte. Ich denke hier besonders an Walter Schwertls Beitrag zur Teamentwicklung mit einer genauen Abgrenzung des Teambegriffs und den daraus folgenden methodischen Implikationen. Weiters an die beiden Beiträge zu systemisch orientiertem Qualitätsmanagement von Ellen Karrenbach/Annette & Michael Mehlmann/K.-P. Schwabe und von Ewald Brunner. Zwei Beiträge würde ich den Leselisten aller Supervisionsausbildungen als Grundlagenliteratur empfehlen: Jürgen Linkes: "Der systemische Ansatz in der Supervision" und "Supervision in Arbeitssystemen" von Heinz Kersting.

Schließen möchte ich mit meinen beiden persönlichen Favoriten: "Der Systemische Ansatz in der Supervision" von Jürgen Linke und "Systemische Teamsupervision - ein Spiel mit Spielregeln" von Andrea Ebbecke-Nohlen. Was der Beitrag von Linke m.E. leistet, ist, "Systemisch" als Handlungs- und Wissensfeld von Methodeninventarien abzugrenzen und unterscheidbar zu machen. So kommt er zu Grundprinzipien systemischer Supervision, nämlich Kontextualisierung und Perspektivwechsel, Sensibilisierung der Supervisanden für Zirkularität und Rekursivität, Rekonstruktion vieler Probleme als Probleme des Wandels, sowie Ressourcenorientierung. Eingang in meine Praxis wird wohl die Anregung von Ebbecke-Nohlen finden, "Supervision ... auch im spieltheoretischen Sinn als Spiel zu betrachten," d.h. "als einen zeitlich und räumlich begrenzten Interaktionsprozeß (zu) beschreiben, der mehr oder weniger zielgerichtet und regelgeleitet abläuft und auch Spaß machen darf." Mich unterstützt diese Idee in der ständigen Erinnerung, dass Supervision eine Übungs- und Reflexionsfeld darstellt und Lösungen hier bestensfalls erfunden werden können, aber nur dann wirksam werden, wenn die SupervisandInnen sie in ihrem Arbeitsalltag wiederfinden und integrieren.

Kurz: Ich fand diesen Sammelband außerordentlich nützlich und anregend. Ich empfehle ihn allen InteressentInnen an systemisch-lösungsorienten Beratungsansätzen und PraktikerInnen im Beratungsbereich uneingeschränkt.

Michaela Judy

 

 

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Berg, I. K. & S. Kelly: Kinderschutz und Lösungsorientierung. Erfahrungen aus der Praxis – Training für den Alltag. Dortmund, 2001

Schon seit einigen Jahren habe ich den lösungsorientierten Ansatz in die systemische Fortbildung für SozialarbeiterInnen integriert, und Berg’s Bücher waren dafür ausschlaggebend, dienten auch als Grundlage. Nun ist hier ein Buch entstanden, das ganz auf einen der Kernbereiche der Sozialarbeit zugeschnitten ist: Die "Child Protective Services (CPS)" – auf die sich das Wort "Kinderschutz" bezieht, haben ähnliche Aufgaben wie bei uns das Jugendamt bzw. Amt für Jugend und Familie. Und bei aller Unterschiedlichkeit der gesetzlichen Lage ist von der Grundeinstellung über die anschaulichen Fallbeispiele und die Grundrichtlinien zur Orientierung in bestimmten Zusammenhängen bis zu den im Buch bereitgestellten Handouts für lösungsorientierte Fortbildung in dem Bereich alles direkt für uns nutzbar.

Berg hat sich mit S. Kelly, einer Sozialarbeiterin, die in den "CPS" arbeitet, zusammengetan und wirklich gründlich alle Stationen der Arbeit durchforstet, um zu sehen, mit welchen Problemen und Bedingungen die SozialarbeiterIn konfrontiert ist, und wie diese lösungsorientiert angegangen werden können, wie man sich Probleme mit den Eltern schaffen kann und wie man zu Lösungen mit ihnen finden kann.

Im Gegensatz etwa zu Cirillo und Di Blasio (Cirillo, St. & P. Di Blasio: Familiengewalt. Ein systemischer Ansatz. Stuttgart 1992) vertritt Berg einen möglichst wenig konfontativen Ansatz in der Auseinandersetzung mit gewattätigen Eltern, obwohl der gesetzliche Auftrag des Schutzes des Kindeswohls mit dem österreichischen übereinstimmt: Sie geht zunächst davon aus, daß die Eltern bemüht sind, das Richtige und Beste für ihr Kind zu tun und betätigt sie darin soweit, bis sie mit ihnen auch über die Probleme und die Wirksamkeit von Gewaltakten sprechen kann. Daß man trotzdem auf Grenzen stoßen kann, wird aber nicht übersehen.

So wird das ganze zu einem Sammelband von Anregungen für die Praxis, in dem auch das Verständnis für die Schwierigkeiten der PraktikerInnen nicht fehlt.

Trotzdem schreit das Buch nach mehr, als nur gelesen zu werden: man müßte anhand des Buches trainieren, um sich immer wieder fit zu machen für lösungsorientiertes Umgehen mit den schwierigen Situationen, die die PraktikerIn täglich erlebt. Und auch dafür gibt es Hilfen und Anregungen, wie etwa die erwähnten Arbeitspapiere im Anhang.

Das Buch ist ein Muß für alle im Bereich der Kinder- und Jugendwohlfahrt, die glauben, sie könnten vielleicht noch etwas besser machen und es dabei doch leichter haben.

Walter Milowiz

 

 

Lfd. Nr. 12; Heft 1/2002

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De Jong, P. & I. K. Berg: Lösungen (er)finden. Das Werkstattbuch der lösungsorientierten Kuzzeittherapie. Dortmund 1998

I. K. Berg hat mit ihrem Mann (S. DeShazer) und anderen KollegInnen am Brief Family Therapy Center in Milwaukee den lösungsorientierten Ansatz entwickelt.

Während DeShazer mehr über die Entwicklung und Theorie des Ansatzes schreibt, findet sich in De Jongs und Bergs Buch eine handfeste Anleitung zur Anwendung des Ansatzes in Beratung und Therapie. Sie nehmen dabei Bezug zu verschiedensten bestehenden Ansätzen, mit denen es Gemeinsamkeiten gibt, wie etwa Biesteks Grundsätzen der helfenden Beziehung, Rogers personenzentrierter Gesprächstherapie, und zum Empowerment-Ansatz der Sozialarbeit.

Ihre theoretische Einführung bleibt aber kurz – sie selbst nennen den Ansatz einen "atheoretischen", und vermittelt eher so etwas wie Glaubensgrundsätze, die ein nützliches Gespräch fördern sollen: Davon vor allem die Überzeugung, daß jeder Mensch die Lösungen für seinen Probleme in sich trägt.

Ich habe mich selbst dann mit theoretischen Aspekten beschäftigt und festgestellt, daß alle ihre methodischen Prinzipien sich als Mittel darstellen lassen, um einen der Faktoren, die allen Probleme gemeinsam sind, durchbrechen bzw. verändern und somit ist der Ansatz auf systemischer Basis auch sehr leicht theoretisch belegbar.

Danach ist der Aufbau des Buches ganz an der Praxis orientiert: Mit handbuchartiger Gründlichkeit beschreiben die Autoren Schritt für Schritt die grundlegendsten Techniken und Vorgangsweisen:

Es sind vor allem die Wunderfrage, mit der die Zielorientiertheit initiiert wird, das Erfragen von Ausnahmen und Unterschieden und die Einführung und Verwendung von Skalierungen, die mit vielen prägnanten und einprägsamen Beispielen beschrieben werden und als handfestes Instrumentarium im Gedächtnis bleiben. Auch die jedes Gespräch abschließende Rückmeldung, die eine Zusammenfassung des Problems, die Anerkennung der Lösungsmöglichkeiten, die die KlientInnen schon erkannt haben und die Aufforderung, davon mehr zu machen, enthalten muß, wird anhand vieler Beispiele genau klar gemacht.

Darüber hinaus wir auch an den Beispielen deutlich, wie wirksam es ist, an den Geschichten der Klienten das Augenmerk ganz auf die Leistungen zu legen, auch während diese gerade von ihrem Unglück oder ihren Selbstzweifeln berichten: De Jong und Berg nennen das das Wechseln von der Problemsprache zur Lösungssprache.

Es gehört eine gehörige Portion Übung dazu, sich von der gewohnten problemorientierten Sichtweise zu lösen und sich Fähigkeiten und Lösungen von Anfang an zuzuwenden, und zwar nicht nur für die Klienten. In den Anfangsphasen lassen sich die Berater in den Übungssituationen oft sehr schnell verführen, Probleme und Hintergründe genau zu erfragen. Doch das Buch macht mit lebendigen Transkripten hervorragend deutlich, wie es anders geht. Ich selbst war immer wieder überrascht über das Potential, das auf diese Weise freigesetzt wird, wenn ich - aus Demonstrationsgründen - diszipliniert beim Suchen nach Zielen und Fähigkeiten geblieben bin, obwwohl ich eigentlich den Wunsch verspürte, anders vorzugehen,.

Zur Sprache kommt auch die Unterscheidung Besucher/Klagender/Kunde, die inzwischen schon Allgemeingut in der Sozialarbeit ist und dort gute Dienste leistet.

Mir scheint, der lösungsorientierte Beratungsansatz ist derzeit das beste, was in Hinsicht auf Beratunggstechniken auf dem Markt ist, und es gibt wohl keine Autoren, die ihn anziehender und anschaulicher vermitteln können als De Jong und Berg. Das Buch sollte jeder lesen, der in irgendeiner Weise mit Beratung zu tun hat – nicht nur im gesamten sozialen und pädagogischen Bereich, sondern auch jeder Vorgesetzte oder Personalchef, der seine Leute dabei unterstützen will, ihr bestes zu tun bzw. zu geben.

Eine Gefahr sehe ich auch: Ich habe von Leuten, die eine entsprechende Ausbildung gemacht hatten, erlebt, daß sie nur mehr die Techniken sehen bzw. anzuwenden versuchen ohne die dahinterliegende Philosophie bzw. Theorie zu verstehen: In dem Fall bietet der lösungsorientierte Ansatz ebensoviele Fallen, in denen man sich verstricken kann, wie jede andere Methode.

Walter Milowiz

 

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Walter Milowiz: Teufelskreis und Lebensweg - Systemisches Denken in der Sozialarbeit. Wien NewYork 1998

Walter Milowiz, Psychologe, Psychotherapeut, Supervisor, Professor an der Bundesakademie für Sozialarbeit in Wien, hat hier ein Buch für Praktiker der Sozialarbeit geschrieben.

Das 206 Seiten umfassende Werk ist in vier große Kapitel gegliedert (Theorie, Methodik, Praxis, Ausbildung), grafische Darstellungen und Fallbeispiele aus der Praxis der Sozialarbeitmachen es gut lesbar und interessant.

Zum Inhalt: Der Definition sozialer Systeme, deren Strukturen und Wirksamkeit sowie dem Einfluß auf das Entstehen von Abweichung und Dysfunktionalität, von sozialen Problemen, wird viel Aufmerksamkeit gewidmet, da sich laut Milowiz professionelle Sozialarbeit definiert als Mittler zwischen großen Sozialsystemen und Individuen resp. kleinen sozialen Systemen und deswegen beide Seiten des Konflikts erkennen und achten muß. Da in der täglichen Sozialarbeit immer nur ein kleiner Teil eines Konfliktsystems, z.B. eine Familie, beraten und begleitet wird, ist es unabdingbar für eine erfolgreiche Arbeit, den Blick auf das Gesamtsystem richten zu können und die nicht anwesende(n) "Konfliktpartei(en)", deren mögliche Beweggründe, Annahmen und Ziele, quasi stellvertretend in die Arbeit mit einzubeziehen.

Dies ist schwieriger, als es erscheinen mag, da es eine Abkehr von der "Parteilichkeit" impliziert (nicht aber von der Verantwortlichkeit für die Lösung des Konfliktes). Es ist ein Unterschied, ob man die Menschen in "Opfer" und "Täter" bzw. "Schwache" und "Starke" einteilt (und damit auch der Gefahr des "Festschreibens" unterliegt) oder ob man in einem demokratischen Land wie Österreich davon ausgeht, daß grundsätzliche Rechte und gesellschaftliche Möglichkeiten für jeden Bürger gelten und von der Auflösung eines Konfliktes beide Seiten profitieren. Diese Haltung ermöglicht einen anderen helfenden Zugang und verdeutlicht, daß Sozialarbeit nichts mit edelmütigen Almosen zu tun hat.

Der Autor sieht die Integration systemischer Aspekte nicht als Ablöse der klassischen Methoden der Sozialarbeit, sondern als ein Denk- und Handlungsmodell, um die Qualität der Sozialarbeit zu verbessern. Und dies zeichnet dieses Buch besonders aus.

Laut Milowiz ist systemisches Denken und Handeln in der Sozialarbeit keineswegs damit verbunden, die Kommunikation derart zu reduzieren, eine gute Intervention zu setzen und darauf zu hoffen, daß diese aufgeht. Gerade bei Kleinten(systemen), bei denen auf Grund ihrer bedrohlichen sozialen Situation oder momentaner Befindlichkeit wie Suizidalität eine massive Gefährdung gegeben ist, wäre es fahrlässig, auf die klassischen Methoden der Intervention zu verzichten. Wichtig ist aber, im Nachhinein in der Arbeit mit dem Kienten(system) das dazugehörige Interaktionsspiel zu erkennen und es durch geeignete Interventionen zu "stören", um den Lauf des "mehr desselben" zu verändern. Auch sozialpolitische Arbeit betont Milowiz als Notwendigkeit und Möglichkeit, systemisch zu intervenieren.

Die angeführten Fallbeispiele aus verschiedenen Bereichen der Sozialarbeit verdeutlichen sehr anschaulich, welche erstaunlichen Lösungen möglich sind, wenn man sein Augenmerk vom Symptomträger weg auf die Interaktion mit der Umwelt richtet und mittels zirkulärer Fragen, Umdeuteungen, Umformulierungen und vielem mehr eine andere Form der Kommunikation ermöglicht.

Im kurz gehaltenen Abschnitt "Ausbildung in Systemischer Sozialarbeit" bemängelt der Autor, daß Sozialarbeiter bis vor einigen Jahren ihr systemisches Wissen nur aus therapeutischer Literatur oder im Rahmen familientherapeutischer Ausbildungen erwerben konnten, wa zur Abwanderung vieler Sozialarbeiter in den psychotherapeutischen Bereich führte. Seit 1990 gibt es an der Bundesakademie für Sozialarbeit in Wien eigenen Lehrgang für Systemische Sozialarbeit, wo u.a. auf systemischer Grundlage der Einsatz klassischer sozialarbeiterischer Methodik geübt wird.

"Teufelskreis und Lebensweg - Systemisches Denken in der Sozialarbeit" ist ein unabdingbares Werk für Sozialarbeiter, die sich in diese Materie einarbeiten wollen.

E. Mair-Lengauer

 

 

Lfd. Nr. 13, Heft 2/2002

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Prior, Manfred: MiniMax-Interventionen. 15 minimale Interventionen mit maxi-maler Wirkung. Carl-Auer-Systeme, Heidelberg 2002.

Mit dem geringstmöglichen Aufwand den größtmöglichen Effekt erzielen und sofort umsetzbar sein: Manfred Prior geht es bei den MiniMax-Interventionen "um die kleinen Feinheiten sprachlicher Kommunikation." In dem knappen Büch-lein werden 15 Interventionen vorgestellt, die Psychotherapeuten und Beratern das Arbeitsleben erleichtern sollen. Dieses Versprechen macht auch die Beraterin neugierig und so...

Worum geht es also bei den MiniMax-Interventionen?

Im Wesentlichen stellen die Interventionen auf Vergleiche ("Bisher war es so...", "Ihr Problem ist vergleichbar mit...") zirkuläre Fragen ("Angenommen, sie würden...") und lösungsorientierte Ansätze - also das Fokussieren auf Fähigkeiten und mögliche Lösungen - ab.

Interessant und amüsant lesen sich die Interventionen, die mit Verneinungen ar-bei-ten: "Nicht-Vorschläge" und "In jedem Satz eine verständnisvolle Verneinung". Nicht-Vorschläge stellen jedem Ratschlag eine Verneinung voran, wie z.B. "Es ist (noch) nicht nötig, dass..." oder "Sie müssen jetzt noch nicht...", und geben dem Klienten so einen größeren Spielraum, anzunehmen oder abzulehnen.

Die "verständnisvolle Verneinung" beschreibt die Fallvignette eines Patienten, der durchgehend über Negationen kommunizierte und folgerichtig durch das, was Prior "die therapeutische Folklore des positiven Denkens" nennt, nicht an-sprech-bar war. Erst als der Therapeut seinerseits verneinende Sprachformen anzu-wen-den begann, wurde ein Gespräch mit diesem "schwierigen, widerständigen" Patienten möglich. Und auch mit dem Pflegepersonal, das den Patienten längst als "besonders schwierig" eingestuft hatte, konnte durch Formulierungen wie "Es ist nicht leicht, an Herrn L. etwas sympathisch zu finden" ein neuer Zugang zur Person des Patienten gefunden werden.

Jedes der 15 Kapitel wird am Ende von einem Bären-Cartoon mit Rechtschreibproblemen kommentiert, was mir meist etwas zusammenhanglos erschien und daher eher ärgerlich war.

Alles in allem jedoch kann das Buch für jene, die noch keine Erfahrungen mit lösungsorientierten Ansätzen haben, einen leicht lesbaren Einstieg darstellen.

Michaela Judy

 

 

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Dörner, Dietrich: Bauplan für eine Seele. Rohwolt, Reinbek bei Hamburg 2001

Ich habe selbst meine Dissertation darüber geschrieben, daß und wie ein biochemischer Organismus ein tiefenpsychologisches Bewußtsein sein kann (Nervenzelle und Tiefenpschologie. Versuch einer naturwissenschaftlichen Theoriebildung. Salzburg 1976) und war daher sehr erfreut, als ich auf den Titel dieses Buches stieß, in der Hoffnung, Bestätigung zu finden. Insbesondere auch, als mir Dörner's früheres Buch "Die Logik des Mißlingens" sehr gut gefallen hatte.

Und tatsächlich legt Dörner hier in sehr klarer Weise Stufe für Stufe, Schritt für Schritt auf den Tisch, wie verschiedenste Eigenschaften und Funktionsweisen erzeugbar wären, die man einer Maschine normalerweise nicht zutrauen würde, sondern nur diesem unerklärlichen Phänomen "Geist" bzw. "Seele". Er beginnt mit der Fähigkeit seiner Maschine, einfach Mangel (Wie etwa Nahrungsmangel) zu erleben und zu beheben. Und über Erkennen, Ziele, soziale Wahrnehmung und vieles mehr geht es dann durch bis zur Moral und Selbstreflexion. Keine Widersprüche zu dem, wie wir geistbehaftete Menschen beschreiben, aber mit - wenn auch nur theoretisch durchgedacht - technisch realisierbaren Mitteln. Das ist überzeugend. Und es erscheint mir kaum widerlegbar: Ich glaube, im Ernstfall könnte man die Maschine bauen und sie würde funktionieren. Natürlich kann dann immer noch jeder hergehen und den Geist, die Seele des Dinges leugnen: Es ist nur eine Maschine, die Geist und Seele imitiert.
Soweit glaube ich, sollte man die Angelegenheit sehr ernst nehmen: Wenn all dies technisch machbar ist, warum sollte es dann nicht Platz finden in der Physiologie des Organismus? Und: Wenn es Platz findet in der Physiologie des Organismus, dann gibt es sowieso keinen vernünftigen Grund außer der Komplexität, warum es nicht technisch imitierbar sein sollte. Worin unterscheidet sich eine einwandfreie Imitation eines Geistes von einem Geist?

Die Sache wird allerdings schon in Dörners Beschreibung sehr kompliziert, so kompliziert, daß es mir schwer fiel, das ganze Buch durch bei der Sache zu bleiben. Und dabei muß man, geht man seinen Weg, noch mit wesentlich höherer Komplexität rechnen, wenn es ernst wird, wenn wir denn wirklich eine Menschen genau darstellende Maschine bauen wollten. Und das liegt daran, daß die Eigenschaften, Fähigkeiten und Verhaltensweisen, ganz in guter alter behaviouristischer Tradition, taxativ gesammelt und hergestellt werden. Durchaus in konsequenter Reihenfolge, aber eben doch taxativ. Der grundsätzliche Bauplan wird extrem kompliziert, weil wir das Ergebnis aus jeder Menge Details zusammensetzen wollen. Die Natur hingegen hat - so sagen jedenfalls die Chaostheoretiker - sehr viel einfachere Gesetze und Formeln, nach denen dann auch hochkomplexe funkionierende Organismen, Geister und Seelen sozusagen von selbst entstehen können, wenn sie denn in ihre Umwelt gerade hineinpassen. Wie das geht, wäre auch einmal einer gründlicheren Beschreibung wert. Dann hätten die Seelen auch ihre alte Unfaßbarkeit wieder, ohne deshalb technisch geheimnisvoll sein zu müssen.

Wie ich Dörner verstanden habe, ist sein Anspruch nicht, die beste Möglichkeit, eine Seele zu konstruieren, gefunden zu haben, sondern zu zeigen, daß das prinzipiell geht. Und das hat er meiner Ansicht nach auch bewiesen.

Walter Milowiz

 

 

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Wolf Ritscher: Systemische Modelle für die Soziale Arbeit. Ein integratives Lehrbuch für Theorie und Praxis. Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2002

Wie kann man systemische Modelle für die soziale Arbeit nutzen, ist die Frage, die gestellt wird. Es geht nicht darum eine systemische Sozialarbeit zu definieren oder sich mit der Frage "Was ist systemisch zu beschäftigen?"Insofern ist das Buch angenehm Praxis bezogen.

Die Haltung von Prof Ritscher ist eine akzeptierende gegenüber "allen" Modellen, die auf dem Feld benutzbar sind-nicht nur gegenüber der systemischen. Er zitiert Freud, Lacan, Lazarus, Cohn, Antons - auch viele Philosophen - genauso wie Bateson, de Shazer, Boscolo, Haley, Imber-Black oder wen nun immer und beschreibt deren "Modelle". Sein Wissen über die verschiedenen Arbeitsrichtungen ist bewundernswert. Das hat mich anfangs etwas verwirrt, weil er mit den Unterschieden, die ja bekanntlich öfter heiß diskutiert werden, zwischen systemischen und anderen Arbeitsrichtungen integrativ umgeht: "Systemische Theorie sollte also in ihrem Weltbild Platz lassen für tiefenpsychologische, philosophische, spirituelle, gesellschaftskritische Diskurse und sie als eigensinnige Partner bei der Beschreibung der Welt und dem Handeln in ihr willkommen heißen." Ob diese Haltung immer nutzbringend für systemisch arbeitende Sozialarbeiter ist, möchte ich für zukünftige Diskussionen offen lassen.

Auch in Bezug auf die Sozialarbeit in ihrer "alten" Praxis, meint er - schon in der Einführung des Buches -, daß "die Sozialarbeit immer schon eine systemische Orientierung hatte" und es gelingt ihm auch das zu "beweisen". Dadurch wird es möglich das Gelernte und bis jetzt Praktizierte als Grundlage zu nutzen und die Berührungsängste vor etwas ganz Neuem und Anderem zu vermeiden. Außerdem ist der Ausgangspunkt der Darstellung eine Gegenstandsbeschreibung der Sozialen Arbeit in Ausbildungscurriculum für Sozialarbeiterinnen - er benutzt immer die weibliche Form - an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen.
Der Aufbau des Buches von systemischen Metatheorien über Familienkontexte bis zu systemischen Handlungssrichtlinien für die Soziale Arbeit bietet die Möglichkeit, sich mit dem komplexen Gewordensein sowohl der Systemtheorie wie der Sozialarbeit auseinanderzusetzen.

Das Buch ist ein klar strukturiertes Lehrbuch für systemische Sozialarbeit - in Kapitel 6 werden die verschiedenen systemischen Methoden vorgestellt. Er entwirft ein Bild von verschiedenen Richtungen bezogen direkt auf die vorhandenen Quellen, was hilfreich ist, wenn man eventuell sein Wissen noch vertiefen möchte in die eine oder andere Richtung. Man kann das Buch nutzbringend als Richtschnur nutzen z.B. beim Erstinterwiev um sicher zu gehen, daß man ja auf nichts Wichtiges vergißt. Allerdings ist es etwas anstrengend, das Ganze in einem durchzuackern, weil so viele Perspektiven und Möglichkeiten sich eröffnen, ohne daß es möglich wäre sich näher mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Die Beispiele am Ende des Buches sind angenehm unspektakulär praxisnahe und zeigen wie scheinbar mit kleinen einfachen Schritten Veränderungen entstehen können.
Ich hatte beim Lesen das Gefühl, daß der Tisch so reichlich gedeckt war, daß es gar nicht mehr möglich war alles auf einmal zu genießen. Daher die Empfehlung das Buch wirklich als Lehrbuch zu nehmen und es in kleineren Portionen zu genießen oder durchzuarbeiten. Dadurch kann man Klarheit in die Vielfalt der entwickelten Theorien und deren mögliche Praxisanwendung in der Sozialen Arbeit bringen.

Anneli Arnold

 

 


Lfd. Nr. 14, Heft 1/2003

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Schlippe, Arist von & Jochen Schweitzer: Lehrbuch der systemischen Therapie & Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht (2002)

"Ein Problem ist etwas, das von jemandem einerseits als unerwünschter und veränderungsbedürftiger Zustand angesehen wird, andererseits aber auch als prinzipiell veränderbar." (S.103)

Unerwünscht, offenbar, war der Zustand, dass es keinen Überblick über "den Stand der Kunst" in systemischer Therapie & Beratung - wobei die Autoren hier keine grundsätzliche Trennlinie ziehen - gab. So machten sich Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer auf, diesen Zustand zu verändern, mit dem Resultat eines sehr übersichtsichtlichen, kenntnisreichen Buches, das vielen systemischen Strömungen gerecht wird, ohne die theoretischen Grundlagen zu verwässern.

Den Kernfragen systemischer Theorie - Was ist wirklich? Was verursacht was? Wie erzeugen wir soziale Wirklichkeit? - wendet sich das Buch nach der Darstellung den Geschichte und den Grundzügen der Theorie zu. Die Leserin hat zu diesem Zeitpunkt also bereits einen Bezugsrahmen, der den Zugang zu diesen Fragen strukturiert. Gängige Fehlverständnisse - Systemtheorie erhebe die Beliebigkeit zum Prinzip, sei, weil selbst positionslos, bestenfalls konservative Sozialtechnologie - sind kaum noch aufrechtzuerhalten, wenn man sich dieses Basiswissen sorgfältig angeeignet hat.

Im Kapitel "Kritische Einschätzung systemischer Beratung" am Ende des Buches werden diese häufigsten Einwände diskutiert. Spannend für mich: "Wie frauenfeindlich ist die systemische Therapie?" Die ernüchternde feministische Antwort: so frauenfeindlich, wie die/der BeraterIn. Systemisches Denken gerät dort in Widerspruch zu feministischen Positionen, wo implizite Werturteile über die Geschlechterdifferenz zu absoluten gemacht und so aus der Verhandelbarkeit ausgenommen werden.
Im Theorieteil wird hingegen noch ein anderer Problembereich sichtbar: der scharfe Widerspruch, in den sich Systemtheorie zu allen Bedürfnissen begibt, "innere Gefühle" teilen und "verstehen" zu wollen. Konkret: wenn man der spätestens seit Watzlawik gültigen Prämisse folgt, dass man über eine andere Person niemals mehr wissen kann, als unsere Wahrnehmung einer konkreten Interaktion uns zur Verfügung stellt (was keine Aussage darüber ist, wer oder was diese Person "ist"), dann ist die Richtung der "personzentrierten Systemtheorie" (Kriz), die wieder einmal gültige Aussagen über innere Prozesse treffen will, unsinnig.

Hier gehen von Schlippe und Schweitzer nicht auf dem Widerspruch ein, bleiben bei der Darstellung.

So kurzweilig wie brauchbar fand ich das große Kapitel über Praxis und Praxisfelder: den Autoren ist es gelungen, das komplexe und kreative Feld der Anwendungen einigermaßen übersichtlich und dennoch nachvollziehbar darzustellen. Eine Hilfe für die Praktikerin und ein gelungener Einstieg für den Anfänger!
Das letzte Kapitel ist mit "Glauben Sie keinem Lehrbuch!" übertitelt. Das sollten Sie auch keineswegs tun, solange Sie nicht ganz sicher sein können, dass es wirklich das Wesentliche der Systemtheorie vermittelt.

Aber lesen Sie dieses, wenn Sie einen fundierten Überblick über Entwicklungslinien und Anwendungsmöglichkeiten systemischer Therapie & Beratung suchen!

Michaela Judy

 

 

Lfd. Nr. 15, Heft 2/2003

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Molter, Haja und Hargens, Jürgen (Hg.): Ich - du - wir und wer sonst noch dazugehört. Systemisches Arbeiten mit und in Gruppen. Verlag modernes Lernen, Dortmund 2002.

"Ich - du - wir und wer sonst noch dazugehört. Systemisches Arbeiten mit und in Gruppen" ist ein Sammelband, der systemische Haltungen in der Arbeit mit Gruppen in vielen Facetten sichtbar machen will.

Die Themen sind dementsprechend breit gestreut. Der Band wird mit seinen sehr praxisorientierten und konkreten Beiträgen zu systemischer Gruppentherapie, bzw. einer Fortbildung für russische Therapeutinnen ((Mehta, Jorniak, Wagner) vor allem therapeutisch orientierte LeserInnen interessieren, bringt aber auch Impulse für nicht-therapeutische Anwendungsbereiche von Gruppenarbeit.

Was mich besonders angenehm berührt hat ist die "methodische Freigiebigkeit" der AutorInnen. In diesem Band erfährt man, so gut es in schriftlicher Form möglich ist, wie die jeweiligen Personen arbeiten, Jenseits der in professionellen Kreisen so üblichen Verklausulierungen von konkreten Umsetzungsformen, stellen die AutorInnen sich, ihre Haltungen und ihre Arbeitsweisen unmittelbar und verständlich zur Verfügung.

Als auch theoretische "Zusammenschau" habe ich den letzen Artikel von Haja Molter "Vom Organisieren förderlicher Selbstorganisation. Eine Metastrategie für systemisches Arbeiten mit Gruppen" gelesen.

Sie fasst - unter Rückbezug auf die eigene psychonanalytische, psychodramatische und gruppendynamische Erfahrungsgeschichte mit und in Gruppen - die Spezifika systemsicher Arbeit mit Gruppen knapp und nachvollziehbar zusammen. Diese liegen nicht in den verwendeten Methoden, sondern im Konzept und der Haltung der Therapeutin/ Gruppenleiterin begründet.

Diese Spezifika sind, noch einmal zusamemngefasst::

1. Die Beobachterperspektive: "Entscheidend ist für mich, dass ich, ausgehend von einer konstruktivistischen Erkenntnistheorie. "Alles wird von einem Beobachter gesagt", mir der Selbstrückbezüglichkeit meiner Beschreibungen und Aussagen bewusst bin, d.h. ich bin wie die Gruppenteilnehmer Beobachter im System und beobachte mich, wie ich im System beobachte."
2. Die Sicht der KlientIn als entscheidende VeränderungsagentIn: "Ansätze, die sich systemisch legitimieren, sollten in erster Linie die Klienten als Urheber von Veränderung sehen."
3. Gruppenleiten als "Choreographie" von Selbstorganisation und erweiterten Zugängen zu Wirklichkeitskonstruktionen: Das "soziale System Gruppe" erhält sich, indem es örtlich und zeitlich gebundene Kommunikationen organisiert, die ihre eigenen System- und Sinngrenzen entwickeln. Gruppenleitung wird als Hilfe, als "Phasenübergang" verstanden, um bisherige Kommunikationsschleifen kippen und sich anders als bisher organisieren. Die Strategien, die Molter anführt, sind solche der Erweiterung der Möglichkeiten.

Ist der "Möglichkeitssinn" der TeilnehmerInnen erst ausgeprägt genug, braucht eine Gruppe keine Leitung mehr.

Michaela Judy

 

 

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Finzen, Asmus: Warum werden unsere Kranken eigentlich wieder gesund?. Räsonieren über das Heilen. Edition Das Narrenschiff im Psychiatrieverlag, Bonn 2002

Man soll ein Buch eben doch nicht aufgrund des Titels kaufen. Der klingt ja spannend genug für Systemiker und Konstruktivisten. Und über das Ergebnis, das Finzen liefert, kann ich mich auch nicht beschweren: Es kommt heraus, daß Ärzte und Therapeuten Gefahr laufen, das Heilen ganz auf ihre Tätigkeit alleine zu beziehen und das therapeutische (oder eben nicht therapeutische) Umfeld zu ignorieren. Und daß das ein Fehler ist, der teilweise daher kommt, daß man eben gerne sich selbst in der helfenden Rolle besonders gewichtig nimmt.

Dies finde ich auf den letzten 16 Seiten des Buches: Kapitel 7: Einige allgemeine Grundlagen therapeutischer Intervention.

Es geht um folgende Aspekte:

1. Die Klärung der Situation: Diese muß mit dem Patienten gemeinsam stattfinden und neben der Diagnose auch seine Umweltsituation und seinen eigene Stellungnajme zu Leben und Krankheit enthalten.
2. Die Definition des Behandlungsziels: Auch hier muß auf den Patienten seine Motivation und auf realistische Ziele anhand der Möglichkeiten geachtet werden.
3. Die Wahl der Methode: Muß mit dem Patienten geklärt werden, weil er sonst nicht mitmacht. Und muß abgestimmt werden auf die realen Möglichkeiten an dem Ort, wo die Therapie stattfinden soll. (Ausbildung, Ausrichtung an der Institution, verfügbare Mittel u.ä.).
4. Die gemeinsame therapeutische Haltung: Einigkeit im therapeutischen Team (Krankenhauspersonal etc.) über das Ziel (auch über dessen Erreichbarkeit) und die Vorgangsweisen.
5. Das vorgegebene Milieu: Nicht nur die Therapiestunden bzw. Medikamente bestimmen den Erfolg, sondern die ganze Umgebung, das ganze Krankenhaus, die ganzen Lebensbedinungen etc.
6. Die Orientierung des therapeutischen Milieus an der Außenwelt: Bzw. an den realistischen Therapiezielen: Das Milieu muß anders gestaltet sein, wenn es um die Überführung in ein Wohnheim geht als wenn es um eine Aufnahmestation geht. Etc.

So weit, so gut. Darüber hinaus zeigt der Autor klassische pädagogische Therapievorstellungen, die da heißen, der Therapeut und die Umgebung sollen den Kranken dazu anhalten, sich wie ein angepasster, normaler Mensch zu verhalten - eben in der therapeutisch richtig orientierten Umgebung.

Alle spezifischeren Ansätze wischt er mit den bekannten Untersuchungen über die Wirksamkeit von Therapie hinweg, die Spontanheilungen als fast gleich wahrscheinlich aufzeigen wie durch Behandlung bewirkte. Der sogenannte Placebo-Effekt erhält ein besonderes Gewicht, aber ohne einleuchtenden Bezug zu der Vorgangsweise der Psychotherapie, sondern immer nur als abgegrenzter Nebeneffekt, und als unsteuerbar (Ich erinnere mich gerade an eine Intervention, die ich vor drei Wochen gesetzt habe, und die genaugenommen nichts anderes beinhaltete als die Mitteilung, daß sie vielleicht etwas bewirken würde...).

Ja, in meiner Familie hieß das Wort "räsonieren" (damals noch "raisonnieren") so etwas wie vor sich hin schimpfen, ohne viel zu sagen.

Aber vielleicht hat Herr Finzen auch recht, und es gibt nicht mehr zu sagen? Immerhin wäre sein letztes Kapitel eine gute Einleitung für ein Lehrbuch systemischer Therapieansätze.

Walter Milowiz

 

 

 

Lfd. Nr. 16, Heft 1/2004

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Jacob, Friederike: ESS Störungen. Lösungsorientiert überwinden. Borgmann, Dortmund 2003. 220 S.

Eine ewige Frage: Wie lassen sich Krankheitsdiagnosen und psychotherapeutisches oder gar systemisches Denken vereinbaren.

Jacob zeigt sich als sehr angenehme Autorin, die anschaulich in lösungsorientiertes Denken einführt. Bilder, Theatermetapher und Gesprächsauszüge helfen, diesen Ansatz zu verstehen. Ebenfalls anhand von Praxisbeispielen zeigt sie auch, wie sie diesen Ansatz als Gesprächstechnik mit Personen benutzt, die sie auf die Diagnose "Essstörung" hin behandelt. Alles ist wie bei Insoo Kim Berg: Wunderfrage, Skalierungsfrage, Komplimente etc.

Man kann sich ein gutes Bild davon machen, daß das auch bei Personen mit der Diagnose "Essstörung" funktioniert.

Im zweiten Kapitel bietet die Autorin eine Einführung in die Diagnosen "Anorexia nervosa", "Bulimie" und einige andere bis hin zu "zwanghaftem Diäten" mit Symptomen, psychischen Effekten und physischen Komplikationen.

Dem Konflikt zwischen Diagnose und systemischem Denken meint sie zu entkommen, indem sie davor warnt, diese unvorsichtig zu stellen, und sie "...vermeide(t) den Gebrauch von Etiketten und ‚pathologisiernden Begriffen' wie beispielsweise ‚Sie ist eine Anorektikerin', weil es schwer sein kann, dies Begriffe aufzugeben. Ich sage stattdessen lieber ‚Sie erholt sich von einer Anorexie', was eine positive Note hinzufügt,..." (p. 49) Die Diagnose aber bleibt.

In ihrem persönlichen Erklärungsmodell (p.63) weicht Jacob von I. K. Berg's und DeShazer's Prinzipien des lösungsorientierten Denkens ab: Erstens würden diese überhaupt nicht nach einer Diagnose fragen und nach der Erklärung für Probleme würden sie sich auf die Hypothesen der KlientInnen stürzen, und zweitens ist Jacobs Erklärung analytisch, indem sie ein "zugrunde leigendes Leiden" (p. 63) postuliert. Es geht - fast adlerianisch - um die Kompensation eines Minderwertigkeitskomplexes: "Wenn eine geringe Selbstachtung vorhanden ist, kann das Gefühl der ‚Kontrolle', wie es bei Anorexia nervosa, Athletica nervosa,......beobachtet wird, ein Gefühl des Triumphs, der Macht und des Erfolgs herbeiführen." (p. 63)

Das Kapitel "Behandlung" beginnt mit einer Einteilung der KlientInnen nach persönlichen Wahrnehmungen und Maßstäben der Therapeutin in 8 Gruppen nach Erntsheit der Erkrankung und leitet daraus die unterschiedliche Notwendigkeit der Einbezihung von Ärtzten und anderen Fachkräften ab.

Weiters findet sich ein "Phasen(modell) der Besserung" mit fünf Phasen: Präkontemplation, Kontemplation, Entscheidung, Handeln und Aufrechterhalten, sowie einige nützliche Hinweise auf problemfeldspezifische Anwendung systemischer Techniken, wie etwa Externalisierung, Aufmerksamkeit für kleine Erfolge und Reframing.

Der zweite große Teil des Buches besteht aus Fallstudien, in denen Jacobs Umsetzung ihrer Gedanken in die Praxis sehr schön deutlich wird.

Ein nettes Buch, vielleicht ein wenig zu sehr im Kompromiss zwischen klassischer medizinischer Autoritätsanforderung und der Bescheidenheit des lösungsorientierten Ansatzes (die ja auch manchmal etwas überheblich wirkt...) verheddert, aber sicher eine gute Anregung und Hilfestellung für Leute, die in diesem Bereich arbeiten.

Walter Milowiz

 

 

Lfd. Nr. 17, Heft 2/2004

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Ursula Pasero und Christine Weinbach (Hrsg.): Frauen, Männer, Gender Trouble. Systemtheoretische Essays. Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/Main 2003. Ca. 270 Seiten.

Gelöst ist das Problem erst, wenn wir keinen Unterschied mehr machen. Das ist wohl die Quintessenz dieser sehr anregenden Sammlung von Artikeln, die sich um eine Stellungnahme Niklas Luhmanns zur Frauenforschung rankt. Luhmann scheint, als er diesen Artikel schrieb, vor allem beschäftigt gewesen zu sein mit einem aktionistischen Zweig der Frauenforschung: seine Stellungnahme klingt so, als bezöge sie sich eher auf einen militanten Feminismus als auf Frauenforschung. Naturgemäß ist das häufig verbunden, wird aber auch von anderer (ebenfalls feministischer) Seite vehement abgelehnt.

Die Diskussion um seine Äußerungen ist denn auch beschäftigt mit der Frage, wie die Unterscheidung Mann-Frau, solange sie von Bedeutung ist, zu einer Gleichberechtigung führen kann: Die Konklusio kann nur die eingangs zitierte sein.

Ob eine Unterscheidung tatsächlich automatisch eine Wertunterscheidung ist, wurde in unserem Kreis heftig diskutiert, auf jeden Fall macht sie sie möglich und die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, daß sie zu einer Konkurrenzsituation führt, in der dann nur mehr relevant ist, wer gewinnt, und nicht mehr, um welchen Preis.

Aus all diesen Überlegungen ergeben sich viele Fragen, mit denen sich die AutorInnen befassen: Wie steht es mit der Selbstreflexion der Frauenforschung, was sind überhaupt die Grundbedingungen dafür, daß eine solche Unterscheidung eine solch dauerhafte Bedeutung bekommen kann, welche Widersprüche ergeben sich dort, wo andere, funktionswichtige Unterscheidungen von dieser durchkreuzt werden.

Die Idee, daß die gläserne Decke vielleicht keine Decke ist, sondern eine (seitliche) Wand, und Frauen daher schon in die "Geheimbünde" nicht eintreten, von wo aus es aufwärts geht, ist ebenso anregend wie die Überlegungen dazu, welche Phänomene sich dort ergeben, wo direkte Konkurrenz auf gleicher Ebene zwischen Männern und Frauen stattfindet in einer Gesellschaft, die für die Interaktion zwischen Mann und Frau ganz andere Mechanismen vorgesehen hat.

Auch die Frage, ob die Nicht-Unterscheidung eine Lösung wäre, wird untersucht, und in Folge auch die Frage, wie sich eine Nicht-Unterscheidung im einen Bereich wohl auf das Zusammenleben im anderen Bereich (Partnerschaft und Liebe) auswirken würde.

Was man insgesamt jedenfalls erkennen kann: Eine Welt, in der die Unterscheidung Mann-Frau keine wesentliche Rolle spielt, ist für Menschen unserer Zeit kaum vorstellbar, weil viel zu viele Bereiche von dieser weitestgehend bestimmt sind, ja, viele sogar gar ohne sie nicht denkbar. Es wird wohl ähnlich sein wie mit der Problematik der Macht auch: Wenn diese Unterscheidung wichtig genommen wird, dann sehen wir all das, was von ihr bestimmt wird, und sonst nichts.

Denken sie nicht an einen lila Elefanten! Vielleicht führt dieses Buch sie zu dem Punkt, die Paradoxie zu erkennen. Über ihn hinaus führt nur das Loslassen.

Walter Milowiz

 

 

Lfd. Nr. 18, Heft 1/2005

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Falko von Ameln, Konstruktivismus. Die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung und Bildungsarbeit A. Francke Verlag Tübingen/Basel 2004
Ich möchte diese Rezension unter dem Gesichtspunkt schreiben: Was wird mir von diesem Buch in einigen Monaten in Erinnerung sein, wenn ich es dann in der Bibiothek unseres Vereins eingeordnet sehen werde:

Als erstes wird mir wieder einfallen, dass der Name des Autors, insbesondere der Vorname Falko bei mir als österreichischem Falco Fan (sofort schallt mir "Amadeus Amadeus" in den Sinn) eine Erwartung von Spritzigkeit und Frechheit auslöste.

Der Buchumschlag aber, geprägt vom Blutrot und Dunkelblau, darauf die weiße Schriftzug "Konstruktivismus" und das Bild von Escher, die schreibenden Hände ... aus einem Blatt heraus zeichen sich zwei Hände gegenseitig und gleichzeitig ... dieser Umschlag stimmte mich ernst, ruhig, sehr bedächtig. Es holte mich vom Falco Sound herunter in eine nachdenkliche Haltung:

Der Autor Falko von Ameln schaffte es damals im Frühjahr 2005, dass ich oftmals das Buch nahm und mich auf die Themen Ursprünge des Konstruktivismus, Radikaler Konstruktivismus und Niklas Luhmann einließ.

Ich ließ mich ein, mich einzulesen. Und ich war überrascht, dass mir die Texte gefielen. Denn ich war skeptisch, dass es gelingen könne von Protagoras über Kant, Descartes, Spencer Brown, Kelly, Bateson bis Watzlawick verständliche Kurzfassungen zu erhalten. Es begannen mir auch die jeweiligen Unterkapitel über "Konsequenzen für systemische Praxis" zu gefallen. Ich fand die Idee gut.

Maturana und von Förster bekamen dann schon mehr Platz und Luhmann den größten Teil.

Mir wird sicher noch einfallen, was von Ameln anlässlich des Kapitels über Luhmann erzählt: dass man bei Luhmann erst einmal 50 Seiten lesen muss, um überhaupt vielleicht einen Gedankengang zu erahnen; dass dieser einen Versuch startete hohe Komplexität mit den Mitteln einer linearen Sprache darzustellen, sein Werk allein in deutschen Ausgaben 15000 Seiten umfasst.

Meine Bewunderung darüber, die Theorie über "Soziale Systeme" und andere auf ca. 50 Seiten zusammenzufassen. Ich werde mich erinnern, dass ich damals den Gedanken hatte, dass ich einigermaßen wissen könnte, wie nun von Ameln Luhmann kurzfasst und ich mit der Übernahme dieser Kurzfassung mit anderen, die Luhmann oder dessen Interpreten gelesen haben, diskutieren könnte - ein wenig zumindest. Doch ich fürchte, ich werde, sofern ich nicht in der Zwischenzeit mehr darüber, oder wieder darüber gelesen habe, einiges vergessen haben. Was geblieben sein wird, ist ein Gefühl, dass es verständlich war, einigermaßen nachvollziehbar für mich. Sollte ich einmal über Luhmann referieren müssen, könnte ich mich in den Beschreibungen von von Ameln wieder wissend machen.

Was mir wieder einfallen wird, ist der Gedanke beim Lesen, dass an vielen Stellen ein Andocken möglich war, ein Wiedererkennen von Gedanken, zum Beispiel auch von Walter Milowiz´ Buch. Und dass für das Verständnis anderer Passagen eine genauere Befassung nötig wäre.

So denke ich, dass das Lesen dieses Buchs über Konstruktivismus auch eine konstruktivistische Tätigkeit war: ich las gerne, was ich kannte; wenn viel war, was mir bekannt war, so war die Freude groß, da las ich gerne weiter; wenn da etwas war, was ich nicht einordnen konnte, wurde die Sache komplizierter: da eignet sich drüberlesen, oder die Informationen ein wenig zurechtbiegen für meine Verständnisse, oder hoffen, dass bald wieder bekannte Begriffe kommen, usw. Oder es regt mich so an, dass ich etwas übernehme, bei mir einordne,....

Ich möchte sagen, ich konnte (mich) in dem Buch doch mehr wiederfinden als verlieren. Wollte ich es genauer wissen, müsste ich mit "Studium" (lat. Eifer) herangehen und viel Zeit verbringen und Texte und Gespräche schaffen, um an das Ganze heranzukommen.
Als "Otto-Normalgebraucher" von systemischer Sichtweise in meiner sozial-arbeiterischen Welt habe ich das Buch zu einem guten Teil als hilfreich erlebt und anregend. Irgendwann legte ich es dann aber weg, oder las nur mehr kurz und quer, weil ich die Zeit zur intensiveren Beschäftigung nicht hatte. Aber selbst in solchen Momenten tappte ich auf Zitate oder Absätze, die mir zum Beispiel beim Einstimmen auf Arbeitssituationen hilfreich waren.

Das Buch endet mit drei Beiträgen von Koautoren, die über konstruktivistisches Denken in der Praxis von Therapie, Organisationsberatung und Pädagogik schreiben. Auch hier erlebte ich einige gute Anregungen.

Abschließend werde ich mir denken, dass es gut ist, dass dieses Werk in unserer Bibliothek Platz gefunden hat.
Die Rückblicke in die Philosophiegeschichte, die Kurzfassung der Lebenswerke von Systemikern, die Bezugnahme auf

Praxisrelevanz und letztlich der Hinweis auf Selbstkritik des konstruktivistischen Denkens kann ich als gelungen sehen.

Bernhard Lehr

 

 

Lfd. Nr. 19, Heft 2/2005

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Bardmann, Theodor. M. & Sandra Hansen: Die Kybernetik der Sozialarbeit. Ein Theorieangebot. Aachen 1996

Umdefinieren! Wenn es deShazers fixe Idee war, zu vereinfachen, dann kann man von der Aachener Gruppe sagen, es sei das Umdefinieren. Sie machen die Möglichkeit, Dinge anders zu sehen, zur Hauptbeschäftigung. Der Bezug zur realen Sozialarbeit ist kaum vorhanden, das müssen wohl die Sozialarbeiter selbst schaffen. Oder die Supervisoren, die mit Sozialarbeitern arbeiten.

Das ist vielleicht ein Nachteil an dem Buch. Davon abgesehen sprüht es von Anregungen, die Welt neu zu betrachten.

Es beginnt mit der "Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft" von Bardmann und zwar als Eigenschaft der sozialen Arbeit, die nur dadurch, dass sie sich auf keine Eigenschaften festlegen lässt, dass sie springt mit ihrem Blickwinkel, dass sie ihre Auffasung und ihre Selbstauffassung ständig verändert bzw. undefiniert lässt, wirksam werden kann, kleine Änderungen in die Welt bringen kann. Von Foerster's nichttriviale Maschine wird zum Ursprung der Veränderbarkeit von Geschehnissen.

Dann die "Motive einer Kybernetik zweiter Ordnung" von Hansen: Sie zählt einige Aspekte einer Kybernetik zweiter Ordnung auf und zeigt auf, wie diese zu Problem/Lösungs- Unterscheidungen führen köpnnen:

Die Beobachtung zweiter Ordnung, Modelle und Metaphern der Kommunikation, Subjekt-Objekt-Beziehung, Die Wiederkehr des ausgeschlossenen Dritten, die Netzmetapher und die Temporalisierung von Komplexität.

Der Parasit nach Serres wird als "neue" Metapher für den Beobachter angeboten, als einer, der durch sein Tun alle Denkgewohnheiten in Frage stellt, um Neues zu ermöglichen. Auch Luhmanns Vorschlag, alles, was geschieht, inklusive der Vergangenheit und der Zukunft als aktuelles Geschehen zu betrachten - im Gegensatz zur Freudianischen Auffassung von Geschichte, die immer schon vorbei ist, dient demselben Zweck.

Auch hier wird die Bedeutung für die Sozialarbeit zwar ausführlich dargestellt, Beispiele dafür, wie sich das konkret auswirkt, fehlen aber.

Und dann führt Bardmann die ganze Idee von Serres' Parasiten noch aus (in "Der ausgeschlossene eingeschlossene Dritte") und spielt mit dem Begriff in "Parasiten - nichts als Parasiten mit dem Begriff, bis der Leser entweder verwirrt ist, oder sich freut über die vielen Möglichkeiten der Umbewertung, die ständig neue Gestalten und Figuren erscheinen lässt.

Ein Buch, das man lesen sollte, von dem man aber nichts erwarten sollte, weil das zu sehr einengt, um die vielen kleinen Wendungen und Überraschungen, die es bringt, zu genießen.

Walter Milowiz

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Lfd. Nr. 21, Heft 2/2006

Kraus, Björn: „Lebensweltliche Orientierung“ statt „instruktive Interaktion“ Eine Einführung in den Radikalen Konstruktivismus in seiner Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik. Berlin 2000

Im Alltagsstrudel mangelt es mir meist an Ruhe, an Energie, an freier Zeit und oftmals schlicht an Lust mich mit grundlegenden Überlegungen zu meinem (beruflichen) Tun auseinanderzusetzen. Gerade wenn mich die täglichen Anforderungen zu sehr in Beschlag nehmen, sehne ich mich nach schlichten und vor allem schnellen Antworten und Lösungen auf die offenen Fragen und Schwierigkeiten, die der Alltag aufwirft. Die Halbwertszeiten dieser Erkenntnisse sind so aber oft nur von kurzer Dauer. Die Falle, in die ich dann tappe, ist klar: Ich sehe mich gezwungen, in immer rasanterem Tempo Lösungen zu zimmern, die in immer höherem Maße im Grunde nur „gepfuscht“ sind und morgen schon wieder in sich zusammen fallen.

orauf ich morgen schon wieder parallel zum Alltagsstress an etwas Neuem bastle. Ganz im Trend der Zeit konsumiere ich dann geistiges „Fast food“, „Instantlösungen“, „Fertigmahlzeiten“, oder wie man es auch nennen möchte. So verharre ich in einer Position, aus der ich immer nur reagieren statt agieren, nacharbeiten statt mitgestalten kann.

Was das alles mit dem Buch zu tun hat? Das Verdienst des Autors ist für mich der Versuch, sich grundlegend und genau mit möglichen Konsequenzen des Radikalen Konstruktivismus auf die Soziale Arbeit und Pädagogik auseinanderzusetzen. Björn Kraus schaut genauer hin und versucht möglichst präzise und dennoch in einer mir sehr verständlichen Art und Weise Begriffe und Theorien zu klären. Bei manchen dieser Theorien kann ich allerdings für mich kaum die Bedeutung für meine Praxis erkennen (z.B.: Schematheorie von Piaget, Relevanzsysteme von Schütz). Doch es überwiegen die Überlegungen, die Gedanken folgender Art  ausgelöst haben: „Stimmt eigentlich, so könnte man unser professionelles Tun mit konstruktivistischen Hintergrund recht hilfreich verstehen!“ oder „ Sieh an, bei meinem jahrelangen „Herumwurschtln“ bin ich auch zu ganz ähnlichen Schlüssen gekommen!“ Besonders die Einleitung bringt da vieles sehr prägnant auf den Punkt.

Als speziell wertvoll möchte ich insbesondere die Auseinandersetzung mit „Macht“ am Ende des Buches hervorheben. Ebenso wie der Autor lange Zeit im sozialpädagogischen Feld tätig, teile ich die Auffassung, dass große Spannungsfelder ohne den (lange Zeit in der systemischen Fachwelt eher verpönten) Begriff „Macht“ nicht sinnvoll verstehbar und kommunizierbar sind. Björn Kraus erarbeitet eine sehr wichtige Unterscheidung.

Macht“, so schreibt er, wurde viel zu lange mit „instruktiver Macht“ gleichgesetzt. Macht wurde also unter dem Hinblick untersucht, ob eine Person eine andere Person gezielt zu einem bestimmten Handeln bewegen kann. Das wäre ohne selbst gewählte Unterwerfung bei einem autopoietischen System undenkbar. Kraus weist aber darauf hin, dass die im Autopoiesekonzept verankerte „strukturelle Koppelung“ oder die „energetische Offenheit“ eines Systems eine andere Form von Macht denkbar macht: Er spricht dabei von „destruktiver Macht“ und meint damit die Möglichkeit zur Einschränkung der (Auswahl-) Möglichkeiten des autopoietischen Systems Mensch.

Leider lässt sich Kraus aber auch hier zu einer gewagten Unterstellung hinreißen, die sich durch das ganze Buch zieht: Es gäbe etwas, was es nun aber wirklich tatsächlich gibt und nicht bloß unser Konstrukt sei. Zu Beginn des Buches ist es zum Beispiel das menschliche Hirn oder dessen präkognitive Ordnungsprinzipien, die nicht mehr näher als Konstrukt hinterfragt werden, sondern als tatsächlich vorgegeben gesehen werden. So gibt es eine beobachterunabhängige „Realität“ und dazu gehört auch die „destruktive Macht“. Für eine Erkenntnistheorie, die das Wort „radikal“ im Namen trägt, ist mir das ein bisschen zu wenig konsequent. Wirklich radikal wäre für mich, selbst die Frage der Existenz einer beobachterunabhängigen „Realität“ nicht beantworten zu wollen, zumindest aber auf jeden Fall allgemeingültige Aussagen darüber anzuzweifeln.

Nichts desto trotz: Das Buch leistet viel grundlegende Denkarbeit, bringt den Konstruktivismus mit sozialer Arbeit und Pädagogik gut in Kontakt, regt zum Weiterdenken und Umsetzen der Ideen in der Praxis an und erschließt insbesondere mit dem Konzept „destruktive Macht“ neue Wege im Fachdiskurs.

Christian Reininger

 

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Lfd. Nr. 24, Heft 1/2008

Tippe, Andrea: Veränderung stabilisieren. Strategische Teamentwicklung als Führungsaufgabe zur Stabilisierung von Organisationsentwicklungsprozessen. Carl-AuerVerlag, Heidelberg 2008

Es ist nicht häufig, dass OrganisationsentwicklerInnen, bzw. BeraterInnen ihre eigene Praxis auf den Prüfstand heben. Präsentiert werden eher behauptete Wirkungen und ihre Erklärungsmodelle, oder von der Praxis entkoppelte Begleit- oder Folgeevaluationen.

Andrea Tippe hingegen begibt sich mit ihrem klar formulierten Erkenntnisinteresse und der me­tho­dischen Ausrichtung gleich zu Beginn unmissverständlich in die doppelte Überprüfbarkeit als Au­torin wie als Organisationsentwicklerin. An die forschungsleitende Fragestellung: „Welche Wir­kung hat Teamentwicklung für die Stabilisierungsphase in OE-Prozessen?“ schließt sie die Of­fen­legung des Untersuchungskonzepts an. „Der Untersuchung von behaupteten, erforschten und be­ob­achteten Wirkungen von Teamentwicklung wird besonders nachgegangen. … Die Ergebnisse der Literaturrecherche werden mit eigenen Erfahrungen in Verbindung gebracht.“ (S.7)

Andrea Tippe beginnt mit einer stringenten Aufarbeitung der Literatur zur Begriffsklärungen von Organisation, OE-Prozess, Team und Gruppe, Teamentwicklung und Stabilisierungsphase. Von ihr verwendete Definitionen begründet sie mit einem Fokus auf die Selbstorganisationsprozessen in Gruppen, Teams und Organisationen, die sich linearen Kausalitätsbegründungen und sozialen Idealisierungen entziehen.

In den zwei folgenden Kapiteln wendet sich Tippe der „Gestaltung von Teamentwicklung“ und „Veränderung und Stabilisierung als Praxis“ zu.
Mit besonderem Interesse habe ich die erforschten Wirkungen von Teamentwicklung und deren Begründungen gelesen. Teamentwicklung, um es kurz zu fassen, dient dem Gruppenlernen, um auf ständige Veränderungen proaktiv antworten und innovativ bleiben zu können. „Metakommunikation soll nicht in besonderen Fällen, sondern als ständiger Prozess etabliert werden.“ (S.37) Ein hohes Ausmaß an gruppenspezifischem Zusammenhalt korreliert mit ökonomischen Erfolgsdaten.

Der Schlüsselbegriff der Begründungskontexte lautet also Veränderung. Tippe zitiert Schumacher, „dass die eigentliche Führungsaufgabe … die Gestaltung des Wandlungsprozesses“ und Veränderung dann erfolgreich sei, „wenn es rasch gelingt, tragfähige Beziehungs- und Kommunikationsprozesse für weitere Veränderungspotenziale zu entwickeln.“ (S. 49).

Teamentwicklung bietet ein Instrumentarium, um Berechenbarkeit zu erzeugen in einem Umfeld, in dem das Fehlen von Berechenbarkeit als „Vision des ständigen Wandels“ die organisationspolitische  Grundannahme (also Sicherheit) darstellt. Gemeinsames, integriertes Handeln ist in einem solchen Kontext nur durch ständige kommunikative Vermittlung von Verbindlichkeit möglich. Zur Förderung dieser Verbindlichkeit arbeitet Tippe als Teamentwicklerin – unter explizitem Rückgriff auf Kurt Lewin – gruppendynamisch und fokussiert darauf, „das Team in seinem Selbstorganisationsprozess zu unterstützen“, indem sie ihm „Zeit und Raum gewährt, die Probleme zu benennen.“ (S. 32). Als Rahmenbedingungen etabliert sie dazu die relative Unstrukturiertheit der Gruppe, das Hier-und-Jetzt-Prinzip sowie die Ausrichtung auf einen Prozess der Verhaltensänderung.

Dieser Fokus ermöglicht einen Stabilisierungsbegriff, der lerntheoretisch auf das Einüben neuer sozialer wie struktureller Verhaltensroutinen abzielt.
Anders gesagt: Ohne vertrauensstabilisierende Klärung von Beziehungen und Funktionen wird gemeinsames Handeln schwer bis unmöglich. Je weniger emotionale/soziale Energie für Beziehungsklärung aufgewendet werden muss, umso mehr emotionale/soziale Energie kann in die externen Ziele der Organisation investiert werden. Das Erlernen der dazu nötigen reflexiven Feedbackschleifen ist Ergebnis gelungener Teamentwicklung. Die Interventionen, um dies zu erreichen, müssen dabei „den Organisationsmitgliedern methodisch und theoretisch nachvollziehbar (sein) …, damit weitere Impulse in Folge selbstorganisiert weitergeführt werden können. Wenn Teamentwicklung an externe Beratung angekoppelt bleibt, wirkt dies für die Stabilisierung kontraproduktiv.“ (S. 83)

Andrea Tippe stellt abschließend ein eigenes Teamentwicklungs-Projekt in einer Non-profit-Organisation vor, das sie mit der Auswertung von qualitativen Interviews abschließt, die sie einige Zeit nach dem Ende der Teamentwicklung mit vier Führungskräften geführt hat.

Über Literaturrecherche, Empirie und Evaluation kommt Tippe schließlich zu drei Hypothesen in Respons zu ihrer Fragestellung. (S.79):

  • Kritisches Hinterfragen und Feedback in regelmäßigen Prozessabschnitten fördern Stabilität und Weiterentwicklung des Teams.
  • Die Stabilisierungsphase im OE-Prozess gelingt in dem Ausmaß, in dem Führungskräfte bereit sind, sich der Rollengestaltung konsequent zu widmen.
  • Teamentwicklung ermöglicht als Set unterschiedlicher OE-Interventionen das nachhaltige organisationale Lernen der Gruppen und Personen im OE-Prozess.

Für BeraterInnnen wie Führungskräfte zeigt sich einmal mehr die Bedeutung der Beziehungsarbeit unter Beachtung der funktionalen Setzungen. „Die Fähigkeit von Personen, in kritischen Situationen entsprechend ihrer Funktion handeln und funktionsadäquate Rollen einnehmen zu können, erleichtert eine zielgerichtete Aufgabenerfüllung“ - und dies ist nur im Rahmen stabiler, ausreichend geklärter Inter- und Intragruppen-Beziehungen möglich. Als Gruppendynamikerin bietet Tippe dafür einen klaren methodischen Fokus, der für die Teilnehmenden den Blick auf die aktuellen Selbstorganisationsprozesse des Teams eröffnet.

Aus unserer systemischen Sicht liest sich „Veränderung stabilisieren“ wie eine Studie zu Minimierung von Dysfunktionalität im Milowiz’schen Sinn. Der Fokus der Autorin auf Wirkungen erschließt darüber hinaus dem systemischen Blick jenen auf Rückkoppelung und Wechselwirkung auch dort, wo Andrea Tippe mit einem anderen Begriffsrepertoire arbeitet.

Das Buch besticht einerseits durch die methodische Konsequenz, mit der Tippe sowohl ihr eigenes forschungsleitendes Interesse als auch den „State of the Art“ in den Blick nimmt, andererseits durch die Offenheit, mit der sie ihre eigene Praxis zur Verfügung stellt. Es kann daher sowohl PraktikerInnen wie auch Interessierten, die einen Einstieg in die Thematik „Teamentwicklung“ suchen, ans Herz gelegt werden.

Michaela Judy

 

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Kraus, Björn & Wolfgang Krieger (Hg.): Macht in der Sozialen Arbeit. Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Jacobs Verlag 2007

Muss ich das Buch über die Macht in der Sozialen Arbeit wirklich lesen? Muss es sein? Fragte ich mich oft nach meiner freiwilligen Verpflichtung eine Rezension darüber zu schreiben. Ich merkte meine Abwehr, einerseits, weil ich ohnehin genug zu tun habe, andererseits aber auch, weil ich den Begriff Macht und Abhandlungen darüber mit Skepsis betrachte. Ich höre in meinem Hinterkopf die warnende Stimme von Gregory Bateson, sich vor den quasiphysikalischen Termini zu hüten, deren Anwendung letztlich kontraproduktiv sei.

Oder auch die Resümees in unseren Literaturarbeitskreisen, wenn es zu diesem Thema kam: Machtdiskussionen sind Teil von Beziehungsdefinitionen und zeugen von bestimmten Interaktionsverhältnissen – womit ich dann aber schon im Untertitel des Buches bin und mich dieses doch zu interessieren begann.

Ich denke, es ist den Herausgebern und auch Autoren wichtig eine Möglichkeit zu finden, als systemisch Denkende im allgemeinen Diskurs über Macht mitzumachen und produktive Zugänge zu finden, produktiv gerade auch für Handelnde in der Sozialen Arbeit. Meist werden sogenannte Machtverhältnisse analysiert und in deren Komplexheit aufgezeigt, andererseits sind die komplexen Analysen wieder durch die Kürze der Beiträge begrenzt.

Es zeichnet sie eine besondere Mischung aus sehr genauen Bezugnahmen zu systemtheoretischen Theorien und Machttheorien aus, und gleichwohl der Blick auf das Praxisfeld der Sozialen Arbeit, bzw. deren Forschung und Lehre.

Dieses Buch liefert keine Auseinandersetzung über den Machtbegriff aus systemtheoretischen Überlegungen, sondern bildet eher eine Art Reflexionshilfe über Verhältnisse im Bereich der Sozialen Arbeit nachzudenken, die von anderen Wissenschaftlern mit Machtbegriffen, quasiphysikalischen Begriffen, besetzt werden.

Staub-Bernasconis Essay über „Theoretiker und PraktikerInnen Sozialer Arbeit“ ist zwar 20 Jahre alt, wurde aber von ihr für diese Ausgabe überarbeitet und liefert immer noch sehr aktuell Gedanken betreffend die Situation der Forschenden, Lehrenden und Praktizierenden im Sinne von „symbolischer Macht“ Bourdieus.

Pfeiffer-Schaupp bezieht sich ebenfalls auf  Bourdieu und warnt die Sozialarbeit davor, in missverstandem Konstrukvismus – als Gleich-Gültigkeit jeder Weltsicht – eine Rechtfertigung zu finden für den Verzicht auf den Kampf für Gerechtigkeit. Wir können nur hinzufügen, dass Konstruktivismus – zumindest so wie Glasersfeld oder von Foerster ihn denken – nicht von Verantwortung freispricht, sondern diese selbst in die Verantwortung des Einzelnen legt.

Krieger zielt – wohl ebenso als Mitherausgeber wie als Autor eines der Artikel –darauf ab, sich die Auseinandersetzung mit dem Thema Macht nicht zu leicht zu machen. Er betont den Verlust des Themas in den letzten Jahrzehnten und versucht, Aspekte von Elias, Weber, Parsons und vielen anderen – Prämodernen und Modernen wohl­gemerkt – in die postmoderne Auseinandersetzung einzuflechten, um zu betonen, dass Macht kein einfaches und kein abzutuendes Thema ist.

Kraus vertieft und erweitert seine Idee der Unterscheidung von destruktiver und instruktiver Macht (vielleicht besser verständlich genannt als hindernde und fordernde Macht), um eine Brücke zu schlagen zwischen den Gegnern der Machtmetapher, die sie eben als reine Metapher abtun wollen und den Anhängern des Machtbegriffes, die mit der der moralischen Rute der Gleichgültigkeit gegenüber Gewalt und anderen Machtmissbrauch drohen.

Wolf hingegen, der sich nicht als Systemiker und wohl auch nicht als Konstruktivist versteht, steht ganz hinter dem Begriff, erklärt ihn auch relativ einfach weberianisch und zeigt gegen eine oft missverstandene postmoderne Auffassung, dass, wenn man den Missbrauch nicht in den Vordergrund stellt, ein „Machtüberhang“ auf Seiten des Helfers sinnvoll, ja notwendig ist.

Streiflichter über Theorie und Praxis im Zusammenhang mit Supervision liefern Hör und Schneider, während Dallman uns in eine soziologische Diskussion über Macht und soziale Arbeit einführt: Luhmanns Beschreibung von Macht als "symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium" führt weiter, als es die meisten anderen Versuche tun - wenn auch, wie Luhmann selbst betonte, keine Handlungsanleitungen folgen können.

Das Thema Macht im Sinne von Empowerment greift Rausch ebenso auf wie Mühlum: Der Eine für die Gemeinwesenarbeit, der Andere in der Sterbebegleitung. Beide stellen die Notwendigkeit dar, die Macht der Klienten zu fördern; passend zu Hosemanns Plädoyer für soziale Gerechtigkeit, begründet mit Habermas, Rawls, Margalit und Luhmann.

Sehr klar analysiert Assmann das doppelte Mandat der Sozialarbeit - hier verstanden als den Widerspruch zwischen der Arbeit in gesellschaftlichem und der im privaten Interesse der Klientel. Macht wird ausgeübt, und eine Befreiung aus der Zwickmühle gibt es nicht.

Denselben Widerspruch meint Kersting, wenn er die Ergebnisse einer Studie aus dem Pflege­bereich in die soziale Arbeit überträgt: "Kälte" als Selbstschutz ist hier gefunden, dort zu erwarten.

Und Kleve zeigt auf, daß "dieselben Phänomene in der sozialen Arbeit zugleich als mächtig und als ohnmächtig beschrieben ... werden können" - auch hier in der Hoffnung, dass bewusster Umgang damit hilfreich sein wird.

Diesem Sammelwerk über viele Aspekte des Themas Macht in der sozialen Arbeit kann eine kurze Rezension nicht gerecht werden: Zu weit ist die Streuung, zu vielfältig die Anregungen, die wir allen ans Herz legen wollen, da das Thema allgegenwärtig ist: Man kann es ignorieren oder sich damit beschäftigen. Das Buch ist zweifellos wichtig für jene, die sich mit Diskursen über Macht beschäftigen wollen und diese differenzierter mit systemisch konstruktivistischen Ansätzen in Arbeitsalltagen verbinden wollen, sie einbeziehen wollen oder auch müssen. Anders gesagt: Man muss das Buch tatsächlich lesen.

Bernhard Lehr

Lfd. Nr. 27, Heft 2/2009

 

Hegemann, Th. und C. Oesterreich: Einführung in die interkulturelle systemische Beratung und Therapie. Carl-Auer-Verlag, Heidelberg 2009

Ich hatte noch selten ein Buch in der Hand, dessen Inhalt so genau dem entspricht, was die AutorInnen als sein Ziel beschreiben.
„Dieses Buch ist gedacht als eine Einführung in die interkulturelle Beratung - und zwar in dreierlei Hinsicht: Es soll eine Einführung sein für Professionelle, die schon viel im interkulturellen Bereich arbeiten und einen systemischen Ansatz hinzunehmen möchten; es soll eine Einführung für Systemiker sein, die sich mehr Kompetenzen in der interkulturellen Arbeit wünschen; und es soll aber auch eine Einführung für Neueinsteiger in beide Felder sein.“ (S. 8)

Den systemischen Ansatz nehmen Hegemann/Oesterreich als Denk- und Handlungsmodell ernst und nützen ihn nicht bloß als Methodeninventar: „Wir halten ihn für die interkulturelle Arbeit für besonders geeignet, da er … auf die Beobachtung und Veränderung zirkulärer Prozesse und Interaktionen angelegt ist, da er keine Ursachenanalyse betreibt, sondern nach Lösungen für die Zukunft sucht, da er auf die Beziehung zwischen Interaktionen und Kontexten achtet und da er die Aufmerksamkeit auf gemeinsam konstruierte Geschichten richtet.“ (S.6)

Personen, die eine Einführung wollen, bietet der sorgfältige und durchdachte Aufbau eine Anleitung, die es schafft, gleichzeitig Orientierungswissen zu vermitteln und vermeintliche Sicherheiten zu irritieren. Das gelingt vor allem dadurch, dass in den „Grundlagen“ die Begriffe „Kultur“, „Systeme“ und „Kontexte“ definiert und klar dargestellt werden.

In den „Anwendungen“, dem zweiten Teil des Buches, stellen die AutorInnen Erfahrungen aus ihrer eigenen Praxis zur Verfügung. In den Fallvignetten geht es nicht um beeindruckende Lösungen „schwieriger“ Fälle, sondern lediglich um eine Darstellung und Überlegungen dazu, wie man die Situation noch sehen und beschreiben könnte. Das ist uneitel, regt zum Denken an und ist für jede/n BeraterIn sehr ergiebig.
Besonders dankbar war ich, dass der organisationale Aspekt nicht außer Acht gelassen wird.  Im dritten Teil geht es um „Organisationsentwicklung“. Vernetzung, KundInnenperspektive, Personalentwicklung und Organisationskultur werden in ihrer Bedeutung dafür, überhaupt kultursensible Beratung anbieten zu können, kurz dargestellt und über Leitfragen Ideen zur Umsetzung vermittelt.

Es ist diese theoretisch profunde Konkretheit, mit der sich die AutorInnen auf ihr Thema einlassen, die das Buch auch für fachlich vorgebildete LeserInnen – auch wenn für sie einige Redundanzen  vorkommen mögen - zu einer lohnenden Lektüre macht. Ich kann es allen, die in dem Feld arbeiten oder arbeiten wollen, wärmstens empfehlen.

Michaela Judy

 

 

König, Eckard und Gerda Volmer: Systemisch denken und handeln. Personale Systemtheorie in Erwachsenenbildung und Organisationsberatung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel 2005

Ein Buch über „Systemisch denken und handeln“ in Erwachsenenbildung und Organisationsberatung, das darüber hinaus im Vorwort verspricht: „Das Buch verbindet die Systemtheorie und das praktische Handeln und zeigt, dass systemisches Arbeiten sowohl theoretisch fundiert als auch praktisch folgenreich ist.“ – ein Buch, das solches verspricht, weckt Interesse und Vorfreude.

Die erste Irritation war für mich die Gleichsetzung von Autopoiesis mit „Selbstorganisation“, statt „Selbstreproduktion“. Damit wird der Begriff aus der Beschreibung von Rückkoppelungen ausgenommen und kann beliebig (siehe S.13) z.B. zu einem „Bildungsziel“ uminterpretiert werden. Es wird nicht deutlich, dass erkennbare Strukturen nur dann erkennbar werden können, wenn sie sich im Austausch mit der Umwelt ständig als diese Strukturen neu generieren.

Diese Ungenauigkeit wird bei der Definition von Systemen noch deutlicher:

„Jedes System ist durch eine Systemgrenze von der „Systemumwelt" abgegrenzt. Je nach der Durchlässigkeit lässt sich dabei zwischen offenen und geschlossenen Sys­temen unterscheiden: Bei geschlossenen Systemen (Standardbeispiel ist das Sonnensystem) erklärt sich der Zustand des Systems allein aus dem System heraus. Offene Systeme stehen im Austausch zu der Umwelt.“ (S.15)

Laut diesem Ansatz „gibt“ es Systeme, die als in sich geschlossene von (den in ihnen eingeschlossenen?) Beobachtern „erkannt“ werden können. Der zentrale Begriff in einem solchen Systemverständnis ist der Regelkreis, d.h. „statt in linearen Verläufen in Kreisläufen zu denken.“ (S.16) Der unklare Systembegriff durchzieht das Buch; implizit wird immer wieder deutlich, dass „System“ nur eine pragmatische Setzung sein kann, explizit wird „System“ immer wieder als etwas klar Abgegrenztes präsentiert.

So kommen die AutorInnen zu Überzeugung, dass es außer der Systemtheorie doch noch etwas geben müsse, denn:

„Die Allgemeine Systemtheorie versteht sich als Universalwissenschaft, die für unterschiedliche Bereiche gleichermaßen Gültigkeit besitzt. Doch werden damit nicht zentrale Unterschiede zwischen technischen, biologischen. ökologischen, sozialen und politischen Systemen verwischt? Nützen Untersuchungen über tech­nische Systeme bei der Bearbeitung von Konflikten in einem Team? Reagiert nicht das soziale System Team anders als z.B. ein Laser?“

Das kann nur  zu einer Frage werden, wenn man die Phänomene abgekoppelt von ihrer Wirkungsweise betrachtet, von der Beschreibung, wie sie „funktionieren“. Den erkenntnistheoretischen Sprung, den es bedeutet, die Prinzipien Wechselwirkung, Selbstreproduktion und Zirkularität auf naturwissenschaftliche wie hermeneutische Verfahren gleichermaßen anzuwenden, wollen König/Volmer nicht nachvollziehen.

„Die Allgemeine Systemtheorie“, schreiben sie weiter, „liefert ein Modell zur Erklärung von komplexen Sachverhalten. Aber sie sagt wenig über konkrete Interventionen: Was kann eine Trainerin konkret tun, wenn sie weiß, dass Probleme in einem Kurs aus einem Wechselkreis von der Thematik, ihrem Verhalten, der Eigendynamik des Teil­nehmersystems und möglichen Randbedingungen resultieren? Was soll eine Be­raterin tun, wenn sie weiß, dass Probleme in einem Team im Zusammenhang mit Leistungen des Teams, Erwartungen des Vorgesetzten und äußeren Anforderun­gen stehen? Benötigt man nicht hier weiterführende konkrete Hinweise?“

Hier werden Erkenntnistheorie, Handlungstheorie und Methoden nicht unterschieden. Wissenschaftlichkeit in meinem Verständnis heißt, dass die drei Ebenen widerspruchsfrei angewendet werden können, nicht aber, nicht zwischen ihnen zu differenzieren.

Da das Autorenteam aber, wie oben beschrieben,  „Probleme bei der Übertragung der Allgemeinen Systemtheorie auf soziales Handeln“ ortet, haben sie die „Personale Systemtheorie“ entwickelt unter Rückgriff auf Bateson, Watzlawick und Satir.
Die Personale Systemtheorie  geht davon aus, dass Menschen handelnde Personen sind, deren subjektive Deutungen einer Situation das Verhalten eines sozialen Systems bestimmen.
Damit wird die Person mit ihren Deutungen zu etwas, das im zirkulären Wechselspiel als quasi eingeschlossenes Ganzes als das Andere gegenüber dem technologischen Prinzip der Rückkoppelung angenommen wird. Die Deutungen erhalten eine eigene Existenzebene, die sie über Verhalten hinausheben. Das mag vielleicht so sein, ist aber reine Glaubensfrage, denn beobachtbar und beschreibbar ist lediglich Verhalten, und auch (Selbst-)Aussagen sind Verhalten, gesetzt in einer bestimmten Situation mit bestimmten Wirkungen.

Folgerichtig geht es mit einem Glaubensthema weiter, mit dem „Menschenbild der personalen Systemtheorie“, das sich unter Rückgriff auf Satir an der humanistischen Tradition sowie an einem Autonomiebegriff orientiert, der, weil „für die gesamte neuzeitliche Ethik zentral“, nicht weiter hinterfragt wird.

Das Grundlagenkapitel habe ich wegen seiner Problematik so ausführlich behandelt, weil es m.E. ein Konzept vertritt, das den guten, entwicklungsfähigen Menschen des Humanismus sowie das autonome Individuum der Aufklärung in die Systemtheorie hinüberretten will, und so in der Gegenaufklärung – dem Glauben -  landet.

Das ist schade, denn die folgenden Kapitel bieten ein Handbuch im besten Sinne mit didaktisch gut aufbereiteten Handlungsanleitungen, Checklisten und Beispielen, die v.a. EinsteigerInnen in die genannten Felder äußerst hilfreich sein können.

„Diagnose und Intervention“ bietet leicht verständliche Methoden zur Veränderung: Ich-Botschaften, Aktives zuhören, Veränderung, bzw. Umdeuten von Bewertungen und lösungsfokussierte Verfahren werden anschaulich, mithilfe von Leitfragen, dargestellt.

Besonders angesprochen hat mich das Kapitel „Forschungsmethoden“, ein oft vernachlässigtes Gebiet. Anschaulich werden die Methoden und ihre einzelnen Schritte sowie, in einem ausführlichen Darstellung., das Konstruktinterview vorgestellt.

„Personale Systemtheorie und Erwachsenenbildung“ bietet neben einem kritischen Überblick über die Literatur zur Teilnehmerorientierung v.a. Methoden zu deren Erfassung in den verschiedenen Phasen eines Lehr-Lern-Prozesses.

„Personale Systemtheorie und Organisationsberatung“ konzentriert sich auf die Phasen des Beratungsprozesses, verdeutlicht dies mit einem Fallbeispiel und geht weiters noch auf Coaching, Organisationsentwicklung sowie – als Sonderfall – Schulentwicklung ein.

Die Personale Systemtheorie hingegen stellt sich mir nach Lektüre des Buches als personzentriertes, stark an humanistischen Werten in der Tradition von Carl Rogers orientiertes Handlungskonzept dar, das mit einbezieht, dass Personen nicht allein agieren sondern sich und einander beeinflussen, und ein von Systemikern entwickeltes Methodeninventar verwendet.

Daran ist nichts Falsches – im Gegenteil, als Handbuch ist das vorliegende Werk all jenen durchaus zu empfehlen, die die Verwässerung systemischen Denkens im Konzept der Personalen Systemtheorie nicht stört.

Michaela Judy

Lfd. Nr. 28, Heft 1/2010

 

 

Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision. Carl Auer Verlag, Heidelberg, 2009.

Eine knapp gehaltene Einführung in die systemische Supervision ist eine feine Sache, gute Idee und eine schwierige Aufgabe.

Erstens sind die Wurzeln systemischer Theorie und Praxis ziemlich komplex, jede für sich eine kleine Welt. Zweitens sind die Zugänge zu systemisch orientierter Supervision dementsprechend vielfältig. Ein ausgebildeter Psychoanalytiker würde ein 120-seitiges, kleinformatiges Büchlein über Psychoanalyse wohl nur zur Hand nehmen, um zu sehen, ob auch alles stimmt. Jemand, der sich längere Zeit mit systemischer Supervision befasst hat, wird dagegen in Andrea Ebbecke-Nohlens „Einführung in die systemische Supervision“ durchaus auch einen Überblick suchen, den man sich selbst nicht so leicht verschaffen kann.

Und da ist durchaus einiges gelungen: die theoretischen Wurzeln der systemischen Supervision werden entsprechend knapp überblickt, man spürt die Gemeinsamkeiten und Spannungen zwischen den Ansätzen auf den wenigen Seiten. Die Gegenüberstellungen von Merkmalen systemischer und nichtsystemischer Supervision hilft den bei der Identitätsfindung manchmal doch geforderten systemischen Supervisor (oder wie viele Sätze brauchen Sie um Klienten zu erklären, was denn systemische Supervision sei?).

Allerdings wirft sich beim Leser recht schnell die Frage auf, für wen das Büchlein denn geschrieben ist.

Laien, die einen ersten Einblick gewinnen wollen, müssen wohl ziemlich hart gesotten im Umgang mit fachspezifischen Ausdrücken sein, um nicht nach den ersten paar Kapiteln aufzugeben. (Dabei gibt es gerade in der systemischen Literatur so wunderbare Beispiele wie man Komplexes mit einfacher Sprache vermitteln kann.)

Auch die von Anfang bis Ende durchgehaltene gendersensible Schreibweise fördert den Lesefluss nicht eben. „Die SupervisandIn“ muss man sich im Kopf halt jedes Mal übersetzen, weil es so, wie es dasteht, keinen Sinn macht - weder grammatikalisch, noch logisch.

Aber die Thematik ist der Autorin wichtig und so findet sich gleich bei den Leitlinien systemische Supervision der Satz: „Gender Sensitivity ist als Haltung vor allem überall da gefragt, wo die Zugehörigkeit zum weiblichen oder männlichen Geschlecht Benachteiligung hervorruft.“ (55)

Tja, Benachteiligung. Was wohl ein radikaler Konstruktivist dazu sagen würde? Und ist das nicht ein Auftrag, wenn man in eine Supervision geht, zwar alle Brillen nach Möglichkeit abzulegen, diese aber auf jeden Fall aufzuhaben?

Ebbecke-Nohlen gibt alsdann einen Überblick über typische Methoden systemischer Supervision: Hypthesenbildung, zirkuläres Fragen, Allparteilichkeit, Metaphern, Skulping. Das ist gut gelungen, jeweils mit einem Praxisbeispiel, und könnte auch Menschen ohne Vorbildung einen Eindruck vermitteln.

Abschließend bringt sie einige Gedanken zur Ethik systemischer Supervision, erklärt eine Ethik zweiter Ordnung durchaus nachvollziehbar.

Alles in allem ein recht schlaues Büchlein, wenn auch mit deutlichen Schwächen.

Kurt Sattlegger

 

Milowiz, Walter: Teufelskreis und Lebensweg. Systemisch denken im sozialen Feld. 2., überarbeitete Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009

Zuerst zu den sicht- und spürbaren Veränderungen der Neuauflage gegenüber der ersten Ausgabe:

  • Farbige Gestaltung der Titelseite,
  • ansprechende und übersichtlichere typografische Gestaltung,
  • leser/innenfreundliche und stringentere inhaltliche Gliederung und
  • ein Drittel an Dicke gewonnen durch das haptisch angenehmere Papier, die Typografie und den optimierten Inhalt.

Also eine bedeutende Überarbeitung und Weiterentwicklung ganz im Sinne des/der Lesers/Leserin.

Das Wiener Modell der systemischen Sozialarbeit, deren führender Protagonist und Entwickler Milowiz ist, basiert auf dem konstruktivistischen Ansatz und der Systemtheorie. Darauf wurde eine Theorie für die Soziale Arbeit bzw. Sozialarbeit entwickelt, die die Interaktion von Sozialarbeiter/in und Klient/in in den Vordergrund rückt.

„Es geht darum, in einen Teufelskreis machbare Änderungen einzuführen, die weitere Änderungen zur Folge haben. Und machbar sind natürlich zunächst solche Änderungen, die man selbst machen kann …“ (S. 4)

Dabei zeigt sich, dass Sozialarbeiter/innen durch ihre Haltungen und Einstellungen, Fragetechniken und Lösungsorientierungen gegenüber dem/der Klientin/Klienten nicht „Wunderwuzzi“ sein werden, jedoch Veränderungen und Entwicklungen Schritt für Schritt aus dem Teufelskreis gemacht werden können. Da der/die Sozialarbeiter/in einen gesellschaftlichen Auftrag inne hat (als Repräsentant/in der „übrigen Gesellschaft“), steht diese/r auch als „System-Vertreter/-in“ für den Konflikt zur Verfügung. Eine Verhaltensänderung des/der Sozialarbeiters/Sozialarbeiterin verändert somit auch den Konflikt gegenüber der „übrigen Gesellschaft“. Dadurch eröffnen Verhaltens-/Kommuniations-/Interaktionsänderungen im System Klient/-in – Sozialarbeiter/-in neue Beziehungsmöglichkeiten zwischen Klient/-in und der „übrigen Gesellschaft“. Die/der Klient/-in erarbeitet sich dadurch Problemlösungen, die von ihm/ihr auch in anderen Beziehungen angewendet werden.

Lebendige Beispiele aus der beruflichen Praxis – sechs an der Zahl - in den unterschiedlichsten Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit schaffen eine gute Verbindung zur Theorie und machen Lust auf’s Versuchen und Umsetzen von der „Entteufelung von Regelkreisen“ zwischen Klient/-in und Sozialarbeiter/-in.

Das Buch ist allen Berater/innen und Professionisten/Professionisten der Sozialen Arbeit zu empfehlen, die in der Arbeit mit Ratsuchenden / KlientInnen / KundInnen Lösungen auf einer „tieferen Ebene“ erarbeiten wollen, die eine neue Sichtweise ihrer beruflichen Praxis entwickeln, und Fälle auf der Interaktionsebene reflektieren möchten.

Auf einer Skalierung von 1 – 10: 9 praxis- mit theorieverknüpfte und für die Soziale Arbeit interessante Leseempfehlungspunkte.

Klaus Wögerer

 

Lfd. Nr. 30, Heft 1/2011

 

Fackelmann, Bettina: Ambivalenz der Macht. Interne Kommunikation des öffentlichen Sektors und ihre Auswirkung auf Veränderungsprozesse. Heidelberg 2010

Dass eine Dissertation über öffentliche Verwaltung spannend auch für nicht unmittelbar am Thema interessierte LeserInnen sein kann, ist ja keine Selbstverständlichkeit.

Wenn aber der erkenntnisleitende Fokus so klar formuliert und so stringent durchgehalten wird wie bei Bettina Fackelmann, wird das Unwahrscheinliche möglich.

Fackelmann interessiert sich für „Veränderungsprozesse von Organisationen und der dabei impliziten Funktion und Rolle interner Kommunikation.“ (S. 37)
Fackelmann stellt sehr detail- und kenntnisreich den öffentlichen Sektor und seine Aufgaben, systemtheoretische Betrachtungen von Organisationskommunikation, eine Auswahl relevanter Change-Management-Ansätze, Kommunikation, Macht und Steuerung in Organisationen dar. Sie schließt mit einer empirischen Untersuchung der Fusion zweier Ämter.

Die Perspektive Fackelmanns ist  orientiert vor allem an der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann. Damit bezieht sie sich theoretisch auf einen Systembegriff, der auf Definitionen, was ein System „ist“, rekurriert.

„Wann und wie bildet sich nun ein System, ab wann kann es als solches gelten?
Luhmann…  sagt hierzu: <Ein System ,ist' die Differenz zwischen System und Umwelt.>4 Dieses Paradox, in dem das System sowohl als Existenz als auch als Unterscheidungsmerkmal dargestellt wird, verweist bereits auf die Basisoperationen der Unterscheidung eines Systems von seiner Umwelt: Bezeichnen der Existenz und Beobachten der Unterschiede.

Anders als andere Systembegriffe geht die neuere Systemtheorie also davon aus, dass durch die Unterscheidung und damit Bezeichnung des Systems selbst und seiner Umwelt bereits ein System gegeben ist. Es sind weder bestimmte Elemente noch Strukturen oder Prozesse notwendig, allein die Unterscheidung und Bezeichnung durch das System selbst machen seine Differenz zur Umwelt deutlich. Es deutet sich hier weiterhin an, dass notwendige Voraussetzung für die Normenbildung bzw. die Grenzziehung die Selbstreferenz des Systems ist. Diese Sebstreferenz verdeutlicht <Innen> und <Außen>: <Das System ist eine Form mit zwei Seiten.>“ (S. 39)

Die Definition führt das Moment der Versprachlichung und der reflexiven Beobachtungs- bzw. Beschreibungsschleifen in die Konstituierung eines „Systems“  ein. Das System konstruiert sich entlang seiner Grenzen, und solange seine Selbstreproduktion „funktioniert“, bleibt das System auch ein solches.

Handeln und Kommunikation in Organisationen prägen Strukturen, die „sukzessive entstehen und fortwährend reproduziert werden“ S. 114)
Im Rahmen von Veränderungsprozessen sieht Fackelmann in Attraktivität eine Chance, „sinnvolle“ Kommunikation – Luhmanns Diktum „Sinn ist eine sehr potente Technik des Umgangs mit der Komplexität“ folgend - in der Organisation aufrecht zu erhalten.

Sinn ist in ihrem Verständnis dabei „umfassend individuell von Systemen definierbar, was in letzter Konsequenz auch bedeutet, sich bzgl. „Sinnhaftigkeit" oder „Sinnlosigkeit" von herkömmlichen Vorstellungen zu lösen. … Jedes System operiert für sich genommen also sinnvoll mit dem, was es anhand seiner sachlichen, zeitlichen und sozialen Sinnkriterien „seligiert" hat. Sinn kann also nicht bewertet werden - „sinnlos" kann etwas per se nicht sein. Dies impliziert auch, dass andere Systeme die Operation sinnlos finden können und darüber Dissens bestehen kann. Doch all dies ist ganz wertfrei betrachtet sinnstiftende Kommunikation, die das System am Leben erhält. “ (S. 46)

Fackelmanns Fazit, das sie auch im empirischen Teil bestätigt sieht, weist der Produktion von Sinn in Organisationen einen vorrangigen Platz zu.
„Macht und Struktur in Organisationen sind eng verknüpft mit der Produktion, bzw. dem Erleben des Sinns einer Organisation. Wenn … der Vermutung nachgegangen wird, dass die erlebte Sinnhaftigkeit meiner Organisation dazu führt, dass auf allen ebenen weniger macht mittels ihrer Attribute kommuniziert werden muss, kann sich eine neue, bzw. erweiterte Aufgabe von Kommunikation entwickeln. … Es werden qualitativ interessantere und für die Organisation und ihr Überleben nutzbringendere Anschlusskommunikationen möglich.“ (S. 166)

Fackelmann bestätigt damit auf hohem Abstraktionsniveau, dass Energie, die nicht auf Beziehungskämpfe verwendet wird, auf anderes  – im Sinne des Überlebens produktiveres  - Handeln und Kommunizieren verwendet werden kann – womit die Schlussfolgerung eine Brücke  zum Modell der dysfunktionalen Beziehung in der Wiener Schule nach Milowiz schlägt.

Das Buch möchte ich vor allem jenen LeserInnen empfehlen, die an einer schlüssigen, gut geschriebenen Darstellung des aktuellen „state of the art“ der systemtheoretischen Organisationstheorien und an deren Umsetzung in eine empirische Untersuchung interessiert sind.

Michaela Judy

Lfd. Nr. 31, Heft 2/2011

 

Surur Abdul-Hussain und Samira Baig (Hg.); Diversity in Supervision, Coaching und Beratung. Facultas, Wien 2009

Das Buch beginnt mit einen ehrgeizigen Vorwort: mit der Bezugnahme auf Intersektionalität - das meint die theoretische wie interaktionelle Verflochtenheit von strukturellen Identifizierungsmerkmalen. Zugleich soll es eine Einführung für SupervisorInnen, BeraterInnen und Coaches werden. D.h. es gehr um nicht weniger als ein Grundlagenwerk, das zugleich der Schwierigkeit gerecht wird, mit der sich alle, die über Diversity schreiben – in unterschiedlicher Weise - auseinandersetzen müssen: Die Erfassung der Dynamiken von Komplexitätsreduktion und Diskriminierung bei gleichzeitigem Bezug auf diskurswirksame kategoriale Zuschreibungen. Gleich vorab: Der interessierten BeraterIn, die sich einen Überblick über das Thema Diversity sowie Umsetzungsmöglichkeiten in Beratungskontexten verschaffen will, ist das Buch uneingeschränkt zu empfehlen.

Für ganz besonders gelungen erachte ich den Einleitungsartikel von Surur Abdul-Hussain und Samira Baig: knapp und klar werden die Entwicklungslinien dem (Managing) Diversity sowie Anwendungsfelder in Supervision, Beratung und Coaching dargestellt: ein Grundlagentext für alle im Beratungskontext Tätigen. Norbert Pausers Beitrag „Exklusive Behinderungen! Inklusive Beratung?“ rekurriert am deutlichsten auf die interessenpolitische Perspektive, die er von den Ansätzen Inklusion und Diversity Management als Strategien der Selbstermächtigung abgrenzt. Sozialpsychologische Zugänge (Samira Baig) und Cultural Studies (Gabriele Bargehr) geben interdisziplinären Perspektiven Raum, ein Reflexionstool für BeraterInnen (Surur Abdul-Hussain und Samira Baig) stellt eine methodisches Instrument zur Verfügung.

Bei den beiden theoretischen Zugängen Systemtheorie und Integrativer Ansatz haben sich mir allerdings auch weiterführende Fragen dazu gestellt, wie die Ansätze die Dynamiken von Komplexitätsreduktion und Diskriminierung zu handhaben versuchen. Im Artikel „Über Diversity integrativ ko-respondieren“ stellt Surur Abdul-Hussain den Integrativen Ansatz trotz der gebotenen Kürze klar dar und verknüpft ihn mit seiner Anwendung in der supervisorischen Praxis. Über den Integrationsbegriff hat mir der Artikel Lust auf eine vertiefte Auseinandersetzung gemacht.

„(Wir) sehen … Integration als einen Prozess, dessen Folge eine Ganzheit (nicht das Ganze) ist, in der Differentes nicht eingeschmolzen, eingeebnet wird, sondern erkennbar bleibt. Es geht um Verbindungen…“ (S. 174). Integration heißt also, dass die Verbindung von Unterschiedlichem die Orientierung auf ein Gemeinsames benötigt. Gibt es das nicht, kann die Folge nur Nebeneinander sein. Hier scheint mir der Ansatz in der dargestellten Form sehr idealistisch, mir fehlt die Perspektive, was als „Ganzheit“ betrachtet, wie sie bewertet und wie auf ihr „Fehlen“ reagiert wird.

Die „Systemischen Beobachtungen von Diversität“ von Sabine Eybl und Siegfried Kaltenecker bieten eine ausgezeichnete Einführung in die Methode für LeserInnen anderer Schulen. Die Systemikerin in mir hätte sich eine klarere Abgrenzung gewünscht zwischen Systemtheorie (nach Luhmann) und systemischen Theorien, die auf die Kybernetik und die Prinzipien von Rückkoppelung und Autopoiesis als wissenschafts-theoretische Ausgangspunkte rekurrieren. Der von den AutorInnen zu Recht konstatierte „blinde Fleck“ der Systemtheorie (S.104) lässt sich systemisch (nicht systemtheoretisch) betrachtet relativieren: Wo der Fokus auf der Selbstreproduktion von Strukturen und möglichen Dysfunktionalitäten liegt, ist funktionale Differenzierung nur eine von unterschiedlichsten möglicherweise nützlichen Perspektiven im beraterischen Geschehen. Wie man sieht, liefert der vorgelegte Sammelband über die Vermittlung von Grundlagenwissen hinaus auch viele Anregungen zum Weiterdenken und Fortschreiben. Und was lässt sich Besseres über ein Buch sagen?

Michaela Judy

 

Lfd. Nr. 32, Heft 1/2012

 

Pörksen, Bernhard (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. VS Verlag, Wiesbaden 2011; ISBN 978-3-531-17148-7; 588 Seiten

Der Titel „Schlüsselwerke des Konstruktivismus“ lässt einiges für den/die Leser/-in erhoffen, birgt aber auch vielleicht die Gefahr in sich, dass das Schloss bzw. die Schlösser für die Schlüssel fehlen könnten ...

Schlüssel-Erfahrungen machen, Schlüssiges verstehen und verinnerlichen, das Thema öffnen sowie Gedanken- und Erfahrungsräume durchschreiten - dazu könnte dieses Buch beitragen, wenn es darum geht, den Konstruktivismus in den verschiedensten Facetten zu ent-schlüsseln.

Eine der Schlüsselaussagen des konstruktivistischen Diskurses von Humberto R. Maturana „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“, klingt zwar auf den ersten Blick sehr plausibel und „eh-klar“, jedoch hat dies auf die Beratungspraxis bei konsequenter Haltung und Umsetzung eine weitreichende Wirkung bezüglich der Methodik, der Interaktionen usw.

Daher benötigt der/die Leser/-in meines Erachtens so etwas wie Vorerfahrungen zu diesem Themenfeld in Form von Grundlagen systemischer bzw. konstruktivistischer Theorien, Methoden und Praxis, um Anschlussfähigkeit für die Inhalte herzustellen. Dann kann das Buch auch wirklich Freude bereiten und zu einer verständlichen Vertiefung beitragen.

Das Buch bietet, ausgehend von den zentralen Bezugstheorien der Philosophie- und Geistesgeschichte, die Entwicklung der unterschiedlichen Theorien der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften (z.B. Soziale Arbeit, Organisation und Management) sowie Hinweise auf konkrete Anwendungen in unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

Durch diese Vielfalt der Themen und der Zugänge werden auch die Varianten des Konstruktivismus mit den jeweiligen Begründungen aufgezeigt und Schlüssel zu unterschiedlichen Branchen und Bereichen (z.B. Pädagogik, Medienarbeit, Soziale Arbeit) angeboten. Die kompakten Artikel lassen ein stückweises Erschließen nach Interessen und Neigungen zu. Es werden also mehrere Schlüssel angeboten, die unabhängig von einander kombiniert und ausprobiert werden können.

Im ersten Abschnitt „Vorläufer und Bezugstheorien“ werden sieben Werke - bekanntere wie beispielsweise jene von Immanuel Kant, aber auch unbekannte wie das von Ludwik Fleck mit dem Titel „Evolution des Erkennens. Rainer Egloff über Luwik Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ - vorgestellt. Der 1896 in Lemberg (Polen) geborene Fleck war in der Zwischenkriegszeit und im zweiten Weltkrieg als Mediziner tätig und forschte erfolgreich im Bereich Bakteriologie. Das Labor war also sein Arbeitplatz. Bemerkenswert ist jedoch, dass er sich neben seinen Forschungen auch mit dem Entstehen von wissenschaftlichen Tatsachen auseinandersetzte. Dabei hat er die Begriffe des Denkstils und des Denkkollektivs geprägt, die er beschreibt als „... kollektive Erfahrungen ..." (mentale, mentalitätsmäßige und sozialer Institutionaliserung und ein „... gerichtetes Wahrnehmen mit gedanklichem und sachlichem Verarbeiten des Wahrgenommenen ...“ (Fleck S. 70f.)

Der zweite Teil bietet siebzehn Beiträge unter der Rubrik „Grundlagen und Konzepte“. Behandelt werden Klassiker und Standardwerke wie Paul Watzlawicks „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ (Fritz B. Simon) oder Maturanas und Varelas „Der Baum der Erkenntnis“ (Karl H. Müller) bis hin zu Niklas Luhmanns „Erkenntnis als Konstruktion“ (Christoph Reinfandt).

Im abschließenden dritten Abschnitt wird Anwendung und Nutzbarmachung konstruktivistischer Ansätze in unterschiedlichen Feldern diskutiert und sehr praktisch aufgezeigt. Dadurch wird es möglich, Einblicke in auch fremde Branchen zu erhalten.

Heiko Kleve etwa hat sich mit Konstruktivismus in der Sozialen Arbeit auseinandergesetzt und in seinem Beitrag mit dem Titel „Vom Erweitern der Möglichkeiten“ folgende berufspolitische Identitätsperspektive entwickelt: „Identität könnte grundsätzlich als ein Konstrukt verstanden werden, das - zumindest in der Sozialen Arbeit - von Kontext zu Kontext immer wieder neu geklärt und erschaffen werden müsse. Was Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter demnach lernen müssten, wäre nicht die Fixierung einer festen und dauerhaften Selbstbeschreibung, sondern das flexible Arrangieren von situativ und kontextuell abhängigen Identitätskonstrukten.“ (Kleve, S. 515)

Gerade in der Berufsdiskussion von Sozialarbeiter/-innen ist dieser Beitrag ein erfrischender Zugang zu einer professionellen Multi-Identität, die zu einer Entkrampfung beiträgt und Sozialarbeit als eine Profession positioniert, die immer wieder neu mit der passenden Identität interveniert, um an Themen/Zielen/Veränderungen von Gesellschaft zu arbeiten.

Rudolf Wimmer hat sich mit seinem Artikel, der systemisch-konstruktivistischen Organisationsberatung gewidmet, die er als dritte Form neben der Fach- und Prozessberatung positioniert. Das dabei angewandte systemtheoretische Organisationsverständnis der Berater/-innen arbeitet mit den Sinndimensionen (sachlich, zeitlich und sozial), um Interventionen im Rahmen des Beratungsprozesses zu setzten, die mithelfen, die Führungsfähigkeit zu stärken/stabilisieren. In einer Zeit ungeheurer Dynamik und vielfältiger Kommunikationsmittel sowie von Netzwerken ist das eine wirkliche Herausforderung. Führung also als „... ein Moment in einem sich selbst organisierenden, hochkomplexen Sozialsystem ...“? (Wimmer, S. 535f)

Diese unterschiedlichen Fundierungen und auch Einsatzfelder des Konstruktivismus zeigen jedoch eine gemeinsame tragfähige Basis. Es geht um Umorientierungen - das Verstehen, dass Konstruktionsprozesse die Wirklichkeiten erzeugen und hervorbringen. Um solche Konstruktionsprozesse erfahrbar zu machen sind beispielsweise Wie-Fragen eine sehr hilfreiche Form. Die Orientierung, dass der/die Beobachter/-in auch konstruiert trägt dazu bei, dies als Ressourcen zu nutzen. Er/Sie kann also Unterscheidungen und Bezeichnungen einbringen. Der Abschied von absoluten Wahrheitsvorstellungen - es geht also um Hinweise, nicht um Beweise - schafft kreativ neue „Wirklichkeiten“. So ist auch der Konstruktivismus selbst nur eine Konstruktion von Wirklichkeit!

Dem konstruktivistischen Denken steht also die Lockerheit gut. Das führt auch dazu, dass Tendenzen zu „Schulenbindung“ (auch wenn der Konstruktivismus eine Meta-Theorie bzw. eine Epistemologie darstellt) immer wieder irritiert werden und Offenheit bleibt - so wie das Buch der Schlüsselwerke des Konstruktivismus eine sehr offen Sammlung an Zugängen und Werken sowie Praxen darstellt.

Dieses Buch ist allen Beraterinnen/Beratern und Interessierten sehr zu empfehlen, die bereits über Grundlagenwissen zu konstruktivistischem Denken verfügen und neue Perspektiven für sich eröffnen möchten.

Aber Achtung: Das Ergebnis dieses Artikels ist auch nur eine Eigenkonstruktion - es könnte bei Ihnen auch ganz anders ausfallen ...

Klaus Wögerer

 

Lfd. Nr. 33, Heft 2/2012

Kleve Heiko (2011): Aufgestellte Unterschiede. Systemische Aufstellung und Tetralemma in der Sozialen Arbeit. Heidelberg, Carl-Auer Verlag; ISBN 978-3-89670-787-1; 171 Seiten
„Unterschiede sind für die Soziale Arbeit zentral.“ (S. 9) So beginnt Heiko Kleve in seinem Buch „Aufgestellte Unterschiede“. Kleve ist ein äußerst aktiver Sozialarbeitswissenschaftler im deutschsprachigen Raum und ein Vertreter postmoderner und konstruktivistischer Theorien der Sozialen Arbeit. In den letzten Jahren sind viele Bücher und Artikel von ihm dazu erschienen.
Im Buch „Aufgestellte Unterschiede“ werden zwei Techniken der Sozialen Arbeit dargestellt - das Unterscheiden und das Entscheiden - die für Sozialarbeiter/-innen wie auch für Planer/-innen des Sozialwesens zentral sind.
Im ersten Teil beschäftigt sich das Buch mit systemtheoretischen Präzisierungen wie beispielsweise mit der Arbeit an und mit Differenzen in der Sozialen Arbeit. Der zweite Teil bietet fünf Artikel, die sich mit systemischer Aufstellungsarbeit auseinandersetzen. Den dritten Teil mit dem Titel „Tetralemmawanderung“ widmet Kleve der Identitätsentwicklung der Sozialen Arbeit sowie dem Prozessschema und der Arbeitsweise, sich Neuem zu öffnen:
„Wer sich als Planer oder Entscheidungsträger nicht scheut, dieser Gelegenheit von Veränderungen ins Auge zu sehen, erhöht damit die Nachhaltigkeit und Kreativität seiner Veränderungsbemühungen.“ (S. 143f)
Erfrischend für die Profession der Sozialen Arbeit beschreibt Kleve im seinem abschließenden Artikel eine Idee zur professionellen Identität der Sozialen Arbeit und spricht von einer offenen Identität, die sich durch die doppelt generalistische Weise in der Gesellschaft nicht zu einer klar abgrenzbaren ausbilden kann und meint, dass es eine Chance ist, wenn solch eine offene Identität in „... spielerischer, konstruktiver und reflexiver Weise genutzt wird."  (S. 158)
Soziale Arbeit ist eine Profession, die es in sich trägt „... ambivalente Spannungen auszuhalten und konstruktiv zu entfalten.“ (S. 114)
In einem überaus erhellenden Artikel klärt Kleve die Wirkungsweise von systemischen Aufstellungen - er spricht vom sogenannten Horoskopeffekt. Nicht irgendwelche spirituellen Formen,  familiäre Vorfahren oder dergleichen sind es, die bei der Aufstellungsarbeit mit Klientinnen/Klienten wirken, sondern die beobachtungsabhängige Bedeutungsgebung der Klienten:

  • Die Konstruktion von Sinn
  • Die Beziehung zum Sozialarbeiter/Berater/Therapeut
  • Die Deutung der Aussagen der Aufstellungsteilnehmer/-innen

(vlg. S. 107).
Erfolgreiche Beratung bzw. Aufstellung ist dann gegeben, wenn Klientinnen/Klienten in ihren Erfahrungsräumen „... an ihrem Erleben, genauer: an ihrem Fühlen, Denken und Verstehen ‘arbeiten‘ können." (S. 110)
Das Buch „Aufgestellte Unterschiede“ ist vom Aufbau und der Struktur her eher eine Sammlung unterschiedlicher Aufsätze zu den Methoden systemische Aufstellung und Tetralemma und setzt die Soziale Arbeit immer wieder in Bezug dazu.
Die Aufstellungsarbeit/-praxis nimmt nur einen kleinen Teil im Buch ein - rundherum sind Professionsverständnis und systemische Grundlagen dargestellt.
Wiewohl die jeweiligen Artikel kurzweilig und erhellend für das Professionsverständnis und auch die praktische Arbeit mit Aufstellungen sind, fehlt dem Buch meines Erachtens der rote Faden und das verbindende Element. „Aufgestellte Unterschiede“ ist ein Buch für Praktiker/-innen Sozialer Arbeit, aber auch zu empfehlen für Studierende und Berater/-innen, die eine theoretische Basis für Aufstellungsarbeit suchen.
Klaus Wögerer

 

Arndt Ahlers-Niemann, Edeltrud Freitag-Becker (Hg.): Netzwerke – Begegnungen auf Zeit. Zwischen Uns und Ich. EHP (2011)
Vor längerer Zeit sagte mir ein 16jähriger in aller Ernsthaftigkeit:  "Das stimmt, das habe ich aus dem Internet."
Die Hoffnung des jungen Mannes hat, scheint mir,  mit jener zu tun, die Freitag-Becker und Ahlers-Niemann als Kernpunkt des Netzwerk-Booms benennen: „der Hoffnung, der Komplexität in Organisationen und Gesellschaft besser begegnen zu können.“ (S.13)
Das vorliegende Buch setzt auf Multiperspektivität in der Auseinandersetzung mit einem Prozess, der von den HerausgeberInnen als Mitglieder des NetzwerkRheinland erlebt und reflektiert, als BeraterInnen und Forschende in verschiedenen Veranstaltungen diskutiert und beleuchtet wurde. Das Buch „reicht von persönlicher Geschichte bis zu philosophischer Betrachtung, von mythischen Zugängen bis zu politischen Verstrickungen. Es verbindet Erlebtes, Konkretes und Reflektiertes mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, subjektiven Erfahrungen und persönlicher Netzwerkkompetenz. Es mutet, wie auch Netzwerke selbst, dem Leser einiges zu, belebt aber durch diese Zumutungen eigene Erfahrungen und lässt gedankliche Verbindungen entstehen.“  (S.18)
Nicht zuletzt gibt es den virtuellen Netzwerken Raum, in denen die unmittelbare Erfahrung von Wirkung des eigenen Tuns im persönlichen Kontakt undurchschaubarer und -  in einer unfreiwilligen ironischen Drehung - letztlich als "objektiver" – wie bei unserem 16jährigen – oder auch persönlicher empfunden wird, wo man sich gleichzeitig als geschützt und mit anderen verbunden erleben kann.
Diese Perspektive birgt die Gefahr des Sich-Auslieferns an soziale Netzwerke oder sie zu verweigern, statt deren Möglichkeiten zu analysieren und zu überlegen, wie und v. a. wofür sie zu nutzen wären. Für letzteres bietet Antje Schrupps Beitrag kluge und nachvollziehbare Überlegungen.
Der Widerspruch zwischen Kontakt und Verbindlichkeit einerseits und struktureller wie persönlicher Offenheit andererseits, das wird beim Lesen des Buches sehr deutlich, gilt nicht nur für virtuelle sondern ebenso für soziale Netzwerke. 
Die strukturelle Unabgeschlossenheit und Offenheit, die Netzwerke auf den  ersten Blick eignet, macht sie  zur idealen Projektionsfläche für Hoffnungen, gleichzeitig dazugehören - und profitieren - zu können, ohne den Preis der Abhängigkeit zahlen zu müssen.
Von unterschiedlichen Perspektiven nähern sich Verena Bruchhagen und Ulrich Beumer diesem Widerspruch.
Aufschlussreich fand ich Frank Überalls Beitrag "Vom Kölner Klüngel lernen". Präzise und unaufgeregt skizziert er die Entwicklungslinie, die  von sozialem Zusammenhalt und Kooperation, zu Netzwerken und ihrem weniger geliebten Geschwister Lobbying zu Korruption und zur Entwicklung einer "Korruptionsethik" führt.
Es ist selten, dass BeraterInnen eigene Erfahrungen zur kritischen Überprüfung  zur Verfügung stellen. Das zeichnet die Modelle pragmatischer Nutzung, die Edeltrud Freitag-Becker, Beatrice Conrad und Barbara Baumann vorstellen, aus. -  Freitag-Becker in ihrer persönlichen Auseinandersetzung mit der Entwicklung eines BeraterInnen-Netzwerks, Conrad die Arbeit mit Führungskräften und Baumann mit dem Modell des Mentoring.
Üblicherweise schätze ich Rezensionen, die kommentieren, was in einem Werk fehlt, nicht besonders. Wenn ich diesmal selbst eine Ausnahme mache, so weil m.E. gerade unter dem Aspekt der oben beschriebenen Multiperspektivität jene der Kybernetik und der Chaosforschung hier noch wesentliche Beiträge hätten liefern können. Aber das Nachdenken über Netzwerke ist so unabgeschlossen wie jedes Buch und dieser Aspekt sei somit der Zukunft überlassen.
Ein Buch, das mich die "Entwicklungsdynamik, Gestaltbarkeit und Unberechenbarkeit kooperativer Netzwerke“ in dieser Weise  weiterdenken lässt, hat die Lektüre jedenfalls mehr als gelohnt und sein Versprechen, Zumutung und Anregung zugleich zu sein, eingelöst.
Die Perspektiven sind vielfältig, teilweise widersprüchlich und öffnen so  den Raum für die Leserin, die ihre eigene Position in diesem Ideen - Netzwerk einnehmen muss, um davon zu profitieren. Das Buch tut, was es  beschreibt. Und was lässt sich Besseres dazu sagen?
Michaela Judy

 

Lfd. Nr. 35, Heft 2/2013

Wirth Jan Volker, Heiko Kleve: Lexikon des systemischen Arbeitens. Grundbegriffe der sysmischen Praxis, Methodik und Theorie. Carl-Auer-Verlg, Heidelberg 2012. 506 S.

Was ist ein Lexikon? Liest man den Titel des umfangreichen Werkes, den Jan Volker Wirth und Heiko Kleve zusammengestellt haben, so erwartet man eigentlich ein trockenes Buch, in dem zu den zentralen Begriffen des systemischen Denkens und Arbeitens Definitionen, Zusammenhänge und Anwendungsbeispiele zu finden sind.
Allerdings sucht man viele Begriffe des systemischen Ansatzes, wie etwa Konstruktivismus, Postmoderne, Rückkoppelung, Zirkularität und den narrativen Ansatz hier vergeblich. Statt dessen gibt es Artikel über Alltag, Elternschaft, Familie, Gedächtnis, Haushalt, Jugendliche, Liebe und Zeit. Und diese sind von wirklichen Größen der deutschen systemtheoretisch orientierten Szene verfasst: Von v. Ameln bis Wirth, über Ebbecke-Nohlen, Levold, Kraus und Ritscher ist alles vertreten, was Rang und Namen hat. (Man verzeihe mir, dass ich nicht alle Namen nenne, das würde den Rahmen dieser Rezension sprengen.)
Was aber ist dieses Buch? Ein Lexikon ist es nicht.
Doch es macht viel Spass, in diesem hochkarätigen Sammelsurium von Artikeln zu alphabetisch geordneten Begriffen zu schmökern; zu lesen, was Christiane Bauer zum Humor sagt oder Peter Fuchs zum Körper. Nicht immer fällt es leicht, zu verstehen, besonders wenn es gar zu „luhmannianisch“ wird, die Zusammenhänge der einzelnen theoretischen Hintergründe sind manchmal unklar, aber es ergibt sich damit ein sehr realistischen Abbild der deutschen (psychosozialen) systemtheoretischen Szene, die sich ja auch Diversität und Vielfältigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. Und langsam wird man herangeführt an ein deutsches systetmheoretisches Denken, das in seiner Breite erstaunt, die klassische Geschichte des systemischen Ansatzes aber eher ausblendet.
Obwohl Wirth und Kleve Sozialarbeiter und Professoren für soziale Arbeit sind, ist der Großteil der Beiträge und der Praxisbeispiele in den Beiträgen der Psychotherapie entnommen, und die soziale Arbeit taucht auch nicht als Begriff im „Lexikon“ vor.
Kein Lexikon: Es handelt sich also um einen Reader, eine Zusammenstellung systemtheoretischer Artikel über eher zufällig ausgewählte Themen, der den Leser und die Leserin in den Bann zieht und ihnen die deutsche Systemtheorie schmackhaft macht.
Nehmen Sie sich immer, wenn sie ein bisschen Zeit übrig haben, wie in der Bahn oder im Wartezimmer, einen Begriff aus der langen Liste vor, lesen Sie und lassen sich anregen zu eigenem Reflektieren, aber auch verführen vom Denken der Autoren:
Abhängigkeit (stoffl.), Alltag, Alter/Altern, Ambivalenz, Anamnese, Arbeitslosigkeit, Aufstellungen, Auftrag, Auftragskarussell, Autonomie, Autopoiesis, Behinderung, Beratung, CaseManagement , Coaching, Dekonstruktion, Delegation, Delinquenz, Diagnose/Diagnostik, Elternschaft,  Empowerment, Erwartung, Erziehung, Evaluation, Evidenz, Exklusion, Externalisierung, Familie, Familienbrett, Familienhelfer-Map, Familien-Map, Familienrat, Feedback, Gedächtnis, Gefühl, Genogramm, Gesellschaft, Gewalt (gegen Kinder), Gewalt (in Paarbeziehungen), Gruppe, Gruppenarbeit , Haushalt, Helfen, Humor, Hypothetisieren, Identität, Individuation, Individuum, Inklusion, Interaktion, Interkulturalität, Interpunktion, Intervention, Intuition, Irritation, Jugendliche, Kind, Kommunikation, Komplexität, Konflikt, Kontext, Kontingenz (doppelte), Kopplung, Körper, Körperabeit, Krankheit, Krise, Lebensführung, Lebenslauf, Lebenswelt, Liebe, Lösung,  Lösunsfokussierung, Macht, Mediation, Metapher, Migration, Missbrauch (sex.), Misshandlung, Mluultifamilientherapie, Netzwerk, Netzwerkkarte, Neutralität, Nichtwissen, Opfer, Organisation, Partizipation, Person, Prävention, Problem, Problem-Lösungs-Zirkel, Psyche, Psychodrama, Raum, Reflektierendes Team, Ressource, Ritual, Rolle, Rollenatom, Scheidung/Trennung , Schmerz, Schuld, Schule, Schulverweigerung, Seelsorge, Selbstorganisation, Selbstreferenz, Sexualität, Sinn, Skalieren, Skulptur, Soziales Atom, Sozialisation, Sozialsystem, Soziodrama, Spielen, Sprache, Steuerungsdreieck, Supervision, Symptomträger, System, Teamarbeit, Tetralemma, Therapie, Tod, Trance, Trauer, Triade, Umdeutung, Utilisation, Verstehen, Viabilität, VIP-Karte, Wunderfrage, Zeit, Zeitstrahl, Zeugen (Arbeiten mit Zeugen), Ziel, Zirkuläres Fragen.
Wer dieses Buch gelesen hat, der kann jedenfalls mitreden und mitdenken. Und eine vergnüglichere Art, in dieses komplexe Feld eingeführt zu werden, kann man sich schwerlich vorstellen.
Walter Milowiz

Bendl Regine /Edeltraud Hanappi-Egger/ Roswitha Hofmann (Hg.): Diversität und Diversitätsmanagement. Facultas wuv, Wien 2012.
Ein Lehrbuch zu Diversität hat m. E. - trotz der vielfältigen  Publikationen zu diesem Thema - im  deutschsprachigen Raum seit langem  gefehlt.
Ein gutes Lehrbuch unterscheidet sich dabei von anderen Sammelbänden  zum einen durch einen stringenten Aufbau, der durch die relevanten  Diskurse und Anwendungsfelder führt, zum anderen durch eine  didaktische Orientierung, die auf die Vermittlung von Lerninhalten und  Hilfen für den Transfer in die eigene Denk- und Handlungspraxis  abzielt. Idealerweise spricht das Lehrbuch mehrdimensional sowohl  EinsteigerInnen als auch Erfahrene in der Thematik an.
Das vorliegende Buch erfüllt alle diese Kriterien für ein theoretisch wie praktisch  anspruchsvolles Lehrbuch über sozialwissenschaftliche wie  betriebswirtschaftliche Grundlagen des Diversitätsmanagements.
Hohes theoretisches Grundlagenwissen, die politische Stellung gegen Ungleichbehandlung sowie der Anspruch auf Anwendungs- und Umset­zungsbezüge bilden den Diskursrahmen, innerhalb dessen sich das Bedeutungskonstrukt „Diversität“ entfaltet. Der Diskurs fungiert dabei zugleich als Erschließung des kritischen Potenzials dieses Bedeutungskonstrukts, im Verweis auf die Auslassungen und Widersprüche, die ihm notwendig innewohnen.
Gleich zu Beginn des Buches hat mich Roswitha Hofmanns Beitrag „Gesellschaftstheoretische Grundlagen für einen reflexiven und inklusiven Umgang mit Diversitäten in Organisationen" angesprochen: selten genug wird Theorie als handlungsleitend begriffen und in ihrer Brauchbarkeit eben dafür dargestellt. „Intersektionalität und Ste­reotypisierung: Grundlegende Theorien und Konzepte in der Organisationsforschung" stellt Helga Eberherr die grundlegende Frage, wie Intersektionalität – also die Schnittstellen und Schnittmengen diversitätsrelevanter Dimensionen und Kategorien – theoretisch gefasst werden kann.
„Vertiefende Betrachtungen zu ausgewählten Diversitätsdimensionen" von Regine Bendl, Helga Eberherr und Heike Mensi-Klarbach beleuchtet die Diversitätsdimensionen der EU-Antidiskriminierungsrichtlinien - Alter, Behinderung, Ethnizität, Gender, Religion/Weltanschauung und sexuelle Orientierung – mit dem Fokus auf die österreiche Situation.
Als eine, die selbst mit Diversitätsmanagement arbeitet, bin ich für Eva Langs Beitrag „Rechtliche Standards für den Umgang mit Diversität — Antidiskriminierungsbestimmungen im Gleichbehandlungsgesetz" besonders dankbar. Übersichtlich stellt sie das österreichische Gleichbehandlungsgesetz für die Privatwirtschaft (G1BG) vor und vermittelt anhand zahlrei­cher Fallbeispiele Einblicke in die Umsetzung der EU-Richtlinien.
Der zweite Teil des Buches ist den organisationalen Perspektiven von Diversität und Diver­sitätsmanagement gewidmet.
In „Die Rolle von Gender und Diversität in Organisationen: Eine organisationstheoretische Einführung" diskutiert Edeltraud Hanappi-Egger Organisationstheorien, die auf mikropo­litische Aushandlungsprozesse in organisatio­nalen Strukturen rekurrieren.
„Die Strategische Implementierung von Diversi­tätsmanagement in Organisationen" von Gloria-Sophia Warmuth beschäftiggt sich idealtypisch mit Faktoren, die eine erfolgreiche Umsetzung von Diversitätsmanagement fördern.
Fundiertes Grundlagenwissen vermittelt „Das Verhältnis von Chancengleichheitsprogrammen und Gender Mainstreaming zu Diversitätsmanagement - eine vergleichende Darstellung" von Regine Bendl.
Anett Hermanns Beitrag „Diversitätsmanagement in Teams" bietet zunächst einen Überblick über den Bereich Teamforschung unter dem Fokus Diver­sitätsmanagement. Zum Ausgangspunkt nimmt sie dabei die Annahme, dass heterogen zusammengesetzte Teams hohes Innvovationspotenzial haben und somit einen Wettbewerbsvorteil darstellen. Wenig überraschend kommt sie zu dem Befund, dass Diversität diesbezüglich zwar eine Determinante sein kann, der Aussage in dieser Allgemeinheit aber nicht zugestimmt werden kann. Für mich erstaunlicher Weise wird allerdings nicht darauf rekurriert,  Aufgaben und Ziele eines Teams mit den dafür relevanten  Diversitätskriterien in Bezug zu setzen. Ohne diese Verankerung in einer (aufgabenbezogenen) Verbindlichkeit  jedoch fahren sich Teams in der Regel in Aushandlungsprozessen fest,  die statt Kreativität Dominanz- und Verteilungskonflikte fördern.
Diversitätsmanagement ist schon historisch der doppelten Entwicklungslinie politisch-moralischer  wie auch betriebswirtschaftlicher Forderungen geschuldet. Heike Mensi-Klarbach nimmt letztere in ihrem Beitrag „Der Business Case für Diversität und Diversitätsmanagement" in den Blick und diskutiert sowohl den Business Case für Diversität als auch den Business Case für Diversitätsmanagement auf der Grundlage internationaler Studienergebnisse.
„Diversitätsmanagement unter der Perspektive organisationalen Lernens: Wissens- und Kompetenzentwicklung für inklusive Organisationen" von Edeltraud Hanappi-Egger und Roswitha Hofmann richtet den Fokus abschließend auf die die Lern- und Entwicklungsperspektiven von Diversitätsma­nagement, auf die organisationale  Gestaltbarkeit von Lern- und Verän­derungsprozessen.
Das vorliegende Buch soll nach dem Wunsch seiner Autorinnen sowohl ein Lehrbuch - am Ende jedes Kapitels finden sich Kontrollfragen zu den wesentlichsten Wissensbereichen - als auch „eine Zusammenfassung des wissenschaft­lichen Diskurses über die Rolle von Diversität und Diversitätsmanagement aus organisationaler Sicht" sein. Beides hält der Überprüfung stand: „Diversität und Diversitätsmanägement ist ein in jeder Hinsicht gelungenes und empfehlenswertes Nachschlagewerk.
Michaela Judy

 

Lfd. Nr. 36, Heft 1/2014

Hosemann Wilfried, Wolfgang Geiling (2013): Einführung in die Systemische Soziale Arbeit.
UTB, Reinhardt Verlag München
Nach Lüssi, Milowiz und Ritscher gibt es nun auch ein Einführungsbuch in die Systemische Soziale Arbeit von Hosemann und Geiling. Sind das zu viele?
Nun, zunächst ist zu sagen, dass die vier Autoren sehr verschiedene Ansätze der Systemtheorie vertreten. Lüssi baut wesentlich auf Staub-Bernasconi, Milowiz auf Watzlawick und von Foerster auf, Ritscher bringt ein Sammelsurium von allen Ansätzen, wie sie auch in der Familientherapie geläufig sind, und Hosemann bezieht sich hauptsächlich auf Luhmanns Systemtheorie der Gesellschaft.
Darüber hinaus ist Lüssis Buch ein Lehrbuch für SozialarbeiterInnen, Milowiz definiert Sozialarbeit auf Systemischer Basis und versucht, daraus Reflexions- und Planungshilfen abzuleiten, Ritscher sammelt und bringt Beispiele, bezieht sich dabei aber hauptsächlich auf Familientherapie in prekären Situationen, und Hosemann/Geiling führen gründlich in die soziologische Systemtheorie ein und entwickeln eben die Umsetzung in die Sozialarbeit.
Die Diskussion um die verschiedenen systemtheoretischen Ansätze wird noch lange dauern, eine Einigung auf einen davon oder eine Integration sind nicht zu erwarten, aber Hosemann/Geiling sind jedenfalls diejenigen, die die Gemeinsamkeiten auch auf theoretischer Ebene am stärksten suchen und einen möglichst integrativen Weg gehen, so dass fast jede Richtung sich zumindest mit vertreten fühlen kann.
Der Aufbau des Buches könnte für ein Einführungsbuch nicht besser sein. Allein die Gliederung der einzelnen Kapitel in kurze, klare theoretische Sätze (was bei der Ableitung von Luhmann sicher keine einfache Sache ist), Beispiele, Zusammenfassung und Gedanken zum Weiterdenken machen es leicht, sich einzufinden, selbst Bezug zu nehmen und seinen eigenen Überlegungen nachzugehen. Dadurch führt das Buch fast mühelos zu einem Verständnis des theoretischen Grundgerüsts sowie zur Umsetzung in die Soziale Arbeit. Genauer gesehen ist der Schwerpunkt wohl stark bei dem Denkmodell, die Anwendung auf die Sozialarbeit ist immer erst die Folgerung, so dass man versucht ist, die Theorie auch gleich auf andere Felder umzusetzen und damit den Blickwinkel selbst noch zu erweitern, ohne dabei den roten Faden aus dem Auge zu verlieren. Dies scheint auch der Absicht der Autoren zu entsprechen, wie aus dem Vorwort hervorgeht: „Systemtheorie läuft auf eine besondere Art des Nachdenkens hinaus…“(p.7).
Das Buch führt in die Grundsätze systemischen Denkens ein, vergleicht die unterschiedlichen Ansätze, führt dann über zu dem soziologischen Begriff der Teilhabe als einer wesentlichen Begründung der Sozialarbeit und dem allgegenwärtigen Thema „Kybernetik zweiter Ordnung“, wo die Relationen zwischen Gesellschaft, KlientIn und SozialarbeiterIn sehr genau durchleuchtet werden.
Handlungsanleitungen sucht man vergeblich, vielmehr gibt es jede Menge Anregungen, sein Handeln auf systemischer Basis selbst zu reflektieren, was in der heutigen Welt der Wünsche nach schnellen Rezepten einen wohltuenden Ruhepol bedeutet.
Wer schnell wissen will, was er/sie tun soll, wird mit dem Buch unzufrieden sein, wer auf neue Gedanken gebracht werden möchte und über die Umsetzung in seine/ihre Praxis nachdenken, wird dazu jede Unterstützung finden, und nicht nur wenn ihm/ihr der systemische Ansatz noch fremd ist: Auch der/die eingelesene und erfahrene SystemikerIn wird noch jede Menge Anregung und Bestätigung finden, und damit können wir die Eingangsfrage: „Sind das zu viele?“ leicht beantworten: Dieses jedenfalls ist nicht zu viel, ganz im Gegenteil, wir freuen uns ganz besonders, dass es auf unserem Tisch gelandet ist, und empfehlen es für alle, die sich mit Systemtheorie und Sozialer Arbeit auseinandersetzen.
Walter Milowiz

 


Brüderlin, Rolf, Käser, Franz (2013): Wie Beratung wirken kann. Neun Masterthesen zu einem komplexen Thema. facultas.wuv
Die Wirkung von Beratung ist ein Feld voller Fussangeln: Was wird als Wirkung beschrieben? Von wem? Und wenn das entschieden ist: was hat gewirkt? War es die Beratung, wie wir BeraterInnen hoffen und annehmen müssen? Oder ganz andere Faktoren in den Leben (-sumständen) der SupervisandInnen?
Die Fragen sind nur dialogisch beantwortbar, als Ergebnis einer Passung von Interpretationen der Beratenen und der BeraterInnen.
Die Wirkung von Beratung ist ein Feld, dessen Erforschung unumgänglich ist: eine Profession, die so unmittelbar auf den Nutzen für Menschen abzielt, kann sich nur rechtfertigen,  wenn dieser Nutzen auch nachweisbar ist.
Es ist also höchst erfreulich, wenn auch die Beratungsformate Supervision und Coaching sich der Frage : "Was wirkt" stellen.
Im vorliegenden Sammelband von Rolf Brüderlin und Franz Käser sind es neun Masterthesen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage annähern.
Sechs der Beiträge arbeiten mit empirischen Daten, sowohl quantitativen wie qualitativen Erhebungen.
Alle Beiträge zeichnen sich durch ihre klare Struktur aus, die zunächst das Forschungsinteresse und den theoretischen Hintergrund darstellt, danach die Methoden erläutert um schließlich die Ergebnisse und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen zu präsentieren.
Diese stringente Struktur macht es möglich, aus so unterschiedlichen Arbeiten ein lesbares Buch für die fachlich versierte Leserin zu erstellen.
Die Spanne geht von Anfängen von Beratungsprozessen (Thomas Poppe) über Genderkompetenz (Sabine Karlinger), Erwartungen an Supervision (Klemens Fraunbaum), Wirksamkeit von Supervision durch die Brille der Organisation (Romana Lukow), Beratung im Spital (Manfred Güntensperger), Netzwerkarbeit (Bettina Strümpf), Supervision mit KünstlerInnen (Elisabeth Möller) und Studierenden (Alexandra Peischer), bis zu Supervision als Ressource für Telefonseelsorge (Gabriele Hollmann).
Oft habe ich beim Lesen bedauert, nur die Kurzfassung der Arbeiten zur Verfügung zu haben, hatte Fragen, deren vertiefende Bearbeitung ich in den Masterthesen vermute.
In Klemens Fraunbaums Beitrag "Erwartung und (Super-)Vision", in dem er die Erwartungen an SupervisorInnen und Supervision von Fach- und SozialarbeiterInnen erhebt, beschäftigt mich der Satz: "Sollte sich in weiteren Forschungen ein möglicher, aus der vorliegenden Untersuchung vorsichtig interpretierbarer Trend zur Supervision bei Bedarf, bzw. "großer beruflicher Not" - im Gegensatz zu Supervision als Prävention,  begleitende Reflexion und Hilfe zur Kompetenzverbesserung - bestätigen, so hätte das weitreichende Folgen für Inhalte, Anforderungen,  Methodik und Frequenz der Sitzungen und damit für die ganze Zunft der SupervisorInnen." - Eine Fragestellung, die ich in Bezug auf die Professionsentwicklung der Supervision im Blick behalten werde.
Alexandra Peischers Beitrag "Was haben Studierende von Supervision" - über ein Forschungsprojekt mit Supervision für Studierende der Erziehungswissenschafen mit begleitender Auswertung -  hat in mir viele Fragen aufgeworfen: Wie erfolgte die Auswahl der Supervisandinnen? In welcher Frequenz fand die Supervision statt? Gab es Vergleichserhebungen mit einer Kontrollgruppe, die keine Supervision erhalten hat? Gibt es eine Erklärung für die Entscheidung jener Studentin, deren Studienzufriedenheit durch die Supervision gesunken ist?
Die Fragen machen Lust auf die ganze Arbeit, deren Verdienst es v.a. ist, sich einer wenig lukrativen Zielgruppe angenommen zu haben, für die Supervision allerdings, wie Peischer eindrücklich darlegt, vielfach hilfreich wäre.
Eine andere Untersuchungsform, nämlich die der Fallvignetten, wählt Elisabeth Möller in ihrem Beitrag über Supervision mit Künstlerinnen. Auch dies eine Berufsgruppe, die bislang kaum im Fokus von Supervision stand.
Die Aufzählung könnte lange weitergehen; jeder Beitrag hat mich auf seine Weise zum Weiterfragen und Weiterdenken angeregt. Und wenn ein Buch das leistet, ist es gelungen.
Michaela Judy

 

 


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