Die Entwicklung von Außenseiterrollen
W. Milowiz - Vortrag am Psychotherapiekongress Berlin 1990

 

Aus den systemischen Überlegungen ergibt sich ein Modell der Beziehung zwischen Außenseiter und übriger Gesellschaft, das beiden Seiten gerecht wird und Lösungsvorschläge weder auf Durchsetzung noch auf Ablehnung fußen läßt. Dazu müssen wir allerdings etwas weiter in die Grundlagen der Gruppendynamik, der Kommunikations- und Systemtheorie ausgreifen.

Kommunikation

Ich benütze hier den Begriff der Kommunikation im Sinne von Watzlawick: Wenn auch Watzlawick und Co. vor allem mit ihrer noch der Linearkausalität verhafteten Erklärung der Schizophrenie von den modernen Systemikern relativiert werden, so ist doch ihre Unterscheidung zwischen Kommunikation und Metakommunikation ebenso unbestritten wie etwa die von Freud eingeführte Unterscheidung zwischen Bewußtem und Unbewußtem.

Demnach ist also Kommunikation inhaltlicher Austausch von Informationen, der zwangsläufig immer einen Zweck hat. Dieser Austausch erfordert, um richtig funktionieren zu können, Einigkeit darüber, wie die Information aufzufassen ist. So ist zum Beispiel die Frage "Wo sind meine Unterhosen?" eine rein inhaltliche Frage. Der Empfänger aber muß, um reagieren zu können, entscheiden, wie er diese Frage auffassen will. Die meisten von Ihnen werden sich den Unterschied klarmachen können, den es macht, ob diese Frage ein Ehemann an seine Frau stellt, eine Ehefrau an ihren Mann, eine Kundin in einer Wäscherei an die Wäschereiangestellte, ein Referent bei einem psychologischen Kongreß an sein Auditorium oder eine Liebhaberin an ihren Liebhaber nach ... naja, sie wissen schon, was ich meine. Über den Inhalt der Frage hinaus definiert der Kontext, in dem sie gestellt wird, eine Beziehung, und der Empfänger ist gezwungen, diese Beziehungsdefinition zu verstehen. Was passiert, wenn keine passende Beziehungsdefinition zur Verfügung steht, zeigt das Beispiel des Referenten im Auditorium.

Der Beziehungstypus wird, wie sie gesehen haben, durch verschiedenste Dinge bestimmt, die im allgemeinen in "analoger" Form, d.h., durch alles andere als die inhaltliche Mitteilung, auftreten. Natürlich kann man auch über die Beziehung sprechen, etwa indem man sagt: "So geht das nicht weiter!", oder: "Es ist schön mit Dir!", aber tatsächlich sind natürlich auch diese Mitteilungen nur brauchbar, wenn die dazugehörigen analogen Mitteilungen stimmen.

Kommunikation nennt Watzlawick in diesem Sinne rein inhaltliche Mitteilung, Metakommunikation hingegen Kommunikation über die Beziehung. Metakommunikation wird manchmal auch verbal, inhaltlich übermittelt, immer aber durch Dinge wie Tonfall, Gestik, Kleidung, Kontext, Zeitpunkt der Mitteilung, und - und das ist noch wichtig - durch Geschehnisse. Krankheit z.B., ein Unfall, Unfähigkeiten und ähnliches. Nach der Watzlawick’schen Definition ist das ganz eindeutig: Wenn Sie sich bei einem Unfall verletzen - egal, ob verschuldet oder unverschuldet - so vermitteln Sie zwangsläufig, daß man mit Ihnen jetzt anders umgehen muß als sonst. Watzlawick nennt alle die Kommunikationsmittel, die den Sender der Mitteilung von der Verantwortung, der Absicht, freisprechen, Symptom. Alle Symptome sind Mittel der Metakommunikation. Alkoholismus ist eine Mitteilung an andere (z.B.: "So halte ich es nicht aus!" oder "Mach’ dir Sorgen um mich!"). Bettnässen ist eine Mitteilung mit ähnlicher Bedeutung. Krebs zu haben ist eine Mitteilung (etwa: "Betrachtet mich als Märtyrer!")

Undsoweiter...

Beziehungskämpfe

Das ganze ist natürlich keine einseitige Sache. Niemand kann etwas mitteilen, ohne daß es einen Empfänger seiner Mitteilung gibt. Und natürlich kann der Empfänger nicht nicht reagieren: Tut er nichts, so ist gerade das eine Reaktion, eine Antwort auf die empfangene Mitteilung, und wird seine Auswirkung auf deren Urheber haben. Ein Beziehungssystem besteht immer aus mindestens zwei Partnern, deren Mitteilungen sich gegenseitig bedingen: Ein endloser Ring von Beziehungsvorschlägen. Wenn diese übereinstimmen, ist alles klar, und man kann sich anderen Dingen zuwenden. Sind die Beziehungsvorschläge aber widersprüchlich, so beginnt ein Kampf um die Beziehung.

Wenn eine Person krank wird und der Partner böse, so heißt das wohl in etwa: "Kümmere dich mehr um mich!" und "Das paßt mir nicht!". Nun kann der erste natürlich aufgeben, und wieder gesund werden. Tut er das aber nicht, sondern wird noch kränker, so heißt das wohl: "Kümmere dich mehr um mich!" und wenn das den anderen böse macht, so haben wir zweifellos ein Beziehungsmuster, das sich selbst reproduziert.

Nun ist es ja klarerweise notwendig, daß sich solche Muster wiederholen, sich selbst reproduzieren: Was wäre eine Familie, wo nicht bestimmte Abläufe sich wiederholen, wie etwa, daß man immer wieder sich gegenseitig der Zusammengehörigkeit versichert, oder daß Einer Geld verdient und Einer es ausgibt, oder daß Einer aufpaßt, daß alles gut geht, und der Andere sich dem Einen unterordnet?

Die Frage, die uns beschäftigen muß, ist eigentlich die, wieviel Energie für diese Auseinandersetzung über die Beziehung verbraucht wird, und wieviel Energie für andere Ziele und Aufgaben verfügbar ist.

In jeder Beziehung wird ein Teil der verfügbaren Energien für die Definition und Erhaltung der Beziehung aufgewendet. Wenn man davon ausgehen darf, daß eine Art von Idealzustand dann erreicht ist, wenn möglichst viele Energien frei verfügbar sind für die Verfolgung von Zielen, für Freude am Leben und für die Erhaltung unserer Versorgung, so kann man allerdings annehmen, daß die optimalen Beziehungen solche sind, die ein Minimum von Energie für die Beziehungsarbeit verbrauchen. Eine solche Beziehung nennen wir funktional. Dysfunktional nennen wir eine Beziehung dann, wenn der überwiegende Teil der Energien auf die Auseinandersetzung mit der Beziehung verwendet wird, auf einen Versuch, diese Beziehung zu ändern.

Man muß wohl akzeptieren, daß bei jeder Änderung von Beziehungen, wie etwa beim Kennenlernen, bei Trennungen, beim Eintreten neuer Individuen in eine Beziehung, beim Erwachsenwerden von Kindern oder bei Veränderungen äußerer Umstände, die Beziehungsform unklar wird und daher vorübergehend intensiv an neuen, den veränderten Umständen angepaßten Mustern gearbeitet wird. Von dysfunktionaler Beziehung kann man erst dann sprechen, wenn im Zuge einer solchen Entwicklung eine Beziehungsform auftritt, die einerseits sich selbst reproduziert, andererseits aber ständig in Frage steht: Eine Beziehung also, die zu einem guten Teil aus einem endlosen Kampf um ihre Veränderung besteht.

Um das etwas bildlicher zu machen: Eine Beziehung zwischen einem Kind, das klaut, weil es mehr beachtet werden will, und Eltern, die das Kind mißachten, weil es klaut, kann wohl kaum noch jemand andere Dinge beachten als diesen Kampf um die Beachtung.

Wir wollen uns nicht dazu versteigen, ein Maß für ein gesundes Verhältnis von Beziehungskampf und anderer Beschäftigung anzugeben - immerhin sollten ja auch Veränderungen in Beziehungen als sinnvoll akzeptierbar
sein -, sicher aber ist, daß ein Zuviel an Beziehungskampf ein Zuwenig an Energien für die täglichen Lebensfunktionen bedeutet und daher als dysfunktional bezeichnet werden muß.

Eine solche dysfunktionale Beziehung kann sich grundsätzlich nur anhand einer Veränderung entwickeln, und so wird in der systemischen Literatur häufig von "rigiden" Systemen als Problemsystemen gesprochen:

Aus der rigiden Beziehung entwickelt sich die dysfunktionale, die durch den Versuch, unter veränderten Umständen bestimmte Faktoren konstant zu halten, dysfunktionale Muster entwickelt. Diese können sich stabilisieren auf irgendeinem Niveau (z.B. dauernde Krankheit als Lösung), können aber auch in einer ständigen Eskalation auf eine Katastrophe zuarbeiten.

Unsere Geschichte vom klauenden Kind etwa könnte durchaus als Beispiel für eine eskalierende Beziehung gelten, die einer Katastrophe zusteuert, während ein Ehepaar, bei dem die Frau an Migräne leidet, der Mann dann vorübergehend rücksichtsvoller ist, worauf die Migräne nach einiger Zeit wieder nachläßt und der Mann sich wieder weniger um seine Frau kümmert, eher als stabile dysfuktionale Beziehung betrachtet werden könnte. Genaugenommen aber heißt das, daß der Kampf um die Beziehung immer wieder unterbrochen wird, indem einer der beiden sich an die Vorstellungen des anderen anpaßt. Beziehungen, wo dieser Kampf nie aufhört, sind immer eskalierend!

Komplexe Beziehungen

Als nächsten Schritt müssen wir uns die Komplexität interaktioneller Vernetzung von Individuen anschauen, die schon weiter oben dargestellt wurde.

Der Wissenschaftler, der versucht, diese Bezüge, die ja sozusagen die Person darstellen, rational zu erfassen, ist gezwungen, sie in hohem Maße zu vereinfachen: Unser bewußtes Erfassungsvermögen ist offenbar zumindest um Zehnerpotenzen geringer als unser unbewußtes Erfassungs- und Verarbeitungsvermögen. Solche Vereinfachung wird auch uns in unseren Überlegungen nicht erspart bleiben. Wir wollen aber davon ausgehen, daß wir zunächst einen unscharfen Raster über die undurchschaubare Komplexität werfen und versuchen, uns vorzustellen, daß eine einzelne Person im normalen Fall sehr viele verschiedene Beziehungen zu verschiedenen anderen Personen hat, die noch dazu, je nach Situation, auch bei denselben Personen verschieden sind.

So wird z.B. ein Kind zu seiner Mutter häufig eine Beziehung haben, die sich in etwa darstellen läßt mit den Sätzen "Ich bin klein und schwach, und Du mußt mir helfen!" bzw. "Ich bin groß und stark und helfe Dir!". In anderen Situationen wird es heißen: "Spielen wir miteinander!" und "Ja, spielen wir miteinander!", in wieder anderen "Ich will aber bestimmen, was geschieht!" und von der anderen Seite ebenso "Nein, ich!", ja, manchmal sogar wird die Mutter fragen: "Wie macht man denn das?" und das Kind wird erklären.

Das gleiche Kind wird noch zum Teil ähnliche, zum Teil andere Beziehungen zum Vater haben, zu Geschwistern, zu Onkel, Tante, Großmutter, Großvater, Kaufmann, Kindergärtnerin, Polizist etc. etc. Ich hoffe, Sie entschuldigen, daß ich nicht alle ausführe.

Wir bleiben also noch in dieser Unschärfe, indem wir uns vorstellen, daß unser Individuum in ein jedenfalls sehr komplexes Netz von sehr verschiedenen Beziehungsmustern eingeflochten ist, das ich mir am liebsten wie eine Art Nebel vorstelle, scheinbar ungeordnet, aber doch durch jahrelanges hin- und herprobieren von allen Seiten in einen quasi-stabilen Zustand eingespielt. Dieser stabile Zustand entsteht übrigens nicht aus einer Begeisterung, die Systeme für Stabilität haben, sondern, weil alle nicht-stabilen Zustände sich wieder verändern, und zwar genau solange, bis eben ein Zustand sich einspielt, der sich stabilisiert, d.h., sich selbst erhält.

Was ich jetzt dargestellt habe, ist eine Art Idealzustand, der viele verschiedene Beziehungsmuster zuläßt, und auf Veränderungen in sehr verschiedener Weise reagieren kann. Real ist aber, daß wir als Kinder nur ganz bestimmte Muster lernen, und zwar in der Zeit, da unsere Welt im wesentlichen aus den Eltern besteht und vor allem diese die bei weitem wichtigsten und machtvollsten Beziehungspartner sind.

Das bedeutet, daß wir darauf konditioniert werden, ganz bestimmte Botschaften wahrzunehmen, andere nicht. Und daß wir darauf konditioniert werden, in bestimmter Weise zu reagieren. Insgesamt heißt das: Wir sind von Kindheit an auf relativ wenige prägnante Beziehungsmuster eingestellt und können andere schwer bis gar nicht erfassen, andere Beziehungen kaum eingehen.

Das vereinfacht zwar unser Bild ein wenig, aber auch damit bleiben wir noch im komplexen Nebel der Beziehungen, weil es sich doch um mehrere Muster handelt, die später verschiedene Ausformungen entwickeln, wenn sie mit verschiedenen Personen ausprobiert werden. Man wird dann dieses Repertoire von Beziehungsmustern und ihren Ausformungen als den "Charakter" eines Menschen bezeichnen.

Die Isolierung des Außenseiters

Es gibt aber einen Prozeß, und diese Möglichkeit liegt in der Natur der Dinge bzw. der Beziehungen, der die ganze Geschichte so vereinfacht, daß nicht nur der Wissenschaftler mit seinem unglaublich leistungsfähigen Denkvermögen, sondern auch richtige Menschen binnen kürzester Zeit das Beziehungsgeflecht erkennen, sich entsprechend verhalten und damit die Vereinfachung ins Extrem treiben:

Wenn nämlich irgendein Individuum im Zuge irgendwelcher Veränderungen seiner Bezüge ein Verhalten entwickelt, das zu einer Eskalation mit irgendeinem Partner führt, wenn dadurch die ganze Energie dieses Individuums in diese eine Beziehungsform fließt, wenn weiters diese Beziehung so angelegt ist, daß die Beziehungspartner andere Personen in die eskalierende Beziehung mit einbeziehen können, wenn dieser Prozeß durch seine Intensität immer mehr Personen in ihren Bann zieht, dann gibt es Krieg. Dann werden im Zuge der Eskalation alle anderen Beziehungsformen überrollt, vergessen, überwältigt von der einen Definition, die da heißt: Die anderen sind unmöglich, böse, falsch, gefährlich oder was noch eben so Worte sind, die eine Beziehung im Negativen, im Eskalierenden halten können.

Krieg ist eine einfache Sache, was die Beziehungsstruktur der beiden Parteien zueinander betrifft: Man kann sie sehr einfach darstellen als dyadische Beziehung mit der symmetrischen Definition "So wie Du/Ihr Euch verhaltet, so darf man sich nicht verhalten!" auf beiden Seiten. Ich kann Ihnen, glaube ich, sehr leicht vor Augen führen, wie leicht - und wie schnell - das zu machen ist: Denken sie an meine Frage nach meinen Unterhosen. Wenn ich diese Frage ernsthaft an Sie stelle, so werden Sie ebenso ernsthaft an meinem Verstand zweifeln, mich unmöglich finden, und wenn ich nun aber wirklich wissen möchte, wo meine Unterhosen sind, so muß ich logischerweise ihnen erklären, daß ich wissen möchte, wo meine Unterhosen sind, und nicht, ob ich verrückt bin, was sie, wie ich befürchte, immer noch als verrückt betrachten würden. Der Krieg hat begonnen, bevor wir es erkennen konnten. Ich werde Ihnen verzweifelt erklären, daß ich doch nur meine Unterhosen wollte, und Sie werden mich auf die Psychiatrie bringen. Ich werde dort erklären, daß ich doch nur meine Unterhosen wollte, und der Psychiater wird nach Zeichen von Erregtheit suchen. Er wird sie finden: ich bin nicht nur erregt, ich bin sogar schon äußerst wütend. Am liebsten würde ich Sie alle liquidieren: Statt mir meine Unterhosen zu geben, bringen Sie mich zum Psychiater! Ich werde erklären, daß ich erregt bin, weil ich nur meine Unterhosen wollte, und jetzt alle gegen mich sind, und der Psychiater, der ja natürlich überzeugt ist, daß er nicht gegen mich ist, wird eine gestörte Realitätsbeziehung diagnostizieren.

Der Krieg interessiert uns aber hier nicht im speziellen (obwohl es sicher wert wäre, sich auch ab und zu darüber Gedanken zu machen), sondern eine etwas abgewandelte Art von Vereinfachung: Wirklichen Krieg gibt es ja nur, wenn ich auch auf meiner Seite Partner finde, wenn es Leute gibt, die finden, daß ich ein Recht auf meine Unterhosen habe, wenn Mehrere gegen Mehrere kämpfen.

Wenn aber unser betrachtetes Individuum, dieser Referent zum Beispiel mit seiner Definition ("Die anderen verstehen mich nicht") alleine bleibt, wenn er um sich herum nur mehr Gegner sieht, die seine Wünsche, sein Verhalten ablehnen, die sich zusammenrotten gegen ihn, wenn er dann sich so in seine Reaktionen festfährt, daß er nicht mehr aufhören kann, gegen jeden um seine Rechte zu kämpfen, dann wird er auch weiterhin bei jedem anderen ähnliche Reaktionen auslösen, und sich weiter so verhalten: Er wird zum Außenseiter, zum Omega, zum Delinquenten, zum Verhaltensgestörten, zum Verrückten, zum Schwererziehbaren undsoweiter. Und wenn jemand dann meint, ihn zu verstehen, was angesichts der allgemeinen Meinung und Darstellung schon unwahrscheinlich genug ist, so wird es dem Außenseiter äußerst schwer bis unmöglich sein, das wahrzunehmen, befindet er sich doch mitten im Pingpong der Beschuldigungen, der Entwertungen, und der Abwehr von solchen Aktionen. Spielen Sie `mal Pingpong mit vollem Einsatz und unterhalten sich gleichzeitig mit irgendwem, der Ihnen eine Liebeserklärung macht!

Der Außenseiter ist eine Person, die im Zuge von Beziehungsumstellungen in eine Interaktion mit irgendeinem Beziehungspartner geraten ist, die erstens symmetrisch eskalierend ist, zweitens definiert ist durch das "So-nicht!", und drittens sich in ihren Ursprüngen so einseitig entwickelt, daß unser Außenseiter späterhin nicht mehr in der Lage ist, anders zu reagieren als in Gegnerschaft und daher auch um sich herum alle in den Bann dieser gegenseitigen Entwertung zieht, wodurch die anderen zu einer einzigen großen Partei werden, vereint in der Bekämpfung des Übels, sei es nun Kriminalität, Psychose oder sonstwie benannt, und - natürlich - ebenfalls alles Verhalten, das vom Außenseiter kommt, in der entsprechenden Weise deuten und "behandeln". Womit unser Außenseiter in seiner Reaktion wiederum natürlich recht hat. In einem Experiment in Amerika hat einmal ein Psychologe sich und einige andere Freiwillige in psychiatrische Anstalten einliefern lassen, um diese Rigidität unserer Interaktionsmuster zu untersuchen: Daß er sich dabei Notizen machte, wurde im Krankenbericht aufgenommen mit dem Satz: "Patient legt Schreibverhalten an den Tag." Um eine entsprechende Diagnose brauchte er sich also nicht sehr bemühen.

Die Außenseiterbeziehung ist eine dysfunktionale Beziehung zwischen einer Person - oder einer kleineren Subgruppe - und einer Mehrheit. Diese dysfunktionale Beziehung ist dadurch charakterisiert, daß beide Parteien - die "schwache" wie die "starke" - finden, daß die andere im Unrecht ist, und dadurch, daß die "starke" durch ihre Mehrheit sich als Besitzer der Definitionsmacht betrachtet.

Nun ist ja unser Beispiel mit den Unterhosen zwar sicher recht anschaulich, um nicht zu sagen, fast ein bißchen zu deftig. Sie werden aber vielleicht gemeinsam mit unserem Psychiater finden, daß ich, wenn ich so etwas tue, ja schon vorher verrückt gewesen sein muß. Die Definitionsmacht, die Öffentlichkeit, haben in dem Fall wahrscheinlich Sie auf Ihrer Seite. Das Beispiel erklärt also vielleicht noch nicht, wie man denn überhaupt verrückt wird. Der Beginn einer solchen Entwicklung ist normalerweise etwas feiner und diffiziler, und es bedarf einiger Sensibilität, um ihn wahrzunehmen.

Ich biete Ihnen ein, wie ich hoffe, neutraleres Beispiel:

Ich habe die Angewohnheit, wenn ich etwas vortrage und währenddessen den Eindruck habe, daß man mir nicht zuhört, zu unterbrechen, und zu Fragen, welche anderen Dinge hier aktuell seien. Wenn ich das bei meinen Studenten, die größtenteils frisch vom Abitur kommen, tue, dann fühlen diese sich ertappt und angegriffen. Sie gehen in die Defensive, und behaupten, daß sie zugehört hätten. Natürlich war das nicht meine Frage: Ich habe gesehen, daß sie sich anderweitig unterhalten haben, ich weiß nur nicht, worüber. Aber jetzt fühle ich mich angegriffen: als jemand, mit dem man nicht offen reden kann. Und ich fühle mich behindert in meinem Versuch, studentenorientiert zu referieren. Ich versuche zu erklären. Die Studenten verteidigen sich intensiver. Ich werde ärgerlich, und zuletzt aggressiv. Nun haben die Studenten Oberwasser: Sie haben ja gleich gewußt, daß ich böse bin. Wenn ich jetzt noch versuche, zu erklären, daß ich ärgerlich bin, weil man mit mir nicht redet, dann fühlen sich die Studenten angegriffen und sind sich weitgehend einig, daß ich ein unmöglicher Mensch sei. Und ich bin vice versa derselben Meinung von ihnen.

Oder ein Beispiel aus der Kinderentwicklung: Eine Mutter möchte ihr Kind in den Arm nehmen. Dieses will das gerade aus irgendeinem Grund nicht. Die Mutter, überzeugt von ihrem guten Willen, findet, mit dem Kind müsse etwas nicht in Ordnung sein. Findet, es sei "seltsam". Sie versucht, das Kind zu überzeugen, was natürlich das Kind jetzt schon als Bedrängung erlebt. Jetzt wehrt es sich. Mutter findet das Kind noch "seltsamer". Sie beginnt, es zu beobachten. Das Kind reagiert verunsichert und verhält sich entsprechend anders als sonst. Abends kommt der Vater heim. Mutter erzählt ihm, das Kind sei so seltsam: Es nehme keine Zärtlichkeit an und außerdem streiche es so komisch in der Gegend herum. Vater (wenn das Kind Pech hat) stellt fest, daß das Kind tatsächlich versucht, sich möglichst unauffällig zu benehmen, was für dieses Kind ungewöhnlich ist. Nun ist die Mehrheit auf Seiten der Mutter. Das Kind ist weiter verunsichert, und natürlich auch wütend. Und jetzt ist es endgültig klar, daß das Kind krank ist: es reagiert verstockt auf die Liebe und die Bemühungen der Eltern. Vor lauter Sorgen bringen die Eltern das Kind zum Arzt. Dort ist das Kind natürlich noch verstockter. Der Arzt aber ist ein sehr lieber Mensch, der es nicht gewohnt ist, daß Kinder ihm gegenüber verstockt sind. Das ist äußerst ungewöhnlich. Man muß das Kind untersuchen. Die Mehrheit der Gegner wächst.

Nehmen wir an, der Arzt wundert sich nicht, daß das Kind verstockt ist. Dann hat das Kind noch Chancen. Möglicherweise aber werden die Eltern nicht zufrieden sein, wenn er meint, das gehe vorüber. Sie suchen einen Arzt, der die Krankheit nicht auf die leichte Schulter nimmt, einen verantwortungsvollen Arzt. Und sie werden ihn finden.

Nehmen wir an, das Kind findet in seiner Not irgendeinen Weg, sich so zu verhalten, daß die Eltern sich wieder beruhigen. Dann wird sein weiterer Lebensweg geprägt sein von der Angst, als nicht normal diagnostiziert zu werden. Und niemand von Ihnen wird leugnen, daß das im allgemeinen zu auffälligem Verhalten führt, zumindest in manchen Situationen. Das Gleichgewicht der Beziehungen kann nur mehr unter Mühe aufrechterhalten werden. Spätestens wenn das Kind in die Pubertät kommt, muß es entscheiden, ob es noch einmal solche Verwirrungen in Gang setzen will, oder ob es lieber seine Selbständigkeit, sein Bedürfnis nach eigener Meinung leugnen will. Wenn vielleicht die Eltern dann noch Sorgen haben, warum denn das Kind nicht fortgehe, sich nicht durchsetze, nicht erwachsen werde oder ähnliches, dann können sie ihr Kind schon wieder zum Arzt bringen und das Chaos ist perfekt.

Ausblick

Ich trage Eulen nach Athen. Wir alle wissen, daß jede Störung, jedes Außenseitertum bedeutet, daß zwei Parteien miteinander über Richtig und Falsch uneins sind. Wir wissen auch, daß dabei immer die eine Partei stärker ist als die andere. Und wir wissen wohl auch, daß wir davon abhängig sind, daß die stärkere Partei uns leben läßt, uns als zugehörig betrachtet. Es würde auch nicht viel nützen, würden wir den Eltern sagen, daß das Kind in Ordnung sei, sie hingegen nicht. Denn das Kind ist nicht mehr in Ordnung als die Eltern. Jeder hat sein Bestes gegeben, jeder hat nur auf Umstände reagiert, nach bestem Wissen und Gewissen. Aber wenn das Kind inzwischen groß geworden ist, und kriminell, dann verstehen wir nicht mehr, und ebenso das "Kind" selbst nicht mehr, was es denn eigentlich war, was denn da nach bestem Wissen und Gewissen gelöst wird. Und unser Unverständnis wird dazu führen, daß wir versuchen, das "Kind" in Ordnung zu bringen. Und das heißt nichts anderes, als daß der Kampf weitergeht.

Es wird also gelten, zu verstehen, bevor wir ändern wollen; keinen Versuch der Einflußnahme zu setzen, bevor wir die Handlungen aller Beteiligten als positives Bemühen bewerten können. Es wird darum gehen, die Außenseiterposition als ein absolut zweiseitiges Mißverständnis zu betrachten. Und es wird darum gehen, in den Interventionen sich jeder Parteinahme zu enthalten, sondern vielmehr beide Seiten in ihrem Bemühen zu unterstützen. Es wird darum gehen, nicht die Symptome zu betrachten, sondern die Kommunikation der Symptome, die Metakommunikation so auf den Tisch zu legen, daß beide Parteien sich angenommen fühlen können (und nicht nur sollten). Machen sie den einfachen Versuch, in einer Familie einmal nur von jedem Mitglied zu erfragen, wie denn er die Situation sieht, und dann die Verschiedenheit in der Darstellung als Mißverständnis im Bemühen der Beteiligten zu interpretieren. Geben Sie dann diese Interpretation an die Familie weiter. Sie werden es nicht glauben, wieviel Auseinandersetzung sie damit auslösen, ohne irgend etwas anderes zu tun als eben nur dieses Mißverständnis als behandlungswürdig zu erklären.

Und weiter: Wenn das funktioniert, dann ergibt sich nur noch die Frage, wie wir solche Interpretationsangebote so setzen können, daß z.B. eine psychiatrische Anstalt und eine/r ihrer PatientInnen oder ein Gefängnis und eine/r seiner InsassInnen oder eine Schule und ein/e "verhaltensauffällige/r" SchülerIn oder eine Gesellschaft und eine Randgruppe sich gleichzeitig angesprochen und verstanden fühlen können.

Die Organisationsberater bitten unter Umständen die ganze Belegschaft einer Firma in einen Raum, um eine solche Intervention setzen zu können, manchmal aber scheint ihnen ein Rundbrief zu genügen: Können wir die ganze Gesellschaft einbeziehen, indem wir unsere Interventionen in der Zeitung veröffentlichen? Können wir intervenieren, indem wir als Gutachter bei Gericht eine Konfliktinterpretation vorlegen, die dort öffentlich verlesen wird? Wie können wir die Konfliktinterpretation einer Organisation, einer Gesellschaft verstehen, wenn wir selbst Beteiligte in diesem Prozeß sind?

 

 


zur Startseite