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Herr
H.: Vom Alkoholiker zum Pflegehelfer |
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Die folgende Fallgeschichte ereignete sich in meiner Arbeitsstelle. Es handelt sich dabei um einen Berufsfindungskurs für längerfristig erwerbslose Frauen und Männer, dem das Ziel zugrunde liegt, den KursteilnehmerInnen im Zeitraum von sechs Monaten Arbeitstraining und berufliche Orientierung anzubieten. Es ist ein niederschwelliges Angebot, was bedeutet, dass die BeraterInnen des Arbeitsmarktservices all diejenigen dorthin vermitteln, die weder am ersten Arbeitsmarkt noch bei anderen, höherschwelligen Maßnahmen den Wiedereinstieg schafften. Oftmals handelt es sich dabei um Personen mit Multiproblematik, was neben dem Vermittlungsauftrag die sozialpädagogische Begleitung einen großen Stellenwert einnehmen lässt. Zu dem Zeitpunkt, als Herr H. erstmals Kontakt zum Berufsfindungskurs hatte, war er 37 Jahre alt, geschieden und hatte eine sechzehnjährige Tochter, zu der er seit der Scheidung kaum Kontakt pflegte. Darüber hinaus hatte er bis auf die letzten drei Jahre einen lückenlosen Lebenslauf als Fleischer mit Lehrabschlussprüfung vorzuweisen. Zum Zeitpunkt der Bewerbung um einen Kursplatz war er Alkoholiker, obdachlos beziehungsweise schlief er gelegentlich in einer Notschlafstelle und hatte ein dementsprechend vernachlässigtes äußeres Erscheinungsbild. Er erzählte, dass er bis vor seiner Scheidung vor drei Jahren ein geregeltes Leben mit Arbeit, gutem Verdienst und glücklichem Familienleben geführt hatte. Doch aufgrund der Scheidung und seiner darauf folgenden Alkoholkrankheit sowie seiner Selbstaufgabe war er auf der Straße gelandet. Er schien hinsichtlich eines Kurseinstieges sehr motiviert zu sein und zeigte Interesse für die berufliche Orientierung in der Altenhilfe und im Metallbereich. Aufgrund seines Alkoholproblems schloss ich die Perspektive in der Pflege fürs Erste aus, ließ ihm allerdings die Option offen, bei Veränderung seiner gesundheitlichen Situation ein Praktikum in diesem Bereich absolvieren zu können. Er sah in einem baldigen Kurseinstieg eine Unterstützung hinsichtlich eines geringeren Alkoholkonsums. Abstinenz war für ihn zu diesem Zeitpunkt kein Ziel, weil auch eine dreiwöchige stationäre Entwöhnung nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte. Nach Kursbeginn schaffte er es eine Zeitlang relativ nüchtern zu erscheinen und zeigte auch im Arbeitsbereich gute Leistungen sowie wichtige Arbeitshaltungen wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Lernbereitschaft und Ausdauer. Hinsichtlich seiner Wohnsituation hatte sich noch keine Lösung ergeben. Ich hatte ihm Unterstützung bei der finanziellen Absicherung zugesagt, sofern er ein konkretes Angebot vorlegen konnte. Insgeheim traute ich ihm aber nicht zu, dass er sich selbst eine Wohnung organisierte. Auch sein Alkoholkonsum nahm wieder derart zu, dass ich ihn einige Male nicht arbeiten lassen konnte, sondern nach Hause schicken musste, was zur Folge hatte, dass er für diese Tage kein Geld erhielt. Ich versuchte ihm in mehreren Gesprächen aufzuzeigen, dass er seine Sucht nicht allein in den Griff bekommen würde. Doch meine Botschaften schienen nicht anzukommen, und ich nahm einen wachsenden Ärger an mir wahr, der nach außen hin merkbar wurde. Er hielt zwar alle vereinbarten Gesprächstermine bei mir verlässlich ein, doch ich nahm wahr, dass er nicht gern zu mir kam und er spürte, dass ich ihm nichts zutraute. Eines Tages hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mir klar machte, warum sich keine Veränderung einstellte. Ich erhielt einen Anruf von der Schwester von Herrn H., die bei mir vergeblich Einkünfte über seine Arbeitsleistungen und seine Einkommenssituation zu eruieren versuchte. Des weiteren meinte sie, dass meine Arbeit sinnlos sei, weil ihr Bruder es ohnehin nicht schaffen werde, und schilderte mir ausführlich, was er alles nicht tat, um ein "normales Leben" zu führen. Herr H. bewegte sich also in einem System - in diesem Fall in einem Familiensystem -, das sich genaue Regeln aufgestellt hatte, was unter dem so bezeichneten "normalen" Leben zu verstehen war. Herr H. nahm somit eine Außenseiterposition in diesem System ein, weil er dem nicht entsprach.
Aufgrund dieser theoretischen Überlegungen wurde mir auf einmal klar, dass Herr H. nicht das für ihn vorgesehene "normale" Leben führte, sich somit in einer Außenseiterposition innerhalb seines Familiensystems befand und stets mit enormer Ablehnung sowie mangelndem Zutrauen konfrontiert war. Ich war in das selbe Verhaltensmuster gefallen wie das, das er schon kannte, was wiederum erklärte, warum keine Veränderung passieren konnte. Durch meine Haltung wurde für ihn klar, dass er es wieder einmal nicht beweisen konnte, es doch zu schaffen. Zur besseren Illustration zeige ich den Kommunikationskreislauf zwischen ihm und mir auf: Ich musste den Kreislauf durchbrechen, indem ich anfing, mein Verhalten zu ändern. Nur so bekam Herr H. die Chance, auch anders reagieren zu können. Bei meinem nächsten Gespräch mit Herrn H. legte ich deswegen vor allem darauf Wert, nach Ansatzpunkten zu suchen, um ihm Komplimente dafür zu machen, was ihm bisher alles gelungen war. Dazu zählte der Kurseinstieg, seine konstante Arbeitsleistung, die Tage, an denen er es geschafft hatte, nüchtern in die Arbeit zu kommen, das verlässliche Einhalten von Gesprächsterminen mit mir sowie den Umstand, dass er trotz seiner Rückfälle nicht wieder ganz zu trinken begonnen hatte. Zum Abschluss des Gesprächs wünschte ich ihm für seine Wohnungssuche noch viel Erfolg und teilte ihm mein Interesse über etwaige Angebote mit.
Bereits eine Woche später hatte Herr H. eine Wohnung gefunden und mit seinem Monatseinkommen die erste Miete eingezahlt, anstatt das Geld zu vertrinken. Zwei Wochen lang schaffte er es auch, nüchtern zu kommen. Doch dann fing er wieder an, auszufallen und wieder vermehrt zu trinken. Er informierte mich allerdings telephonisch darüber und bat mich trotz Krankenstandes um einen Termin. Zu
diesem Termin erschien Herr H. relativ nüchtern und meinte, nicht
mehr weiter zu wissen, und dass er auch nicht mehr daran glaubte, ohne
Alkohol leben zu können.
Herr H. erzählte mir davon, dass er es einmal über ein halbes Jahr geschafft hatte, nüchtern zu bleiben. Er betrieb damals viel Sport, hatte Freunde, die ihn dabei unterstützten und ging auch einer Arbeit nach, die ihm Spaß machte. Ich ließ mir diese Punkte im Detail schildern und fragte anschließend, ob er im Moment eine Unterstützung zur Abstinenz darin sah, diese erfolgreichen Strategien wieder anzuwenden. Da er sich das vorstellen konnte, wünschte ich ihm für sein Gelingen viel Glück und vereinbarte einen neuen Termin in zwei Wochen. Beim folgenden Gespräch berichtete er mir mit strahlendem Gesicht seine Erfolge, und ich fragte erneut detailliert nach seinen Strategien, um ihm eine weitere Vertiefung zu ermöglichen. Ich konnotierte seine Erfolge positiv und gab ihm zum Abschluss des Gespräches noch den Auftrag, von dem, was ihn bisher bei der Abstinenz unterstützt hatte, mehr zu tun.
Herr H. war ab diesem Zeitpunkt nicht gänzlich abstinent, die Abstände seiner Rückfälle wurden jedoch immer größer und auch der Rückfall an sich dauerte nur mehr in etwa einen Tag. Auch in diesem Zusammenhang waren keine Vorwürfe oder Unverständnis von mir zu hören beziehungsweise zu spüren, sondern ich machte ihm Komplimente dafür, dass er es schaffte, aus dem Rückfall so schnell wieder heraus zu kommen, und erarbeitete immer wieder Ausnahmesituationen in seinem Handeln, wobei er seine Strategien immer mehr erweitern konnte. Darüber hinaus erzählte er mir jedes Mal ehrlich von seinem Rückfall und schob keine "andere Krankheit" vor, was auf eine kooperative sowie vertrauensvolle Beziehung schließen ließ. Des weiteren hieß das für mich, dass ich es geschafft hatte, aus dem ihm so bekannten Muster auszusteigen, was ihm wiederum ermöglicht hatte, neue Verhaltensweisen auszuprobieren und somit andere als die bisher destruktiv erlebten Reaktionen ihm gegenüber zu erleben. Des weiteren achtete er in größerem Ausmaß auf sein Äußeres und legte besonderen Wert auf Hygiene. Nach einer weiteren Zeit kam Herr H. von sich aus auf die Perspektive der Altenhilfe zu sprechen. Er fühlte sich nun körperlich und psychisch bereit, sich einem vierwöchigen Praktikum zu stellen. Ich zeigte mich dieser Perspektive gegenüber prinzipiell aufgeschlossen und erarbeitete mit ihm Befürchtungen, Erwartungen und die Motivation zur Absolvierung einer Ausbildung, die in diesem Bereich unumgänglich ist. Herr. H. vereinbarte für die kommende Woche einen Vorstellungstermin für ein Praktikum im Altenheim der Caritas. Nach seinem Termin erschien er im Berufsfindungskurs, und ich erkannte ihn kaum wieder. Sein äußeres Erscheinungsbild hatte sich derart verändert - er hatte einen neuen Haarschnitt und trug saubere sowie elegante Kleidung. Eine Woche später begann er sein Praktikum, im Rahmen dessen wir wöchentlich Gespräche vereinbarten. Er schien mit jedem Tag mehr "aufzublühen", und auch die Rückmeldung von meinen KollegInnen war durchaus positiv. Das führte soweit, dass sein Kurs verlängert wurde, damit er die Aufnahmeprüfung für die Ausbildung machen konnte. Die Zeit bis dahin arbeitete er weiter im Altersheim mit. Unsere Gespräche verlagerten sich immer mehr auf die Reflexion der pflegenden Tätigkeiten und die Vorbereitung auf die Prüfung. Herr H. war seit dem Praktikum nicht mehr rückfällig geworden, und auch meine KollegInnen hatten keinen Alkoholkonsum wahrgenommen. Herrn H. gelang es trotz enormen Drucks nüchtern zur Aufnahmeprüfung zu gehen. Eine Woche später erhielt er eine positive Entscheidung und begann mit der Ausbildung. |
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