Internationale Fachtagung

Integration
Rehabilitation
(Re)Sozialisierung

 

Auswertung von 5 ExpertInneninterviews zum Thema "Integration"

Provisorisches Manuskript 04/2007

Bernhard Ettenauer, Walter Milowiz, Christian Reininger, Hannes Ruttinger

Im Rahmen einer EU-Lernpartnerschaft (Grundtvig2) versuchten wir der Frage auf den Grund zu gehen, welche Vorstellungen von Integration die damit beruflich Engagierten in ihrem professionellem Tun leiten und wie diese in ihrer konkreten Arbeit sichtbar werden. Insbesondere interessierte uns dabei die Wechselwirkung zwischen Praxis und Theorie. Bei der Erstellung der Fragen, sowie bei der Analyse bezogen wir uns auf das Denkmodell der systemischen Sozialarbeit der Wiener Schule als theoretische Grundlage. Wir führten 5 anonymisierte Interviews mit ExpertInnen der sozialen Arbeit aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen (Alphabetisierung, Bildungsbereich, Stadtteilarbeit, Traumatherapie, Krisenarbeit) und Berufsfeldern (Sozialarbeit, Psychologie, Psychotherapie, Sozialpädagogik). Drei Interviews fanden in Österreich, zwei weitere in Deutschland statt. Als derzeitiges Zwischenergebnis möchten wir folgendes festhalten:

Zunächst möchten wir auf die Punkte eingehen, die unserer Einschätzung nach gleichermaßen allen fünf ExpertInnen in hohem Maße für eine gelungene Integration wesentlich erscheinen:

Die Arbeit der ExpertInnen zielt darauf, die Voraussetzungen zu verbessern, damit gelungene Integration wahrscheinlicher wird (z.B.: durch Spracherwerb, Bildung, kulturellen Austausch, Bereitstellen von Räumlichkeiten, Lösen von psychischen oder familiären Konflikten, aber auch durch Gestaltung von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen).

Zitate:

  • Sprache, als wichtiges Element zur Partizipation: "[…]Natürlich steckt auch der Gedanke dahinter, dass Sprache und Schriftsprache natürlich ein wichtiges Element sind, um partizipieren zu können an der Gesellschaft und an Arbeit und Bildung und an allem." (Alphabetisierungskurse)

  • Stärkung der muttersprachlichen Kultur als Voraussetzung: "[...] Also Förderung der Muttersprache, Förderung der muttersprachlichen Kultur ist für mich sehr wichtig und daraus entsteht einfach diese Gemeinsamkeit. Nur wer sich selber sicher ist, öffnet sich auch für den Anderen." (Stadtteilzentrum)

  • Der richtige Platz für den Jugendlichen muss gefunden werden: "Wenn die Arbeit erfolgreich war, ist es auf der einen Seite die Möglichkeit, dass ein Jugendlicher wieder in die Familie geht und es dort relativ problemfrei abläuft und der Jugendliche nicht mehr ins Krisenzentrum zurück kommt. Das heißt, dass dieses Feld, das wir geebnet haben für die Familie, gemeinsam mit anderen Einrichtung, gemeinsam mit anderen Personen, dass das fruchtbar ist, ganz einfach und eine gute Basis für die Zukunft ist. Und das andere ist, dass wir eine adäquate Fremdunterbringung, die genau der Problematik des Jugendlichen entspricht, gefunden haben und das der Jugendliche von dort seinen Weg in die Zukunft einfach gehen kann. Das heißt, er geht in Richtung Verselbstständigung und er findet einen Platz irgendwo in der Gesellschaft." (Krisenzentrum)

  • Glaube an sozialen Aufstieg (der seinerseits gelungene Integration voraussetzt) durch Bildung: "Die Bildung hat einen sehr, sehr hohen Stellenwert bei den Meisten, bei unseren Jugendlichen. Der Glaube, mit Bildung sozial aufsteigen zu können ist sehr stark verankert." (Jugendbildungseinrichtung)

  • Lösung psychischer Probleme eröffnet Möglichkeiten: "Und die beobachten diesen Prozess auch, dann rufen sie manchmal auch an und sagen: "Ach das, äh meine Freundin ist ja nicht mehr depressiv, sie geht ja jetzt mit mir Tee trinken!" (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)

Dies wird aus unserer Sicht dadurch erreicht, indem entweder versucht wird, bestehende Defizite zu beheben bzw. brachliegende Ressourcen nutzbar zu machen (Alphabetisierung, Bildung, Psychotherapie, Politik...) oder/und die beiden Parteien bei ihrem Integrationsprozess zu unterstützen ("Übersetzungsarbeit", gute Rahmenbedingungen für Selbstorganisation schaffen, Räumlichkeiten zum Rückzug zur Verfügung stellen, ...).

Zitate:

  • Förderliche Rahmenbedingungen für Entwicklung schaffen: "[…]Und deswegen versuche ich allen Gruppen hier auch Rahmenbedingungen, für alle Gruppen Rahmenbedingungen zu schaffen, dass sie sich entwickeln können." (Stadtteilzentrum)
  • Schreiben und Lesen lernen als Voraussetzung für den Spracherwerb: "Und die erste Zielsetzung war: Alphabetisierungskurse für Migranten. Weil klar war, dass ... klargeworden ist, dass es doch einige Leute gibt, die in den Deutschkursen nicht ganz mitkommen. Oder nicht reinkommen in die Deutschkurse, weil sie zu wenig lesen und schreiben können!" (Alphabetisierungskurse)
  • Ein umfassendes soziales Netz spannen: "[...] Wir versuchen das so zu gestalten, dass wir Ansprechpartner sind. Denn wir sind ja nicht nur psychologische Beratungsstelle, sondern wir sind ja auch eine psychosoziale Beratungsstelle. Wir haben ein Netzwerk von professionellen Helfern, und zwar nicht nur diejenigen die helfen, wenn es einen schlecht geht, sondern auch diejenigen die unterstützen wenn es einen gut geht. Also kulturelle Gruppen, Gruppen, Theatergruppen, Sportgruppen, Tanzgruppen... wir haben viele Kontakte zu Arbeitgebern. Also wir sehen das ganze als Prozess an!" (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Übersetzungsarbeit zwischen Jugendlichen und Familie leisten: "[…] Nämlich Übersetzungsarbeit von wegen der Bedürfnisse der Jugendlichen oder von Bedürfnissen der Eltern oder der Familie, die da sind und das so zu übersetzen, dass es dem jeweils anderen verständlich wird. Oft ist es wirklich nur eine Frage dieser Übersetzungsarbeit, dass die Familie merkt "Aha! Wo will der Bursche eigentlich hin?" bzw. dass der Bursche überhaupt realisiert "Was wollen meine Eltern von mir?" und "Die wollen mir jetzt nicht irgendwo das Leben schwer machen, sondern die haben gewisse Intentionen dahinter ... und darauf wollen sie hinaus!" (Krisenzentrum)
  • Das bestehende soziale Feld als Ressource nutzen: "[…]Da sind ganz viele andere Institutionen, also wir sind nicht die einzige betreuende Einrichtung, viele. AsylwerberInnen wohnen in einem Heim zum Beispiel, oder MigrantInnen, die vom AMS betreut werden oder sonst wo sind. Dann gibt's Familie, sofern vorhanden, hier in Österreich vorhanden, die einen Beitrag leistet, immer wieder Bekannte, Freundinnen, Verwandte, Paten, bei minderjährigen Asylwerberinnen/ Asylwerbern usw. Ganz, ganz viele! Wir versuchen auch in der Arbeit eben das ganze Feld mit einzubeziehen. Also auch gemeinsam, wenn zum Beispiel ein Pate bei einem Asylwerber vorhanden ist, gemeinsam auch zu dritt anzusetzen, der Pate, der Jugendliche und wir. Oder mit der Familie und so weiter. Also es gibt immer eine, nicht immer, aber meistens eine Ressource noch auf die man zurückgreifen kann." (Jugendbildungseinrichtung)

Die tatsächliche Integrationsarbeit müsse allerdings von den Beteiligten laufend selbst erbracht werden. Einzig die Wahrscheinlichkeit einer gelungenen Integration könne erhöht werden, indem die Voraussetzungen dafür verbessert werden. Doch schon diese Verbesserung bedürfe einer aktiven Beteiligung der Betroffenen. Daraus folgt, dass niemand gegen den eigenen Willen integriert bzw. zu einer Aufnahme von "Nicht dazu Gehörigen" verpflichtet werden könne. Sowohl auf Seite des als nicht dazugehörig definierten Teiles der Gemeinschaft aber auch auf Seite der Gesellschaft selbst, brauche es eine zumindest minimale Kooperationsbereitschaft. Auch da gilt wiederum, dass diese nicht beliebig herstellbar sei, sondern bloß angeregt werden könne.

Zitate:

  • Bei manchen Jugendlichen muss man geduldig warten, bis sie das Angebot annehmen können: "[…]und die müssen aber von sich kommen. Wie gesagt, wir haben diesen Trichter nicht, wo wir die Jugendlichen eben ein gewisses Maß an Angepasstheit oder was sonst halt so verlangt wird einfüllen können. Das ist halt geduldige Arbeit, geduldiges Zuwarten und Warten, was da kommt und eben auch Aushalten wenn ein Jugendlicher kommt und sagt: Nein! Das interessiert ihn nicht! Soweit müssen wir die Individualität anerkennen! Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Das ist so!" (Krisenzentrum)
  • Ein "Aufeinander zugehen" ermöglicht Integration. Dieses aber setzt eine grundsätzliche Bereitschaft dafür voraus: "[…]dass man sich in der eigenen Eigenschaft gestärkt fühlt, um auf die Anderen zuzugehen; dass man Zugangsmöglichkeiten hat; dass man mit sich mit einer Persönlichkeit, mit persönlicher Identität auf den Anderen zugeht und dann erst ist es möglich zu erfahren, was der andere hat, was ich nicht habe. Und wo kann ich mich... wo kann ich mich ausgleichen und wo kann ich ihm denn vielleicht was vermitteln. Das ist einfach so diese... ich sag immer diese friedliche Koexistenz, woraus eventuell so eine Gemeinsamkeit entstehen kann, aber es muss erstmal das andere gestärkt werden"(Stadtteilzentrum)
  • Zum Lernen einer Sprache braucht es Eigenaktivität: "[…]Ob ich jetzt diesen 300 Stunden Zwangskurs besuche und dann nie wieder ein Wort Deutsch rede, oder ob ich intensiv die Sprache erlerne, bleibt im Endeffekt jedem überlassen. […]Also jemandem zu sagen, du musst dich 300 Stunden irgendwo hineinsetzen, ... Ich mein, ich kann mich auch 300 Stunden irgendwohin hinein setzen und genau gar nichts mitbekommen." (Jugendbildungseinrichtung)
  • Therapie gegen den Willen ist nicht möglich: "Also wir können nicht sagen, du brauchst Hilfe, du musst dich ändern, du sollst dich ändern, wenn der Klient das nicht wünscht!" (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Integration muss von den Beteiligten selbst vollzogen werden: "[…]Also wir können für sie keine Entscheidungen treffen, wir können auch, wir tragen auch nicht die Konsequenzen für die Entscheidungen, die sie treffen. Also das, das müssen sie alles selber bewältigen. Wir können ihnen, sie nur unterstützen, indem wir ihnen Informationen geben, indem wir sie begleiten, indem wir sie motivieren." (Jugendbildungseinrichtung)
  • Die Bereitschaft, sich mit der anderen Seite auseinander zu setzen, kann nicht erzwungen werden: "Obwohl es zum Teil schon Beschwerden von Teilnehmern gegeben hat, dass da so viele Ausländer - unter Anführungszeichen - im Haus sind. Und wenn das so ist, dann wollen sie nicht mehr kommen!" (Alphabetisierungskurse)
  • Kooperationsbereitschaft der Beteiligten ist nicht steuerbar, nur anregbar: "[…]Wie ich vorher erzählt habe mit Portugiesisch-Türkischer Abend, wo ich weder den Portugiesen noch Türken vorschreiben wollte, was sie zu machen haben. Ich habe gesagt: "Bietet das an, was ihr habt! Vielleicht findet das bei dem Anderen Einklang und bei dem Anderen nicht!" Und es fand plötzlich... Türkische Musik lief, die Portugiesen haben einen Rhythmus entwickelt und plötzlich haben die Türken so richtig mit offene Mund zu gekuckt. Weil das einfach so richtig gepasst hat, zur Musik gepasst und geht auch die Schritte. Das ist hervorragend! Hat's gepasst. War so ineinander und ich bin mir sicher wir haben jetzt am 30. Juli unser Straßenfest, dass sie diesen Tanz wahrscheinlich auch gemeinsam beim Straßenfest vorzeigen werden. Es war ohne, ohne Zwang von Außen, auch keine Vorgabe: "Das sollt ihr machen!, Entwickelt das!" Die entwickeln. Erst haben die Portugiesen den Türken geholfen, dann die Türken, und dann entwickelt sich etwas Gemeinsames." (Stadtteilzentrum)
  • Damit die Motivation aufrecht bleibt, muss man realistische Möglichkeiten sehen: "[...]Also sozusagen ein realistisches Bild zu haben, ohne die Motivation zu verlieren und einen Weg zu sehen der realistisch ist, ohne dass er einem die Motivation raubt, ist sehr schwierig in vielen Fällen. ... Das ist - seit ich da arbeite - eine jährliche Zuspitzung der Situation." (Jugendbildungseinrichtung)

Thesen der "Systemischen Sozialarbeit":

Das alles deckt sich mit einer systemischen Beschreibung von Integration als wechselseitigen Prozess zwischen einer Mehrheit und einem Teil, der als nicht "dazugehörig" erlebt wird und/oder sich als nicht "dazugehörig" erlebt. Nicht integriert zu sein ist eine Zuschreibung, die dann Bedeutung erlangt, wenn zumindest eine Partei an dieser Definition festhält und gleichzeitig damit ein Problem hat.

Integration ist dann gelungen, wenn entweder durch eine Verhaltensänderungen zumindest einer Partei oder auch nur durch eine neue Beschreibung ein Konsens hergestellt werden kann, bei dem die Unterscheidung in "dazugehörig und nicht dazugehörig" nicht mehr Thema ist.

Die ExpertInnen scheinen sich einig, dass es keine allgemeingültigen Rezepte gibt, die routinemäßig angewendet werden können, um einen gelingenden Integrationsprozess voranzutreiben. Das ergebe sich unter anderem allein daraus, dass die Ausgangspositionen stets extrem unterschiedlich seien. Es brauche somit von Situation zu Situation Unterschiedliches, um die Voraussetzungen für eine gelungene Integration zu verbessern. Soziale Arbeit wird als ein offener Prozess beschrieben, der auf die konkreten Beteiligten abgestimmte Lösungen und maßgeschneiderte Angebote erfordert.


Zitate:

  • Wenn Sprachkurse zunächst einmal am Lebensalltag der Leute orientiert sind, dann sind sie erfolgreich: "[…]Und wenn man sich aber die Leute anschaut, dann brauchen die alle unterschiedliche Sachen. Die starten von unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen aus […] Kurse und Lernsituationen insgesamt sind um so erfolgreicher, je stärker man es dann auch differenzieren kann und je stärker man die Ziele, die die Leute tatsächlich für jetzt haben und fürs nächste halbe Jahr, je stärker man die einbeziehen kann, dann sind Kurse erfolgreich." (Alphabetisierungskurse)
  • Soziale Arbeit ist ein auf die konkrete Person und Situation abgestimmter Prozess: "Also wir entwerfen keinen Plan. Denn sie sind schon die ExpertIn für ihre eigene Situation. Wir arbeiten gemeinsam mit ihnen und das ist ein Prozess, der sich laufend ändert." (Jugendbildungseinrichtung)
  • Unterschiedliche Jugendliche brauchen auch unterschiedliches: "[…]Individualität ist das was unsere Arbeit spannend macht. Aber auch das, was sie ein bisschen schwierig macht. Wobei ich aber sehr froh bin, weil wir im Krisenzentrum mehr Sozialpädagogen haben als zum Beispiel in einer Wohngruppe. Das heißt: Es sind sechs verschieden Sozialpädagogen pro Gruppe, die auch sehr wohl individuell sind, wo jeder seinen eigenen individuellen Stil hat und wo dann wieder für jeden individuellen Jugendlichen etwas passendes dabei ist. Deswegen bin ich auch sehr froh, dass ich sehr unterschiedliche Sozialpädagogen da hab. Weil dadurch immer ein bisschen so eine Topf-Deckel Situation passiert." (Krisenzentrum)
  • Wenn der übliche Bildungsweg verschlossen ist, braucht es alternative Wege: "Für alle Jugendlichen (der Jugendbildungseinrichtung, Anmerkung) [...] ist der klassische Weg, den zum Beispiel ich im Bildungsweg genommen habe, verschlossen. Also sozusagen: Volkschule, Gymnasium, Studium. Das geht für sie alle nicht. Also sie müssen sowieso alle alternative Bildungswege finden." (Jugendbildungseinrichtung)
  • Das Stadtteilzentrum als Anlaufstelle für die unterschiedlichsten individuellen Bedürfnisse: "[…]Dass jetzt nicht Sozialarbeiter im Haus sind, die ihre Ideen verwirklichen wollen, sondern es sind Sozialarbeiter, die in der Lage sind, sich auf die Bedürfnisse der Menschen einzulassen und bedürfnisorientiert zu arbeiten. Und das schätzen die Leute auch sehr. Deswegen gibt's auch dieses "Geh ins Stadtteilzentrum, da wird dir geholfen, unabhängig von der Problemstellung, was das für ein Problem ist!" (Stadtteilzentrum)
Aus konstruktivistischer Sicht kann man den Menschen wie auch die Gesellschaft nur als autopoietisches Systeme sehen, die nicht gezielt gesteuert werden können. Sie machen sich ihre Erfahrungen selbst und reagieren dementsprechend. Aufgrund unterschiedlicher (Vor-) Erfahrungen werden Sinneseindrücke individuell unterschiedlich verarbeitet und somit eine je eigene Wirklichkeit konstruiert. Ob ein Angebot passend ist oder nicht, muss daher stets am Einzelfall überprüft werden und dieses gegebenenfalls auf die Wirklichkeit des Individuums abgestimmt werden. Darüber hinaus kann man vielleicht auf Situationen förderlich einwirken, die "Integration" kann aber nur das betroffene System selbst durchführen. Die Idee Menschen oder größere soziale Systeme instruktiv steuern zu können wird durch die Theorie der Autopoiese in Frage gestellt.

Die Vernetzung mit anderen Beteiligten am Integrationsprozess scheint den ExpertInnen sehr wichtig. Einerseits geht es darum, bestehenden Ressourcen optimal zu nutzen, andererseits geht es auch darum die (politischen) Rahmenbedingungen mit vereinten Kräften mitzugestalten. Durch die Vernetzung werden die Voraussetzungen verbessert, die die Wahrscheinlichkeit einer gelungenen Integration erhöhen.

Zitate:

  • Vernetzung mit Institutionen, die am selben Thema arbeiten, um Synergien zu nutzen: "[…]Wichtig ist, dass es eine Vernetzungsarbeit mit anderen Institutionen, also im Grätzel, im Bezirk mit anderen Bildungsinstitutionen, mit anderen Institutionen, die sich um Integration kümmern, auch gemeinsam die Sprache sprechen zu können mit anderen Organisationen, die in Wien den Hauptschulabschluss anbieten, gibt. Also das ist ein Punkt dieser gesellschaftspolitischen Arbeit, dass man sich vernetzt, dass man sich austauscht, dass man im Grunde sieht, dass man die gleichen Probleme überall hat, dass man da ja auch dann auch diese Probleme benennt, Lösungsvorschläge anbietet. Dann... der andere Teil ist hier klassische Öffentlichkeitsarbeit, indem man halt über Medien an die Öffentlichkeit geht und bestimmte Punkte benennt, die man gerne anders haben möchte." (Jugendbildungseinrichtung)
  • Vernetzung, um bestehende Ressourcen optimal zu nutzen: "[…]Auch mit der Elternarbeit, auch das sehen wir als eine unserer Aufgaben, unsere Aufgabe ist es auch zum Beispiel die notwendigen ambulanten Ressourcen zu finden, die ein Jugendlicher braucht. Sei das jetzt eine Beratungsstelle für Drogenkranke oder sei es ein Therapieplatz für Drogenkranke oder Kontaktaufnahme mit der Psychiatrie. Das ist alles unsere Aufgabe. Das ist alles Vernetzungsaufgabe und trägt sehr viel zur Problemlösung." (Krisenzentrum)
  • Durch Vernetzung, das Angebot bekannter machen: "[…]In der Regel, ja in der Regel ist es so, dass der Leidensdruck der Patienten, der Ratsuchenden, der Klienten so hoch ist, und sie keine Hilfe bekommen haben von anderen Stellen - ich rede jetzt vom gesundheitlichen Bereich - und sie dann voller Verzweifelung suchen und nachfragen: "Wo ganz konkret, wo gibt es eine Stelle die a) uns versteht, weil wir Ausländer sind, b) die versteht, was es bedeutet, dass ich [...] in der Türkei, von acht Männern vergewaltigt wurde!". Also, die Klienten suchen uns ganz gezielt, oftmals als letzter Strohhalm." (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Vernetzung als Indikator einer gelungenen Integration: "[…]Die Arbeiter können gemeinsame Interessen haben im Betrieb, aber wenn's darum geht zu Tanzen dann tanzt einer griechisch, der andere türkisch der andere portugiesisch. Und spricht auch alle drei unterschiedliche Sprachen, aber wenn's um gemeinsame Rechte am Arbeitsplatz geht dann halten sie zusammen. Also die partizipieren, für mich sind die dann integriert." (Stadtteilzentrum)
  • Durch Vernetzung können Krisen leichter bewältigt werden: "[…]Krisenarbeit ist ja nix anderes, als zu schauen: "Ok, was ist da los? Welche Informationen haben wir?" Uns anzuhören die Seiten des Jugendlichen, die Seiten der Eltern, die Seite der Sozialarbeit und die Seite von allen anderen Beteiligten und dann halt Hypothesen zu entwickeln und dann halt zu schauen. Ok! Im Krisengespräch versuchen wir dann zu klären, welche unserer Hypothesen können auch eine gewisse Wahrheit enthalten. Und dafür müssen wir auch manchmal Position beziehen. Andere Einrichtungen oder andere Institutionen, andere Beteiligte können oft Familienmitglieder sein, die vermittelnd wirken können. Das ist der Sozialarbeiter von der Regionalstelle, der oft mehr Einblick in die Familiengeschichte selbst hat. Das könnten aber auch ambulante Einrichtungen sein, wie zum Beispiel die "Mobile Arbeit mit Familien", die da auch das Feld bereiten können, dass ein Jugendlicher wieder nachhause gehen kann." (Krisenzentrum)
  • Durch Kooperation können sich die Angebote gut ergänzen: "[...]Also bei uns ist die Jugendarbeit, basiert schon auf Kooperationsarbeit mit der Schule. Wir arbeiten sehr viel mit der Schule. Wir haben einen Kooperationsvertrag mit der Schule - mit einer Grund- und Hauptschule - in der 92% Migrantenanteil ist. Und dieser Kooperationsvertrag sieht so aus, dass vormittags die Sozialarbeiter in der Schule sind, in verschiedenen Projekten, von Schlichterstreit bis zum Beispiel Projekte wie Rauchen- oder Gewaltpräventionsprojekte, oder Übergang "Schule und Beruf", sodass sie mit den jeweiligen Lehrern, das in den Klassen besprechen können. Und nachmittags sind aber die Lehrer dann im Stadtteilzentrum, so dass verschiedene Arbeitsgruppen, die in der Schule stattfinden sollen, finden hier statt und die werden von Sozialarbeitern gemeinsam konzipiert, äh Sozialarbeitern und Lehrern gemeinsam konzipiert und durchgeführt. Und so erreichen wir natürlich eine Anzahl, eine große Anzahl an Jugendlichen automatisch." (Stadtteilzentrum)
  • Austausch zwischen den ExpertInnen, um spezifisches Wissen zugänglich zu machen: "Und da gibt es also Handlungsbedarf, als Psychologe, wohl wissend dass bei den Flüchtlingen nicht wenige traumatische Erfahrungen hatten. Nicht alle, aber nicht wenige. Und dass sie keine adäquate Hilfe bekommen in den freien Praxen. Auch nicht in den Kliniken. Einmal weil traumatische Gewalt, das ist hm, traumatische Gewalt na ja, da kenne ich mich nicht aus. Und zum zweiten her, das sind Ausländer, die sprechen nicht gut Deutsch, die haben einen migr... einen kulturellen Hintergrund, die sind mir fremd, …darf ich eine kurdische Frau eigentlich berühren, darf ich ihr die Hand geben?, die trägt ja Kopftuch. [...] Und da wünschen wir uns dass eine gewisse Offenheit entsteht, patientenbezogen, und da setzen wir ja auch, setz ich konkret an, Fortbildung so häufig wie möglich für alle ... Kollegen, die uns umgeben!" (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Bewusstsein bei politischen Entscheidungsträgern schaffen: "Momentan schaut es so aus, dass der Europarat anscheinend gesehen hat, dass es nicht unbedingt gescheit ist, wenn sich diese ganzen Prüfungen und Sprachkurse für Migranten an gemeinsamen europäischen Referenzrahmen orientieren, der nicht für Migranten gemacht ist. Das heißt, im Europarat ist anscheinend jetzt das Bewusstsein seit kurzem da, dass wir für Migranten andere Rahmenbedingungen entwickeln müssen und einen anderen Zugang!" (Alphabetisierungskurse)
Unsere Eingebundenheit zu sehen und damit zu arbeiten, ist auch ein zentraler Gedanke der systemischen Weltsicht. Eine einzig auf das Individuum zentrierte Theorie übersieht leicht die Möglichkeiten sowie die Beschränkungen, die sich aus unserer Wechselwirkung mit unserer Umwelt ergeben. Eine systemische Sichtweise legt nahe, sich im Netz der sozialen Beziehungen nach wichtigen Ressourcen umzuschauen. Die Umwelt kann außerdem entscheidend mitgestaltet werden.

Die ExpertInnen versuchen in ihrer Arbeit in erster Linie die Integration innerhalb kleiner Einheiten zu unterstützen. Es ist anzunehmen, dass eine gelungene Integration im Kleinen eine positive Auswirkung auf jeweils größere Systeme hat (z.B.: Lösung familiärer Konflikte auf den Umgang mit der Nachbarschaft). Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt (z.B.: Wenn eine Familie ihren Platz im Haus gefunden hat, wirkt sich das auch auf die Familiensituation aus). Gelingt es mehr Sicherheit zu erlangen, kann mit einer größeren Offenheit gerechnet werden und diese scheint wesentlich, um die Herausforderungen des Integrationsprozesses gut bewältigen zu können (siehe auch oben: minimale Kooperationsbereitschaft ist nötig).

Zitate:

  • Integration zunächst im jeweiligen Lebenskontext der Betroffenen fördern: "[…]Auch mal den Unterricht so zu differenzieren [...]dass man einen Kurs für Restaurantarbeiter zum Beispiel, für Küchenhilfen und so weiter macht und nicht einen Einheitskurs für alle. Oder einen Kurs für Mütter von Schulkindern. Solche Sachen! Also das was eh jetzt von der Stadt Wien auch recht gut gesehen wird, verschiedene Kursmodelle auch gefördert werden." (Alphabetisierungskurse)
  • Den Stadtteil in den Fokus nehmen: "[...] Hauptziel ist die Qualifizierung der Menschen im Stadtteil zu stärken und durch Qualifizierung auch [...] dieses friedliche Miteinander und Identifikation mit dem Stadtteil und die Identifikation mit der Stadt zu stärken." (Stadtteilarbeit)
  • Integration gelingt in überschaubaren Einheiten: "Und wenn zum Beispiel die Kinder gut versorgt sind, sprich die Eltern unterstützen sie, dass sie hier in die Schule gehen im Exil, also nicht Schule verlassen. Oder der Ehemann oder die Ehefrau sind hoch motiviert Arbeit zu suchen und haben schon Arbeit. Und sie gehen ins Kino hin und wieder, ohne Angst. Oder sie gehen in den deutschen Sportklub und mit den Kindern und die Kinder spielen Fußball. Also alles, was so der Mensch macht, um halbwegs schön hübsch zu leben. Dann,... Das ist so die Messlatte. Eigentlich kleinbürgerlich. Vital kleinbürgerlich."
    "Ich bin dort gut und zufrieden. Es geht mir gut, meinen Kindern. Meine Freunde leben mit mir gut zusammen. Wenn ich teilnehme an dem öffentlichen Leben. Überschaubar bitteschön, überschaubar!"
    (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Der Jugendliche und seine Familie sollen wieder zusammenfinden bzw. der Jugendliche seinen Platz in einer Wohngemeinschaft finden: "Wenn die Arbeit erfolgreich war, ist es auf der einen Seite die Möglichkeit, dass ein Jugendlicher wieder in die Familie geht und es dort relativ problemfrei abläuft und der Jugendliche nicht mehr ins Krisenzentrum zurück kommt.[...] Und das andere ist, dass wir eine adäquate Fremdunterbringung, die genau der Problematik des Jugendlichen entspricht, gefunden haben und das der Jugendliche von dort seinen Weg in die Zukunft einfach gehen kann." (Krisenzentrum)
  • Die Zeit wird unter anderem dazu genutzt, mehr Sicherheit zu gewinnen: "Da geht es nicht darum, sie schnell in den Arbeitsmarkt zu vermitteln, sie in eine Arbeit zu geben, die ihnen Spaß macht, weil sie ja keinen Zugang dazu haben. Da geht es um die Persönlichkeitsbildung. Da geht es auch darum mit ihnen alternative Wege zu finden, vielleicht darauf vorzubereiten, vielleicht ein Jahr, das sie noch länger brauchen, ein bisschen sicherer in Deutsch zu werden und vielleicht doch eventuell eine höhere Schule zu besuchen.!" (Jugendbildungseinrichtung)
Die systemische Sozialarbeit richtet ihren Blick auf Kommunikation, verstanden als jeglichen menschlichen Austausch. Watzlawick meint: "Man kann nicht nicht kommunizieren!" Wir sind laufend in Interaktion. So wie sich Probleme in Wechselwirkung aufrechterhalten, können sie sich auch umgekehrt auflösen, wenn sich ein Element bedeutungsvoll verändert. In diesem Sinne kann Integration durch positive Rückkopplungsprozesse stattfinden, die zu einer Annäherung führen. Unterschiedliche Elemente (Sprache, Geld, Aussehen, Fähigkeiten) können auf unterschiedlichen Ebenen (Individuum, Gruppe, Organisation, Gesellschaft) einen Veränderungsprozess in Gang setzen.

Die Fähigkeit, erfolgreich einen Integrationsprozess anzugehen und abzuschließen müsse so wie auch andere soziale Fertigkeiten erst erlernt werden: Sowohl auf der Seite des Individuums, als auch auf der Seite eines Systems. Integration ist ja erst dann notwendig, wenn die bisher vorhandenen Lösungswege kein für alle befriedigendes Ergebnis mehr bringen oder die Betroffenen auf eine völlig neuartige soziale Situation reagieren , wo man ebenso erst neue Lösungen entwickeln muss. Damit die zwei gegenüberstehenden Parteien zu einander finden können, ist also letztendlich Kreativität gefragt. Kreativität kann man auch nicht anordnen, sondern wiederum bloß möglichst gute Rahmenbedingungen dafür schaffen. Es zeigen sich in den Interviews viele konkrete Ideen, wie die "Integrationsfähigkeit" von Individuen und kleineren Gruppen gesteigert werden kann. Wie das genau bei größeren Systemen bewusst gesteuert werden könnte, bleibt hingegen eher noch unklar, wenngleich auch größeren Systemen eine Art "Lernfähigkeit" attestiert wird.

Zitate:

  • Arbeit an den Sichtweisen des Jugendlichen: "[…]Ja der Jugendliche kriegt das natürlich mit. Der Jugendliche kriegt sein Verhalten natürlich immer wieder von seiner Umwelt gespiegelt und bekommt das auch vorgehalten: "Das was du tust, ist nicht ok!" Aber viele unserer Jugendlichen haben dann nicht diesen Zusagen, dass sie sagen: "Ich muss mich verändern!", oder dass sie sagen: "Da stimmt was nicht!", sondern die projizieren das ganz klar auf ihr Gegenüber und sagen: "Du muss dich verändern! Du machst was falsch! Wenn du dich entsprechend verändern würdest, dann müsst ich mich nicht mehr so benehmen!" Also da ist oft dieses Problembewusstsein einfach nicht vorhanden, dass er sagt: "Ok! Ich kann ja auch was dazu beitragen!" (Krisenzentrum)
  • Integration muss alltäglich passieren: "Gut geht es dem Menschen dann, wenn er am Tag einmal sein Haus verlässt, in der Polis, in der Stadt, und in die Stadt geht, auf den Markt, und über die Belange der Polis spricht. Von mir aus kann er auch über Liebesbeziehungen des Nachbarn sprechen, aber in der Öffentlichkeit, und dann nimmt er Teil an dem Leben der Polis. Und wir haben einen Beitrag, den wir leisten können, dass diese Fremden, in [der Stadt der Interventionsstelle] auch auf dem Marktplatz sich treffen und mit den vielen Menschen hier so kommunizieren, besprechen, was können wir besser machen, was ist schlecht. Dann, haben wir gute Arbeit geleistet." (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Erlernen von sozialen Fertigkeiten durch Projektunterricht: "[…]Was man im Projekt ganz ganz viel lernt, was man im Unterricht weniger lernt, ist natürlich so genannte "soft skills". Also Teamarbeit, Zuverlässigkeit, sagen wir auch das Lernen, wenn man selber einen Termin hat, den man nicht wahr nimmt, andere Leute auch davon betroffen sind in meinem Team." (Jugendbildungseinrichtung)
    " Lernen hilfreiche Unterstützung zu geben, sowie sich diese zu organisieren: "[…]Dann ist das oft so, dass…es ganz gut ist, ihnen zu zeigen, auch wie sie sich Unterstützung holen können. [...] Eine thailändische Frau hat mir mal erzählt: Immer wenn sie ihren Mann (ein Wiener) nach was fragt, dann nimmt er ihr den Text aus der Hand und ließt ihr den ganzen Text vor und das war es dann. Und er glaubt dann, sie muss das jetzt alles können."
    (Alphabetisierungskurse)
  • Lernen sich zu artikulieren: "Eine von meinen Motivationen ist, dass die Menschen sich so artikulieren können, wie sie sind. Also das ist mein Integrationsansatz, dass die Menschen in erster Linie sich artikulieren können, um andere verstehen zu können, [...]" (Stadtteilarbeit)
  • Das "große System" hat auch gelernt: "In den 90er Jahren haben noch viele erzählt, sie haben zehn Jahre schon gesucht nach so einem Kurs und endlich was gefunden. Und jetzt ist es so, dass viele dann schon nach kurzer Zeit, wo sie da sind daherkommen, nach Monaten oder ja, nach Wochen." (Alphabetisierungskurse)
Erfolgreiche Integration kann als eine Art Zustand beschrieben werden, der dann erreicht ist, wenn "Nicht dazu gehören" für niemand der Beteiligten (mehr) ein Thema ist. Hat ein Prozess dazu geführt, dass Menschen als nicht (mehr) dazugehörig beschrieben werden oder sich selbst so fühlen und gleichzeitig zumindest eine Partei darunter leidet, kann man also von Mangelnder Integration sprechen. Wo diese Entwicklung relativ einfach wieder aufgelöst werden kann, fällt sie auch nicht weiter auf. Erst wo dies den Betroffenen nicht gelingt, tritt soziale Arbeit auf den Plan.

Es macht Sinn davon auszugehen, dass ein Integrationsprozess in der Regel dann besonders viel Zeit und Energie braucht, wenn die Voraussetzungen dafür besonders schlecht sind. Die Erfahrung der ExpertInnen zeigt, dass aufgrund langjähriger Versäumnisse (beispielsweise im Bereich Sprache, Bildung, Lernen sozialer Fertigkeiten, Verschärfung psychischer und/oder sozialer Probleme, Vorurteile, rechtlichen Rahmenbedingungen...) eine gelingende Integration extrem erschwert, wenn nicht sogar teilweise verunmöglicht wird. Soziale Arbeit kann dann manchmal nur mehr die Spitzen eines verunglückten Integrationsprozesses (oder besser: eines Desintegrationsprozesses) nehmen oder überhaupt erst zeitverzögert wirksam werden (indem die zusätzlichen Möglichkeiten von den Betroffenen zunehmend genutzt werden). Wenn der Ruf nach repressiven Methoden unüberhörbar laut wird, könnte dies als ein Indikator dafür gesehen werden, dass ein Desintegrationsprozess eskaliert.

Zitate:

  • Rahmenbedingungen können Integration über Generationen erschweren: "[...] Mit diesen beiden doppelten Hürden im Gesetz, mit dem Status, dass dann die Elterngeneration mit diesen klassischen, in eher schlecht bezahlten Berufen zu Hause war und würde ich jetzt mal sagen mit einer Portion -wie soll ich sagen?- Alltagsrassismus und einer sozialen Situation im österreichischen Bildungssystem ist es halt so, dass viele Jugendliche der 2ten und 3ten Generation noch immer diesen Status haben, den sie haben!" (Jugendbildungseinrichtung)
  • Verfestigte Positionen lassen sich nur in mühevoller Arbeit wieder lösen: "[…]Die Positionen (Anmerkung: vom Jugendlichen und seiner Familie), das sind die zwei großen Mauern die aufgebaut werden und irgendwo dazwischen in dem Feld bewegen wir uns. Und wir müssen halt schauen, dass wir Ziegelstein für Ziegelstein diese Mauern irgendwo abtragen. Und eben das runter kommen von den Positionen ist ein ganz, ein klarer Auftrag, aber der kann nur dann geschafft werden, wenn alle Professionalisten, die daran arbeiten eben da helfend eingreifen." (Krisenzentrum)
  • Rechtzeitige Investitionen in die Sozialarbeit zahlen sich aus: "[...]Wir wissen ja, dass man in der Sozialarbeit Erfolge sehr schlecht definieren kann. Was ist Erfolg? Deswegen kann man da sehr schlecht sagen, klar hätte ich gerne, dass manche Projekte die hier laufen, dass es Regelbetrieb wird, dass dafür Leute beschäftigt werden können und dass wir nicht jedes Jahr um bestimmte Prozentzahl von unserem Budget sparen müssen, sondern dass wir so den finanziellen Rückhalt haben, Flexibilität haben, dass wir zwei Jahre vorausplanen können, was man mit den Jugendlichen, mit den Kindern, Erwachsenen machen möchte. Und ich denke die Wertschätzung der Sozialarbeit aus der Sicht der Politik muss auf jeden Fall anders werden. Dass wir Sozialarbeiter nicht Bettler der Gesellschaft sind, sondern dass wir auch - so sag ich mal - dass es auch anerkannt wird, dass wir zum Frieden in der Gesellschaft sehr viel beitragen. So wie die Polizei uns auch immer wieder bescheinigt, wenn es [das Stadtteilzentrum] im Stadtteil nicht gäbe, dann gäbe es das Zehnfache an Jugendkriminalität im Stadtteil. Also dementsprechend sollte das auch honoriert werden." (Stadtteilzentrum)
  • Vor allem Frauen ist in vielen Länder der Zugang zur Bildung verwehrt : "[…] Es ist in allen Ländern ungefähr gleich: Es sind überall so drei Viertel bis vier Fünftel der Analphabeten Frauen. Also bei den Männern ist die Quote sehr viel geringer als bei den Frauen. Sie müssen dann…Entweder sie kommen dann beim Militär noch zum Zug, dass sie da das Alphabet lernen, wie in der Türkei. Spätestens dort müssen sie dann irgend so ein Alphabetisierungsdings mitmachen, wenn sie vorher nicht in der Schule waren." (Alphabetisierungskurse)
  • Traumatische Erfahrungen können eine Integration erschweren: "[…]Das ist ja das typische bei Migranten, in ersten zehn Jahren kämpfen sie um zu überleben, und dann später beginnen sie, wenn sie es geschafft haben, schrittweise zu helfen, den Brüdern und Schwestern. Das ist ein langer Weg, der dauert so 15 Jahre, ersten zehn Jahre ist man nicht solidarisch, man kratzt sich gegenseitig die Augen aus, das ist bekannt." (Psychologische Interventionsstelle für traumatisierte Flüchtlinge)
  • Die Wechselseitigkeit der Integration wird oft aus den Augen verloren: "[…]Das muss immer von anderen kommen. Ausländer müssen sich integrieren! Nein! Die Gesellschaft muss sich integrieren! Die Gesellschaft allgemein muss sich integrieren! Integration wenn man so versteht ist nie eine Einbahnstraße." (Stadtteilzentrum)

Im folgenden Teil möchten wir ein paar Fragen aufwerfen und Ideen zur Diskussion stellen, die sich für uns aus der Analyse der Interviews ergaben:
Wie oben erwähnt, stehen bei den verschiedenen Institutionen je nach Auftrag unterschiedliche Bereiche im Vordergrund, die als zentrale Voraussetzung für eine gelungene Integration gesehen werden. Sei es beispielsweise Spracherwerb, (Aus )Bildung, Verarbeitung erlebter Traumata, Lösung familiärer Probleme oder Partizipation.

Dabei verfolgen die ExpertInnen in ihrer alltäglichen Arbeit Zielsetzungen, die sie im Bezug auf Integration sehr unterschiedlich weit definieren. Manche Institutionen beschränken sich auf einen einzigen Bereich, andere wiederum auf sehr viele Bereiche des Menschseins. Das sehen wir im engen Zusammenhang mit dem Auftrag und damit zusammenhängend auch mit der Notwendigkeit der Sicherung einer Finanzierung der jeweiligen Institution. Klar definierte Zielsetzungen können leichter evaluiert werden und Erfolg leichter dem eigenen Zutun zugeschrieben werden. Gleichzeitig liegt unserer Ansicht nach darin die Gefahr, dass aufgrund der Spezialisierung und der damit einhergehenden täglichen Auseinandersetzung mit nur mehr ganz bestimmten, sehr eingeschränkten Themen, diese sehr leicht überbewertet werden. Im schlimmsten Fall kann diese Einseitigkeit dazu führen, dass Institutionen was die Integration betrifft gegeneinander arbeiten.

Je spezialisierter eine Einrichtung ist, desto größer scheint uns außerdem die Gefahr, dass man sich ohnmächtig gegenüber Dingen sieht, die nicht im eigenen Aufgabengebiet liegen, aber eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der eigenen Arbeit wären. An diesen Punkten unlösbare Aufgaben gezielt an dafür Verantwortliche weiterzugeben, die Verbindung zu wichtigen Mitbeteiligten herzustellen und die Sache ganzheitlicher anzugehen seien hier als mögliche Auswege der ExpertInnen erwähnt. Die Sozialarbeit könnte hierbei diese Vermittlungsfunktion übernehmen und als übergeordnete Koordinationsinstanz fungieren.

Soziale Arbeit muss in ihrer Praxis Komplexität aushalten und im Sinne passender Lösungen sehr oft auch erhöhen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass ein System (wie eine Organisation, ein Staat, eine Gesellschaft,...) danach trachten muss, Komplexität in gewissen Rahmen zu halten und immer wieder auch zu reduzieren, um zu funktionieren. Hier kann es leicht zu einem unversöhnlichen Gegenüber zwischen den Extrempositionen kommen (vereinfacht also zum Gegensatz zwischen den Ansichten "Komplexität ist auf jeden Fall förderungswürdig!" und "Komplexität muss auf jeden Fall so weit wie möglich reduziert werden!")

Wir wollen ausdrücklich auch auf folgendes Paradoxon hinweisen: Für eine Rechtfertigung der sozialen Arbeit ist es nötig, die Bedeutung der eigenen Arbeit für die Gesellschaft bzw. für den Geldgeber möglichst wichtig darzustellen. Damit ein als notwendig erachtetes Angebot finanziert wird, wird zunächst einmal (und dann auch weiter fortlaufend um das Bestehen der Einrichtung zu sichern) eine Gruppe per Definition von der Gesellschaft abgegrenzt und damit als nicht integriert beschrieben bzw. vorherrschende ausschließende Definitionen übernommen. Man schafft oder bestätigt zumindest also die Abgrenzung, während man gleichzeitig versucht diese durch die tägliche Praxis zu überwinden. Das heißt, dass laufend viel Energie in die Bearbeitung dieses Widerspruches und in die Selbsterhaltung der Organisation fließt, die dann für die direkte Arbeit an der Integration fehlt.

Spannend bleibt für uns auch die in den Interviews erlebte Differenz zwischen dem weit verbreitetem theoretischen Anspruch, dass es wichtig sei, mit beiden an der Integration beteiligten Parteien zu arbeiten und der tatsächlichen Praxis. Es scheint ungleich schwieriger an Veränderungen auf Seiten des als Mehrheit definierten Teil, dem größeren System zu arbeiten. Die Begründungen dafür sind vielfältig. Bedauerlich finden wir, dass derzeit zu wenig gegen die negative Entwicklungsspirale unternommen wird: Weil diese Arbeit schwieriger ist, wird sie seltener gemacht. Dadurch lernen wir in diesem Bereich auch wenig dazu. Sie bleibt somit auch in Zukunft schwierig.

Wie zu Beginn erwähnt, kann soziale Arbeit immer nur die Rahmenbedingungen gestalten unter denen gelingende oder scheiternde Integration stattfindet. Eine unmittelbarere Integrationsarbeit leistet die soziale Arbeit aber dort, wo sie selbst gefordert ist, sich mit Anderen zusammenzufinden. So gilt es genauso als Profession den eigenen Platz in der Gesellschaft zu finden, wie auch als Einzelner in der Institution, in der man tätig ist. Als Institution versucht man an Finanzströmen oder der beruflichen Landschaft teilzuhaben und gleichzeitig an die Lebenswelt der Zielgruppe anzudocken. Es scheint uns zentral, dass diese Integrationsleistung offensichtlich laufend erbracht wird. Gleichzeitig wird diese Arbeit aber selten Gegenstand einer theoretischen Betrachtung. Wie also integrieren wir uns bzw. werden wir integriert?


Soziale Arbeit hat immer auch präventiven Charakter, auch wenn dieser oftmals schwer messbar ist. Aus dem hier angeführten Verständnis von Integration lässt sich aber ableiten, dass die Tätigkeit der Professionellen im Sozialbereich nachhaltige Wirkung zeigt und die Wahrscheinlichkeit einer funktionierenden Integration auch über die gegenwärtige Problembearbeitung hinaus erhöht. In diesem Sinne sei beispielsweise auf folgende Leistungen hingewiesen:

  • Die Vernetzungsarbeit, durch die einerseits Ressourcen auch für die Zukunft erschlossen werden können und andererseits bei ähnlich gelagerten Situationen effektiver reagiert werden kann.
  • Die Unterstützung beim Erlernen der "Integrationsfähigkeit" auf Seiten des Systems und auf Seiten des Einzelnen (bzw. einer kleinen Gruppe), die auch weiterhin zur Verfügung steht. Die Erfahrung, dass und eine Vorstellung darüber, wie Integration gelingen kann, erhöht wohl auch die notwendige Bereitschaft sich auf erneut auftretenden Schwierigkeiten konstruktiv einzulassen.
  • Die Initiierung von positiv verstärkenden Rückkopplungsprozessen, die wiederum stimulierende Wirkungen auf die Umwelt haben können.
  • Die Veränderung von Rahmenbedingungen, die im Idealfall ähnliche Desintegrationsprozesse von vornherein verhindern können.

Für Rückmeldungen sind wir dankbar: asys@aon.at
Sollte daraus ein Austausch entstehen, werden wir diesen hier auf unserer Homepage veröffentlichen:
http://www.asys.ac.at

 

 

 

 

 

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