Bianca: Wie verhält man sich als Lehrling?
von Kurt Sattlegger

Das Erstgespräch mit Bianca hinterließ folgenden Eindruck bei mir: ein ehrgeiziges Mädchen, das so schnell wie möglich eine Lehrstelle möchte, das aber ansonsten ziemlich uninteressiert an Gesprächen und Regeln ist. Aus der Berufsorientierung wurde ein Konflikt berichtet, der erst noch beizulegen war und der von Bianca offensichtlich nicht korrekt berichtet wurde, sie stellte Schutzbehauptungen auf, die sie nach und nach zurücknehmen musste.

Ein paar Tage später gab es auch Gelegenheit, die Mutter kennen zu lernen, die sich als sehr energische, laute und durchsetzungsstarke Person präsentierte.

Bianca war für den Bürobereich bei uns gemeldet. Die Mutter sei aber gut bekannt mit der Chefin eines großen Möbelhauses und Bianca könne dort als Verkäuferin anfangen, was sie auch interessierte.

Wir nahmen also Kontakt mit besagter Chefin auf, mit der wir seit längerer Zeit zusammenarbeiten. Ein Praktikum sei möglich, die Mutter, stellte sich heraus, putzte privat ab und zu für die Chefin.

Bianca trat das Praktikum an, nach ca. einer Woche erkundigte ich mich im Geschäft wie es denn mit ihr gehe. Die Antwort war leider nicht allzu positiv: sie könne zwar gut arbeiten (fleißig, genau), ihr Verhalten lasse aber sehr zu wünschen übrig. Die Klagen im Einzelnen: mit anderen Lehrlingen gebe es Streit, dabei würden sich sonst alle im Betrieb gut vertragen, auch gegenüber Vorgesetzten verhalte sie sich nicht offen und ehrlich, sondern mitunter schnippisch und unehrlich. Und schließlich habe sie im Zug von der Arbeit nach Hause schlecht über die Firma geredet, was irgendwie ebendort gelandet sei.

Keine guten Voraussetzungen, aber man wolle ihr noch eine Chance geben.

Also: Coachingeinsatz! Und zwar mit einem gewissen Zeitdruck, denn eine Veränderung sollte bald spürbar sein, sonst drohte eine Absage.

Die erste Herausforderung war aus meiner Sicht, über das Problem, das sie offensichtlich in Kontakt mit den Mitarbeitern hatte, so zu sprechen, dass sie sich nicht verteidigen musste und alles abstritt. Das konnte sie gut und tat sie automatisch, wie ich aus oben erwähntem Konflikt wusste.

So begann das Gespräch auch. Der Kreislauf: Bianca wird beschuldigt, sie wehrt es reflexartig ab, kämpft um ihre Haut, kam in Gang. Angesprochen auf konkrete Beispiele leugnete sie, soweit es ging, verstrickte sich in Widersprüche usw.

Das wäre wohl der Augenblick, in dem ihr Gegenüber gewöhnlich wütend reagiert und das Spiel kann eskalieren.

Also musste ich was anderes tun. Ich stellte die strittigen Punkte nicht als Vorwurf dar, sondern als interessantes, in manchen sogar komisches Problem dar, den man auf den Grund gehen könne: Also in der Art: „Ah, du hast auf deine Vorgesetzte in dieser Situation so reagiert  - und das hatte dann die Auswirkung und landete bei der Chefin, spannend!“ Wenn man diese Auswirkungen verstehen könnte, dann würde sie noch besser sein als jetzt schon („Arbeiten kann sie ja“).

Da konnte Bianca mitziehen und die Vorgänge auch interessant finden, sie konnte die Kommunikationsschwierigkeiten ein wenig wie ein Spiel sehen. Mir schien auch, dass sie durch ihre schnippische Art Selbstbewusstsein zeigen wollte, auf diese Weise Anerkennung suchte. Schließlich konnten wir uns auf eine Problemdefinition einigen (bestimmte Verhaltensweisen haben verblüffenderweise negative Auswirkungen) und anschließend darüber reden, ob sie etwas tun könne, um ihre Situation angenehmer und Erfolg versprechender zu gestalten.

Durch ihren Schwenk aus der Verteidigungsposition konnte sie überraschend schnell interessante Lösungsansätze präsentieren. Sie skizzierte eine Verhaltensmöglichkeit gegenüber Kollegen und Vorgesetzten, die dem, was man sich in der Firma unter dem Verhalten eines Lehrlings vermutlich vorstellt, sehr nahe kam: Anerkennung finden durch zuverlässige Arbeit und höflichen Umgangston.

So weit so gut. Erfahrungsgemäß ist die Einsicht und ein positives Vorhaben in solchen Situationen mit eingeübten Verhaltensweisen aber noch nicht die halbe Miete. Die Umsetzung gelingt nur schwer.

Also systemisch. Ich äußerte Zweifel, dass sie das kann, noch dazu in der kurzen Zeit. Ich unternahm also den Versuch, die an sich starke Persönlichkeit, die sich gewöhnlich gegen Vorschriften und Vorgesetzte wandte, anzuregen, gegen meinen Zweifel schlagend zu werden. Biancas Reaktion war interessant: es war als richtete sich innerlich und auch äußerlich auf, dann sagte sie: „Natürlich kann ich das.“

Wir sprachen dann noch genauer darüber, wie sie das merken würde, wenn sie sich anders verhält, wie es die anderen merken könnten usw.

Die Wirkung war verblüffend. Als ich nach etwa einer Woche wieder im Geschäft nachfragte, hieß es, sie habe sich völlig verändert und man arbeite jetzt gerne mit ihr.

Das hielt einige Wochen an. In den weiteren Gesprächen mit Bianca tat ich zweierlei: 1. ihr zu zeigen, dass  mich ihr Fortkommen interessiert und dass ich ihre Veränderungen wertschätze. 2. Meiner Sorge Ausdruck verleihen, dass es bei solch plötzlichen guten Entwicklungen zu Rückschlägen kommen kann und man da sehr aufpassen muss (nach de Shazer).

Die Sache ging gut, die Zufriedenheit hielt auf beiden Seiten an.

Nach etwa einem Monat musste die Chefin aber wegen der Wirtschaftskrise absagen (sie konnte wegen einer Vorgabe der Zentrale keinen zusätzlichen Lehrling aufnehmen). Sie tat das mit schlechtem Gewissen, weil sie an Bianca nichts auszusetzen hatte. Wenige Tage später fand Bianca eine Bürostelle (die ich ihr vorher nie zugetraut hätte) und von Anfang an war man begeistert von ihr. Die Übernahme ist vereinbart.

Unsere Vereinszeitschrift BASYS erscheint zweimal pro Jahr und wird an alle Mitglieder des Vereins verschickt.

Sie bringt neben den Vereinsnachrichten wie Einladung zur Generalversammlung und Protokoll der Generalversammlung aktuelles Vereinsgeschehen, Pläne und Ideen des Vorstandes und von Mitgliedern sowie einen Terminkalender, in dem die nächsten Termine der Arbeitsgruppen und Fortbildungstermine zu finden sind.

Vor allem aber bringt sie Artikel zur systemischen Theorie und Praxis.

Ein Großer Teil der Texte, die Sie auf dieser Homepage finden, wurde in unserer Zeitschrift (meist zum ersten Mal) veröffentlicht.

Eine Liste aller bisher (Seit 1996) in BASYS erschienenen Artikel finden Sie hier.

Und hier eine Übersicht über alle bisherigen Rezensionen.

Natürlich können Vereinsmitglieder auch Kleinanzeigen veröffentlichen.

Auf Anfrage schicken wir Ihnen gern ein Heft zur Ansicht:

Wenn Sie BASYS regelmäßig bekommen wollen, können Sie Mitglied werden.

 


zur Startseite