Theater spielen
Conny Karlburger

 

Ein bis zwei Nachmittage der Woche arbeite ich in einer Freizeiteinrichtung für Menschen mit Behinderungen.

Die meisten BesucherInnen dieser Einrichtung arbeiten in geschützten Werkstätten, leben trotz ihres erwachsenen Lebens noch bei ihren Eltern und manche in betreuten Wohngemeinschaften. Der Freizeitbetrieb des Clubs ist für sie ein wichtiger Bestandteil ihres sozialen Lebens und bei vielen auch der einzige.

Seit einigen Jahren biete ich kreativen Tanz an und habe zu Beginn immer wieder versucht, den TeilnehmerInnen etwas "beizubringen", das sie nicht können. Es war nicht immer grundverkehrt, aber es war oft sehr anstrengend und manches Mal auch frustrierend, nur kleine, hart erworbene Lernerfolge zu bemerken.

Die Erkenntnis des halbvollen Wasserglases...

... begann unerwarteter Weise eines Tages auch in diesem Bereich zu greifen.

Ich begann mehr und mehr eine andere Brille aufzusetzen um zu sehen was denn diese Menschen alles können, anstatt sie vom "Nicht-können" wegbringen zu wollen. Der Wunsch von den BesucherInnen wieder einmal Theater zu spielen, kam gelegen und ich versuchte mit ihnen gemeinsam ein Stück zu entwickeln vom Ansatz des Könnens.

Zum Beispiel - Besucher L nimmt alles sehr genau, wiederholt das auch noch regelmäßig und hat exakte Vorstellungen wie, wann und wo etwas zu geschehen hat.

Ich könnte das nun als Ausdruck seiner autistischen Persönlichkeit sehen und versuchen es zu verändern (werde dabei ziemlich sicher scheitern)

oder

Ich betrachte es als sein Können und setze es in einen anders konstruierten Zusammenhang.

Dadurch bemerkte ich neben seiner Genauigkeit auch seine Verläßlichkeit. Und z.B. eine Rolle als Ober oder Polizist war ihm auf den Leib geschrieben. Seine hohe Körperspannung war wie geschaffen dafür.

Oder Besucherin C nimmt viele Dinge sehr persönlich und emotional und es kam immer wieder in Gruppensituationen zu eskalierenden Auseinandersetzungen. Des öfteren versuchten verschiedene KollegInnen und ich ihr zu erklären, daß sie es doch anders machen sollte.

Mit einem anderen Blickwinkel, in einem anderen Zusammenhang, ist dieses Verhalten dramaturgisch einzigartig. Melodramatische Rollen hätte niemand besser spielen können als sie.

Wir versuchten für alle, die an unserem Stück teilnehmen wollten, passende Rollen zu schneidern und daraus eine spannende, witzige Geschichte zu kreieren.

Es entwickelte sich eine nie zuvor dagewesene Begeisterung, Verläßlichkeit und vor allem eine Identifikation mit dem ganzen Ablauf. Das ist besonders bemerkenswert, weil es gerade in diesem Bereich sehr schwierig ist, einen kontinuierlichen Prozeß in Gang zu halten. Es kam zu mehreren gelungenen Aufführungen, beispielsweise auch zu einer öffentlichen im Rahmen eines Theaterfestivals für Menschen mit Behinderung im WUK.

Entscheidend war...

... mit Hilfe einer anderen Sichtweise und eines anders konstruierten Rahmens ihr vorhandenes Potential anzuerkennen.

Nicht die Behinderung oder Einschränkung war das Problem sondern das Wechselspiel, das oft zwischen Menschen mit anerkannten Behinderungen und denen "ohne" entsteht. Die "ohne" geben vor, was vorhanden sein muß oder was fehlt und die "mit" entsprechen und zeigen was sie alles nicht können.

Nach den ersten Aufführungen kamen manche ZuschauerInnen zu mir und erzählten mir über ihre Faszination und es war ihnen bewußt geworden, wie sie den einen oder anderen unterschätzt hätten. Einer gestand mir er hätte Bedenken gehabt es könnte peinlich werden.

Daraufhin ist mir klar geworden: Es kann nicht peinlich sein, wenn man sein Können präsentiert und dieses in einen stimmigen Zusammenhang stellt.

Besonders schmunzeln mußte ich, über die Bemerkung eines Angehörigen, der mir mitteilte, daß er durch die Aufführung seinen Sohn von einer ganz anderen Seite wahrgenommen und kennengelernt hätte. Er war fast beschämt diesen Teil früher nie gesehen zu haben.

Offensichtlich war es gelungen den ZuschauerInnen nicht nur etwas "Nettes" zu zeigen, sondern auch einen Lern- und Denkprozeß anzubahnen.

Weitere Auswirkungen dieser veränderten Sichtweise sind mir nicht bekannt, aber ich vermute sie sind unumgänglich.

Unsere Vereinszeitschrift BASYS erscheint zweimal pro Jahr und wird an alle Mitglieder des Vereins verschickt.

Sie bringt neben den Vereinsnachrichten wie Einladung zur Generalversammlung und Protokoll der Generalversammlung aktuelles Vereinsgeschehen, Pläne und Ideen des Vorstandes und von Mitgliedern sowie einen Terminkalender, in dem die nächsten Termine der Arbeitsgruppen und Fortbildungstermine zu finden sind. Vor allem aber bringt sie Artikel zur systemischen Theorie und Praxis.

Ein Großer Teil der Texte, die Sie auf dieser Homepage finden, wurde in unserer Zeitschrift (meist zum ersten Mal) veröffentlicht.

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