Milowiz, Walter: Teufelskreis und Lebensweg - Systemisch denken in der Sozialarbeit.

Vandenhoeck&Ruprecht, ISBN: 978-3525401583

 

Wenn eine besondere Form der Kommunikation

 - nämlich die mit dem Helfer -

dazu führen kann,

daß das „Problem“ vergeht,

dann kann das nichts anderes bedeuten,

als daß die bis dahin stattgefundene„gewöhnliche“ Kommunikation

entscheidend daran beteiligt war,

das „Problem“ aufrecht zu erhalten.

Daher sollten wir uns zu aller erst und vor allem mit der Frage befassen,

wie wir mithelfen, Probleme zu erhalten.

 

Teufelskreis  und Lebensweg: Systemisch denken im sozialen Feld
Milowiz Walter
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Goettingen, 2009

Seit 1972 beschäftigt sich Walter Milowiz mit Systemtheorie. Jeder Zeile ist die anhaltende Begeisterung und Faszination des Autors für dieses Thema anzumerken. Dank ihr wird auf sehr anschauliche und spannende Weise das Wesen des Wiener Modells der Systemischen Sozialarbeit vermittelt und die Haltung, dass Systemtheorie und Praxis zusammengehören wird deutlich gemacht. Das Buch „Teufelskreis und Lebensweg“ ist 1998 erstmals erschienen und liegt nun in neu überarbeiteter Form auf. Nach wie vor ist es ein Klassiker systemischen Denkens für alle sozialen Bereiche und stellt mit seiner klaren Ausrichtung auf die Praxis der sozialen Arbeit auch eine wertvolle Grundlage und Positionierung für die Berufsgruppe der  Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen dar.
Milowiz nähert sich dem systemischen Denken von drei Seiten.

Im ersten Abschnitt, dem Theorieteil, macht er die Entwicklung seines Modells nachvollziehbar. In kleinen Schritten wird der Leser in die Materie eingeführt. Gemeinsam blickt man auf das scheinbar chaotische Treiben einer großen Tanzfläche und hält Ausschau nach erkennbaren Mustern und Ordnungen. Sehr rasch wird anhand dieses Beispiels der Nutzen systemischen Denkens klar, bietet es dem Leser doch ein handhabbares Konstrukt, das es möglich macht,  komplexe und unklare Strukturen auf praktische Weise zusammenzufassen. Wechselwirkungen und gegenseitige Einflussnahme werden so beobachtbar. Probleme menschlichen Verhaltens werden nicht mehr als Störungen einzelner Personen, sondern als gestörte Beziehungen bzw. Kommunikationsformen innerhalb eines Gesellschaftssystems  definiert.

Weiters werden die Entstehung gesellschaftlicher Probleme, die Entwicklung von Außenseiterrollen, der Umgang mit Life-Events, die Positionierung der Sozialarbeit an der Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft u.v.m. anschaulich beschrieben.

Nachdem man im Theorieteil danach forschen konnte, wie sich menschliches Verhalten gegenseitig bedingt und erkennbar wurde, was dazu beigetragen hat, um ein „Problem“ aufrecht zu erhalten, kann man im zweiten Abschnitt, der Methodik, den Blick darauf lenken, eine Änderung einzuführen.

Hier wird dem Praktiker/der Praktikerin ein reichhaltiger Handwerkskoffer dargeboten, welcher umso wertvoller erscheint, als man -  mit dem Hintergrundwissen des ersten Abschnitts –  nicht nur dazu befähigt ist, sich dieser „Werkzeuge“, sprich Interventionstechniken, zu bedienen, sondern sie bei Bedarf auch selbst auszubauen und zu erweitern. Milowiz betont hier ganz klar, dass im systemischen Denken nicht das Verwenden einer bestimmten Methode wesentlich ist, sondern vielmehr der Blick, mit dem die  Methode ausgewählt wird. Ziel aller dargestellten Interventionstechniken ist und bleibt stets, Aufmerksamkeit und Energien, die bisher von Konflikten gebunden waren, wieder frei zur Verfügung zu haben und so den Handlungsspielraum der KlientInnen zu erweitern.

Der dritte Abschnitt schlussendlich vereint die Erkenntnisse der ersten beiden Teile. Anhand konkreter Praxisbeispiele zeigen AbsolventInnen der Fortbildungslehrgänge für Systemische Sozialarbeit auf, wie Theorie und Methodik in die tägliche praktische soziale Arbeit einfließen und dort erfolgreich umgesetzt werden können. Sehr anschaulich berichten Renate Pokorny, Ines Strasser, Klemens Fraunbaum, Georg Kanitsar, Alexander Weber und Renate Fischer von Teufelskreisen und Lebenswegen, bei denen es gelungen ist, Veränderungen auszulösen und produktive Kräfte freizusetzen.

Ganz nach dem Motto: „Jede Lösung ist erlaubt, die kompromisslos aufwertet, und  zwar alle Beteiligten. Wenn wir eine solche Beschreibung finden,“ schreibt Milowiz (p. 103), „und es uns auch noch gelingt, sie zu vermitteln, dann sind wir aus dem Teufelskreis heraus …  und eine neue Welt hat sich aufgetan.“

Ich werde immer wieder darin lesen und empfehle das jedem, der sich dafür interessiert, was sich zwischen Menschen so tut.

Renate Fischer (Wien)

Walter Milowiz
Teufelskreis und Lebensweg: Systemisch Denken im sozialen Feld
Vorwort

Sozialarbeit wird von und für Menschen gemacht, von denen jeder seinen eigenen Kopf und seine eigene Perspektive hat. Und da Menschen lebendig sind und (buchstäblich) ständig in Bewegung, wechseln sie auf diese Weise unablässig nicht nur ihre Perspektive, sondern damit auch ihre Ansichten und Meinungen. Menschen sind eigensinnig, sie stellen selbst Sinn her über sich und ihre Umwelt. Dies bedingt, dass Sozialarbeit nicht einfach eine Technik sein kann, mit der soziale Probleme auf eine genau definierte Art und Weise zuverlässig und eindeutig beseitigt werden können. Auch wenn dies von außen stehenden Nichtfachleuten häufig so gewünscht und verlangt wird, weil sie nicht ohne Weiteres verstehen können, dass Menschen einfach nicht wie Maschinen gesteuert werden können, sondern eigensinnige Wesen sind. Was Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter (wie auch vor ihnen ihre beruflichen Vorfahren in der Armenpflege, der Wohlfahrt und der Fürsorge) – nicht zuletzt eben aus beruflicher Erfahrung – schon lange wissen, berücksichtigen die systemischen Ansätze in ganz besonderer Weise. Aus diesem Grund sind sie auch hervorragend geeignet als wichtige (wenn auch nicht die einzigen) Konzepte für die Sozialarbeit.

Die systemischen Ansätze kommen ursprünglich aus dem Bereich Therapie und Beratung und wurden vor allem von Psychoanalytikern und Ärzten für die damals neu erfundene Familientherapie entwickelt. Ihre ersten Vertreter waren äußerst experimentierfreudig, hatten große Lust und viel Vergnügen am Ausprobieren und Erfinden neuer Wege, benötigten hierfür aber auch Mut und Ausdauer. Man denke nur daran, wie viel Selbstbewusstsein und Zutrauen es wohl braucht, wenn man nach jahrelanger Einzelarbeit mit Patienten nun plötzlich die gesamte Familie zum Gespräch einlädt, wenn man sich bei der Arbeit von Kolleginnen und Kollegen durch die Einwegscheibe zuschauen lässt oder wenn man mit paradoxen Aufgaben experimentiert. Beflügeln ließen diese Menschen sich durch Blicke über den Zaun in andere Disziplinen – z. B. die Systemtheorie (Ashby, Luhmann), die ja ursprünglich eine Maschinentheorie war, in die Philosophie und Erkenntnistheorie (von Foerster, von Glasersfeld, Wittgenstein, Buber) und in die Biologie (Maturana, Varela). Sie waren bereit, sich in vielerlei Hinsicht auf unbekanntes Gebiet zu begeben. Einige der Pioniere des systemischen Arbeitens waren selbst einmal Sozialarbeiter – zum Beispiel Virginia Satir, Insoo Kim Berg, Salvadore Minuchin, bevor sie Beratung und Therapie als Schwerpunkt wählten. Und doch dauerte es Jahrzehnte, bevor diese Konzepte wieder zurück zur Sozialarbeit fanden.

Abgesehen davon, dass die Haltung passte und die Methoden wirkungsvoll waren, wurde diese Annahme systemischer Konzepte vermutlich auch dadurch erleichtert, dass Sozialarbeiter/-innen es schon immer gewohnt waren, mit vielen Menschen zu arbeiten, mit Kolleginnen zu kooperieren und von diesen bei ihrer Arbeit beobachtet zu werden, immer wieder neue Interventionen zu erfinden und zu experimentieren.

Walter Milowiz ist ein Pionier der Systemischen Sozialarbeit. Er hat frühzeitig – in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts – begonnen, das systemische und konstruktivistische Denken zurück auf die Sozialarbeit zu übertragen. Walter Milowiz versteht sich dabei als Theoretiker und Praktiker, als Vor-Denker und als Handelnder zugleich. Theorie und Praxis gehören für ihn zusammen und beziehen sich aufeinander. Das merkt man diesem Buch wohltuend an: Er denkt, um zu handeln bzw. um Handlungsoptionen zu entwickeln – und er nimmt den beruflichen Alltag der Sozialen Arbeit als Anlass zum Nachdenken. Professionalität heißt für ihn auch, nicht einfach nur zu machen, sondern das eigene Handeln zu reflektieren, es zu überprüfen, nach weiteren Möglichkeiten zu suchen und sich auf diese Weise zu entwickeln. Sein Buch enthält viele Beispiele, an denen er seine Theorie und seine Methodik nicht nur demonstriert und überprüft, sondern wie jede gute Praktikerin und jeder gute Praktiker auch weiter entwickelt.

Als „Teufelskreis und Lebensweg“ 1998 erstmals erschien, war es eine der ersten Veröffentlichungen, die systemische Konzepte ausdrücklich auf das gesamte vielfältige Spektrum der Sozialarbeit (und nicht nur auf Beratung und Therapie) bezogen. Das hat sich mittlerweile geändert und eine ganze Reihe von Büchern zur Systemischen Sozialarbeit liegt inzwischen vor – und verdeutlicht so eine der für mich wesentlichen Stärken der systemischen Ansätze: dass es keine einheitliche „systemische Schule“ gibt, sondern eine Vielfalt der unterschiedlichsten Formen und Ausprägungen. Wenn Walter Milowiz sein Buch jetzt in einer überarbeiteten Neuauflage vorlegt, wird deutlich, dass es nichts von seiner Aktualität verloren hat und eine Bereicherung für die Theoretiker/-innen und Praktiker/-innen der Systemischen Sozialarbeit darstellt. Es ist voll von Anregungen und eröffnet neue Blicke auf vertraute Begriffe und Konzepte. „System“, „Beziehung“ und „Konstruktivismus“ bleiben nicht abstrakt, sie werden mit Leben gefüllt, systemische Handlungsformen sind nicht nur „praktisch“, sondern werden von Milowiz und seinen Mitautoren und -autorinnen auf die theoretischen Grundlagen bezogen – und die besonderen An- und Herausforderungen der Sozialen Arbeit, ihre Komplexität und Besonderheit gehen bei ihnen nicht verloren, sondern stehen immer wieder im Mittelpunkt.

Ich freue mich, dass dieses Buch wieder erhältlich ist und wünsche ihm viele Leserinnen und Leser. Sie werden Impulse für die eigene Arbeit daraus ziehen können und so die Entwicklung der Systemischen Sozialarbeit mit gestalten und beeinflussen.

Johannes Herwig-Lempp (Halle)

 

 


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