Die Absolution der Flüchtigen
Edith Ivancsits

 

Die Vorgeschichte

Frau M. (37 a) ist mit ihren Töchtern Istia (16 a) und Mura (12 a) drei Wochen nach dem tödlichen Verkehrsunfall ihres Lebensgefährten, Herrn R. ins Flüchtlingsheim der Caritas in Neudörfl gekommen. Die Familie stammt aus Bosnien und ist seit ca. fünf Jahren in Österreich. Frau M. und Istia, die Tochter aus erster Ehe, sind Christinnen, Mura ist nach ihrem Vater moslemisch. Die Religionszugehörigkeit spielt in Bosnien nach wie vor eine sehr große Rolle. Die Beziehung von Frau M. zu Herrn R. wurde von ihrer Familie nie gut geheißen. Auf der anderen Seite fand Frau M. aber auch nie richtig herzlichen Kontakt zu der Familie des Lebensgefährten.

Frau M. hat sich, kurz nach der Geburt ihrer ersten Tochter von ihrem damaligen Ehemann scheiden lassen, da dieser an schweren Depressionen litt, und Frau M. damit nicht klar kam (laut ihren Aussagen). Kurze Zeit nach ihrer Trennung, beging der Mann Selbstmord. Ca. drei Jahre später lernte sie Herrn R. kennen. Als die gemeinsame Tochter Mura knapp 4 Jahre war, verließ Herr R. seine Familie um als Gastarbeiter nach Österreich zu gehen. Während der Kriegswirren ließ Herr R. Frau M. und die beiden Mädchen nach Österreich nachkommen.

Es war ihm gelungen, sich hier zurechtzufinden. Er fand relativ schnell einen Arbeitsplatz, mietete ein kleines Häuschen und konnte sich auch im Fußballverein des Ortes integrieren. D.h. als Frau M. mit den Töchtern nach Ö kam, fanden sie ein vorbereitetes, relativ sicheres soziales Netz vor. Nach ca. zwei Jahren mußte Frau M. stationär auf der Psychiatrie aufgenommen werden. Die Diagnose lautete auf "schwere Depression mit Gefahr der Selbstgefährdung". Nach einigen Wochen im Krankenhaus wurde Frau M. nach Hause entlassen, sie schluckt aber seither täglich Antidepressiva.

Kurz nach diesem Vorfall, kam die Familie ins Flüchtlingsheim, da der finanzielle Boden unter den Füßen plötzlich verschwunden war. Nach dem Tod von Herrn R. meldeten sich etliche "Helfer', um Frau M. beizustehen (Verwandte, Lehrer, Pfarrgemeinde, Vereinsfreunde von Herrn R, Arbeitskollegen von Herrn R). Im Prinzip richteten diese Helfer das Begräbnis aus (mit Uberführung), sammelten Geld für die "armen" Kinder und nahmen damit Frau M. ziemlich alles aus der Hand, wobei Frau M. teilweise keine Ahnung hatte, was veranlaßt wurde, wieviel die Uberführung gekostet hat, ob ihr Visum verlängert wird etc. Laut ihren Angaben hat man ihr geraten, sich nicht aufzuregen, man werde schon alles zu ihrer Zufriedenheit regeln.

Auch an die Caritas wandte sich Frau M. nicht selbst, eine Freundin brachte sie in das Heim, weil auch der Bruder des verstorbenen Herrn R, mit seiner Familie, in diesem Heim wohnt.

Der Umzug erfolgte im September 1997.

Da die Familie aus Bosnien stammt, bekamen Frau M. und ihre Tochter 1 bis Juli 1997 ein Visum nach § 12. Frau M. hatte ein Familienvisum. Kurz vor seinem Tod brachte Herr R. Anträge zur Verlängerung der Visa bei der zuständigen Behörde (in diesem Fall: BH Mattersburg) ein.

Nach dem Tod von Herrn R. waren die Pässe nach wie vor auf der BH. Der SA wurde darüber aufgeklärt, daß die Visa der Familie nicht verlängert werden können, da Frau M. aus einem Teil Bosniens kommt, der nicht von Serben okkupiert worden ist Eine Heimreise sei ihr und ihren Töchtern daher zumutbar, man räumte ihr einen zeitlichen Rahmen von zwei Monaten ein das Land zu verlassen, bei Unterlassung hätte sie mit einer Zwangsabschiebung zu rechnen.

Ca zwei Tage nach der Ubersiedlung in das Flüchtlingsheim ertastete Frau M. einen relativ großen Knoten in der Brust und sprach darüber mit der SA. Es wurde ein Krankenhilfeantrag bei der Gemeinde eingebracht, die Gemeinde leitet die Anträge an die Sozialabteilung der BH weiter.

Nach dem Gesetz kann Ausländern Krankenhilfe gewährt werden, wenn es aufgrund ihrer persönlichen, familiären oder wirtschaftlichen Verhältnisse zur Vermeidung von sozialen Härten notwendig ist. Im Fall von Frau M. wurde die Krankenhilfe bewilligt. Frau M. wurde ins Krankenhaus gebracht, und zwei Tage darauf wurde sie operiert, der Knoten in der Brust stellte sich als bösartiger Tumor heraus.

Während ihres Krankenhausaufenthaltes kümmerte sich die Schwägerin von Frau M, die ebenfalls im Caritasheim wohnt (siehe oben), um die Mädchen.

Das Team von Neudörfl hat Frau M. in alle Handlungen, ihre Familie betreffend eingebunden. Es wurden ihr alle Schritte genau erklärt und teilweise an sie delegiert. Man wollte professionelle Hilfe anbieten und auf keinen Fall die Rollen der privaten "Helfer' übernehmen.

Das Ergebnis der Supervisionsbesprechung:

Die Flucht spielt im diskutierten System eine große Rolle, schließlich hat Frau M. ihre Familie (Eltern und Geschwister) zurück gelassen.

Flüchtlinge haben gegenüber den Zuhausegebliebenen oft ein sehr schlechtes Gewissen. Nicht selten fühlen sie sich sogar als Verräter an der Heimat - das kann sich in einem übermäßigen Idealisieren der Heimat äußern, oder in Versuchen, die Angehörigen zu Hause mit Geschenken zu versöhnen.

Wenn jemand ein schlechtes Gewissen hat, d.h. wenn er glaubt Schuld auf sich geladen zu haben, wäre eine "Absolution" ein möglicher Ansatzpunkt, um ihm zu helfen.
Im Fall von Frau M. könnte man z.B. sagen, daß sie das gesamte Leid Bosniens in sich trägt. Niemand könne ihr vorwerfen, sie hätte es gut gehabt. Sie hätte auch genug gelitten, d.h. sie müßte keine weiteren Opfer mehr bringen. In ihrem Fall würde das heißen, sie darf leben.

Da der Heimleiter in Neudörfl ein ehemaliger Priester ist, könnte Frau M. die "Absolution" von ihm bekommen.

Wie hat sich der Fall bis jetzt weiterentwickelt?

Da nach wie vor Kontakt zum Flüchtlingsheim besteht, konnten wir die Situation auch weiterhin beobachten.

Der Heimleiter fand es in einem intensiven Gespräch mit Frau M. passend die "Absolution" auszusprechen:

"Frau M., sie haben die letzten Jahre zwar in Österreich gelebt, aber sie haben für Bosnien wahrscheinlich mehr gelitten, als die zu Hause gebliebenen. Sie haben ihre Schuld längst beglichen, sie müssen sich nicht weiter opfern." (das waren ungefähr die Worte).

Frau M. ist in Tränen ausgebrochen und wollte allein gelassen werden. Nach ca. 2 Stunden hat sie die Sozialarbeiterin zu sich gebeten und sie konnte plötzlich über ihre Ängste und über ihre Trauer reden.

Massive Wut auf die Mutter kam zum Ausdruck, aber auch Wut auf die beiden Männer, die sie verlassen haben. Die alte Mutter mutierte plötzlich von einer hilfsbedürftigen und kranken Frau zu einer Krake, die die Tochter nie ausgelassen hat. Sie erzählte mir auch, daß ihre beiden Männer sie mißhandelt hätten, Herr R. hätte überhaupt nur Interesse an seiner leiblichen Tochter gezeigt.

Am Tag nach dem Gespräch hat Frau M. guten bosnischen Kaffee für das Team gekocht (vorher kochte sie nur Filterkaffee !) und gemeint, daß es ihr im Moment gut gehe. Aus medizinischer Sicht kann man das leider nicht sagen. Frau M. muß sich einer Chemotherapie und einer Strahlenbehandlung unterziehen, und leidet sehr an den Nebenwirkungen.

Frau M. und ihre Töchter konnten wegen ihrer Krebserkrankung das Land nicht verlassen. Der SA informierte die Fremdenpolizei in Mattersburg über die neuen Entwicklungen im Fall von Frau M. Der zuständige Beamte versichert, daß gegen die Familie keine Zwangsmaßnahmen gesetzt werden, so daß Frau M. ihre lebensnotwendigen Therapien in Ö abschließen kann.

Istia und Mura sprechen ab und zu über die Rückkehr. Momentan ist diese für sie vorstellbar, vorausgesetzt die Mutter wird gesund. Dieses Schuljahr wollen sie aber unbedingt in Österreich abschließen.

Ich habe beobachtet, daß Frau M. seit unserem Gespräch öfter über ihre Gefühle spricht. Sie kann Trauer und Wut jetzt zulassen und sie zeigt auch wesentlich mehr Engagement, wenn es um die Planung ihrer Zukunft geht. Sie ist sehr interessiert an der Klärung ihrer fremdenrechtlichen Situation. Auch einer etwaigen Abschiebung nach Bosnien sieht sie sehr realistisch entgegen, setzt aber trotzdem alles daran, in Österreich bleiben zu können.

D.h. ich konnte eine ziemlich deutliche Verhaltensänderung bei Frau M. feststellen. Ich habe das Gefühl, daß Frau M. dabei ist, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Unsere Vereinszeitschrift BASYS erscheint zweimal pro Jahr und wird an alle Mitglieder des Vereins verschickt.

Sie bringt neben den Vereinsnachrichten wie Einladung zur Generalversammlung und Protokoll der Generalversammlung aktuelles Vereinsgeschehen, Pläne und Ideen des Vorstandes und von Mitgliedern sowie einen Terminkalender, in dem die nächsten Termine der Arbeitsgruppen und Fortbildungstermine zu finden sind. Vor allem aber bringt sie Artikel zur systemischen Theorie und Praxis.

Ein Großer Teil der Texte, die Sie auf dieser Homepage finden, wurde in unserer Zeitschrift (meist zum ersten Mal) veröffentlicht.

Eine Liste aller bisher (Seit 1996) in BASYS erschienenen Artikel finden Sie hier.

Und hier eine Übersicht über alle bisherigen Rezensionen.

Natürlich können Vereinsmitglieder auch Kleinanzeigen veröffentlichen.

Auf Anfrage schicken wir Ihnen gern ein Heft zur Ansicht:

Wenn Sie BASYS regelmäßig bekommen wollen, können Sie Mitglied werden.

 


zur Startseite