Der Klavierspieler
Conny Karlburger

Herr M wohnt in einem Gemeindebau, er spielt zu jeder Tages- und Nachtzeit Klavier, ladet viele Freunde ein, die auch zeitweise bei ihm wohnen. Beim Gießen seiner Tomatenpflanzen am Fenster rieselt die Erde auf die Fensterbretter seines NachbarInnen. Tag und Nacht läßt er die Türe und all seine Fenster offen. Einige NachbarInnen fühlen sich durch diese Verhaltensweisen sehr gestört und brachten zahlreiche Beschwerden vor, so daß es nun zu einer gerichtlichen Verhandlung wegen "unleidlichem Verhalten" gekommen ist, die zum Verlust der Wohnung führen kann.

Ich werde einmal mit den Sichtweisen beginnen.

Kausale Sichtweise

Herr M stört seine NachbarInnen. Er hält sich nicht an die Hausordnung.
Herr M ist ein schwieriger Nachbar.

oder

Die NachbarInnen sind kleinkariert und mischen sich zu sehr in das Leben von Herrn M ein.
Die Nachbarn von Herrn M sind schwierig.

Systemische Sichtweise

Herr M und seine NachbarInnen bilden ein Subsystem mit gegenseitigen Wechselwirkungen. Es ist nicht mehr entscheidend, ob entweder Herr M oder die NachbarInnen ein Problem haben, sondern - sowohl die NachbarInnen als auch Herr M haben ein Problem.

Nicht das WARUM ist zu klären, sondern die neugierige Frage "Wie machen die denn das?"

Zusätzlich versuchen wir dieses Subsystem unter dem Blickwinkel der Neutralität zu betrachten.

Das ist sehr schwierig, weil wir ab dem Zeitpunkt der Beobachtung schon Teil des Systems sind und sehr leicht neue Wechselwirkungen entstehen können.

Zum Beispiel wenn wir selber von NachbarInnen gestört werden, weil diese unaufhörlich trommeln oder immer an die Wände klopfen wenn wir Musik hören möchten.

Wie auch immer - ich beschließe nun die Realität der Neutralität zu konstruieren.

Ein Hilfsmittel kann die Methode der verschiedenen Brillen sein, indem wir uns in die Rolle von Herrn M begeben und uns vorstellen die NachbarInnen stören uns ständig in unserer künstlerischen Entwicklung oder wir stellen uns auf der anderen Seite vor, wir sind PensionistInnen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben und nicht schätzen ständig Schönberg fortissimo zu hören.

Beide TeilnehmerInnen oder Elemente dieses Systems fühlen sich durch den anderen gestört und setzen unterschiedliche Aktionen um den anderen vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Es entsteht eine Kampfsituation, die vermutlich in einer symmetrischen Eskalation enden könnte.

Unabhängig von diesen Betrachtungsweisen wird die Sozialarbeiterin eingeschaltet. In diesem Fall von Herrn M .

Problembearbeitung

Mit dem problemorientierten Ansatz kann ich je nach Identifikation versuchen, mich auf eine Seite zu stellen und das Problem Herr M oder die NachbarInnen zu bearbeiten.

In diese kausale Falle tappte ich auch tatsächlich und versuchte Herrn M davon zu überzeugen, mehr Rücksicht zu nehmen und nicht zu viel Klavier zu spielen. Das war weder leicht noch durchführbar und ziemlich unerträglich. Es hat mir Zeit und Nerven gekostet. Dabei ärgerte ich mich immer wieder über die NachbarInnen, die keine Kleinigkeit auslassen konnten, sich über diesen unmöglichen Mann zu beschweren. Ich bemerkte, daß ich in diesem System mit meinen konstruierten Lebensphilosophien zwei Seiten zusammenbringen wollte, indem ich jeden versuchte zu überzeugen, daß der andere ja nicht der "Übelste" wäre.

Lösungsorientierte Versuche mit Hilfe der systemischen Sichtweise

Herr M wandte sich an mich als Sozialarbeiterin. Ich hatte aber nicht genau geklärt womit er mich beauftragen wollte und kam dadurch in einen Strudel verschiedener Aufträge, die ich auf Grund meiner persönlichen Interaktionsmuster alle unhinterfragt übernehmen wollte.

Herrn M die Wohnung erhalten - den NachbarInnen ein ruhiges Leben ermöglichen - meinen dienstlichen Auftrag der Wohnungssicherung erfüllen - und zusätzlich habe ich mir noch weitere ausgedacht. ( z.B. den Ruf der BeamtInnen retten: durch fleißiges und bemühtes Verhalten um damit ein paar "F-WählerInnen" zu bekehren ...)

Diese Vorgangsweise ist letztendlich schwer zu ertragen und noch viel schwerer ist es, damit zu einer Lösung zu kommen.

Der nächste Versuch war, dem systemischen Ansatz schon etwas näher. Es wurde eine Hausversammlung einberufen, weil ich gemeinsam mit der Gebietsbetreuung feststellte, daß der Ärger im Haus auch mit den nicht fertiggestellten Renovierungsarbeiten in Zusammenhang stand. Die enge Problemdefinition erweiterte sich.

Das bedeutet, daß das System eigentlich größer war und die NachbarInnen sich von der Hausverwaltung mit all ihren Problemen im Stich gelassen fühlten. Bei dieser Versammlung wurde allen Stimmen Platz gegeben und die Hausverwaltung, die Mietervereinigung und ein Bezirksrat eingeladen.

Das System wurde viel größer und die Wechselwirkungen sowie Rückkoppelung betrafen von nun an auch die politische Ebene. Denn es stellte sich heraus, daß viele NachbarInnen den Eindruck hatten, auf sie hört niemand und plötzlich gab es eine Plattform auf der ihre Sorgen und Themen gehört und diskutiert wurden.

Gegen Ende der Versammlung wurden Vereinbarungen zwischen Herrn M und den NachbarInnen getroffen. Um zu diesem Ziel zu kommen, waren folgende zirkuläre Fragen nützlich :

- Woran würden sie als erstes merken, daß sich die Situation bessert?

- Wie lange, denken sie, braucht es, bis alle im Haus wieder ihr Leben ungestört führen können?

- Gab es Zeiten in denen alle zufrieden waren ?

Doch ich begann mich im Stillen zu fragen, ob es wirklich darum ging, daß alle in Ruhe leben wollten ?

In einem späteren Gespräch, das ich mit einer Kollegin gemeinsam führte, wurde mir erst deutlich, welchen Auftrag Herr M mir erteilt hatte:

"Komm auf meine Seite und werde ein Kampfmittel um die NachbarInnen zu besiegen !"

Die NachbarInnen jedoch wollten, als ich mit Ihnen Kontakt aufnahm, daß ich entweder Herrn M verzaubere oder ihnen helfe Herrn M zu beseitigen.

Ich hüpfte von einer Seite zu anderen, ein Lösungsansatz, der mir auf Grund meines Interaktionsmuster, sehr schnell zur Verfügung steht.

Ab diesem Zeitpunkt probierte ich etwas ganz anderes. Ich entschuldigte mich bei Herrn M, daß ich ihm nicht wirklich zugehört hatte. Ich hätte versucht, aus einem, der kämpfen wollte, einen "Kompromißler" zu machen. Ich sähe ein, daß dies komplett unmöglich wäre. Ich hätte nun erkannt, wie gut er kämpfen könnte und bestärkte ihn diesen Weg fortzusetzen. Bei einem Kampf wird es einen Sieger und einen Verlierer geben.

Abschließend wünschte ich ihm alles Gute für seinen Sieg.

Ich wollte mich bei ihm verabschieden, als es plötzlich zu einer Trendumkehr kam. Herr M blieb sitzen und erklärte mir, daß man es so "extrem" nicht sehen könnte, denn seit der Hausversammlung wären die NachbarInnen viel netter und hätten auch bei der ersten Tagsatzung bei Gericht gesagt, daß es mit ihm besser geworden wäre, seitdem die Sozialarbeiterin auf die Bildfläche getreten war und ihn betreute.

Auf meine Frage, ob er noch etwas von mir bräuchte, wußte er zu Beginn des Gesprächs nichts.

Es stellte sich nun heraus, daß es ihm ein Anliegen wäre den NachbarInnen das Bild zu vermitteln, Herr M würde "betreut". Diese Überlegung fand großen Anklang und ich erlebte das erste Mal, daß er sich damit beschäftigte den NachbarInnen entgegen zu kommen.

Diese Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. Derzeit gibt es keine Beschwerden mehr. Ein Nachbar trat vor Gericht sogar von seinen Anschuldigungen zurück.

Wie es sich auf Dauer weiterentwickeln wird, ist noch nicht absehbar.

Rückblickend gesehen, war entscheidend ...

  • die Zusammenhänge aller Beteiligten zu sehen und nicht einzelne Personen im vereinfachten Ursache- und Wirkungsprinzip verändern zu wollen.
  • alle Wünsche, Zielvorstellungen sowie Aufträge genau abzuklären, die eigenen Aufträge ebenso miteinzubeziehen und sich einen Schritt davon zu entfernen.
  • Es hat sich auch gezeigt, daß es wirklich hilfreich sein kann, manchmal Gespräche zu zweit zu führen, um mehr Abstand und damit auch Klarheit über Interaktionsmuster in Betreuungssituationen zu erlangen.
  • eine Problemfixierung zu vermeiden, lösungsorientierter zu arbeiten und dabei das Problem deutlicher zu definieren.
  • unerwartete Handlungen zum richtigen Zeitpunkt zu setzen. Dabei ist es ganz wichtig, daß diese sowohl in das vorhandene Weltbild hineinpassen als auch ausreichend neue Aspekte bringen um Veränderungen zu bewirken.

In diesem Zusammenhang habe ich mich gefragt, ob es sich anders entwickelt hätte, wenn ich Herrn M schon am Anfang bestärkt hätte seinen Kampf weiterzuführen. Aber dazu wäre es notwendig gewesen, eine Intervention in einen passenden Kontext zu stellen, der mir damals weder ein- noch aufgefallen ist.

Andererseits habe ich mir gedacht, es war nicht so schlecht dieses Spiel eine Runde lang mitzuspielen. Es hat sich dadurch ein Kontakt entwickelt, den ich prinzipiell für sehr wichtig in unserer Arbeit halte, und wir hatten dadurch wirklich die Möglichkeit unsere beiden Interaktionsmuster kennenzulernen um dann als nächsten Schritt etwas Neues auszuprobieren, das in das vorhandene System paßt.

.... und während dieser Gedanken bemerke ich, wie bemüht ich bin, meine Interaktionsmuster zu rechtfertigen, um sie in gehabter Weise aufrechtzuerhalten.

Ich erinnerte mich an die Theorie der Autopoiese, die ja besagt, daß wir bestrebt sind unseren Systemzustand immer wieder herzustellen.

Denn auch meine Interaktionsmuster unterliegen diesen Gesetzen, die ich allerdings bei anderen viel schneller entdecken kann.

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