Aus Chaos wird System

Walter Milowiz

 

Stellen wir uns vor, wir veranstalten ein Tanzfest. Für Leute, die sich noch nicht kennen. Wir schicken alle Leute auf die Tanzfläche, jeden für sich alleine. Jeder tanzt vor sich hin, alleine. Jeder macht Bewegungen, jeder sieht auch die Bewegungen der Anderen. Wenn zwei sich berühren, spüren sie es. Ein großes, unüberschaubares Chaos, keine Ordnung zu erkennen, außer eventuell einer gewissen Regelmäßigkeit aufgrund des Taktes der Musik.

Welche Entwicklungen sind möglich?

a) Wenn Einer eine Bewegung macht, wird das von den Anderen zwar registriert, aber die Reaktion ist sozusagen "null", das heißt, für ihn bedeutungslos (Nicht alles, was geschieht, macht einen Unterschied: Ein System funktioniert nach seinen eigenen Regeln und wählt nach diesen aus, was für es relevant ist und was nicht). Daher macht er eine neue Bewegung, die mit denen der anderen keinen Zusammenhang hat. Und so machen es alle: Ein Chaos von Bewegungen, die nichts miteinander zu tun haben, die sich nicht regelmäßig wiederholen, die nicht als etwas Beobachtbares registriert werden können. Dies ist sozusagen der "Normalfall", das, was am häufigsten geschieht.

b) Wenn Einer eine Bewegung macht, wird es von den Anderen registriert, und einer (oder mehrere) der Anderen reagiert so, daß der Erste sich "angesprochen" fühlt. So könnte jemand, auf den er sich zubewegt, sich zu ihm drehen. Es ist ein momentaner Bezug entstanden. Er macht daher eine Bewegung, die sich auf die eben erhaltene Reaktion auf seine frühere Bewegung bezieht: Er schaut ihn an und geht wieder zurück. Auf diese Bewegung allerdings bekommt er wieder keine für ihn als auf ihn orientiert erkennbare Reaktion (der Andere dreht sich wieder weg und tanzt weiter) und die kurz entstandene "Beziehung" löst sich wieder auf, die Tanzflächen-Bewegungs-Struktur bleibt chaotisch.

c) Wenn Einer eine Bewegung macht, wird sie von den Anderen registriert, und einer (oder mehrere) der Anderen reagiert so, daß der Erste sich angesprochen fühlt. Er macht darauf eine Bewegung, die sich auf die eben erhaltene Reaktion auf seine frühere Bewegung bezieht. Auf diese Bewegung bekommt er nun wieder eine Reaktion, auf die er wieder reagiert (Der Andere könnte etwa ihm nachgehen). Und so geht es - für eine gewisse Zeit - weiter, hin und her. Hier zeigt sich, daß Aufmerksamkeit füreinander entstanden ist, zwei Personen reagieren aufeinander in beobachtbarer Dauer. Eine sich wiederholende, sich selbst ständig wiederherstellende Struktur ist entstanden.

Dieser letzte Fall ist - logisch betrachtet - natürlich ein Ausnahmefall gegenüber den vielen "Nichtbegegnungen", die ja ununterbrochen passieren. Trotzdem erscheint uns dieser Fall als der normale, der dauernd stattfindet. Warum? Weil eine solche, sich selbst am Leben erhaltende Struktur von dem Moment an, in dem sie entsteht, eben Dauer hat, das heißt, sie ist nicht nur eine Millisekunde lang existent, sondern über Tausende oder Milliarden von Millisekunden. Sie reproduziert sich ununterbrochen selbst. Das heißt, sie ist beobachtbar, im Gegensatz zu den "Nichtbegegnungen", die so kurz sind, daß man sich fragt, was an ihnen man als existent betrachten soll. Es scheint an dieser Stelle angebracht, darauf hinzuweisen, daß wir nichts darüber wissen, wie viele Ereignisse es gibt, die nur von extrem kurzer Dauer sind und keine weiteren Wirkungen auf sonstiges, regelmäßiges Geschehen haben: Sie sind nicht erkennbar! Wir können nur Dinge erkennen, die Dauer haben, die sich also über einen bestimmten Mindestzeitraum wiederholen. Darüber hinaus sind noch zeitliche "Grenzflächen" erkennbar: Wenn regelmäßiges Geschehen sich ändert.

Für "HelferInnen" ist natürlich noch die Bewertung relevant:

· Die entstandene Struktur kann eine positiv bewertende sein, wenn sich die beiden sozusagen als unterstützend erleben: Sie tanzen miteinander.

· Negativ ist sie, wenn Einer den Anderen von seiner Art, zu tanzen, abbringen will, jener aber sich nicht abbringen läßt oder gar im Gegenzug den Tanz des einen zu verändern versucht: Sie tanzen gegeneinander. Jeder versucht, den Anderen zu ändern.

Selbstverständlich können auf ähnliche Weise auch sich selbst wiederherstellende Strukturen entstehen, die nicht nur zwei, sondern mehrere Personen umfassen. Für sie gilt dasselbe wie beim vorigen Fall: Zwei Gruppen tanzen miteinander oder gegeneinander.

Und da solche Strukturen sich über längere Zeit erhalten, so ist es wahrscheinlich, daß gleichzeitig mehrere oder gar viele davon existieren: Dann sieht die Sache aus wie eine ganz normale Tanzfläche, auf der viele Paare, vielleicht einige Gruppen und einige einzelne vor sich hin tanzen.

Dem menschlichen Beobachter erscheinen solche Interaktionsstrukturen, wie sie in unserer Beschreibung entstanden sind, als eigenständige Elemente, und die Systemiker haben dafür den Begriff "System" eingeführt. Alle systemische Literatur bezieht sich auf solche Strukturen, die als von der Umwelt relativ unabhängig betrachtet werden.

 


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