Systemisches Denken und die Polizei
Veronika Spannring

 

Die Zusammenarbeit zwischen dem Schlupfhaus und der Polizei war von Anfang an nicht sehr gut. Wir hatten das Bild von einer Polizei, die für die Jugendlichen nachteilig arbeitet, bei Vernehmungen Kompetenzen überschreitet, im Umgang mit Jugendlichen überfordert ist und der Einrichtung Schlupfhaus gegenüber mißtrauisch ist.
Wir vermuteten, daß die Polizei von uns glaubte, daß wir aus Prinzip gegen sie arbeiten, daß wir Ihnen Informationen, die ihnen zustehen, vorenthalten und daß wir Jugendliche vor ihnen schützen, auch wenn es nicht gerechtfertigt ist. Auf dieser Basis konnte die Zusammenarbeit nicht funktionieren. Beide Seiten waren hoch sensibilisiert und manchmal fielen die Unstimmigkeiten auch auf die Jugendlichen zurück.

Das änderte sich durch ein Schlüsselerlebnis in der systemischen Aufstellung:

In einer Supervision wurde ein Fall aufgestellt, den ein Bewährungshelfer einbrachte. Verschiedene Institutionen arbeiteten in diesem Fall zusammen und die Supervisorin stellte das Jugendamt und die Bewährungshilfe wie Mutter und Vater hin.

Für mich war das ein Schlüsselerlebnis für die Zusammenarbeit mit der Polizei. Betrachtete ich unsere Zusammenarbeit mit der Polizei durch die Elternbrille, sah ich, daß wir eigentlich Partner sind. Partner zeichnen sich durch zwei Eigenschaften aus: es gibt ein gewisses Maß an gegenseitiger Wertschätzung und sie haben ein gemeinsames Ziel. Uns verband die Tatsache, daß Jugendliche straffällig wurden oder knapp davor waren, straffällig zu werden, auch, wenn wir verschiedene Aufgabenbereiche und deshalb auch andere Zugänge hatten. Meine Vorstellung über die Arbeit der Polizei entstand einerseits durch Vorurteile, andererseits durch die Erfahrungen, die ich in der täglichen Arbeit gemacht hatte.

Die Polizeibeamten haben mit den Jugendlichen hauptsächlich bei Vernehmungen und bei Raufereien zu tun, d.h., in erster Linie geht es darum, darauf zu achten, daß die gesellschaftlichen und rechtlichen Regeln beachtet und Grenzen gesetzt werden. Unsere Aufgabe ist es, Gesprächs- und Betreuungsangebote zu machen. Die Jugendlichen sollen das Schlupfhaus für eine Verschnaufpause nützen können. Straftaten stehen nicht im Mittelpunkt, außer, es liegt etwas Aktuelles vor oder die Jugendlichen sprechen von sich aus darüber.

Durch die Elternbrille erkannte ich eine väterliche und eine mütterliche Seite und sah ein Elternpaar mit einem uneinheitlichen Erziehungsstil und ein Kind dazwischen, das sich nicht auskannte.

Ich lernte, anzuerkennen, daß die Polizeibeamten für viele Jugendliche eine wichtige Funktion übernahmen: Sie besetzten den väterlichen Anteil, der in vielen Lebensgeschichten fehlte oder nicht ausreichend präsent war.

In der Folge entschärfte sich mein Standpunkt und meine Vorstellung davon, wie mit den Jugendlichen umzugehen ist. Ich konnte auch anderes gelten lassen; und aus Entweder/oder wurde Sowohl/als auch. Dadurch wurde es mir möglich, aus dem Konkurrenzverhältnis etwas herauszutreten und die Zusammenarbeit wurde leichter.

Die Wirkung

Die Wirkung meines Positionswechsels konnte ich wenig später im Gespräch mit 2 Polizeibeamten zum ersten Mal feststellen. Sie kamen ins Schlupfhaus, weil sie eine abgängige Jugendliche suchten und nahmen Einsicht ins Gästebuch. Wir kamen ins Gespräch und sie zeigten sich fassungslos darüber, daß ein Sofa, daß beinahe neu war, in kurzer Zeit so einen abgenutzten Eindruck machen konnte. Wie schaut's denn hier aus? Die Jugendlichen zerstören wohl alles? Was machen die überhaupt hier? Ihnen geht es zu Hause eh' gut. Die meisten Familien dieser Kinder kenn ich, deren Müller tun ja eh alles für ihre Kinder! Ich wartete die erste Aufregung ab und erklärte den Beamten dann meine Sicht:

Auch ich sehe, daß die meisten Mütter unserer Jugendlichen alles tun für ihre Kinder, in dem Sinn, daß sie ihre Kinder gewähren lassen. Vielfach wird aber verabsäumt, den Kindern Grenzen zu setzen und Konsequenzen aufzuzeigen. In vielen Familien fehlt der Vater oder er beteiligt sich nicht an der Erziehungsarbeit. Die Mütter sind mit der alleinigen Belastung oft überfordert. Ich sagte den Beamten, daß ich einen Grund, warum manche Jugendliche soviel mit der Polizei zu tun haben, darin sehe, daß diese Jugendlichen auf der Suche nach einem Vater sind und jemanden brauchen, der ihnen Grenzen setzt. Dieses Gespräch war die Grundlage für eine weitere, intensivere Zusammenarbeit. Es wurde klar, daß beide Institutionen das gleiche Ziel verfolgen, dabei unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung haben und den Jugendlichen unterschiedliche Angebote machen können, die sich gegenseitig ergänzen.

Unsere Vereinszeitschrift BASYS erscheint zweimal pro Jahr und wird an alle Mitglieder des Vereins verschickt.

Sie bringt neben den Vereinsnachrichten wie Einladung zur Generalversammlung und Protokoll der Generalversammlung aktuelles Vereinsgeschehen, Pläne und Ideen des Vorstandes und von Mitgliedern sowie einen Terminkalender, in dem die nächsten Termine der Arbeitsgruppen und Fortbildungstermine zu finden sind. Vor allem aber bringt sie Artikel zur systemischen Theorie und Praxis.

Ein Großer Teil der Texte, die Sie auf dieser Homepage finden, wurde in unserer Zeitschrift (meist zum ersten Mal) veröffentlicht.

Eine Liste aller bisher (Seit 1996) in BASYS erschienenen Artikel finden Sie hier.

Und hier eine Übersicht über alle bisherigen Rezensionen.

Natürlich können Vereinsmitglieder auch Kleinanzeigen veröffentlichen.

Auf Anfrage schicken wir Ihnen gern ein Heft zur Ansicht:

Wenn Sie BASYS regelmäßig bekommen wollen, können Sie Mitglied werden.

 


zur Startseite