Die "Blöd-Seins-Theorie"
Klemens Fraunbaum

Einleitung

Ein Arbeitstrainingszentrum ist eine berufliche Rehabilitationseinrichtung für Menschen, die aufgrund psychischer oder psychosozialer Probleme oder Erkrankungen aus dem Berufsleben herausgefallen sind bzw. nicht in der Lage waren, darin Fuß zu fassen. Unsere Aufgabe ist es, diesen Menschen in der Kursdauer von 17 Monaten (inkludiert sind ca. drei Monate für Betriebspraktika) in einem Trainingsbereich (z.B. Küche, Büro, Tischlerei, Druckerei,...) - betreut von einem Team, bestehend aus einer Fachkraft und einem Sozialarbeiter - dabei behilflich zu sein, sich möglichst gut auf einen Wiedereinstiegsversuch ins Berufsleben vorzubereiten. Das umfaßt neben einer individuellen Betreuung am eigentlichen Arbeitstrainingsplatz auch Gruppen- und Einzelgespräche, mit dem Ziel, den KlientInnen nach besten Möglichkeiten dabei behilflich zu sein, ihre Probleme - vor allem die, welche zum Scheitern ihrer beruflichen "Karriere" geführt haben - bewußt zu machen, Lösungsmöglichkeiten und Wege zu suchen und zu finden, ihr (Berufs-)leben besser in den Griff zu bekommen.

Ich habe versucht, einige Passagen aus der Betreuungsarbeit mit einem speziellen Klienten - Herrn K. - zu beschreiben. Die Aufzeichnungen - den Verlauf der Gespräche, Nachbesprechungen und Gedanken betreffend - sind verständlicherweise unvollständig. Eine vorangehende Beschreibung des ausgewählten Klienten und seines Werdeganges halte ich nicht für notwendig, ein Kennenlernen ergibt sich zwangsweise beim Lesen. Der gelegentliche Wechsel von der "ich"- in die "wir"-Form (und umgekehrt) erklärt sich daraus, daß Klientengespräche meistens, aber nicht immer, von beiden Betreuern gemeinsam geführt werden. Ich habe mich auch bemüht, mir wichtig erscheinende Abschnitte ausführlicher, andere wiederum in Kurzfassung so zu beschreiben, daß man meinen Gedanken- und Schreibsprüngen hoffentlich einigermaßen folgen kann.

Die 1. Sitzung:

Wie immer fragte ich auch dieses Mal Herrn K., bevor wir uns mit dem eigentlich vereinbarten Thema auseinanderzusetzen beginnen wollten, nach seinem gegenwärtigen Befinden, nicht zuletzt, weil mir schon am Morgen desselben Tages (übrigens ein Montag nach einem verlängerten Wochenende) aufgefallen war, daß Herr K. sehr gedämpft wirkte - so als hätte ihm jemand mit einem großen Hammer einen Schlag auf den Kopf gegeben. Ich hatte also meine Frage kaum ausgesprochen, da antwortete Herr K. zuerst mit einem tiefen Seufzer und indem er seinen Kopf senkte und in eine leicht identifizierbare Leidensmine brachte und daraufhin in Worten: es gehe ihm sehr schlecht und der Grund dafür liege auf der Hand, nämlich weil er am Wochenende eine für ihn bitterliche Niederlage einstecken mußte. Er schien sichtlich erleichtert, als er das an den Mann/Frau gebracht hatte. Ich fragte sicherheitshalber noch nach, ob er diese Situation und sein damit zusammenhängendes schlechtes Befinden dem eigentlich vereinbarten Thema vorziehen und in dieser Sitzung besprechen wolle, was er sofort bestätigte. Mir war in diesem Augenblick schon klar, daß dieser Wechsel des ursprünglichen Themas gewiß mehrere Funktionen für Herrn K. hatte.

Mir schossen viele Gedanken durch den Kopf. Neben der Einsicht, daß Probleme, akute Schwierigkeiten und eben das, was dem Klienten aktuell am wichtigsten erscheint, mit Vorrang zu behandeln sei, fragte ich mich schon auch, welchen Zusammenhang oder Gegensatz es zwischen dem vereinbarten und dem akuten Thema geben konnte oder anders formuliert: was bewegte Herrn K. dazu, das eigentlich vereinbarte Thema, das sich mit seinen Nahzielen im Arbeitstraining für die nächsten Wochen auseinandersetzen sollte, gegen ein Thema, bei dem er in bemitleidenswerter Opferrolle Rat und Hilfe braucht zu tauschen? Ein kurzer gedanklichen Ausflug ins Reich der Sichtweisen und "Brillen" - speziell der "Vorteil - Nachteil" - Brille lieferte mir z.B. folgende Stichworte: mit dem Thema "Ziel" ist eine aktive Auseinandersetzung unerläßlich, d.h. Nachdenken, Bemühung, Offenheit und auch die vereinbarte Vorbereitung auf das Gespräch stellen schon einen ernstlichen Aufwand an Zeit und Energie dar. Eine bemitleidenswerte Situation hingegen verlangt üblicherweise zuerst einmal Verständnis, Zuhören und Hilfsangebote des Sozialarbeiters. Ein Thema, in dem es um Ziele geht, kann den oft mühsamen, steinigen Weg zur Erreichung derselben nicht außer Acht lassen, es entsteht daraus auch ein Auftrag zur Aktivität, zur Tat, zum Bewältigen von Hindernissen, zu Verzicht u.v.m. Eine bedauernswerte Situation andererseits bringt oft eine gewisse Schonung, Rücksicht, Abnehmen von Aufgaben und Verantwortung etc. mit sich. Die Aktivität - um es nicht Zugzwang zu nennen - ist im Fall einer Zielorientierung klar beim Klienten verlangt, in einer "Not" - Situation wird Aktivität normalerweise zuerst vom Sozialarbeiter, Berater etc. erwartet. Diese und andere Stichworte wurden durch den Themenwechsel in mir geweckt und beeinflußten unweigerlich mein weiteres Verhalten in dieser Situation. Das Bewußtsein darüber, daß es nur Phantasien, ja möglicherweise Vorurteile waren, steigerte jedenfalls die Möglichkeit, dem Klienten objektiver und offener gegenüberzustehen. Und so bat ich ihn, zu erzählen, was den vorgefallen sei, was er auch tat:

Er hätte am vergangenen Wochenende eine so bitterliche Niederlage einstecken müssen, die nun dazu geführt hat, daß er - nach eigenen Worten - "schwer depressiv" sei, weil er "zu blöd zu allem" und ein furchtbarer "Dodel" wäre. Alle Menschen um ihn würden diese Unfähigkeit bemerken und ihn auch wie einen "Dodel" behandeln. Eine Konsequenz auf diese furchtbare Situation sei auch, daß er sich mit Selbstmordgedanken trage.

Ich war beeindruckt, daß er gleich am Anfang seiner Schilderung mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, auch mit so scharfen Geschützen wie Selbstmorddrohungen, auffuhr. Einerseits signalisierte es mir den Ernst der Lage, andererseits konnte es (zusätzlich noch) eine plausible Rechtfertigung für den vorgenommenen Themenwechsel sein und meine Phantasien und Gedanken - wie ich sie oben erwähnt habe - ihrer Berechtigung berauben. Auffallend jedoch war für mich die bereits schon mehrmals in vorherigen Gesprächen erfolgte Erwähnung bzw. Betonung seiner Unfähigkeit, seines "zu - blöd - zu - allem - Seins". Zu diesem Zeitpunkt hielt ich ein Ansprechen dieser Auffälligkeit allerdings für unpassend und verfrüht, auch die Selbstmordgefahr wollte ich vorerst nicht durch übertriebene Reaktion darauf überbewerten oder aufputschen, nicht zuletzt, um ihn nicht unbewußt dadurch zum Beweis der Ernsthaftigkeit seiner Selbstmord - Drohung durch Ausführung desselben zu provozieren, aus Angst sonst sein Gesicht zu verlieren. Auch wußte ich ja noch überhaupt nicht, was es mit dem bisher Gesagten auf sich hätte, zumal er ja noch kein Wort darüber verloren hatte, was eigentlich passiert sei und was seine Situation so brenzlig gemacht hatte. Diese Angelegenheit sollte vorerst mit Vorrang behandelt werden. In diesem Sinne bat ich ihn darum, seine Erlebnisse, die zu seiner "Krise" geführt hatten, zu schildern. So erzählte er:

Am vergangenen Wochenende sei er in Wien gewesen, habe dort einen Freund besucht. Diesen Freund kenne er - ein eingefleischter Ostbahn - Kurti - Fan - wie könnte es anders sein, eben von Ostbahn - Kurti - Konzerten. Sie träfen sich auch in erster Linie bei Ostbahn - Kurti - Konzerten und/oder gingen gemeinsam "saufen". Oft ließen sich auch diese beiden Hobbys miteinander verbinden. Ohne daß ich ihn danach gefragt hätte, charakterisierte er seinen Freund als gleichgültigen Typen, Säufer, eh kein "richtiger" Freund, der mit Geld nicht umgehen kann und deshalb trotz seines hohen Gehalts sehr hohe Schulden hat. Wie sie es schon öfter gemeinsam praktiziert hatten, fuhr er - Herr K. - also auch dieses Mal zum verlängerten Wochenende nach Wien, um mit seinem Freund einer oder beiden besagten Lieblingstätigkeiten zu frönen. Im Zuge dessen besuchten sie auch gemeinsam eines der Stammbeisln des Freundes. Just an diesem Tage feierte die Wirtin selbst ihren Geburtstag, und zwar zusammen mit ihren Stammgästen. Zur Feier des Tages gab es für die Gäste ein Abendessen. Beim Austeilen der Gedecke bestätigte sich Herrn K.ís schon länger gehegtes Gefühl, in diesem Beisl absolut nicht willkommen zu sein, denn für alle Gäste wurde zum Essen aufgedeckt, nur für ihn nicht. Als er seinen Freund daraufhin ansprach, organisierte dieser, daß ihm auch noch ein Gedeck gebracht wurde. Herr K. war verständlicherweise in seiner Ehre tief gekränkt, seinen Freund dürfte dieser Zwischenfall weniger berührt haben. So wurde anschließend das Festessen verzehrt und munter weiter getrunken. Nach geraumer Zeit dachte sich Herr K., es wäre günstig einmal eine Zwischenabrechnung für die Zeche zu machen, um nicht den Überblick zu verlieren. Er bestellte den Kellner und teilte ihm seine Absicht mit. Beim Vorlegen der Rechnung jedoch erschrak Herr K. nicht schlecht, denn für zwei Halbe Bier (nach seiner Erinnerung in der Speisekarte mit je ca. 30,-- Schilling veranschlagt), ein Baguette (28,-- Schilling) und vier Schnaps (30,-- Schilling pro Stamperl) zahlte er nicht weniger als 550,-- Schilling (gemäß den angeführten Preisen wäre der verrechnete Betrag mehr als das Doppelte der richtigen Summe!). In der Ahnung, daß da irgend etwas nicht mit richtigen Dingen zugehen konnte, meldete er beim Kellner seine Zweifel über die Richtigkeit dieser Abrechnung an. Der Kellner habe ihn daraufhin "verarscht", vor den anderen Gästen blamiert und gesagt, daß das so schon in Ordnung sei und er für diese Summe auch konsumiert hätte und, daß er - falls ihm irgend etwas nicht passen sollte - ja ruhig gehen könne. Sein Freund hätte zu dieser ganzen Szene nur geschwiegen und sich weiter betrunken, erzählt Herr K. Aus einem gewissen "Trotz" heraus jedoch habe er es nicht vorgezogen, dieses Lokal zu verlassen, sondern blieb weiterhin mit seinem Freund in der Gaststube sitzen. Nach einem weiteren Zusammenstoß mit dem Kellner und schließlich mit dem Chef des Hauses wurde er aus dem Lokal verwiesen und mit Lokalverbot belegt. Vor dem Wirtshaus stehend versuchte er noch über andere Gäste, seinen Freund, der nach wie vor im Wirtshaus saß, dazu zu bewegen, doch mit ihm woanders hin zu gehen, wenn er sich schon nicht mehr für ihn beim Wirt einsetzte. Den Freund habe das anscheinend kalt gelassen, er ließ ihm nur ausrichten, daß er mit ihm - Herrn K. - nichts mehr zu tun haben wollte. Nun stand er da - mitten in der Nacht alleine auf der Straße in der großen Stadt, in der er sich nicht auskannte, und vor allem konnte er ohne seinen Freund natürlich nicht, wie bisher üblich, in dessen Wohnung übernachten, weil er keinen Schlüssel dazu hatte. Er beschloß trotzdem, zur Wohnung des Freundes zu gehen, einerseits, weil das der einzige Weg war, den er kannte, andererseits, weil er insgeheim hoffte, sein Freund würde es sich doch noch anders überlegen, nachkommen und ihn nicht allein lassen. Doch er hatte sich getäuscht, der Freund kam bis zum Morgen nicht. So blieb ihm nichts anderes übrig, als nach einer durchwachten Nacht im Freien mit dem ersten Zug wieder zu sich nach Hause zu fahren, was er dann auch tat. Ende der Geschichte.

Überlegungen

Viele Dinge waren mir während seiner Schilderung durch den Kopf gegangen. Ich wollte ihn jedoch absichtlich nicht unterbrechen oder seinen Redefluß bremsen, erstens weil es ihm sichtlich gut tat, diese "blöde" Geschichte loszuwerden und mit ihr auch etwas von der Wut über seinen Freund oder vielmehr noch über sich selbst; und zweitens weil er alles so erzählen sollte, wie er es erlebt hatte, und nicht durch meine Zwischenfragen oder -bemerkungen irritiert etwas weglassen oder umändern sollte.

Das zwiespältige Verhältnis zu seinem Freund war mir von Anfang an beim Zuhören rätselhaft: einerseits einen Menschen als seinen Freund zu bezeichnen, den er eigentlich kaum kannte, den er meistens nur im betrunkenen Zustand traf und den er selbst nur negativ beschrieb, unter anderen auch mehrmals mit der Bezeichnung "Vollkoffer" betitelt, andrerseits trotzdem mit einem solchen Menschen zu tun haben zu wollen, ja sogar nach all den beschriebenen Aktionen, wo ihn dieser mehrmals kläglich im Stich gelassen und ihm sogar mitgeteilt hat, daß er nichts mehr von ihm wissen wolle. Zu allererst fiel mir ein, daß ich einen derartigen Menschen niemals zu meinen Freunden zählen und ihn auch keinesfalls mit dem Wort "Freund" bezeichnen würde. Doch ich hatte auch das Gefühl, daß es ihm wichtig war, zumindest irgend jemand als seinen Freund zu bezeichnen, um nicht gänzlich als Einzelgänger (mit negativem Beigeschmack) dazustehen, um zu sagen "ich habe Freunde" und "ich bin nicht der komische Einzelgänger, für den mich - so glaube ich zumindest - viele halten". Diese Problematik, nämlich zu glauben, ein Außenseiter, ein Einzelgänger und komisch zu sein, oder vielleicht vielmehr die Angst davor, hatte er schon mehrmals erwähnt. Er schaffte es auch bei mir wieder, daß ich mir spätestens bei der Passage, wo er im Stammbeisl seines Freundes offensichtlich beim Bezahlen betrogen wird oder ein sonstiger Irrtum vorliegt, sein Freund jedoch, der den "Hausbrauch" und vor allem die Kellner und Chefleute kennt, ihm mit keinem einzigen Wort zu Hilfe eilt, dachte: "so etwas lasse ich mir von einem Menschen, der sich mein Freund nennt, sicher nicht gefallen. So blöd kann man doch nicht sein, daß man erstens mit diesem Menschen überhaupt noch etwas zu tun haben will und zweitens sogar noch mit ihm zusammen in dem dubiosen Wirtshaus sitzenbleibt." Herr K. vermittelte mir genau das Gleiche wie wahrscheinlich schon vielen Menschen, die vor mir mit ihm zu tun hatten. Die logische Reaktion dieser Menschen war vermutlich zu sagen "du spinnst, du mußt doch deppert sein, wenn du dir so etwas gefallen läßt,...." und somit hat sich sicher schon oft folgender Kreislauf geschlossen: er hat zu wenig Selbstvertrauen, zweifelt an sich selbst, ist unsicher und wird angeblich von den Menschen um ihn aufgrund seines Verhaltens für "blöd" angeschaut. Während er einerseits darüber klagt, daß man ihn für "blöd" anschaut und ihn auch so behandelt, bestätigt er entweder in Worten und/oder in Taten genau das bzw. vermittelt den Eindruck, eben "blöd" zu sein und sagt es auch dezidiert, um sich später wieder darüber unter dem Motto "die Welt ist so grausam zu mir" zu beschweren und selbst zu bemitleiden usw.

Auch rein rechnerische Gedanken hatte ich: es könnte zum Beispiel so gewesen sein, daß der Wirt, nachdem Herr K. ja kein Stammgast war, den er vielleicht hätte einladen wollen, zum Geburtstag der Chefin mit ihnen zu essen, sich dieses Essen eben hätte bezahlen lassen wollen. Er könnte sich einerseits geschämt haben, das Herrn K. mitzuteilen und andererseits gehofft haben, daß Herr K. im bereits etwas alkoholisierten Zustand ohnehin nicht mehr so genau nachrechnen und damit merken würde, daß er gar nicht so viel Bier und Schnaps, wie sie auf der Rechnung standen, getrunken hatte. Es könnte auch sein, daß ein Teil der Zeche von seinem sogenannten Freund, der ja offensichtlich schon ausgiebig betrunken war, stammte.... . Andererseits waren die zwei- oder dreihundert Schilling mehr oder weniger ja nur das sichtbare Problem, gewiß nicht das eigentliche, das bei Herrn K. sogar Selbstmordgedanken aufkommen ließ. So beschloß ich, vorerst eine mathematische Lösung des Problems nicht ins Auge zu fassen.

Soviel ich auch über diese eher dubiose Geschichte des Herrn K. nachdachte, sie blieb immer voller Ungereimtheiten. Vielmehr schien mir die vorrangige Funktion der Erzählung zu sein, (einmal mehr) Herrn K.ís "Blöd-Seins-Theorie", die damit verbundene Hilflosigkeit und Aussichtslosigkeit und auch der Wunsch nach Akzeptanz dieser Strategie mit größter Deutlichkeit und Nachdruck (Selbstmordgedanken) an den Mann/Frau zu bringen. So versuchte ich, in erster Linie diese Theorie meinen weiteren Überlegungen und eventuellen Interventionen zugrunde zu legen und nicht die Geschichte, in die sie verpackt war. Wie bereits oben erwähnt wollte ich, wenn möglich, nicht in dieselbe Kerbe schlagen wie wahrscheinlich die meisten Menschen, die bisher mit Herrn K. und seiner Theorie konfrontiert waren und es offensichtlich damit nicht geschafft hatten, diesem derzeit noch stabilen, aber vielleicht schon auf dem Weg zur Eskalation befindlichen System einen Impuls zu geben, der eine positive Veränderung und damit vielleicht eine Unterbrechung des beschrieben Kreislaufs zur Folge gehabt hätte.

Nachdem so viele Dinge für mich noch nicht klar oder zumindest nur Vermutungen und Interpretationen meinerseits waren, wollte ich zuallererst, nachdem Herr K. mit seiner Erzählung geendet hatte, zu den Punkten, die mir für meine weiteren Schritte wichtig erschienen, genauer nachfragen. Ich fragte deshalb Herrn K., ob er einverstanden wäre, wenn ich ihm die ganze Geschichte in Kurzfassung noch einmal erzählte, um sicher zu gehen, daß ich zumindest die wichtigsten Punkte richtig verstanden hätte. Mit dieser Vorgehensweise wollte ich erstens Mißverständnisse ausräumen, zweitens die Geschichte auf die wesentlichen Punkte reduzieren und drittens vorsichtig Gedanken oder Interpretationen mit einflechten, um zu sehen, wie Herr K. darauf reagiert, ob er sie bestätigt oder ablehnt. Ich hatte mir auch vorgenommen, besonders auf die nonverbale Kommunikation achtzugeben. Herr K. war einverstanden. Ich bat ihn zuvor noch, mich nicht zu unterbrechen, um zu verhindern, daß er sich bei den heiklen Punkten immer zu rechtfertigen oder Dinge gleich zu beschwichtigen versucht etc.

So faßte ich seine Erzählung kurz zusammen: es gäbe da einen Freund, den er von Konzerten und Saufereien kennt. Dieser Freund hätte sich schon oft nicht gerade als würdiger Freund erwiesen, trotzdem trage ihm Herr K. sein Versagen nicht lange nach und versuche es immer wieder mit ihm, läßt ihn nicht fallen und steht nach vielen Enttäuschungen noch immer zu ihm, hat eben Verständnis für Menschen, die viele Schwierigkeiten haben. So versuchte ich ihm das Gefühl zu vermitteln, daß ich seine menschlichen Qualitäten sehr wohl schätzte. Ich merkte schon, als ich Herrn K. anschaute, daß er etwas verlegen wurde, sich aber auch geschmeichelt fühlte und eigentlich etwas sagen wollte, vielleicht, daß man eben mit den Menschen, die sich aus irgendwelchen Gründen eben schwer tun (also auch mit ihm selbst!) Geduld und Nachsehen haben müßte, denn sie könnten ja nichts dafür. Ich ließ ihn aber nicht zu Wort kommen und erzählte weiter, daß er sich eben mit diesem Freund getroffen hätte und zusammen mit ihm in ein Gasthaus gegangen wäre. Dort hätte die Chefin Geburtstag gehabt und deshalb alle Gäste zum Essen eingeladen. Er selbst sei jedoch nicht willkommen gewesen, das habe man ihn von Anfang an spüren lassen, und deshalb wollte man ihm erst nach Intervention seines Freundes auch etwas zu essen geben. So war er schon wieder - wie immer - der "Blöde". Diese Erfahrung - als der "Blöde" erkannt und behandelt zu werden - kenne er aus seinem ganzen Leben nur schon zu gut. Als er bezahlen wollte, hat man ihn betrogen, weil man gemerkt hat, daß man das mit ihm schon machen könnte, ja daß er es vielleicht nicht einmal merken würde. Auch sein Freund kann es sich leisten, mit ihm umzuspringen, wie es ihm gerade paßt; und er - Herr K. - läßt es sich gefallen, weil er eben so "blöd" ist. Ja, er kann ja gar nicht anders! Nur er leidet eben furchtbar darunter. Das Hauptproblem seien also nicht ein paar hundert Schilling, die er zu viel bezahlt hätte oder ähnliches, sondern der für ihn unerträgliche Zustand, immer als "Trottel" behandelt zu werden. Herr K. bestätigte meine Sicht der Situation vollkommen. Ja, er verstärkte sie sogar noch, indem er erwähnte, daß die Menschen einfach derart grausam sind und Leute, die es aufgrund ihrer schlechten Voraussetzungen ohnehin schon schwer genug hätten - so wie er - ausnützen und wie einen Trottel behandeln. Darunter leide er am meisten, sei jedoch nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen.

Ich hatte das Gefühl, daß der Haß auf die Menschen, die ihn wie einen "Dodel" behandeln, auch der Grund für einen Suizid oder zumindest dessen Androhung sein könnte. Auf diese Weise könnte man diesen Menschen "eins auswischen", ein schlechtes Gewissen machen, sich für die unmenschliche Behandlung durch sie rächen. Eigentlich hielt ich den Zeitpunkt nun für gegeben, um die Selbstmordgedanken abzuklären zu versuchen und sie nicht gänzlich unter den Tisch fallen zu lassen, obwohl ich rein gefühlsmäßig nicht wirklich Angst davor hatte und nicht ernstlich glaubte, er würde sich umbringen wollen. Doch kam ich mit drei unterschiedlichen Überlegungen nicht klar:

Erste Version: angenommen er wäre tatsächlich "zu blöd zu allem" (wie er es selber mehrmals formulierte) und er würde wirklich von den Menschen um ihn wie ein "Dodel" behandelt, dann wäre die Reaktion seiner Umwelt logisch, ihr Benehmen adäquat und dafür würde er sie mit seinem Suizid sanktionieren. Es wäre eine positive Rückkoppelung: er benimmt sich blöd (warum auch immer) - man behandelt ihn wie einen "Blöden", steigert dadurch seine Überzeugung, blöd zu sein. Je überzeugter er ist, blöd zu sein, um so blöder wird er sich benehmen - die Umwelt reagiert adäquat auf das gesteigerte blöde Benehmen und verstärkt so seine Überzeugung immer mehr und mehr... . Er sieht im Selbstmord eine Ausstiegsmöglichkeit aus diesem eskalierenden System, macht seinem Leiden - so glaubt er - ein Ende und bestraft die, die ihm seine Situation durch ihre Reaktion immer wieder vor Augen geführt haben mit schlechtem Gewissen, Schuldgefühlen, Vorwürfen,... Er hätte also zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt.

Die zweite Version wäre: seine scheinbare Überzeugung, zu blöd zu allem zu sein, ist eine Konsequenz und eine Rechtfertigung für (s)eine paranoide Idee, von allen wie ein Trottel behandelt zu werden.

Die dritte Version: er ist weder blöd oder unfähig, noch wird er ungleich öfter als andere Menschen wie ein "Trottel" behandelt, er hätte jedoch mit seinem Symptom der Unfähigkeit eine wunderbare Ausrede, ein stichhaltiges Alibi für alle Angelegenheiten und Tätigkeiten, die er nicht machen will, sich nicht machen traut, die zu anstrengend, zu riskant, zu mühsam, zu verantwortungsvoll, zu unangenehm usw. sind. Gegen Dummheit oder Unintelligenz - wie er es manchmal nennt - ist eigentlich noch kein Kraut gewachsen, es ist also nicht abzuändern und entbindet seinen "Inhaber" jeglicher Verantwortung für Worte und Taten, die seinen "Intelligenzhorizont" überschreiten; er kann ja nichts dafür!

Alle drei Möglichkeiten waren denkbar, jedoch schien mir die dritte die naheliegendste zu sein, aus vielerlei Gründen: ich hatte noch nie wahrgenommen, daß er "zu allem zu blöd" sei, ich hatte eigentlich überhaupt nicht den Eindruck, daß er "blöd" sei. Er konnte sich sehr wohl ungeschickt oder schwerfällig bei der Arbeit anstellen, was man bei flüchtiger Beobachtung sicherlich als Unfähigkeit interpretieren könnte. Bei uns rief jedoch dieses Verhalten viel eher Assoziationen wie "Unwillen", "Fehlen von Motivation und (Denk-) Bereitschaft" und auch "Provokation" hervor. Und es wäre eher verwunderlich, wenn er bei uns völlig andere Empfindungen, Einschätzung und Reaktion auslöste als bei allen anderen Menschen, mit denen er zu tun hat. Natürlich wäre es auch möglich, daß die Reaktionen seiner Umwelt auf "Unwillen" oder aber auf "Unfähigkeit" kaum oder gar nicht unterscheidbar waren. Auch die dritte Überlegung würde seiner Unintelligenz aufs heftigste widersprechen, denn ein unintelligenter Mensch könnte sich niemals eine so intelligente
(Über-) Lebensstrategie ausdenken. Ich hatte auch nicht den Eindruck, daß er akut selbstmordgefährdet sei, zumal er einerseits eher wütend als verzweifelt wirkte, andererseits war das Erlebnis, das ihn zum Ausklinken bzw. zum Selbstmord als Affekthandlung bewegen hätte können, schon wieder einige Tage her und die damit zusammenhängende Aktualität und Emotionalität schon etwas abgeklungen. Die zweite Version hielt ich unter anderem für nicht so wahrscheinlich, weil noch in keinem Wort von bisherigen Betreuern, in Gutachten oder eigenen Erlebnissen mit Herrn K. paranoide Gedanken erwähnt worden waren oder eine Rolle gespielt hatten.

Ich wollte in dieser Sitzung zumindest noch die Angelegenheit mit der Suizidgefahr abklären, mit der "Blöd-Seins-Theorie" wollte ich mich dann in den folgenden Sitzungen auseinandersetzen. Um abzuklären, ob ich mit meiner Vermutung vom Selbstmord als Rache an den Menschen, die ihn wie einen "Dodel" behandeln, und als Erlösung von seinem Leiden unter diesem Zustand recht hatte oder ob es einen anderen Grund gäbe, fragte ich ihn vorsichtig, was sich denn durch seinen Selbstmord an der bisherigen Situation verändern würde. Als Antwort bekam ich in etwa meine zuvor beschriebenen Vermutungen: er könnte auf diese Weise den vielen Menschen, die ihm täglich das Leben schwer machen, ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle machen, ihnen ihr grausames Verhalten heimzahlen. Ich fragte nach, welchen Wert denn sein Leben für ihn hätte, wenn er es wegschmeißt, um ein paar Menschen, die er sowieso geringachtet, ein schlechtes Gewissen zu machen, und woher er die Sicherheit nähme, auf diese Weise sein Ziel zu erreichen. Er dachte lange nach und teilte mir dann mit, daß ich eigentlich recht hätte: diese Menschen wären es nicht wert, sich ihretwegen umzubringen und außerdem sei er ohnehin zu feig dazu. Ich war froh um diese beruhigende Information. Sie bestätigte auch meinen Eindruck. Nachdem Herr K. immer wieder erwähnt hatte, daß er sich auch selbst als "zu blöd zu allem" sehe, war mir nicht ganz klar, warum er dann die Menschen, die auf diese Gegebenheit adäquat reagieren, so haßte, daß er sogar Selbstmord als Konsequenz erwogen hatte. Es war ja logisch, daß die Umwelt auf jemanden, der so war, wie er sich selbst beschrieb, so reagieren mußte, wie er es von seinen Mitmenschen beschrieb. Konnte er die immer wiederkehrende Bestätigung dieser Tatsache nicht ertragen, oder fühlte er sich doch ungerecht behandelt? So fragte ich ihn zum Schluß der Sitzung noch, mit welchem der beiden Punkte wir uns gemeinsam in den nächsten Gesprächen zuerst auseinandersetzen sollten: mit der Tatsache, daß er einfach blöd und unintelligent wäre oder mit der, daß die Menschen um ihn herum so grausam und gemein reagieren? Ich hatte diese Frage nicht unabsichtlich so provokant gestellt, denn ich wollte dadurch erreichen, daß er sich endlich deklarieren mußte, ob er sich selbst wirklich als "blöd" einschätzt (damit wäre die Reaktion seiner Umwelt eine logische und unverwerfliche), was ich mir jedoch nicht erklären könnte, oder ob er in Wirklichkeit gar nicht so "blöd" sei, jedoch von seiner Umwelt ungerechterweise so wahrgenommen würde und sein Verhalten vielmehr durch fehlendes Selbstvertrauen und Unsicherheit etc. bestimmt war. Er antwortete mit leidgeprüfter Miene, daß er froh wäre, wennís denn nur so wäre, wie zuletzt beschrieben; tatsächlich wäre er davon überzeugt, wirklich so blöd zu sein. Das sei für ihn die Problematik. Diese ohnehin schon schwierige Situation würde daher noch erschwert, daß "Unintelligenz" etwas sei, was man nicht verändern, verbessern oder reparieren könne, wie das bei vielen andersgearteten Problemen gehen würde. Er würde sich liebend gern darum bemühen, an seiner üblen Situation zu verändern, aber Intelligenz könne man eben nicht vermehren, vergrößern oder was auch immer. So sei er zur Passivität und zum Ertragen dieses bedauernswerten Zustandes verurteilt. Ich bemühte mich, ihm zum Abschied noch mein Mitgefühl für sein schweres Los auszudrücken, bestätigte seine Aussagen über die Irreparabilität solcher Defizite und bat ihn auch darum, sich auf keinen Fall dazu hinreißen zu lassen, sich trotz der Aussichtslosigkeit seiner Situation damit zu beschäftigen, ob und wie man nicht doch noch etwas machen könnte. Er solle sich vielmehr darum bemühen, diesen Zustand bis zum nächsten Termin in zwei Wochen auf keinen Fall zu verändern; das sei unbedingt notwendig für die weitere gemeinsame Arbeit an diesem Problem. Noch in der Tür stehend, beteuerte er, daß ihm das äußerst schwer fallen würde, weil er eben so gerne eine positive Veränderung herbeiführen wollte. Schlußendlich versprach er, sich schweren Herzens an diese Auflage zu halten.

In der Nachbesprechung mit meiner Kollegin versuchten wir beide uns noch mal diese "Blöd-Seins-Theorie" zu vergegenwärtigen:

Nach unseren bisherigen Erfahrungen mit Herrn K. stuften wir ihn beide ganz sicher nicht als "blöd" oder unintelligent ein. Er stellte sich schon oft sehr ungeschickt an (was in unserer täglichen Arbeit nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches ist) und erreichte dadurch - was uns eigentlich erst jetzt ein bißchen bewußter wurde - daß wir statt ihm dachten, ihm Verantwortung und Entscheidungen abnahmen etc. Vielmehr jedoch empfanden wir die besagte Erklärung als Grund dafür, daß er - nach eigenen Worten - mit den Anforderungen des täglichen Lebens nicht zurecht kommt, als äußerst intelligent. Wir hatten kaum jemals eine stichhaltigere und lückenlosere Rechtfertigung für eine von der Gesellschaft nicht akzeptierte Lebensform - das heißt z.B. nicht im Berufsleben Fuß gefaßt zu haben, trotz erwachsenen Alters finanziell von öffentlicher Hand bzw. von den Eltern abhängig zu sein u.v.m. - gehört. Wir versuchten, dieser Theorie auf den Grund zu gehen:

Der übliche Weg, Probleme zu lösen, beginnt mit der Einsicht, daß ein Problem erst einmal existiert. Unter Problem verstehen wir meist einen Zustand, eine Handlung, ein Ereignis (Krankheit, Schicksalsschlag, Gesetzesbruch, Auffälligkeit in verschiedensten Formen, Lebens- und Beziehungskrisen, Krieg,...) etc., das betroffene Menschen, Gruppen, Völker etc. daran hindert, in Einklang mit sich selbst, ihrer Ideologie, ihrer Umwelt und der Gesellschaft so weiter zu leben, wie sie es bis dahin getan haben. Es verlangt, entweder sein zukünftiges Leben innerhalb des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems an die neue Situation so anzupassen, daß es diese nicht in Frage stellt oder gar ablehnt, oder sich diesem gültigen System in irgendeiner Form zu entziehen. In letzterem Fall würde man damit jedoch eine Randposition oder gar den Ausschluß aus der Gesellschaft riskieren. Von der Gesellschaft werden deshalb Einrichtungen geschaffen, die Menschen, welche mit dem gültigen Normen- und Wertesystem in Konflikt geraten sind, mit verschiedensten Mitteln z.B. durch Schaffung von vorübergehenden "Ersatzlebenswelten", Beratung, Therapie etc. helfen sollen, mit diesen veränderten Lebensumständen leben zu lernen und sich möglichst wieder zu rehabilitieren und in dieses System zu integrieren. Problemlösung bedeutet demnach, einen gangbaren Weg zu finden, der trotz veränderter Ausgangsposition einen - wenn möglich für den Einzelnen lebenswerten - Verbleib innerhalb des gesellschaftlichen Normen- und Wertesystems bzw. ein zukünftiges ("harmonisches") Zusammenleben von Gesellschaft und Individuum ermöglicht bzw. anstrebt. Oft steht man jedoch spätestens dann vor der schwer zu beantwortenden Frage, wessen Problem das gegenwärtige nun eigentlich sei: das Problem dessen, der die "Auffälligkeit" zeigt, der mit den Normvorstellungen seiner Umwelt (=Gesellschaft) bricht, der sich anders verhält, als man es von ihm erwartet bzw. erhofft, oder das der Gesellschaft, die nicht flexibel genug und in der Lage ist, mit diversen Eigenarten von Menschen zurechtzukommen, deren System dadurch in Frage gestellt, bedroht oder verunsichert ist, bei dem vielleicht gerade an einer ohnehin offensichtlichen Schwachstelle gerüttelt wird? Diese Fragestellung macht vor allem einen großen Unterschied in der Motivation für eine Problemlösung, und immer wieder kommt es zur skurrilen Situation, daß von jemandem erwartet wird, daß er ein Problem löst, das eigentlich ganz jemand anderer hat und das dadurch (zumindest für den Betroffenen) unlösbar wird, denn jeder kann nur sein eigenes Problem lösen! Natürlich ist es leichter, von einem einzelnen Individuum oder einer kleinen Gruppe Veränderung oder Anpassung zu verlangen als von der Gesellschaft allgemein, was auch sehr oft praktiziert wird. Um also einen Weg zur Problemlösung zu suchen, ist es nach der Einsicht, daß ein Problem überhaupt einmal existiert, unerläßlich dieses transparent zu machen, vor allem eben zu klären, wessen Problem es ist und wer daran interessiert ist, es zu lösen (ist ein "Beziehungsproblem" - auch zwischen Gesellschaft und Individuum - nicht immer ein Problem zweier, nicht das eines einzelnen Beziehungspartners?) um danach nach der oder den Ursachen für dieses zu suchen. Wenn einmal abgeklärt ist, "woran es hapert", kann man nach Möglichkeiten suchen, diese Ursache zu beseitigen, die Umstände, Einstellungen, Sichtweisen zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern etc.; also Möglichkeiten zur Lösung des Problems suchen. Wichtig scheint es mir jedoch auch, daran zu denken, daß jede Auffälligkeit, Schwierigkeit, Unfähigkeit, Krankheit etc. für den, der darunter "leidet" eine Funktion erfüllt, eine meist sehr wichtige sogar. Durch die Lösung (=Wegnahme) des Problems entsteht die Notwendigkeit, diese wichtige Funktion durch irgend etwas anderes zu ersetzen. Andernfalls hinterläßt das "weggenommene = gelöste" Problem ein ungefülltes Loch, eine unerfüllte Funktion, d.h. wenn der Klient keine Möglichkeit findet, wodurch die für ihn so wichtige Funktion (z.B. Zuneigung und Mitleid für Leidende, Abnahme von Verantwortung für "Schwache",...) entweder ersetzt oder überflüssig wird, ist ein Rückfall in die alte "Auffälligkeit" oder das Entstehen einer neuen solchen als Ersatz für die verlorene programmiert. Und jetzt kommt der schwierigste Schritt - die Umsetzung der Theorie in die Praxis: mit diesem theoretischen Hintergrund muß eine Handlung, eine Aktivität folgen, anders ist keine Veränderung möglich. Aktivität jedoch ist immer mit Mühe, Zeit- und Energieaufwand, Risiko, Anstrengung etc. verbunden und muß von dem selbst, der das Problem hat, gesetzt werden. Jeder kann seine Probleme nur selbst lösen, er kann sich beraten, unterstützen, aufmuntern und vieles mehr lassen, jedoch den Schritt zur Veränderung kann nur er/sie selbst unternehmen. Dieser Schritt führt unweigerlich zu einem Ergebnis: entweder das Problem ist dadurch vollständig gelöst oder nur zum Teil oder auch gar nicht. Die Situation ist vielleicht zumindest vordergründig sogar verschlechtert. In allen Fällen außer der vollständigen Problemlösung sind weitere Schritte - im Prinzip das gleiche Procedere wie oben beschrieben (Problembewußtsein - Ursachensuche - Lösungsmöglichkeit suchen - Aktion - Evaluation - .....) erforderlich. Dieser Vorgang - wie oben in etwas vereinfachter Form beschrieben - begleitet im Großen und Ganzen alle Menschen (die Menschen, die niemals Probleme haben - falls es sie gibt - sind hier natürlich ausgenommen) ein ganzes Leben lang. Das heißt andererseits auch, daß immer wieder große Anstrengung, Mühen, Risiken etc. zur Lösung immer wieder neuer Probleme einerseits und zum Lösungsversuch der immer gleichen "alten" Probleme - und zwar so weit, wie dies zur Erreichung oder Erhaltung der individuellen Lebensqualität und -zufriedenheit erforderlich ist - von uns verlangt sind, was das Leben nicht unbedingt leichter macht. Einen kleinen Unterschied in der Sichtweise macht lediglich die allgemeine Einschätzung über den Schwiergkeitsgrad, gewisse Dinge zu ändern (z.B. von Drogen loszukommen gilt allgemein als sehr schwierig, ebenso Übergewicht loszuwerden, im Gegensatz etwa zur Lösung des Problems, welches Auto man sich als nächstes kaufen soll,...). In dieser allgemeinen Ansicht gibt es auch akzeptierte unlösbare Dinge - vorausgesetzt man glaubt nicht an die Zauberkunst. Einer dieser unlösbaren "Fälle" ist sicherlich das Problem der "Unintelligenz". Jedermann wird es unwidersprochen lassen, daß sich Intelligenz nicht vermehren läßt - wie denn auch? Übersetzt auf Herrn K. bedeutet das allerdings, daß er in der unglücklichen Lage ist, ein Problem zu haben, jedoch in der glücklichen, daß er die Ursache zu kennen meint und in der noch glücklicheren, daß diese Ursache (=Unintelligenz) nach üblicher Ansicht eine unbehebbare ist! Das heißt, daß er die ersten Schritte des Problemlösungskonzeptes erfolgreich absolviert hat, jetzt jedoch beim Schritt "Lösungsmöglichkeiten suchen" steckenbleibt, denn für ein unlösbares Problem braucht man keine Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Es wäre sogar unklug und auch "unintelligent" zu glauben, daß man für ein unlösbares Problem eine Lösung suchen könnte. Zusätzlich würde es eine völlige Energievergeudung bedeuten, etwas zu suchen, was es nicht gibt. Das ist aber erst der erste Teil der "Ersparnis". Der zweite und viel größere Teil des Aufwandes an Zeit, Energie, Risikobereitschaft, Mühe, Arbeit an sich selbst, Rückschläge verkraften zu müssen, Verzicht etc. bleibt einem erspart, wenn sich der nächste, ebenfalls sehr schwierige Schritt der "Umsetzung in die Praxis" erübrigt.

Die 2. Sitzung:

Wir zweifelten keinesfalls daran, daß das von Herrn K. gelebte System schon lange Zeit gut funktionierte, daß ihm die meisten Menschen, mit denen er zu tun hatte darauf eingestiegen waren und damit seine Theorie bestätigt hatten.

Unklar war uns jedoch, welche Rolle wir nun in diesem System spielten, aus der Sicht von Herrn K. spielen sollten oder selbst spielen wollten. Wir gingen auf jeden Fall davon aus, daß wir überhaupt eine Rolle spielen sollten, denn schon allein dadurch, daß wir mit Herrn K. zu tun hatten, waren wir in gewisser Weise und unvermeidlich in sein System mit hineingezogen.

So überlegten wir einen Weg, der Herrn K. die Möglichkeit geben sollte, sich einerseits seine Taktik bewußt zu machen und auf längere Sicht ein Abweichen von dieser zu ermöglichen, zumal er ja bestätigte, sehr darunter zu leiden und daß ihm viel daran läge, in dieser Angelegenheit etwas zu verändern. Diesen Wunsch wollten wir ernst nehmen. Die tatsächliche Ernsthaftigkeit dieses Wunsches jedoch würde sich für uns erst durch die sichtbaren Bemühungen zur Veränderung bestätigen. Wir hatten jedoch auch das Gefühl, daß die Schilderung seines Empfindens reichlich übertrieben war. Auch unsere bisherigen Erfahrungen mit Herrn K. bestärkten unsere Ansicht, daß er sich also vielleicht nicht gerade überintelligent aber keinesfalls wirklich "zu blöd zu allem" vorkam, es vor allem auch nicht war und auch nicht so behandelt wurde. Doch eine abgeschwächte Form dieser seiner Theorie würde gewiß im großen und ganzen zur Erreichung des gewünschten Effekts (= nichts verändern zu müssen) führen. So beschlossen wir, nachdem wir verschiedene andere Ideen wieder verworfen hatten, ihn einmal konsequent so übertrieben zu behandeln, wie er sich selbst beschrieb, nämlich wie einen "Volldodel". Es lag uns daran, daß Herr K. auf diese Weise einmal hautnah erleben sollte, wie es wirklich ist, wenn man wie ein "Volltrottel" behandelt wird. Dieses Erlebnis sollte jedenfalls - so war es unser Wunsch - einen (Um-) Denkprozeß in Gang bringen, ja provozieren. Wir erhofften uns also, dadurch zu erreichen, daß ihm der Kragen platzt und er sich dagegen wehrt, so behandelt zu werden, "weil so blöd sei er dann auch wieder nicht", also seine Theorie zumindest relativiert. Ein solches Eingeständnis (sicher nicht vor uns, aber vielleicht vor sich selbst) einer - wenn auch kleinen - "Grundintelligenz" hielten wir für die weitere Arbeit und vor allem für Herrn K. selbst, seine Entwicklung und seinen Umgang mit seinem Leiden unter dieser besagten "Unintelligenz" für sehr günstig. Vielleicht könnten wir Herrn K. durch diese "Behandlung", von der wir annahmen, daß er sie in dieser Form noch niemals erlebt hatte, dazu bewegen, zumindest seine "Blöd-Seins-Theorie" und vor allem die damit verbundenen Nachteile in vollem Umfang zu spüren und zu überdenken. Ein Abwiegen der Vorteile dieser Theorie gegen ihre Nachteile bzw. ein Aufwiegen der Vorteile einer eventuellen "Nicht - Zu - Blöd - Seins - Theorie" gegen die Anstrengungen, Mühen und Risiken, die zur Erreichung einer Veränderung in Kauf genommen werden müßten, wären ebenfalls wünschenswerte Effekte. So vereinbarten wir bereits vor dem folgenden Gespräch, ihm alles wie einem "Dodel" mehrfach und primitivst zu erklären, regelmäßig zu betonen, daß er viele Sachen ja nicht checken, merken oder tun könnte, weil er eben zu blöd dazu wäre, ihn immer wieder dafür zu entschuldigen, daß er keine verantwortungsvollen und schwierigen Aufgaben übernehmen könnte und vieles mehr. Wenn es sich ergebe, wollten wir auch hin und wieder dezent durchklingen lassen, daß und welche Vorteile und Erleichterungen diese Tatsache - eben "blöd" zu sein - mit sich brächte und was einem Betroffenen dadurch erspart bliebe. Kurz gesagt: wir wollten ihn in einem möglichst krassen Ausmaß spüren lassen, wie es ist, wenn man wirklich ein "Volldodel" ist und auch so wahrgenommen und behandelt wird. Er sollte dabei vor allem einen Unterschied zu seiner wirklichen Situation merken. (Die Sicherheit für die Annahme, daß die "wirkliche Situation" anders ist als er sie beschrieb, nahmen wir daraus, daß es eher unwahrscheinlich wäre, wenn ein Mensch durch sein Benehmen, sein Auftreten, seine Eigenarten und eventuellen Auffälligkeiten etc. bei verschiedenen Beobachtern völlig verschiedene Reaktionen auslösen würde. Anders formuliert: wir gingen davon aus, daß Herr K. bei verschiedenen anderen Menschen, die ihn beobachteten oder mit ihm zu tun hatten, größtenteils ähnliche oder idente Reaktionen, Eindrücke, Gefühle usw. ausgelöst hat wie bei uns.) Als zweiter Punkt war es uns wichtig, ihn auch mit der Tatsache zu konfrontieren, daß diese seine Problematik durchaus auch Vorteile hat. Wir hofften jedenfalls, mit unserer Strategie bei Herrn K. etwas in Bewegung zu bringen.

Anfangs der Sitzung stieg Herr K. voll auf unseren oben beschriebenen Umgang mit ihm ein. Er bestätigte uns unsere mitleidsvollen Zugeständnisse seiner Unfähigkeit, ja verstärkte sie sogar manchmal. Er hielt also sehr lange konsequent seine Linie durch und wurde erst nach längerem Gesprächsverlauf merklich nervöser, vor allem dann, als wir seine Unfähigkeit in Angelegenheiten ansprachen, von denen er offensichtlich überzeugt war oder wußte, daß er diese sehr wohl bewältigen könne. Immer stärker konnte man beobachten, daß es in ihm kämpfte und "wurlte", er ließ sich jedoch nicht dazu verleiten, sich zu verteidigen, zu sagen "das stimmt nicht, so blöd bin ich auch wieder nicht, ich kann auch etwas....". Es regte sich auf jeden Fall innerlicher Widerstand, es kam etwas in Bewegung. Mit diesem für uns zufriedenstellenden Ergebnis - daß er seine ganze Theorie in einem Gespräch in Frage stellt oder gar über den Haufen wirft, hatten wir uns realistischerweise ohnehin nicht erwartet, das wäre in anderer Richtung besorgniserregend gewesen - brachen wir das Gespräch ab, mit der Aussicht, uns bis zum nächsten Termin zu überlegen, wie er mit dieser Tatsache - seiner Unfähigkeit, von der wir ebenso wie er überzeugt wären - (über)leben könnte. Aber nicht er sollte sich bis zum nächsten Mal den Kopf über mögliche Lösungen zerbrechen, er könnte es vermutlich auch nicht. Wir würden nun das tun, was er sich schon länger von uns gewünscht hatte, nämlich an seiner Statt nach einer Lösung für sein Problem suchen. Wir teilten ihm den nächsten Termin zwar pro forma mit, versprachen ihm jedoch, ihn im Büro abzuholen, um ihn nicht mit derartig schwierigen Aufgaben zu überlasten.

Am Ende dieses Gesprächs waren wir am Ende unserer Konzentration, am Ende unserer "Schauspielkunst", mit der wir versucht hatten, unser Vorhaben sehr ernst und überzeugend auszuführen und ziemlich fassungslos über die Konsequenz, Hartnäckigkeit und Ausdauer von Herrn K. Sein System stellte sich als überaus beständig und tief verinnerlicht heraus. Insgeheim hatten wir vielleicht doch schon mit dieser Strategie auf einen durchschlagenderen Erfolg gehofft, als es schließlich geworden zu sein schien. Andererseits war uns klar, daß ein System, das sich über vermutlich bereits viele Jahre eingefahren und bewährt hatte, nicht bei den ersten Angriffen, Verunsicherungen oder Zweifel in sich zusammenbrechen würde, zumal es ja eine sehr wichtige Funktion zu erfüllen hatte, für die es offensichtlich (noch) keinen Ersatz gab. Wir hatten jedenfalls einen Impuls geben können, auf den es sicher, ob für uns merkbar oder nicht, eine Reaktion geben würde. Es hätte ohne weiteres auch sein können, daß unser Impuls, der zwar den von Herrn K. formulierten Wunsch nach Veränderung zum Ziel hatte, dessen möglichem unterbewußten oder zumindest nicht ausgesprochenen Wunsch nach Verstärkung des vielleicht in Frage gestellten Systems förderlich war. Auf jeden Fall könnte eine Auseinandersetzung bzw. Überprüfung seines System eine unserer Meinung nach sehr naheliegende Folge des Gesprächs für Herrn K. zu sein. Und eigentlich konnten wir ja gar nicht mehr, als einen Impuls zu setzen, von dem wir uns erwarteten bzw. erhofften, daß dadurch etwas in Bewegung kommt, daß das besagte System dadurch einer Prüfung, Bewährungsprobe oder wie immer man es nennen mag, unterzogen würde, welche wiederum sicher eine Reaktion bringen würde. Diese Reaktion wäre theoretisch in allen unterschiedlichen Nuancen von einer vehementen Verteidigung, Aufrechterhaltung und Stärkung des Systems bis zur völligen Abänderung oder Ablehnung desselben denkbar gewesen.

Die 3. Sitzung:

Herr K. kam, obwohl wir vereinbart hatten, daß wir ihn zum nächsten Gespräch im Büro abholen würden, um ihn, den "Unintelligenten", der zu allem zu blöd ist, nicht unnötigerweise mit dem Merken und Einhalten eines Termins zu überlasten, von selbst schon ein paar Minuten vor dem ausgemachten Zeitpunkt. Nur dadurch schaffte er es sehr geschickt (und intelligent!) zu verhindern, daß wir ihn abholten und auf diese Weise die Theorie, die wir ihn beim letzten Gespräch spüren ließen, zu bestätigen. Wir zeigten uns darüber übertrieben überrascht, so als ob wir es ihm nicht zugetraut hätten. Er grinste etwas verlegen und teilte uns mit, daß so etwas - eben einen Termin zu merken und einzuhalten - nun wirklich (auch) für ihn kein Problem wäre. Bestimmt war ihm in diesem Augenblick und wahrscheinlich auch schon viel früher klar, daß er eben sehr wohl mit der Intelligenz der Durchschnittsbevölkerung mithalten konnte. Wir sahen in diesem Vorgehen von Herrn K. sehr wohl eine Reaktion und eine Mitteilung an uns, die einerseits das Ausmaß seiner "Unfähigkeit", das wir beim letzten Gespräch als Grundlage genommen hatten, relativierte und andererseits eine vorsichtige Bewegung in seinem System signalisierte.

Wir setzten uns und fragten Herrn K., was wir gemeinsam in der nächsten Stunde machen sollten. Er erzählte uns, daß ihn ein weiteres Erlebnis abermals sehr verunsichert hätte: Es gäbe da einen jungen Menschen, etwa seines Alters, mit dem er einige Zeit in der gleichen Firma gearbeitet hatte. Dieser Mann hätte schon damals das gleiche Problem wie er - Herr K. - gehabt, nämlich er sei zu blöd zu allem gewesen. Dadurch wäre dieser schon damals der "Firmendepp" gewesen. Die vermutete Ursache dieser "Unintelligenz" seines Kollegen sei, daß er angeblich im stark alkoholisierten Zustand gezeugt worden wäre - eben ein sogenanntes "Rauschkind" sei. Aufgrund einer vor allem dadurch verursachten "Lebensunfähigkeit" sei eben dieser ehemalige Kollege mittlerweile in einer Langzeitstation eines psychiatrischen Krankenhauses gelandet. So die Kurzfassung dieser Geschichte. Warum ihn dies so beunruhigte, begründete Herr K. damit, daß er sich selbst eigentlich als diesem Menschen sehr, sehr ähnlich wahrnähme. Er wäre in der Arbeit ebenfalls ein unfähiger "Dodel" gewesen (dazu sei vermerkt: Herr K. hat sowohl Volks- und Hauptschule, Polytechnischen Lehrgang und eine anschließende Lehre als Speditionskaufmann samt dazugehöriger Berufsschule und Lehrabschlußprüfung erfolgreich und ohne Verzögerung absolviert), und sein Vater habe ebenfalls immer sehr gern und viel Alkohol getrunken, warum also nicht auch zum Zeitpunkt seiner Zeugung? Es sei außerdem doch irgendwie logisch, daß ein Kind, das im alkoholisierten Zustand gezeugt wurde, dadurch Schaden nehmen bzw. eben unintelligent werden könnte. Diese Theorie und auch die Information über die mißliche Lage seines Bekannten habe er von einer Tante von ihm übernommen. Diese Tante beschrieb er sehr abfällig und tat auch kund, daß er den Kontakt mit ihr ohnehin schon lange auf ein Minimum reduziert hätte, weil diese nur über andere schlecht reden könne und mit ihrem eigenen Leben sowieso nicht zurecht käme. Und trotzdem nahm er ihre Aussagen ernst, glaubte ihr auch, daß es eben mit diesem nämlichen Bekannten tatsächlich - wie er es sagt - "so schlimm geendet hätte". Nachweise für den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte hatte er zwar keine, und doch brachte er seine Angst davor zum Ausdruck bzw. bemühte er sich, uns von dieser seiner Angst davor zu überzeugen, auch demselben "schlimmen Ende" wie sein Ex-Kollege entgegenzusteuern. Der Grund für diese Angst seien für ihn klar erkennbare Parallelen zu seinem Leben und zu seinen Problemen. Wir deuteten diesen neuerlichen Anlauf, sein offensichtlich aus dem Gleichgewicht geratenes, zumindest jedoch nicht unberührt gebliebenes System noch einmal mit plausiblen Vergleichen und "wahren Gegebenheiten aus dem Leben" zu untermauern, uns trotz aller Ungereimtheiten, Vorteile, Nachteile, Funktionen etc., die sich in der Diskussion und den Gesprächen mit ihm über diese seine Angelegenheit herausgestellt hatten, von seiner angeblichen Unfähigkeit und "Unintelligenz" doch noch zu überzeugen. Wir wollten ihm nicht wieder voll auf diese Geschichte einsteigen, es würde nur ein neuerlicher "Aufguß" der schon mehrmals wiederholten Szenen werden, sondern wir hatten uns vorgenommen, ihm ein solches System, wie wir es glaubten bei ihm zu beobachten, mit all seinen Vor- und Nachteilen beispielhaft (also nicht von ihm persönlich ausgehend, sondern rein theoretisch) zu beschreiben, vor Augen zu führen, ihm sozusagen den Spiegel vorzuhalten. Vor allem wollten wir die unumstritten vorhandenen Vorteile, Energieersparnisse etc. besonders hervorheben, jedoch im positiven Sinne, als Qualität und nicht als Schwäche, Fehler oder ähnliches. Wir hatten doch die Hoffnung, ihm dadurch ein In-Frage-Stellen seines Systems etwas zu erleichtern und dadurch zu ermöglichen, daß sich etwas zu ändern, zu bewegen beginnt. Zur Geschichte seines Ex-Kollegen brachte ich nur meine Verblüffung zum Ausdruck, daß er eine Erzählung, von der er keinesfalls überzeugt war, daß sie überhaupt stimmte, noch dazu von einer Tante, die er als "Tratschweib", selbst mit ihren Problemen nicht zurechtkommend etc. aburteilte, überhaupt ernst nahm. Ich mutmaßte auch noch kurz darüber, was diese Geschichte wohl für ihn bedeutete. Darauf aber stieg Herr K. ins Gespräch ein, distanzierte sich abermals von dieser Tante und bestätigte meine Zweifel über den Wahrheitsgehalt der Story. Er meinte auch, daß ich möglicherweise recht hätte und er dieser Geschichte eben wirklich nicht allzuviel, vielleicht noch besser gar nichts an Wichtigkeit beimessen sollte, er sei eben so furchtbar unsicher und hätte sich deswegen von der besagten Erzählung, die noch dazu nicht von der Tante direkt, sondern auf dem Umweg über seine Mutter ihm zu Ohren kam, ziemlich aus dem Häuschen bringen lassen. Die Mutter wiederum scheint bei der Entstehung und Aufrechterhaltung seines Systems eine maßgebliche, jedoch derzeit für uns noch völlig ungeklärte Rolle zu spielen. Während dieser kurzen Diskussion entstand meiner Beobachtung nach - nicht zuletzt durch seinen merkbaren Schwenk von der bisher sturen Verteidigung seiner Idee zu einer etwas offeneren Haltung - recht schnell ein ungewöhnlich sachliches und freundliches Gesprächsklima, das ich gleich dazu nützte, um auf das Thema, das wir uns vorgenommen hatten, hin zu lenken. Gerade die gegenwärtige Haltung von Herrn K. - offener und nicht mehr ganz so fixiert wie bisher - schätzte ich als günstige Ausgangsposition dafür ein, ihm unsere Ideen und Gedanken über (s)eine "Blöd-Seins-Theorie" kurz zu beschreiben, was wir dann auch taten. Durch die neuerliche Auseinandersetzung mit diesem Thema und dadurch, daß wir uns viele Gedanken dazu gemacht hatten und ihm diese auch mitteilten, wollten wir unterstreichen, wie ernst wir seine Probleme und damit auch ihn nahmen - also auch auf emotionaler Ebene eine gewisse notwendige (Arbeits-)Basis schaffen. Besonders hoben wir hervor, daß wir der Meinung wären, daß prinzipiell jeder Mensch gewisse Talente und Qualitäten, Kräfte und Lebensbewältigungsstrategien hat (sonst würde er ja nicht mehr leben!). Der Beschreibung der Theorie legten wir die Annahme zugrunde, daß der oder die Betroffene nicht wirklich unintelligent wäre, sondern daß negative Lebenserfahrungen, große Selbstzweifel, fehlendes Selbstvertrauen und vermutlich viele Enttäuschungen dazu geführt hätten, daß die Angst sehr groß wäre, trotz Bemühung, Einsatz seiner Kräfte und Gedanken doch wieder eine Enttäuschung oder zumindest das Fehlen von Anerkennung erleben zu müssen. Das könnte - über längere Zeit hin - die Entstehung folgender Taktik (bewußt oder wahrscheinlich vielmehr unbewußt) zur Folge haben: Da kein Mensch gerne Enttäuschungen erlebt, erleichtert das Herabschrauben von eigenen Erwartungen das Erreichen der vorgenommenen (leicht erreichbaren) Ziele. Die immer weitere Fortsetzung dieser Spirale würde zur Erwartungslosigkeit sich selbst gegenüber und damit aber auch zur Unmöglichkeit, enttäuscht zu werden, führen. Das beeinträchtigt zweifelsohne die Lebensfreude, erleichtert jedoch mit der Zeit das Bewältigen des Alltages ungemein: alle Eigenverantwortung, selbständiges Denken, schwierige Aufgaben und sehr vieles mehr würden einem abgenommen (wir waren uns zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zu früher schon darüber klar, daß auch wir in diesem System über längere Zeit hinweg vollkommen und eine systemerhaltende Rolle mitgespielt hatten, indem wir ihm sehr viel Verantwortung und Entscheidungen etc. abgenommen hatten, statt ihm gedacht hatten, weil er sich oft hilflos und ungeschickt angestellt hatte etc. ...) - andererseits ist man sich selbst klar darüber, kein "Depp" zu sein,also Reserven in puncto Energie, Intelligenz, Leistungsfähigkeit, Selbständigkeit etc. für den Fall zu haben, daß man diese Reserven in einer schwierigen Situation, die einem ausnahmsweise niemand abnehmen kann oder will, zur Verfügung hat. Was natürlich völlig auf der Strecke bleibt, sind Erfolgserlebnisse und damit verbunden Selbstvertrauen und Sicherheit. Das aber ist der Preis, den es sich offensichtlich lohnt, zu zahlen. Jeder Versuch, seine Intelligenz zu zeigen, ist mit dem großen Risiko verbunden, entweder damit Erfolg zu haben und dadurch die "Reserve" zu vergrößern oder trotzdem eine Enttäuschung zu erleben, Fehler zu machen. Das wiederum würde an der sicheren "Reserve" nagen und könnte sie verkleinern oder sogar zerstören. Diesem Risiko könnte man mit besagter Strategie ausweichen - um den Preis des Fehlens von Anerkennung und Erfolg. Die Gewöhnung an diese Situation könnte jedoch nur eine Frage der Zeit sein.

Wir hatten das Gefühl, daß der Teil der Schilderung, in dem es um Erleben von vielen Enttäuschungen und dadurch Angst vor weiterem Versagen und damit verbunden "Kraft-, Intelligenz- und Energierückzug" ging, Herrn K. sehr traf, vielleicht wirklich seine Situation bewußt machte oder spiegelte. In Worten reagierte er kaum konkret, aber das hatten wir uns auch gar nicht erwartet.

Eine der nächsten Sitzungen

Aufgrund der Vereinbarungen mit den Kostenträgern unserer Einrichtung sind wir verpflichtet, in gewissen Abständen Berichte über die Klienten, ihr Arbeitsverhalten, eventuelle Fortschritte und Zukunftspläne etc. abzufassen. Zu diesem Zweck besprachen wir die Situation in der Arbeit mit Herrn K. Wie sonst auch bei den anderen Klienten fragten wir auch ihn, wie es ihm gehe, was ihm Schwierigkeiten macht und ob er Fortschritte oder Veränderungen bei sich selbst bemerkt hätte etc. Ohne ihn direkt darauf anzusprechen, erzählte er mitten im Gespräch, daß er das Gefühl hätte, sein Selbstvertrauen und seine Sicherheit wären merkbar gestiegen, und dadurch könne er auch besser arbeiten. Über diese Aussage und auch über die im Lauf der weiteren Zeit bemerkbare Verbesserung im Arbeitsverhalten waren wir sehr froh. Eine Veränderung war unübersehbar. Was diese verursacht hatte, werden wir wahrscheinlich nie genau wissen; wir hofften jedoch auch, daß es eine Folge unserer Arbeit, unserer Gespräche, unserer Auseinandersetzung etc. mit Herrn K. gewesen sein könnte. Das Thema "Unfähigkeit/Unintelligenz" tauchte noch sehr oft und taucht nach wie vor gelegentlich in Situationen oder Gesprächen auf. Der Umgang damit veränderte sich jedoch insofern, daß beispielsweise Herr K. und ich, wenn er mir gerade erklären wollte, daß er irgend etwas, was er sehr wohl vermochte, nicht könne, oder ihm zu einer seiner Aufgaben keine Lösungsmöglichkeit einfiele etc., uns oft nur anschauten - er grinste dann oft ein bißchen beschämt - und erledigte meistens seine Aufgaben daraufhin ordentlich. Manchmal, wenn er offensichtlich tatsächlich - d.h. trotz intensivem Nachdenken - keine Lösung gefunden hatte, betonte er, daß er sich jetzt "wirklich" nicht mehr auskenne...

Unsere Vereinszeitschrift BASYS erscheint zweimal pro Jahr und wird an alle Mitglieder des Vereins verschickt.

Sie bringt neben den Vereinsnachrichten wie Einladung zur Generalversammlung und Protokoll der Generalversammlung aktuelles Vereinsgeschehen, Pläne und Ideen des Vorstandes und von Mitgliedern sowie einen Terminkalender, in dem die nächsten Termine der Arbeitsgruppen und Fortbildungstermine zu finden sind. Vor allem aber bringt sie Artikel zur systemischen Theorie und Praxis.

Ein Großer Teil der Texte, die Sie auf dieser Homepage finden, wurde in unserer Zeitschrift (meist zum ersten Mal) veröffentlicht.

Eine Liste aller bisher (Seit 1996) in BASYS erschienenen Artikel finden Sie hier.

Und hier eine Übersicht über alle bisherigen Rezensionen.

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