Symptomverschreibungen
Renate Pokorny

Wenn der Sozialarbeiter eine passende Idee hat kann es sich, z.B. bei sehr eingefahrenen Beziehungsmustern, lohnen, es mit einer Symptomverschreibung zu probieren. Natürlich bedarf dies einer gewissen Kenntnis des Klienten und seiner Lebensumstände, damit er - falls er sie wirklich befolgt - nicht noch schlechter dran ist.

Beispiel: Klient H. "Bewußt genießen"

Herr H. hatte nach seiner Pflichtschulzeit eine Lehre begonnen, abgebrochen, einige kürzere Arbeitsverhältnisse gehabt, und war nun schon über 1 Jahr arbeitslos, wohnte bei seiner Mutter, und beteuerte mir immer wieder er wolle ja so gerne arbeiten gehen, aber es finde sich nichts. Auch beim Arbeitsamt war er nicht gemeldet, obwohl er eventuell sogar Anspruch auf Arbeitslosengeld gehabt hätte.

Im Laufe einiger Gespräche kamen wird darauf, daß Arbeiten gehen für ihn mit der Phantasie verbunden war, dann müsse er von seiner Mutter wegziehen und selbständig werden. Diese Vorstellung ängstigte ihn, die Nähe und Geborgenheit, die es ihm vermittelte bei seiner Mutter zu wohnen, wollte er nicht vermissen. Er war der älteste Sohn seiner Mutter, welche inzwischen 4 Kinder aus 3 Ehen hatte, und war offenbar in seinem Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung der Mutter zu kurz gekommen, zumindest was Anerkennung und Liebe ohne dafür erbrachte Leistung betraf. Er konnte diesen Wunsch bei sich erkennen und ausdrücken.

Ich empfahl ihm, für die nächsten 2 Monate seine halbherzigen Versuche Arbeit zu finden zu unterlassen, und sich jedesmal, wenn er überlegen würde, auf Arbeitssuche zu gehen, dies bewußt zu unterlassen. Er sollte vor allem darauf achten, dieses Gefühl des "Versorgtwerdends" richtig auszukosten. Eigentlich konnte also nichts weiter passieren, als er bislang schon tat: daß er weiterhin keine Arbeit suchte.

Er "hielt" allerdings nur 3 Wochen "durch". Dann brauchte er Geld und kam sich auch, wie er mir sagte, "blöd vor", so absichtlich daheim herumzusitzen. Einen anhaltenden Effekt für die Betreuungsbeziehung hatte es außerdem: er versuchte mir gegenüber nicht mehr vorzutäuschen, arbeiten gehen zu wollen, wenn er lieber zu Hause blieb. Wir konnten also zu anderen Themen übergehen, denn damit war auch klar, daß er selbst Arbeit finden konnte, wenn er dies wollte.

Eine noch verblüffendere Wirkung hatte ein ähnliches paradoxes Verhalten bei einem anderen Klienten.

Beispiel: Klient N. übernimmt Verantwortung

Herr N., 19 Jahre alt, lebte zu Hause. Er und seine Mutter waren beim ersten Hausbesuch meinerseits anwesend. Als Thema wurden vom Klienten und seiner Mutter sofort die fehlende Arbeit für Herrn N. angesprochen. Sie erklärten mir beide, was er bisher gemacht hatte, und daß es so schwer ist Arbeit zu finden, beide hätten so gern, daß Herr N. Arbeit finden würde. Gleichzeitig erwähnten sie aber, daß Herr N. schon lange nicht einmal irgend etwas versucht hatte, um Arbeit zu finden, außer, daß er seine Freunde fragte, ob sie etwas für ihn wüßten, und selbst wen dem so war, war immer irgendein Grund - Arbeitszeit, Arbeitsort, Bezahlung, langweilige Tätigkeit etc. - warum er gerade diese Arbeit nicht annehmen konnte. Außerdem hätte er eben keine rechte Ausbildung, darum bekomme er keinen interessanteren oder besser bezahlten Job, etc.

Im Laufe dieses Gespräches informierte ich Herrn N. und seine Mutter welche Möglichkeiten es noch gäbe, Arbeitsamt, Zeitung, Berufsinformationszentren, Umschulungskurse, etc. Nichts davon erschien ihnen aber besonders interessant. Allerdings hatte ich den Eindruck, daß der Mutter von Herrn N. sehr wohl klar war, daß er eigentlich mehr unternehmen könnte, und sie war auch wesentlich interessierter zumindest den Anschein zu wahren, daß ihr Sohn "arbeitswillig" wie.

Irgendwie gab es eine stillschweigende Übereinkunft, daß eine "offizielle Version" präsentiert werden sollte, daß es an äußeren Hindernissen läge, daß Herr N. arbeitslos war, während es eine "verborgene Übereinkunft" zu geben schien, die es für Herrn N. und seine Mutter zu einer befriedigenden Tatsache machte, wenn er zu Hause und arbeitslos blieb.

Nachdem wir dieses Thema einige Zeit besprochen hatten, teilte ich dem Klienten und seiner Mutter mit, daß ich sehe, das Thema Arbeit wäre wichtig für sie. Es sei aber offensichtlich so, daß es für sie auch sehr positiv sei, wenn Herr N. nicht arbeiten ginge, denn sonst würde er es ja tun. Diese Tatsache könne ich natürlich nicht übergehen, denn wie käme ich dazu, mich derart einzumischen, ich würde sehr wohl respektieren, daß für beide (Mutter und Sohn) der derzeitige Zustand zwar mit Nachteilen verbunden, aber doch anscheinend vorzuziehen sei. Außerdem habe mich meine Erfahrung gelehrt, daß, wenn jemand arbeiten gehen wolle, er dies auch tue. Ich hätte vor allem den Eindruck, daß Herr N. und auch seine Mutter gescheit und informiert genug wären, um die nötigen Schritte in Richtung Arbeit zu tun, sollten sie sich dazu entschließen. Daher wäre es nur logisch, daß ich unnötigen Aufwand vermiede und in diesem Punkt nichts für Herrn N. unternehmen würde, es sei denn, er hätte einen ganz konkreten Wunsch an mich.

Beide - vor allem die Mutter - waren sehr verblüfft, da sie anscheinend erwartet hatten, daß ich nunmehr mit Herrn N. Pläne schmieden würde, wie er zu Arbeit kommt und wie ich ihm dabei helfen würde. Sie konnten aber dem positiven Anteil meiner Aussage, daß sie gescheit und informiert seien und ihr Recht auf Selbstbestimmung zu beachten sei, nicht widersprechen.

Eigentlich hatte ich erwartet, daß Herr N. auch bei meinem nächsten Hausbesuch - 14 Tage später - noch arbeitslos sein würde. Überraschenderweise hatte er jedoch eine Arbeit gefunden. Es erschien mir zumindest nicht auszuschließen, daß meine Intervention zu dieser Veränderung beigetragen hat, da sich sonst keine Umstände in seiner Lebenssituation verändert hatten. Meine Vermutung ist, daß "nicht arbeiten gehen" als "bewußter und offensichtlicher Entschluß" für Mutter und/oder Sohn nicht mehr durchzuhalten war.

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