Aus einer Interviewreihe mit SozialarbeiterInnen mit systemischer Zusatzausbildung:

 

2002 wurden in einer Untersuchung SozialarbeiterInnen, die vor ein bis zehn Jahren eine Zusatzausbildung in systemischer Sozialarbeit absolviert hatten, über den Nutzen des systemischen Ansatzes befragt. Die Ergebnisse waren folgende:

Der systemische Ansatz bedeutet eine Bereicherung in der Sozialarbeit. Es lässt sich sagen, dass im Vergleich zu der vorhergehenden sozialarbeiterischen Vorgehensweise für die Befragten eine merkliche Veränderung und Verbesserung eingetreten ist. Aufgrund der Antworten lässt sich diese These mit folgenden Punkten belegen.

Punkte die genannt wurden:

  • Durch die veränderte Sichtweise wird es möglich, eine größere Distanz einzunehmen und somit auch effektiver zu arbeiten.
  • Wertfreies Arbeiten, das heißt die Werte der KlientInnen werden vermehrt berücksichtigt, was wiederum zu mehr Selbstbestimmung der KlientInnen führt.
  • Die Erkenntnis, dass es nicht nur eine optimale Lösung gibt, sondern viele individuelle Lösungen.
  • Durch die Ressourcenorientiertheit wird ein Stück Eigenverantwortung des Klienten aktiviert, welche zu einer Entlastung der SozialarbeiterIn führt.

Interview Nr. 1:

„Durch die Ausbildung war es möglich aus meiner Routine, den eingefahrenen Bahnen, herauszukommen und wieder neue Blickwinkel einnehmen zu können.“

Auf die Frage hin: "Was haben sie aus der Ausbildung besonders mitgenommen?", antwortete die Sozialarbeiterin:

„Das positive Konnotieren. Man hat mit Menschen zu tun mit verschiedensten Defiziten, mit denen man als Sozialarbeiter konfrontiert ist. Man legt den Focus sehr schnell auf etwas Negatives; z.B. ist es verlockend, sich, wenn einer ein Alkohol - oder ein Drogenproblem hat, gleich darauf zu stürzen. Dann bleibt man in einem Negativ-Kreislauf hängen, der sich wie ein Teufelskreis auswirkt. Die Menschen bestehen aber nicht nur aus diesen Problemen, sie haben auch andere Seiten, Stärken und Fähigkeiten. Man rückt diese Fähigkeit mehr ins Zentrum, versucht die Qualitäten, die sie haben, zu sehen und sie anzusprechen, damit ihr Selbstvertrauen wieder gestärkt wird. Man sollte den Klienten unterstützen, selbst Lösungen zu finden, denn der eigene Lösungsansatz würde vielleicht anders aussehen als der des Betroffenen selbst.“

Interview Nr. 2:

„Ich erlebe das systemische Arbeiten einerseits als sehr hilfreich, andererseits als sehr entlastend; auch vereinfachend. Ich kann eine größere Distanz entwickeln und lasse mich in die Geschichten des Klienten nicht mehr so verfangen. Die Sozialarbeit vergisst oft, dass der Klient selbst Ressourcen hat. Es kommt auch vermehrt vor, dass die eigene Werthaltung als Grundlage genommen wird. Beim systemischen Ansatz wird das gemacht, was der Klient gern möchte. Die eigenen Ressourcen des Klienten werden genutzt. Dadurch wird die eigene Verantwortung des Klienten aktiviert, was zu einer gewissen Entlastung des Sozialarbeiters führt. Auch die Erkenntnis, dass es nicht eine optimale Lösung gibt, sondern viele individuelle Lösungen, hat meine Arbeit erleichtert. Man kann viel mehr Verständnis haben, wenn der Klient einen Weg geht, den man sich so nicht vorgestellt hat.“

Von der Familientherapie zur Systemischen Sozialarbeit

H. Herwig-Lempp schreibt in einem Artikel:

Die Übernahme der Idee, dass die KlientInnen autonome und eigensinnige Menschen sind, mit vielfältigsten Ressourcen, hat viele positive Auswirkungen auf die Sozialarbeit.

  • es macht mehr Spaß mit Menschen zu arbeiten, deren Würde man erkennt, die man als gleichberechtigt und wertvoll erkennt,
  • es erleichtert den KlientInnen die Zusammenarbeit, wenn sie sich als vollwertige PartnerInnen verstanden wissen und
  • es erhöht sich hierdurch die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit von effektiven Veränderungen.

Aus einer Expertenrunde

Im Frühjahr 2003 wurde eine „Expertendiskussion“ anlässlich einer Lehrveranstaltung des Fachhochschullehrganges für Sozialarbeit (Grenzackerstraße 18, FH-Campus Wien) organisiert.

Die Reaktion des Sozialarbeiters ist meist der Reaktion der Gesellschaft oder der Umgebung auf den Klienten sehr ähnlich; also eine Reaktion, die mithilft, das dysfunktionale System aufrechtzuerhalten. Um das Problem lösen zu können, ist es deshalb die Aufgabe von systemisch denkenden SozialarbeiterInnen, von diesem alten, dem Klienten bekannten, Reaktionsmuster Abstand zu nehmen, um dadurch neue Entwicklungen zu ermöglichen.

Entnommen aus:
Milowiz, Walter u.A.: "Systemisches Arbeiten im betreuten Wohnen"; In: BASYS-Berichte des Arbeitskreises für Sozialarbeit, Beratung und Supervision; Wien. Lfd. Nr. 13; Heft 2/2003. p. 13-42. Eine Pilotstudie von S. Schachinger, M. Fahrnberger, H. Regenfelder, N. Reisinger, A. Golob, E. Wenninger, V. Rangelova, B. Bauernfeind und W. Milowiz.