Über die Dinge.

Nachgedanken zur Lektüre des Buches "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners" von Heinz v. Foerster.
Walter Milowiz

 

Als Kind habe ich gelernt, daß Hauptwörter groß geschrieben werden. Und Hauptwörter seien alles, worauf man zeigen könne. Z.B. ein Apfel. Du zeigst auf ihn, und wenn ich es noch nicht kapiere, führst Du meine Hände an seinen Grenzen entlang: Alles, was innerhalb dieser Grenzen liegt, gehört zum Apfel, ist "Apfel". So, wie mein Bein "Ich" ist. Auch der Kern ist "Apfel". Deswegen heißt er Apfelkern.

Wenn ich aber im Apfel einen Wurm finde, dann ist der Wurm nicht "Apfel" (obwohl’s ein Apfelwurm ist!). Wieso ich das weiß? Das hat mir meine Mama gesagt, als ich den ersten Wurm im Apfel gefunden habe. Irgendwelche Leute haben miteinander ausgemacht, daß der Wurm nicht zum Apfel gehört. Die können allerdings nicht meine Hand an der Apfelgrenze entlang führen, weil das Wurmloch zu klein ist. Sie müssen mir erst den Wurm zeigen, und extra dazu sagen: "Der gehört nicht dazu!" Brav, wie ich war, habe ich beim nächsten Mal gesagt: "Dhört nicht azu!"

Das war ja alles noch sehr einfach. Dann hat die Mami auf mich gezeigt, und "Walter" gesagt. Und brav, wie ich war, habe ich das auch gleich gesagt, und Mami war begeistert. Immer wenn jemand irgendwohin gezeigt hat, habe ich "Wlta" gesagt. Da war sie weniger begeistert. Aber das habe ich auch noch gelernt. Dann habe ich auf mich gezeigt, und dann fing das erste ernsthafte Problem an. Wenn Mami das sah, sagte sie "Walter" oder "Du". Wenn ich aber "Du" dazu sagte, wurde ich ausgelacht. Es war sehr schwer zu lernen: Wenn ich auf mich zeige, sage ich "Ich". Nur Du darfst "Du" sagen, wenn ich auf mich zeige. Dafür sagst Du, wenn ich auf Dich zeige, "Ich". Naja. Ich erklär’s nicht weiter. Wenn Du das noch nicht kannst, wirst Du’s jetzt auch nicht mehr lernen. Mich erinnert es an "Bäumchen-wechsle-dich".

Wenn ich genau wissen will, was "Ich" ist, ist das auch nicht so einfach. Wenn Mama meine Hände an meinen Grenzen entlang führt, dann gibt das Probleme. Wie führt man die Hände an den Händen entlang? Und überhaupt beim Zeigen! Mein Finger zeigt auf mich. Zum Beispiel auf den Bauch. Die Brust gehört auch dazu und der Kopf. Und die Arme. Und die Hände. Und der Finger, der zeigt, gehört auch dazu. Weil der nämlich am Körper dranhängt, und kein Wurm ist. Immerhin werde ich heute noch schwindlig, wenn ich sage: "Ich bin ich": Ich renne, so schnell ich kann, im Kreis, vom einen "Ich" (dem Sagenden) zum anderen (dem Be-sagten). Dann merke ich, daß das Be-sagte "Ich" gerade gesagt hat: "Ich bin ich!" und renne wieder los. So renne ich eigentlich dauernd hinter mir her. So wie der Hund, der seinen Schwanz verfolgt.

Warum die Philosophen das allerdings gar so problematisch finden, verstehe ich nicht. Vielleicht wollen sie nur nicht dauernd im Kreis rennen. Was ich auch nicht verstehe, ist, daß man "ich" klein schreibt. Das ist klarer Unsinn. Und daß man nicht "der Ich" sagt, und "die Ich". Gott sei Dank hat ja irgend jemand dann "das Ich" erfunden (War es Freud, oder hat er’s nur plagiiert?). Aber warum in drei Teufels Namen hat er eingeführt, daß "das Ich" nicht "ich" ist? Jetzt fängt es nämlich wirklich an, kompliziert zu werden. Zeig’ Du mir ‘mal, was "das Ich" ist! Nichts mehr mit hinzeigen, nichts mehr mit Hände entlang führen! Amerika gibt es nicht! (Das ist eine sehr liebe Kindergeschichte.) Viele reden davon, aber noch keiner hat es mir gezeigt. Und schon gar nicht "das Ich".

Oder "das Bewußtsein"! Da gehen die Leute her, nehmen ein Wort, bei dem man nirgends hinzeigen kann, und dann fragen sie: Was ist denn das Bewußtsein genau? Wie funktioniert Bewußtsein? Dabei hat ja noch niemand hingezeigt: Wir können gar nicht herausfinden, was da alles dazugehört, weil niemand hinzeigen kann! Und wenn: Dann würden wir eben sagen: o.k., das Ding da nennen wir Bewußtsein. Und, brav, wie wir sind, würden wir immer, wenn hingezeigt wird, "Aha, Bewußtsein" sagen. Denn so lernt man doch reden, oder? Man lernt, in bestimmten Situationen bestimmte Laute von sich zu geben. Und auf einmal, wenn wir das schon ganz gut können, und längst nicht mehr daran denken, wie es geht (so wie beim Autofahren, oder beim Tausendfüßler), daß es nur darum geht, in der richtigen Situation die richtigen Grunz- und Zischlaute von sich zu geben, kommt jemand und fragt: "Was ist eigentlich Bewußtsein?" Was für Laute sollen wir jetzt von uns geben? Ich weiß nur, daß ich gelernt habe, in bestimmten Situationen "Bewußtsein" zu sagen.

Und Du? Hast Du schon ‘mal etwas gesehen, zu dem man "Bewußtsein" sagt? Es ist einfach unfair: Zuerst bringen sie einem bei, bestimmte Laute von sich zu geben, und dann verlangen sie, daß wir wissen, was das soll! Ich sag’ euch, was es soll: Wenn ich die falschen Laute von mir gegeben habe, waren sie unzufrieden, haben geschimpft oder sie haben mich ausgelacht, oder sie haben gar nicht reagiert, oder sie haben gesagt: "Was?" Immer wieder, immer wieder, bis ich endlich so geredet habe, wie sie es wollten. Und dann haben sie gesagt, ich hätte etwas "verstanden". Und haben mich - zumindest symbolisch - in den Arm genommen. Das kann ich inzwischen ganz gut: Etwas "verstehen". Allerdings nur, wenn die Leute genug Geduld haben, weiter zu fragen und zu probieren, was sie mit meinen Lauten anfangen können, solange, bis sich dieses seltsame Erlebnis einstellt, wo dann beide sagen: "Aha, jetzt haben wir uns verstanden!" Ein tolles Gefühl, nicht wahr? Dieses Gefühl gibt’s übrigens auch ohne Grunz- und Zischlaute, ohne den Satz "Aha,.." undsoweiter. Es ist das gleiche Gefühl, wie wenn sich auf der Straße zwei Leute entgegenkommen, und herausfinden, wer nach welcher Seite ausweicht. Oder wenn man nach einer Zwetschke greift, und auf einmal hat man sie in der Hand - oder gar im Mund. Wunderschön, wenn die Dinge funktionieren: Eine Situation verlangt, irgendwie zu reagieren, weil ich schon weiß, daß sonst irgend etwas Unangenehmes passiert (oder etwas Angenehmes nicht passiert): Und ich schaffe es! Ist das nicht toll? Was kommt als Nächstes?

Und weißt Du, was der Heinz von Foerster will? Der will nur, daß wir dieses Gefühl nicht kriegen, dieses Gefühl, wo wir dann aufhören, uns um eine Sache zu kümmern, weil wir sie erledigt finden! Weil er sich dann immer so allein vorkommt, wenn keiner mehr mit ihm darüber redet, was denn "das Bewußtsein" sei! Der kriegt dieses Gefühl offenbar nur immer dann, wenn er jemanden dazu bringt, daß der es nicht kriegt, sondern weiter herumprobiert, was er denn sagen muß, damit sich dieses Gefühl einstellt; damit er sich dann anderen Dingen zuwenden kann. Und nur, wenn Dir das auch Spaß macht, kannst Du mit ihm Spaß haben. Er nennt das "Tango". Heinz will Tango tanzen. Wenn Du Hunger hast, dann gehe nicht zu Heinz: Er will mit Dir Tango tanzen! Höchstens: Vielleicht könnte man während des Essens auch Tango tanzen? Oder wir versprechen ihm, daß wir nach dem Essen ganz lange mit ihm Tango tanzen...

Eines ist sicher: das Wort "Bewußtsein" ist Teil eines Eigenwertes der Kommunikation zwischen Menschen: Ein Zirkel, der funktioniert: Wenn man über "Bewußtsein" redet, kriegt man Antworten, die dazu führen, daß wieder über "Bewußtsein" geredet wird. Wenn nicht gleich, dann doch später. Und Heinz ist auch Teil dieses Kreises: Man könnte glauben, er macht es absichtlich: Er pflanzt die Leute solange mit dem Wort, bis die auch darüber nachdenken. Und dann schaut er sich begeistert an, wie die Leute nachdenken. Und wenn einer sagt: "Ich nenne jetzt Bewußtsein das und das", und glaubt, jetzt kann er essen gehen, dann sagt Heinz: "Jetzt habe ich etwas über Dich erfahren, aber nicht über das Bewußtsein!" Und alle, die gerne Tango tanzen, fangen wieder von vorne an. So bleibt das Wort am Leben. Und die Leute hungrig.

Ich möchte eigentlich wissen, warum man bei einem Menschen sagt, er sei ein lebendes "Ding", und bei dem Wort "Bewußtsein" nicht. Die Menschen verhalten sich so, daß ihre Umwelt (Luft, Nahrung etc.) ihnen hilft, Menschen zu erzeugen, und das Wort "Bewußtsein" verhält sich so, daß die Menschen ihm helfen, das Wort "Bewußtsein" zu erzeugen. Daran, daß das Wort die Menschen benützt, kann’s nicht liegen: Bakterien machen es genau so: Sie verhalten sich auch so, daß die Menschen ihnen helfen, Bakterien zu erzeugen. Und Computer auch, und Tische auch. Trotzdem "leben" angeblich nur Bakterien (und Menschen). Die Computer können’s sogar viel besser als die Menschen: Die haben sich viel schneller vermehrt!

Ob wohl die Leute, mit deren Hilfe die ersten Worte sich erfunden haben, das nur mitgemacht haben, um Leute zu pflanzen? Wenn Kinder eine Sprache erfinden, dann tun sie es meistens dazu! Sollten jedenfalls irgendwann die ersten zwei Leute miteinander reden gekonnt haben und andere noch nicht, dann - da bin ich ganz sicher - haben die anderen sehr blöd geschaut.

Wollt Ihr mit mir Tango tanzen?


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