Gabi: Die "einzige Vernünftige"
von Kurt Sattlegger

Gabi wurde mir von den Kollegen, die bislang mit ihr zu tun hatten, als zuverlässiges Mädchen beschrieben, mit der etwas anzufangen sei. Sie hat nach einer kooperativen Mittelschule – einem Mittelding aus Hauptschule und Gymnasium -  (sehr gutes Zeugnis), die Handelsakademie (eine Wüste aus „nicht Genügend“) und danach den Polytechnische Lehrgang (gerade noch positiv) besucht.

Ihre Eltern stammen aus Rumänien, sie ist aber in Österreich aufgewachsen.

Ihr Berufswunsch war Bürokauffrau, weil dieser Beruf im Rahmen der Maßnahme aber nicht ausgebildet werden darf (AMS-Vorgabe), ist sie als Speditionskauffrau gemeldet – alle anderen verwandten Lehrberufe (einschließlich Bürokauffrau) stehen ihr damit offen.

Der Erstkontakt mit ihr hinterließ mich ratlos, aber neugierig. Ich nahm sie als sehr zurückhaltend, aber aufmerksam war. Sie sagte nie etwas Unnötiges, alles war gut überlegt und knapp. Dabei sprach sie mit weicher, ein bisschen kindlicher Stimme. Letztere kontrastierte für mich mit dem Gesamteindruck eines unglaublich reifen, überlegten, niemals scherzenden oder flapsigen, stets warmherzig blickenden 16-jährigen Mädchens.

Ich sagte also zu meinem Kollegen: „Bei der blick’ ich nicht durch.“

Ich hielt es in diesem Fall für angebracht selbst auf Praktikumssuche zu gehen, weil ich nicht den Eindruck hatte, dass sie sich am Telefon optimal präsentieren kann – trotzdem hatte auch sie gleichzeitig den Auftrag, sich zu bewerben.

Nach ein paar Tagen fand ich eine interessante Praktikumsstelle in einer Spedition und ich gab ihr telefonisch den Auftrag, per Internet zu überprüfen, ob die Firma für sie gut erreichbar ist. Prompt kam per SMS ein „Ja“. Fein, ich führte mit der Firma die weiteren Verhandlungen, die aber abgebrochen wurden als mir Gabi am nächsten Tag telefonisch mitteilte, dass sie die Stelle nicht antreten konnte, weil sie in Wien bei ihren Freund und nicht mehr bei ihren Eltern in Niederösterreich wohnte.

Eine Besprechung brachte die Details an den Tag: mit den Eltern zerstritten, die stritten ununterbrochen miteinander, sie eben seit einigen Tagen beim Freund.

Nach etwa 10 Tagen gelang es mir, eine Praktikumsstelle in Wien zu finden, Gabi trat den Dienst an. Nach etwa einer Woche gab es ein erstes ausführliches Gespräch mit ihrem Ausbildner mit gemischter Bilanz: Gabi sei sicherlich geeignet für den Beruf und habe gut gestartet. In letzter Zeit habe es aber Klagen über ihr mangelndes Engagement gegeben. Gabi berichtete Ähnliches oder zumindest Komplementäres: zunächst war sie extrem erfreut über das gute Betriebsklima und die freundliche Aufnahme, dann tat sie sich schwer, weil man sich zu wenig um sie kümmere, ihr zu wenig zeige.

Die Arbeit an dieser Situation fand nicht mehr statt. Das Praktikum wurde abgebrochen, weil Gabi wieder bei ihren Eltern wohnte. Einige Tage reiste sie zwar von dort zur Firma an, aber die 2,5stündige Anreise mit mehrmaligem Umsteigen konnte nicht aufrechterhalten werden.

Es begannen eine längere erfolglose Praktikumssuche und der Beginn des systemisch orientierten Coachings - das heißt der Versuch, verschiedene Techniken (z.B. zirkuläres Fragen) und Sichtweisen (gegenseitige Bedingtheit, Zirkularität, Lösungsfokussierung) bewusst in der Praxis anzuwenden.

Bislang war ich Problemen, die offensichtlich aus schwierigen familiären Verhältnissen resultierten, relativ machtlos gegenüber gestanden. Natürlich wurde mit dem Teilnehmer darüber gesprochen, es wurden Strategien entwickelt, wie er besser damit umgehen könnte. Auch mit den betroffenen Eltern wurde gesprochen, vielleicht sogar die Jugendwohlfahrt zugezogen. Aber nichts von alldem hatte sich in der Vergangenheit als besonders erfolgreich erwiesen.

Aber jetzt, geschult in systemischen Verstehen und Intervenieren, sollte doch etwas möglich sein. Dabei ging ich davon aus, dass es ja reichte, wenn nur ein Mitglied eines Systems sich ändert, um das ganze System zu verändern.

Beim nächsten Coachingtermin begann ich bewusst mit zirkulären Fragen und es eröffnete sich ein ziemlich umfangreiches Bild von Gabis subjektiv größtem Problem, ihrer familiären Situation. Aus der Bereitwilligkeit und Ausdauer, mit der sie Auskunft gab, schloss ich, dass sie durch die vorhergehenden Gespräche Vertrauen in mich als ihren Betreuer gefasst hatte und auch, dass es nicht viele Erwachsene oder überhaupt Menschen gab, denen sie sich anvertrauen konnte.

Auffällig war auch ihr, besonders für eine 16jährige und unmittelbar Betroffene, hohes Reflexionsvermögen. Zusammengefasst ergab sich das Bild, dass sie es zu Hause nicht mehr aushielt, weil ihre Eltern dauernd miteinander stritten, sie aber auch nicht zu ihrem Freund zurück wollte, weil das Wohnen bei ihm (als Hilfesuchende) ihre Beziehung verschlechterte.

Die Streitereien der Eltern waren gerade wieder einmal eskaliert, der Vater war auf und davon, sie und ihre Schwester hatten ihn dann nächtens gesucht und zur Heimkehr überredet. Der Vater meinte, er wäre die ganzen Jahre nur wegen der Kinder bei seiner Frau geblieben.

Deutlich wurde auch die eigenartige Rolle, die Gabi, jünger als ihre Schwester, übernommen hatte. Sie sei die einzig Vernünftige in der Familie, so Gabi, alle anderen sehr temperamentvoll. Der Vater, zum Teil auch die Mutter und die Schwester würden sie als Anlaufstelle verwenden, um sich über andere Familienmitglieder zu beschweren oder sie aufzufordern für Ordnung zu sorgen.

Die Streitereien zwischen den Eltern gingen schon über viele Jahre, der einzige Grund, warum sie noch nicht geschieden seien, so der Vater gegenüber Gabi, seien eben die Kinder.

Dass man so lange Zeit trotz aller Probleme zusammenbleibt fand ich bemerkenswert und meinte gegenüber Gabi, dass sich ihre Eltern offensichtlich sehr liebten (Umdeutung), sonst wären sie nicht trotz all der Probleme solange zusammengeblieben. Viele andere Paare hätten sich längst scheiden lassen (Wertschätzung, Umdeutung). Außerdem sprach ich zur 16jährigen darüber, wie kompliziert Paarbeziehungen gewöhnlich sind, dass Schwierigkeiten, auch emotional ausgetragene, nichts Außergewöhnliches sind, sondern Normalität.

Inspiriert von Familientherapeutischen Ansätzen (Hellinger) stellte ich mehr Fragen zu ihrer Rolle. Es stellte sich heraus, dass Gabi versuchte, die bessere Mutter zu sein, ihre Mutter erlebte sie als viel zu impulsiv und unüberlegt. Hier teilte ich ihr in Hellinger-Nachfolge die Weisheit mit, dass sie das nicht könne, und zwar nicht weil sie nicht klug oder stark genug sei, sondern weil das einfach nicht ihre Rolle im Familiensystem sei. Sie könne das nicht tragen, zumindest nicht so, dass es zu einer Bereinigung der Lage kommt.

Sie nahm das überraschend interessiert und offen auf. Das und ihr hohes Reflexionsvermögen brachten mich dazu, die Vermutung zu äußern, dass sie Teil des Problems ist. Sie war überrascht und wollte eine Erklärung. Ich teilte ihr meine Sicht der Situation mit: es sei ein eingespieltes System, jeder habe seine Rolle und jeder spiele diese Rolle mit ganzer Energie und vollem Einsatz: der Vater, die Mutter, Gabi (die Schwester ließ ich außen vor, weil sie mir nicht entscheidend erschien). Es sei nach systemischer Theorie davon auszugehen, dass das Problem auf diese Weise – durch mehr desselben – nicht zu lösen sei. Irgendwer müsse irgendwas anderes machen.

Gabi wollte wissen wer und was. Ich meinte z.B. sie und wir erarbeiteten mit zirkulären Fragen Möglichkeiten für ihr Anderssein in der Familie. Nach relativ kurzer Zeit ergab sich eine Möglichkeit, nämlich dass Gabi sich ganz auf die Rolle als Tochter zurückzog, nicht versuchte die Situation zu kontrollieren oder zu regeln. Dann wurden befürchtete Wirkungen besprochen (die Eltern könnten sich sofort scheiden lassen), und relativiert, was relativ einfach war. Wichtig war nach meiner Wahrnehmung auch die Vorstellung, dass sie später in einer eigenen Familie dann die Mutterrolle einnehmen konnte, das machte sie anscheinend glücklich.

Gabi ging also vom Coaching mit dem Bild und dem Vorhaben, Tochter zu sein.

Nach etwa einer Woche traf ich Gabi wieder. Die Eltern hatten sich versöhnt, strahlte sie, dabei habe sie gar nichts gemacht, sich nur einfach um nichts gekümmert.

Erstaunlich für mich war die rasche und anhaltende Änderung in ihrem Familiensystem. Auch nach drei Monaten war die Situation in der Familie stabil.

In einem weiteren Coachingtermin wurde ein anderes Phänomen deutlich, das der Ausbildner in ihrer ersten Praktikumsstelle als „Zurückhaltung und Passivität“ beschrieben hatte. Im Gespräch wurde klar, dass Gabi auch in der Praktikumsfirma versucht hatte, die Kontrolle, ähnlich wie früher in ihrer Familie, über die Gesamtsituation zu haben. Das heißt sie begann die Mitarbeiter genau zu beobachten, sich Gedanken darüber zu machen, was jeder anders oder besser machen könnte usw. Sie suchte auch Fehler bei ihren Vorgesetzten und entwarf im Kopf Szenarien, wie die ihre Arbeit effizienter machen könnten. Das war natürlich hoffnungslos und konnte nur zu Passivität führen. Analog zur „Tochterrolle“ wurde die „Lehrlingsrolle“ plastisch gemacht, sie brauchte nichts zu tun als „einfach“ Lehrling zu sein.

Nach wie vor ging es darum Gabi in Arbeit zu bringen. Da sich Gabi offenbar in ihrer Familie in einem Netz von dysfunktionalen Beziehungen befunden hatte (siehe Milowiz, 1998, S. 5), keimte bei mir die Hoffnung, dass nunmehr mehr Energie für andere Lebensbereiche zur Verfügung stehen würden.

In den etwa 5 Wochen, in denen sie wieder in Niederösterreich wohnte, wurde über einen Kollegen zu zwei Ausbildungsbetrieben Kontakt aufgenommen, die möglicherweise ein Praktikum „mit Aussicht“ zu bieten hatten. Mit beiden arbeiten wir schon jahrelang erfolgreich zusammen. In den quälenden Wochen schafften beide keine Entscheidung und vertröstete meinen Kollegen von einem Tag auf den nächsten. Diese seltsame Blockade löste sich plötzlich als sich die Familiensituation wie beschrieben entspannt hatte. Die erste Firma sagte ab, die zweite zu. Das hielt allerdings nicht, weil man entdeckte, dass Gabi im falschen Bezirk wohnt (Ausbildungsplatz ist eine Gebietskörperschaft und die wollen nur Lehrlinge aus ihren Bezirk). Zurzeit macht Gabi zur vollen Zufriedenheit ein Praktikum.

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