Das "RvR" und die Macht

Walter Milowiz 2008

 

Im jedem zirkulären Interaktionsnetz, das sich einspielen oder ändern kann, hat jeder Beteiligte Möglichkeiten, sich so oder anders zu verhalten, und jedes andere Verhalten kann zu anderen Reaktionen bei den Anderen führen, wenn es denn "ein Unterschied (ist), der einen Unterschied macht", oder eben nicht. Weiters kann eine solche andere Reaktion wieder für den Ersten "ein Unterschied (sein), der einen Unterschied macht", oder wieder eben nicht.

Sind beide Kriterien erfüllt (mit den Unterschieden), dann heißt das, besagter Eine hat eine "RVA": eine "relevante Handlungsalternative".  Die Summe solcher "RVA"s  gibt dann das "RVR", das "relevante  Verhaltensrepertoire". und genau  dieses  misst die Einflussmöglichkeiten, die man hat.

Und ich würde vorschlagen, dass wir normalerweise von "RVR", Einfluss oder Einflussmöglichkeit sprechen und nur dann von  Macht und Ohnmacht, wenn die Einflussmöglichkeiten, also die "RVR"s in einer jeweils gerade gegebenen Struktur sehr unterschiedlich groß sind.

Ich berufe mich bei dem Begriff „zirkuläres Interaktionsnetz“ auf meine Darstellung der Entstehung von sich wiederholenden Strukturen (Milowiz 1998, S. 20 ff). Dort wird gezeigt, dass, wo immer Interaktionen stattfinden, sich durch Rückkoppelungsmechanismen Netze aus teilweise dauerhaften und teilweise aus sich gerade ändernden Strukturteilen bilden. Dieser Zustand entspricht dem Begriff des „Rand(es) des Chaos“, wie er in der Komplexitätstheorie etwa bei Waldrop(1993) verwendet wird. Von Foersters (1997) Gedankenmodell der „nicht-trivialen Maschine“ greift hier ein wenig zu kurz – insbesondere in seiner Abgrenzung gegenüber der „trivialen Maschine“:

Erstens gibt es „triviale Maschinen“ nur in der Theorie, auf dem Zeichenbrett oder in der Mathematik. Reale Maschinen sind nie trivial, weil es keine Materie gibt, die sich nicht durch verschiedenste Faktoren wie Zeit, Beanspruchung, Umgebungsvariablen und ähnliches ständig teils reversibel, teils dauerhaft verändert. Dadurch sind sogar die Reaktionen von Autos, Bohrmaschinen und anderen technischen Geräten veränderlich, wenn auch diese Veränderung nicht erwünscht ist und daher bei der Konstruktion durch den Menschen soweit wie möglich reduziert wird.

Zweitens gibt es auch keine „nicht-trivialen Maschinen“ für sich alleine, weil es keine abgeschlossenen Systeme gibt: Jede Struktur, die wir als dauerhafte erkennen können und daher eventuell als System bezeichnen könnten, ist in vielfacher Hinsicht mit ihrer Umgebung verwoben und vernetzt; was wir als Systemgrenze bezeichnen, ist etwas, das wir als Oberfläche wahrnehmen, weil wir – dank unserer soeben erfolgten Definition des Systems – glauben, hier zwischen innen und außen eindeutig unterscheiden zu können. Das ist allerdings ebenso gut eine Verbindung zwischen diesen beiden Teilen der Welt, an der sich all die Interaktionen abspielen, die wir als „zwischen System und Umwelt“ betrachten, die sich aber natürlich bei genauerer Betrachtung zwischen einzelnen Elementen des von uns definierten „Systems“ und einzelnen Elementen der ebenfalls von uns definierten „Umwelt“ abspielen; genau so wie sich auch Interaktionen zwischen einzelnen Elementen des „Systems“ untereinander oder zwischen einzelnen Elementen der „Umwelt“ untereinander abspielen. Es bedürfte eigener Untersuchungen darüber, wie wir es schaffen, in einen so komplexen Vorgang wie das Interaktions­gefüge der Welt Grenzen und Unterscheidungen einzuziehen, die uns dann tatsächlich als brauchbar erscheinen; wie es gelingt, all das auszublenden, was unserer Grenzziehung widerspricht.

Dass wir in der Lage sind, solche Grenzen zu erfinden und unser Bild von der Welt diesen dann anzupassen, zeigt schon das einfache Beispiel der „Machschen Streifen“:  Wenn wir in einer Grafik Streifen von immer schwächer werdender Schat­tierung nebeneinander legen, dann scheinen uns diese Flächen an den  Stoßkanten viel heller bzw. dunkler als sie tatsächlich sind, so dass die Grenze sich besonders hervorhebt: Wir erfinden Grenzen und dann „legitimieren“ und verstärken wir sie. Tatsächlich handelt es sich um eine Illusion, die uns hilft, die Welt zu vereinfachen, um sie „verstehen“ zu können.

Bild: Mach'sche Streifen

Machsche Streifen - Quelle:
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Maschsche_Streifen.svg&filetimestamp=20080330121404,
am 02.10.2008, 12.00

Von Foersters „nicht-triviale Maschinen“ sind also jedenfalls ebenso verwoben in das sich dauernd verändernde Netz von Interaktionen um sie herum, wie irgendeine nicht-stabile Struktur.

Trotzdem  kann man mit der Analogie des „Systems“ oder dem von „stabilen Strukturen“, wie sie uns von der Mathematik oder der Physik angeboten werden, operieren, weil sie eine Art Näherung darstellen. Allerdings muss man dabei entsprechende Vorsicht walten lassen, und jederzeit bereit sein, die Systeme geistig wieder loszulassen, wenn die Abgrenzung nicht mehr dazu verhilft, Zusammenhänge zu verstehen und gezielte Handlung möglich zu machen. Einen Apfel etwa als System zu betrachten, kann durchaus Sinn machen, ebenso aber kann es Sinn machen, an einer klitzekleinen Stelle der Haut eines Apfels das sich selbst stabilisierende Wechselspiel der ein- und ausgehenden Strahlen und Chemikalien zu beobachten. Auch diese Stabilität ist natürlich nur vorübergehend und unter bestimmten Bedingungen vorhanden – ändert sich etwas in der Umwelt, so ändert sich das Wechselspiel; ändert sich die Chemie im Apfel, tut es das ebenso.

Wir sprechen also von dem „zirkulären Interaktionsnetz“ als einem quasistationären Ausschnitt aus der Welt, der zu irgendeinem Zeitpunkt so betrachtet wird, und in unserem Fall speziell von einem solchen Ausschnitt, in dem die betrachteten Personen auch vorzufinden sind.

Wenn dieser Ausschnitt quaisistationär ist, dann können wir annehmen, dass die Verhaltensweisen, die die beteiligten Personen ausführen, sich in zirkulärer gegenseitiger Bedingtheit reproduzieren. Es entsteht ein Bereich, der beobachtbar und beschreibbar wird:

In einem solchen Bereich kann man das Verhalten jeder Person beobachten, und man kann Überlegungen dazu anstellen, ob, wie viele und welche Verhaltensalternativen es für jeweils eine dieser Personen gäbe, so sie denn wählen kann. Diese Wahlfreiheit steht zwar angesichts der in den letzten Jahren von der Hirnforschung angestoßenen Diskussion über den freien Willen auch prinzipiell in Frage, wir bleiben aber, damit das Thema Macht überhaupt noch besprochen werden kann und nicht in einer vollständig mechanistisch funktionierenden sozialen Maschine verschwindet, bei einer relativ konventionellen Vorstellung von Wahlfreiheit, die unserem Erleben entspricht. Trotzdem ist das Verhaltensrepertoire in einer Situation natürlich nicht als unbegrenzt zu betrachten. Als erstes gibt es in irgendeiner Situation schon mal überhaupt eine begrenzte Zahl von Verhaltensmöglichkeiten. Einschränkungen ergeben sich für eine Person dann als erstes dadurch, dass der Person viele theoretisch mögliche Verhaltensweisen gar nicht in den Sinn kommen, weiters durch physikalische Zwänge (wie etwa einen allzu schweren Stein zu heben oder durch eine Wand zu gehen, aber auch einen starken und schweren Menschen beiseite zu schieben), durch Ängste, durch moralische Skrupel und verschiedenes Anderes mehr. Was übrig bleibt, ist das Verhaltensrepertoire dieser Person in dieser Situation.

Jedes Verhalten aus diesem Repertoire ist also der Person zugänglich – er muss es nur noch auswählen und dementsprechend handeln.

Dann tritt das nächste Kriterium unserer Definition auf den Plan, nämlich die Frage, ob dieses „neue“ Verhalten (immer gedacht im Unterschied zum vorigen, dem Ausgangsverhalten), für irgendjemand in der Umgebung einen Unterschied macht. Über den Unterschied, der einen Unterschied macht, gibt es lange Ausführungen etwa bei Bateson (1992) oder Simon (1999). Im Endeffekt bedeutet das, dass dieser Unterschied Wirkung hat in der Weise, dass sich dann in weiterer Folge auch das Verhalten dieser zweiten Person ändert. Es gibt durchaus Verhaltensänderungen, die in einer bestimmten Situation nicht in der Lage sind, bei anderen ebenso Verhaltensänderungen auszulösen. Als Beispiel sei hier die berühmte Geschichte von der Ehefrau mit dem neuen Kleid oder der neuen Frisur genannt.

Wir wählen also aus dem praktischen Verhaltensrepertoire einer Person in einer Situation jetzt alle Verhaltensweisen aus, die in der Lage sind, Verhaltensänderungen bei anderen anzustoßen.

Nun müssen wir aber, damit weitere Änderungen in Gang kommen, noch die Bedingung einführen, dass diese ausgelösten Verhaltensänderungen noch weitere bei anderen auslösen und in der Weise bei der „Ausgangsperson“ ankommen, dass diese wiederum eine Änderung wahrnimmt, so dass sie sich sozusagen in einem veränderten Interaktionsfeld vorfindet.

Nur die Verhaltensweisen, die alle drei Bedingungen erfüllen, können wir als „relevante Verhaltensalternativen“ betrachten und die Summe aller solchen relevanten Verhaltensalternativen als „relevantes Verhaltensrepertoire“ zusammenfassen.

Es erscheint logisch, dass dieses RVR für jede Person in jeder Situation unterschiedlich und unterschiedlich groß ist. Das gilt auch für unterschiedliche Personen in sehr ähnlichen Situationen, da jede Person ja nicht nur ihre aktuelle Situation, sondern auch ihre gesamte körperliche und geistige Konstitution und Erfahrungswelt mit sich trägt. Das bedeutet, dass zum Beispiel eine Person, die auf der Strasse von irgendjemandem bedroht wird, ein ganz anderes Verhaltensrepertoire und somit auch ein anderes relevantes Verhaltensrepertoire hat als eine andere, die dasselbe erlebt.

Literatur:

Bateson, Gregory: Ökologie des Geistes. Framkfurt am Main 1992, S. 353

von Foerster, Heinz: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt 1997

Simon, Fritz B.: Unterschiede, die Unterschiede machen. Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psychosomatik. Frankfurt am Main 1999

Waldrop, M. Mitchell: Inseln im Chaos. Die Erforschung komplexer Systeme. Reinbek bei Hamburg 1993

zur Startseite