Das „relevante Verhaltensrepertoire“

Walter Milowiz 2008

Einleitung

Der Markt der Diskussionen um das Thema Macht erweitert sich jährlich. Die Diskussionen rekurrieren dabei meist nicht auf gemeinsame Definitionen von Macht, und häufig geht es dann in Wirklichkeit darum, welche der unausgesprochenen Definitionen zu gelten habe.
Ein Beispiel: Einfach ist die Definition Webers „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“ (1956/1980). Sehr viel komplexer beschreibt Foucault Macht als Strukturelement der Gesellschaft (vgl. Foucault 1977).
Es ist offensichtlich, dass die beiden den Begriff „Macht“ völlig verschieden verwenden, was nichts anderes bedeutet, als dass sie wenn sie das Wort „Macht“ verwenden, über Verschiedenes reden.
Die Folge sind Auseinandersetzungen, deren Inhalte – weil nicht klar definiert - hinter dem rhetorischen Gestus verschwinden.
Ich möchte mich daher nicht mit einem zusätzlichen inhaltlichen Beitrag an den Diskussionen über Macht beteiligen, sondern einen alternativen Begriff vorschlagen, der auf systemischer Denkgrundlage eine Relation herstellt zwischen den Möglichkeiten einer Person, auf ihre Umgebung verändernden Einfluss zu nehmen, und dem diese Personen umgebenden Netz sozialer (inklusive materieller) Beziehungen und Gegebenheiten.
Vielleicht ermöglicht dieser Begriff einen Bezugsrahmen, um Machtdefinitionen einzuordnen und so eine Basis zu schaffen für sachlichere Auseinandersetzungen mit dem Thema unterschiedlicher sozialer Möglichkeiten und deren struktureller Verteilung.
Denn die sozialen Beziehungen bestehen ja nicht nur aus Kommunikation im Sinne von Reden, sondern auch darin, was man kaufen kann, wie man auf andere wirkt und mit welchen Menschen man welche Art von Beziehung unterhält.
Als systemische Grundlagen sei vor allem der Begriff von Kommunikation im Sinne Watzlawicks genannt, also als jedes Verhalten, das dazu geeignet ist, auf das Verhalten anderer Personen Einfluss zu nehmen; und das Prinzip der Rückkoppelung, die Idee also, dass Kommunikation immer wieder geschlossene, sich wiederholende oder steigernde, zirkuläre d.h., kreisförmige Abläufe erzeugt in einer unendlichen Folge des Austausches von Mitteilungen und Verhalten zwischen allen Menschen (und der gesamten umgebenden Welt).

Die Definition

Im jedem zirkulären Netz von Interaktionen, das sich durch Kommunikation einspielen (oder auch ändern) kann, hat jeder Beteiligte verschiedene Möglichkeiten, sich zu verhalten, und jedes Verhalten führt zu anderen Reaktionen bei den Anderen als ein anderes, wenn es denn "ein Unterschied (ist), der einen Unterschied macht" (Bateson 1969, S.353) - oder eben nicht, wenn es für den Anderen keinen Unterschied macht. Und jede unterschiedliche Reaktion des Anderen macht wieder für den Ersten "einen Unterschied, der einen Unterschied macht" - oder wieder eben nicht.
Schon der Unterschied, ob ich pünktlich zur Arbeit komme oder nicht, macht für manchen Vorgesetzten ebenso wie für viele KollegInnen einen Unterschied, und sie werden sich dementsprechend unterschiedlich verhalten. Das unterschiedliche Verhalten von KollegInnen, die mich ein wenig überrascht anschauen, wenn ich später komme, wird aber für mich weniger Unterschied machen als etwa das von anderen, die dann nicht mit mir in die Kaffeepause gehen, so dass ich vom informellen Informationsfluss weniger mitbekomme.
Sind beide Kriterien erfüllt, das heißt, habe ich Verhaltensalternativen, die für den Anderen einen Unterschied machen, so dass sein verändertes Verhalten dann wieder für mich einen Unterschied macht, dann heißt das, ich habe eine "relevante Verhaltensalternative":
Ich kann zum Beispiel mit meiner Pünktlichkeit oder Unpünktlichkeit Einfluss nehmen darauf, wie sich mein Chef mir gegenüber verhält, ebenso wie ich damit auch Einfluss darauf habe, ob man mir die vorbestellten Karten für’s Konzert noch aushändigt oder eventuell anderweitig verkauft.
Die Summe solcher " relevanten Verhaltensalternativen "  gibt dann das "relevante  Verhaltensrepertoire". Und dieses  kann man als Maß für die Einflussmöglichkeiten, die eine Person hat, betrachten.
Ich schlage den Begriff  "relevantes  Verhaltensrepertoire" vor, wo es allgemein um Einfluss oder Einflussmöglichkeit geht. Als Macht kann man dann ein – im Vergleich zu dem anderer Leute - sehr großes „relevantes Verhaltensrepertoire“ bezeichnen, als Ohnmacht ein extrem kleines:
Wenn also zum Beispiel eine Person in einem Kellerraum eingesperrt ist, so kann sie sich dort zwar noch unterschiedlich Verhalten, das wird aber kaum zu unterschiedlichen Reaktionen von anderen führen.

Das zirkuläre Interaktionsnetz

Ich berufe mich bei dem Begriff „zirkuläres Interaktionsnetz“ auf meine Darstellung der Entstehung von sich wiederholenden Strukturen (Milowiz 2009, S. 28 ff). Dort wird gezeigt, dass, wo immer Interaktionen stattfinden, sich durch Rückkoppelungsmechanismen Netze aus teilweise dauerhaften und teilweise aus sich gerade ändernden Strukturteilen bilden. Dieser Zustand entspricht dem Begriff des „Rand(es) des Chaos“, wie er in der Komplexitätstheorie etwa bei Waldrop(1993) verwendet wird. Waldrop weist darauf hin, dass sowohl in der Natur als auch in entsprechenden Computersimulationen dort am meisten lebendige Interaktion entsteht, sich am meisten erkennbare und benennbare Strukturen entwickeln und am Leben erhalten, wo weder zu starke Determiniertheit zu überzogener Stabilität führen, noch zu geringe Berechenbarkeit die Entstehung von Strukturen überhaupt weitgehend verhindert. Der Bereich der maximalen Möglichkeit der Entstehung und Entwicklung von Strukturen liegt an der Grenze zwischen Stabilität und Chaos.
Von Foersters  Gedankenmodell der „nicht-trivialen Maschine“ (1997) greift hier ein wenig zu kurz – insbesondere in seiner Abgrenzung gegenüber der „trivialen Maschine“:
Erstens gibt es „triviale Maschinen“ nur in der Theorie, auf dem Zeichenbrett oder in der Mathematik. Reale Maschinen sind nie trivial, weil es keine Materie gibt, die sich nicht durch verschiedenste Faktoren wie Zeit, Beanspruchung, Umgebungsvariablen und Ähnliches ständig teils reversibel, teils dauerhaft verändert. Dadurch sind sogar die Reaktionen von Autos, Bohrmaschinen und anderen technischen Geräten veränderlich, wenn auch diese Veränderungen nicht erwünscht sind und daher bei der Konstruktion durch den Menschen soweit wie möglich reduziert werden.
Textfeld:    Die Mach’schen Streifen  Quelle:  http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Bild:Maschsche_Streifen.svg&filetimestamp=20080330121404, am 02.10.2008, 12.00  Zweitens gibt es auch keine „nicht-trivialen Maschinen“ für sich alleine, weil es keine abgeschlossenen Systeme gibt: Jede Struktur, die wir als dauerhafte erkennen können und daher eventuell als System bezeichnen könnten, ist in vielfacher Hinsicht mit ihrer Umgebung verwoben und vernetzt; was wir als Systemgrenze bezeichnen, ist etwas, das wir als Oberfläche wahrnehmen, weil wir – dank unserer soeben erfolgten Definition des Systems – glauben, hier zwischen innen und außen eindeutig unterscheiden zu können. Das ist allerdings ebenso gut eine Verbindung zwischen diesen beiden Teilen der Welt, an der sich all die Interaktionen abspielen, die wir als „zwischen System und Umwelt“ betrachten. Auch diese Interaktionen spielen sich bei genauerer Betrachtung zwischen einzelnen Elemen­ten des von uns so definierten „Sys­tems“ und einzelnen Elementen der eben­falls von uns definierten „Um­welt“ ab; genau so wie sich auch Inter­aktionen zwischen einzelnen Elemen­ten des „Systems“ untereinander oder zwischen einzelnen Elementen der „Umwelt“ untereinander abspielen. Es bedürfte eigener Untersuchungen darüber, wie wir es schaffen, in einen so komplexen Vorgang wie das Interaktions­gefüge der Welt Grenzen und Unterscheidungen einzuziehen, die uns dann tatsächlich als brauchbar erscheinen; wie es gelingt, all das auszublenden, was unserer Grenzziehung widerspricht.
Dass wir in der Lage sind, solche Grenzen zu setzen und in unserem Bild von der Welt dann übermäßig zu betonen, zeigt schon das einfache Beispiel der „Machschen Streifen“:  Wenn wir in einer Grafik Streifen von immer heller werdender Schat­tierung nebeneinander legen, dann scheinen uns diese Flächen an den  Stoßkanten viel heller bzw. dunkler als sie tatsächlich sind, so dass die Grenze sich besonders hervorhebt: Wir finden Grenzen und dann „legitimieren“ und verstärken wir sie. Tatsächlich handelt es sich um eine Illusion, die uns hilft, die Welt zu vereinfachen, um sie „verstehen“ zu können.
Die systemische Familientherapie, die Probleme und Störungen nicht in Personen sucht, sondern in Interaktionsnetzen, hat in ihren frühen Zeiten tatsächlich nur mit Familien gearbeitet und die Interaktionen innerhalb der Familie untersucht. Es stellte sich aber bald heraus, dass viele dauerhafte Probleme erst verständlich wurden, wenn man auch weitere Wechselwirkungen, wie etwa die mit LehrerInnen, Freunden oder sozialen Einrichtungen mit berücksichtigte. So begann man, mit unterschiedlichsten Abgrenzungen zu experimentieren, mal wurde ein Förderlehrer einbezogen, mal wurde eine ganze „Helferkonferenz“ einberufen, manchmal hingegen konnte man auch mit einer einzelnen Person Veränderungen ermöglichen, indem man auf weiter reichende Interaktionen Bezug nahm, wie sie den Therapeuten oder der betroffenen Person relevant erschienen.
Von Foersters „nicht-triviale Maschinen“ sind also jedenfalls ebenso verwoben in das sich dauernd verändernde Netz von Interaktionen um sie herum, wie irgendeine nicht-stabile Struktur.
Trotzdem  kann man mit der Analogie des „Systems“ oder dem von „quasistabilen Strukturen“, wie sie uns von der Mathematik oder der Physik angeboten werden, operieren, weil sie eine Art Näherung darstellen. Allerdings muss man dabei entsprechende Vorsicht walten lassen, und jederzeit bereit sein, die Systeme geistig wieder loszulassen, wenn die Abgrenzung nicht mehr dazu verhilft, Zusammenhänge zu verstehen und gezielte Handlung möglich zu machen.
Einen Apfel etwa als System zu betrachten, kann durchaus Sinn machen, ebenso aber kann es Sinn machen, an einer beliebigen klitzekleinen Stelle der Haut eines Apfels das sich selbst stabilisierende Wechselspiel der ein- und ausgehenden Strahlen und Chemikalien zu beobachten. Auch diese Stabilität ist natürlich nur vorübergehend und unter bestimmten Bedingungen vorhanden – ändert sich etwas in der Umwelt, so ändert sich das Wechselspiel; ändert sich die Chemie im Apfel, tut es das ebenso.
Wir sprechen also von dem „zirkulären Interaktionsnetz“ als einem quasistationären Ausschnitt aus der Welt, der zu irgendeinem Zeitpunkt so betrachtet wird, und in unserem Fall speziell von einem solchen Ausschnitt, in dem die Personen, mit denen wir uns befassen, auch vorzufinden sind.
Ich kann zwei Menschen, die sich auf der Strasse begegnen und Probleme entwickeln bei der Frage, wer nach welcher Seite ausweichen wird, gedanklich aus der Welt ausschneiden und als isoliertes System betrachten, das sich eine kurze Zeit lang aufschaukelt. Dieses System ist aber immer eingebettet in die Wechselwirkung mit anderen Menschen, die gerade vorbeigehen, zuschauen, hinter der einen oder anderen Person warten etc. Jede andere Person kann jederzeit für die weitere Entwicklung relevant werden.
Wenn wir also bestimmte Personen in einer bestimmten Situation betrachten und dort Verhalten vorfinden, das sich wiederholt, dann ist dieser Ausschnitt quaisistationär. Dann können wir annehmen, dass die Verhaltensweisen, die die beteiligten Personen ausführen, sich in zirkulärer gegenseitiger Bedingtheit reproduzieren. Es entsteht ein Bereich, der beobachtbar und beschreibbar wird.

Die Verhaltensalternativen

In einem solchen Bereich kann man das Verhalten jeder Person beobachten, und man kann Überlegungen dazu anstellen, ob, wie viele und welche Verhaltensalternativen es für jeweils eine dieser Personen gäbe, so sie denn wählen kann. Diese Wahlfreiheit steht zwar angesichts der in den letzten Jahren von der Hirnforschung angestoßenen Diskussion über den freien Willen auch prinzipiell in Frage , wir bleiben aber, damit das Thema Macht überhaupt noch besprochen werden kann und nicht in einer vollständig mechanistisch funktionierenden sozialen Maschine verschwindet, bei einer relativ konventionellen Vorstellung von Wahlfreiheit, die unserem Erleben entspricht. Trotzdem ist das Verhaltensrepertoire in einer Situation natürlich nicht als unbegrenzt zu betrachten. Zum Ersten gibt es in jeder Situation von vorneherein nur eine begrenzte Zahl von Verhaltensmöglichkeiten. Darüber hinaus ergeben sich Einschränkungen für eine Person dadurch, dass der Person viele theoretisch mögliche Verhaltensweisen gar nicht in den Sinn kommen, weiters durch physikalische Zwänge (wie etwa einen allzu schweren Stein zu heben oder durch eine Wand zu gehen, aber auch einen starken und schweren Menschen beiseite zu schieben), durch Ängste, durch moralische Skrupel und verschiedenes Anderes mehr. Was übrig bleibt, ist das Verhaltensrepertoire dieser Person in dieser Situation.
Wir können nicht alle Handlungsmöglichkeiten, welche einer Person in einer bestimmten Situation zur Verfügung stehen, erfassen, weil es zu viele sind. Trotzdem kann das prinzipielle Mitdenken dieser Vielfalt von Handlungsoptionen  hilfreich sein.
Wenn Sie in der vollen U-Bahn stehen und einen Apfel in der Hand halten, wenn fünf Meter entfernt von Ihnen ein Mensch steht, den sie kennen, so können Sie zum Beispiel hingehen und diesen Menschen begrüßen, sie könnten einfach über die Anderen hinweg ihn rufen, sie könnten auch den Apfel nach ihm werfen. Natürlich können sie auch stehen bleiben und einfach Ihren Apfel essen. Dabei können Sie konzentriert auf Ihren Apfel schauen oder Ihren Blick dem Bekannten zuwenden, für den Fall, dass dieser zu Ihnen schaut. Außerdem können Sie auch noch versuchen, ein Gespräch mit einem Fremden zu beginnen, der neben ihnen steht; und vieles andere mehr.
In diesem Beispiel kann man nun (natürlich nicht objektiv) unterscheiden zwischen Verhaltensweisen, die Ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wären, solchen, die für Sie aus Gründen der Erziehung nicht in Frage kommen (oder nur in Ausnahmesituationen?), und solchen, die tatsächlich zum Verhaltensrepertoire zu zählen sind.
Jedes Verhalten aus diesem Repertoire ist also der Person zugänglich – sie muss es nur noch auswählen und dementsprechend handeln.

Die Relevanz der Alternativen

Dann tritt das nächste Kriterium unserer Definition auf den Plan, nämlich die Frage, ob dieses „neue“ Verhalten (immer gedacht im Unterschied zum vorigen, dem Ausgangsverhalten), für jemanden in der Umgebung einen Unterschied macht. Über den Unterschied, der einen Unterschied macht, gibt es lange Ausführungen etwa bei Bateson (1969) oder Simon (1999). Im Endeffekt bedeutet es, dass dieser Unterschied Wirkung hat in der Weise, dass sich dann in weiterer Folge auch das Verhalten dieser zweiten Person ändert. Es gibt durchaus Verhaltensänderungen, die in einer bestimmten Situation nicht in der Lage sind, bei anderen ebenso Verhaltensänderungen auszulösen.
So kann es etwa einem Mann, der sich den Bart abrasieren lässt, passieren, dass manche Menschen die Veränderung gar nicht wahrnehmen.
In dem oben genannten Beispiel in der U-Bahn zum Beispiel würde es ziemlich sicher einen Unterschied machen, ob Sie den Bekannten rufen oder nicht, hingegen ist es nicht so sicher, ob die Entscheidung, hinzugehen und ihn zu begrüßen, wesentlich anderes Verhalten von seiner Seite zeitigen würde als wenn sie ihn  von Ferne begrüßen.
Wir wählen also aus dem praktischen Verhaltensrepertoire einer Person in einer Situation jetzt alle Verhaltensweisen aus, die in der Lage sind, Verhaltensänderungen bei anderen anzustoßen. Nur diese sind relevant.
Nun müssen wir aber, damit weitere Änderungen in Gang kommen, noch die Bedingung einführen, dass diese ausgelösten Verhaltensänderungen noch weitere bei anderen auslösen und in der Weise bei der „Ausgangsperson“ ankommen, dass diese wiederum eine Änderung wahrnimmt, dass sie sich sozusagen in einem veränderten Interaktionsfeld wiederfindet.
Wenn Sie diesen Bekannten selbst ansprechen, könnte er vielleicht sich leichter und schneller entschließen, mit Ihnen ein Gespräch zu beginnen, als wenn Sie warten, bis er zu Ihnen kommt. Für Sie ist das aber vielleicht kein relevanter Unterschied: Sie haben zwar beim Anderen anderes Verhalten ausgelöst, aber sie selbst werden in dem Fall die Folgen dieses unterschiedlichen Verhaltens von seiner Seite nicht realisieren.
Wohingegen sie ziemlich sicher von dem veränderten Verhalten des Bekannten betroffen sein werden, wenn sie ihm den Apfel an den Kopf geworfen haben, oder ihn um 50 Euro gebeten haben.

Das relevante Verhaltensrepertoire

Nur die Verhaltensweisen, die alle drei Bedingungen erfüllen:

  1. sie sind möglich und der Person zugänglich,
  2. sie bedeuten für mindestens eine andere Person einen Unterschied und lösen daher unterschiedliches Verhalten bei dieser aus,
  3. dieses unterschiedliche Verhalten  hat relevante Auswirkungen auf die erste Person,

können wir als „relevante Verhaltens­alternativen“ betrachten und die Summe aller solchen relevanten Verhaltensalternativen als „relevantes Verhaltensrepertoire“ zusammenfassen.
Bei dem Bekannten in der U-Bahn wären wahrscheinlich die meisten Verhaltensalternativen nicht besonders relevant, wenn weder Sie noch der Bekannte ein besonderes Interesse an einer Pflege der Bekanntschaft haben. Wenn es sich aber um eine Person handelt, die Ihnen vielleicht einen interessanten Job verschaffen könnte, dann können viele der genannten Unterschiede in Ihrem Verhalten schon in die Kategorie der relevanten Verhaltensalternativen fallen.
Es ist logisch, dass dieses „relevante Verhaltensrepertoire“ für jede Person in jeder Situation unterschiedlich und unterschiedlich groß ist. Das gilt auch für unterschiedliche Personen in sehr ähnlichen Situationen, da jede Person ja nicht nur ihre aktuelle Situation, sondern auch ihre gesamte körperliche und geistige Konstitution und Erfahrungswelt mit sich trägt. Das bedeutet, dass zum Beispiel verschiedene Personen, die in die Situation kommen, bedroht zu werden, ganz unterschiedliche Verhaltensmöglichkeiten und somit auch ein anderes relevantes Verhaltensrepertoire haben, abhängig von ihrer körperlichen Verfassung, ihrer Selbsteinschätzung, von ihren Möglichkeiten, sich Unterstützung zu holen sowie von unterschiedlichen Vorerfahrungen.
Eher schüchterne Menschen etwa haben in der beschriebenen U-Bahn-Situation, insbesondere wenn sie alleine unterwegs sind, nicht dieselben Möglichkeiten, wie eine leicht beschwipste Person, die mit ihren FreundInnen unterwegs sind.
Die Möglichkeiten, die andere Person irgendwie zu beeinflussen hängt dann auch noch davon ab, ob diese alleine und schlecht aufgelegt oder in ein intensives Gespräch mit einer Bekannten verwickelt ist.

Unterschiede im Ausmaß des relevanten Verhaltensrepertoires

Offensichtlich hat jeder Mensch in jeder Situation sein eigenes spezifisches Verhaltensrepertoire. Und es ist ebenso klar, dass in machen Situationen, zum Beispiel an einer einsamen Straßenecke in der Nacht, eine geladene Pistole ein Plus an relevantem Verhaltensrepertoire gegenüber Waffenlosigkeit bedeutet. Natürlich kann das waffenlose Gegenüber über andere Möglichkeiten verfügen, die das bewaffnete nicht hat, aber das könnte auch dann der Fall sein, wenn beide nicht bewaffnet sind, d.h., der Bewaffnete hat doch noch eine Möglichkeit mehr. Das Argument, dass jeder Alternativen hat, eignet sich also nicht, um den Unterschied im relevanten Verhaltensrepertoire zu relativieren.
Sehr wohl aber kann auch der Besitz einer geladenen Waffe in anderen Situationen und/oder bei anderen Menschen ein Handicap, eine Reduktion des relevanten Verhaltensrepertoires bedeuten, zum Beispiel wenn man von der Polizei kontrolliert wird und es daher wichtig ist, dass niemand sieht, dass man eine Waffe trägt.
Meist geht es beim relevanten Verhaltensrepertoire nicht um Waffen im wörtlichen Sinn. Das „relevante Verhaltensrepertoire“ hängt ab von körperlicher Ausstattung, Erziehung, sozialer Einbettung und Position, finanziellen Möglichkeiten, davon, wie viele andere Menschen (mit wie großem „relevantem Verhaltensrepertoire“) mich kennen, mir wohl wollen oder nicht, mich verstehen und von vielem anderen mehr .
Es ist natürlich nicht objektiv feststellbar, ob ein Eremit mehr oder weniger Verhaltensmöglichkeiten hat als ein Finanzminister, wenn man aber den Maßstab der Relevanz im oben beschriebenen Sinne anlegt, so ist die Entscheidung einfacher. Der Eremit mag vielleicht sehr viel differenziertere Verhaltensmöglichkeiten haben als der Finanzminister, diese werden aber im Allgemeinen von seiner Umgebung nicht wahrgenommen und bewirken daher auch keine Veränderungen, die sich wiederum in verändertem Verhalten der Umwelt dem Einsiedler gegenüber auswirken könnten.

Exkurs: Bezüge zu Machtbegriffen anderer Autoren

Ich will hier in aller Kürze versuchen, die Beschreibung des „relevanten Verhaltensrepertoires“ dazu zu nutzen, die Verwendung des Begriffes „Macht“ durch einige andere Autoren, so wie ich sie verstanden habe, auszudifferenzieren und einzuordnen. Denn eine Diskussion über Macht kann bei unterschiedlichen Definitionen und Vorannahmen, was „Macht“ bezeichnet, nur zu Missverständnissen führen.
Webers klassische Definition setzt voraus, dass zwei Personen in direkter Auseinandersetzung miteinander befinden. Die Unterschiedlichkeit der relevanten Verhaltensrepertoires ergibt sich so, dass eine Person eher Einfluss auf das Verhalten der anderen nehmen kann als umgekehrt.
Ein Ungleichgewicht an Verhaltensmöglichkeiten bedeutet aber nicht unbedingt, dass man seinen Willen durchsetzen kann: Die von Kraus (2004) eingeführten Begriffe von „instruktiver Macht“ und „destruktiver Macht“ machen darauf aufmerksam, dass ein größeres Verhaltensrepertoire nur bedeutet, dass die Person, der es zur Verfügung steht, auch mehr bewirken kann – nicht aber, dass sie auch zielgerichtet bestimmen kann, was sie bewirkt. Kraus unterscheidet denn auch zwischen der „instruktiven Macht“, die Anpassungsversuche des Gegenübers voraussetzt (und selbst dann noch nur mit Glück funktioniert), und der „destruktiven Macht“, die Möglichkeiten einschränkt:
„Destruktive Macht bezeichnet die Chance, die Möglichkeiten eines Anderen zu reduzieren.“ (2004, S.14)
Aber selbst diese einschränkende Macht ist nicht gesichert: Manchmal kann der Versuch, jemanden einzuschränken, bei diesem erst ungeahnte Kräfte freilegen.
Da es grundsätzlich nicht möglich ist, bei einem anderen Individuum (anderen System) zu bestimmen, wie ein Außeneinfluss verarbeitet und beantwortet wird, kann der Einflussnehmende nur durch Ausprobieren Erfahrungen sammeln darüber, was denn geht und was nicht. Und was nicht geht, das kann man auch mit einem größeren Verhaltensrepertoire nicht bewirken: Hier endet die „Relevanz“ des Verhaltensrepertoires.
Ich selbst habe 1988 Hoffnung, Furcht und physische Gewalt als die einzigen Möglichkeiten bezeichnet, Macht auszuüben (Milowiz 2005): Heute, in Begriffen des relevanten Verhaltensrepertoires, müsste das heißen: Hoffnung, Furcht und physische Gewalt sind die Auslöser von Verhaltensänderungen und können zur Bestimmung der Relevanz von Verhaltensalternativen herangezogen werden: Verhalten, das beim Anderen etwas an dessen Hoffnungen (positiven Erwartungen), seiner Furcht (negativen Erwartungen) oder an seinen physikalischen Möglichkeiten ändert, führt auch zu verändertem Verhalten. Dabei bleibt allerdings immer noch offen, ob die Änderung wieder für den Auslöser relevant ist.
Ein völlig anderes Verständnis von Macht zeigt sich bei Foucault (1977): Er beschreibt, wie das strukturell bedingte Ungleichgewicht im relevanten Verhaltensrepertoire zum autopoietischen System wird, indem es von den beteiligten Personen verinnerlicht und dadurch reproduziert wird. Machtunterschiede zwischen Personen werden relativiert, weil jede Person schon durch Selbstkontrolle die Rolle lebt, die sie im sozialen Gefüge einnimmt und dadurch auch selbst die Struktur des Gefüges erzeugt. Wenn dieses System vollständig funktionieren würde, gäbe es keine Unterschiede in den relevanten Verhaltensrepertoires, weil jede Person einfach nur die ihr sozial zugewiesene Rolle ausführt. Es ergäbe sich ein ähnliches Ergebnis wie bei Roth (2006), der mit seiner Interpretation von Ergebnissen der Hirnforschung den freien Willen zur Diskussion stellt und damit überhaupt die Frage nach einem Verhaltensrepertoire im Sinne einer Wahlmöglichkeit in einer gegebenen Situation.
Foucault zielt hier bereits auf Macht als Beziehungsgeschehen, wie es dann im systemischen Ansatz stärker herausgearbeitet wird.
Levold (2001) und auch Merl (1987) betonen diesen Beziehungsaspekt der Macht, der im relevanten Verhaltensrepertoire vorkommt, insoferne dieses ja überhaupt nur im Rahmen eines Beziehungsgefüges und nur in Bezug auf Interaktion festgestellt werden kann.
Überhaupt scheint mir Levolds Begriffsdefinition von Macht sehr gut mit dem „relevanten Verhaltensrepertoire“ zusammenzupassen:
„Die Ausübung von Macht zielt … darauf, Einfluss auf die Verhaltenswahl des Anderen zu nehmen und die Kontingenz seines Handelns zu verringern. Die Steigerung eigener Macht besteht umgekehrt darin, die eigenen Wahlmöglichkeiten zu vergrößern,…, und damit die Kontingenz des eigenen Handelns zu erhöhen.“(Levold 2001, S. 114)
Interessant ist hier auch die Querverbindung zu Kraus’ „destruktiver Macht“: Machtausübung bestimmt möglicherweise nicht, was der Betroffene tut, aber sie reduziert die Kontingenz seines Handelns.
Einen viel erfreulicheren , ebenfalls systemischen Begriff von Macht führt Herwig-Lempp (2009) ein:
„SozialarbeiterInnen sind dann am mächtigsten, wenn sie ihren KlientInnen Macht unterstellen, wenn sie von vorneherein davon ausgehen und einfach voraussetzen, dass ihre KlientInnen über das Vermögen verfügen, Mögliches wirklich werden zu lassen. Ihre Aufgabe ist es, den Machtspielraum der KlientInnen auszuweiten – mit den KlientInnen auszuloten, was (noch) möglich ist. Hierdurch können sie sie „ermächtigen“(S. 37)
Hier ist Foucaults Idee, dass jeder seine Machtposition selbst herstellt, angesprochen, allerdings in dem Sinne, dass ein/e HelferIn einer Person durch „Unterstellung“ das Bild, das diese von ihrem eigenen relevanten Verhaltensrepertoire hat, in Frage stellen kann und dadurch im Sinne von Foersters so zu handeln, „dass Du die Anzahl der Möglichkeiten vergrößerst!“(1997, S. 234). Der/die HelferIn kann zwar wieder sein relevantes Verhaltensrepertoire – ganz im Sinne von Kraus (2004) – nicht „instruktiv“ verwenden, das heißt, er/sie kann nicht steuern, was die Person tun wird, wohl aber kann er bewirken, dass die Person die Möglichkeit hat, ihr relevantes Verhaltensrepertoire zu erweitern, die von Foucault angesprochenen „strukturellen Machtverhältnisse“ ein wenig zu verändern.

Zusammenfassung

Der verwendete Systembegriff rekurriert auf die Beschreibung von zirkulären Interaktionsnetzen, von wieder erkennbaren Strukturen. Jedes Verhalten, jede (Inter-)Aktion - nicht nur von Menschen - kann unbemerkt und daher folgenlos bleiben, oder bemerkt und aufgegriffen werden, worauf wiederum eine Reaktion erfolgt, die wiederum aufgegriffen wird - eine Rückkoppelungsschleife, eine erkennbare Struktur ist entstanden.
„System“ ist in dieser Sichtweise ein definitorisches Konstrukt, das eine oben beschriebene Struktur in einer den Wahrnehmenden nützlich erscheinenden Weise zusammenfasst. Grenzen zwischen „System“ und Umwelt“ sind dabei brauchbare Illusionen, Vereinfachungen, die es ermöglichen, die Welt zu „verstehen“, indem sie ihr Wiedererkennbarkeit und Berechenbarkeit geben.
Indem wir also „zirkuläre Interaktionsnetze“ als quasistationäre Ausschnitte betrachten,  können wir das Verhalten bestimmter Personen in einer bestimmten Situation beschreiben und dort Verhalten vorfinden, das sich wiederholt. Dann können wir weiters beschreiben, wie sich die Verhaltensweisen der beteiligten Personen in zirkulärer gegenseitiger Bedingtheit reproduzieren.
Auf dieser Basis benennen wir Verhaltensalternativen, die ihrerseits bei anderen zu verändertem Verhalten führen, als "relevante Verhaltensalternativen". Diese bestimmen sich dadurch, dass sie möglich sind, einer Person zugänglich, sie lösen unterschiedliches Verhalten bei den Interaktionspartnern aus, und dieses unterschiedliche Verhalten  hat relevante Auswirkungen auf die erste Person.
Das „relevante Verhaltensrepertoire“ – die Summe der einer Person verfügbaren „relevanten Verhaltensalternativen“ – bestimmt damit die Einflussmöglichkeiten auf die Umgebung, die eine Person wahrnehmen kann.
Das „relevante Verhaltensrepertoire“ verstehen wir nicht als Beschreibung der Wirkungsweisen von „Macht“, sondern als deren Voraussetzung: ein konsistentes Modell zur Erfassung von autopoietischem Beziehungsgeschehen, innerhalb dessen sich Einflussmöglichkeiten aktualisieren oder auch nicht.

Literatur

Bateson, G. (1969): Ökologie des Geistes. Frankfurt am Main
Bourdieu, P: (1983): Ökonomisches Kapital - Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten, Göttingen, S. 183-198.
Foerster, H. v. (1997): Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt am Main
Foucault, M. (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main
Herwig-Lempp, J. (2009):Die Macht der SozialarbeiterInnen. Von der Macht, das Mögliche Wirklichkeit werden zu lassen. In: Sozialmagazin Heft 6/2009, S. 32-39
Kraus, B. (2004) „Instruktive Macht“ vs. „destruktive Macht“ – ein neuer Lösungsweg im Streit um die Machtmetapher. In: BASYS. Berichte des Arbeitskreises für systemische Sozialarbeit, Beratung und Supervision Lfd. Nr.17, Heft 2/2004: 6 – 21
Levold, T. (2001): Macht und Machtspiele aus systemischer Sicht. In: systeme Jg.15, Heft 2/2001, S. 111-119
Merl, H. (1987): Familientherapie. Ehe und Familie Heft 4/1987
Milowiz W.(2005): Wer definiert Macht? BASYS, Lfd. Nr. 18; Heft 1/2005, S. 20-26
Milowiz, W. (2009): Teufelskreis und Lebensweg. Systemisch denken im sozialen Feld. 2.überabeitete Auflage. Göttingen
Roth, G. & K.-J. Grün (Hrsg., 2006): Das Gehirn und seine Freiheit. Beiträge zur neurowissenschaftlichen Grundlegung der Philosophie. Göttingen.
Simon, F. B. (1999): Unterschiede, die Unterschiede machen. Klinische Epistemologie: Grundlage einer systemischen Psychiatrie und Psychosomatik. Frankfurt am Main
Waldrop, M. M. (1993): Inseln im Chaos. Die Erforschung komplexer Systeme. Reinbek bei Hamburg
Weber, M. (1956/1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 1. Halbband, Tübingen, S. 28

 

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